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29.11.2020, Jamal Tuschick

"Unsere Vorfahren waren Prärietiere und Höhlenmenschen zugleich. Wir sitzen derzeit vorwiegend in unseren Höhlenwohnungen. Im Grunde ist eine solche Situation für schreibende Menschen nur zur Hälfte neu." Alexander Kluge gestern in der FAZ  

Voiceless Vice

"I wonna be him as my Vice-President." Barack Obama

„Joseph Robinette 'Joe' Biden, Jr. ist ein US-amerikanischer Politiker der Demokratischen Partei und der designierte Präsident der Vereinigten Staaten. Von 1973 bis 2009 gehörte er als Vertreter des Bundesstaates Delaware dem Senat der Vereinigten Staaten an.“ Wikipedia

“I wonna be him as my Vice-President.” Barack Obama

Eingebetteter Medieninhalt

In jeder Sommerfrische verwandelt sich das Washingtoner Establishment in die Nantucket Community. Auf der Insel im Atlantik vor Massachusetts bleibt die Aristokratie der Ostküste unter sich. Joe beschreibt die Nantucket-Traditionen seiner Familie. Die Ausflüge zum Strand mit den Sport- und Spielsachen der Enkel*innen. Mittagessen im Brotherhood. Nie versäumt man es, der Surf- und Board-Designer-Legende Spyder Wrights in dessen Gentlemen-Surf-Boutique die Ehre zu erweisen.
“Watches & Waves: Palm Beach & Nantucket are lucrative playgrounds for jet-setting jeweler”.
Joe Biden, „Versprich es mir. Über Hoffnung am Rande des Abgrunds“, aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind und Friedrich Pflüger, C.H. Beck Verlag, 250 Seiten, 22,-
Ein gelungenes Leben
Er führt ein gutes Leben nach eigener Angabe. Aber der einzige Platz in seiner Dienstwohnung auf dem Areal des Washingtoner United States Naval Observatory*, der ihm Behaglichkeit gönnt, ist ein Sofa.
*„Seit 1974 ist Number One Observatory Circle, ein Gebäude auf dem Gelände des Naval Observatory, offizieller Wohnsitz des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten.“ Wikipedia
Oft holt Joe seine Leute auf der Andrews Air Force Base ab. Sie kommen aus Wilmington herübergeflogen, etwa zu Thanksgiving. Gemeinsam cruist man in gepanzerten Limousinen zur Warte. Einträchtig passiert die Familie den Arlington National Cemetery, das Lincoln Memorial und das Washington Monument.

Joe erzählt das so familiär. In der Gegenwart des Geschehens ragt er als zweitwichtigster Staatsmann auf. Sein einziger Chef lässt sich kaum je aus der Ruhe bringen. Barack erklärt den Vize „zum Sheriff von Gesetzesvorlagen“ und teilt ihm präsidiale Aufgaben zu. Man verkehrt freundschaftlich „auf Augenhöhe“. Der Altgediente Joe bemerkt „das leichte Gepäck“, mit dem der Schwarze Kennedy unterwegs ist.

2003 war Barack noch ein Nobody-Abgeordneter „von der Chicago South Side“. Fünf Jahre später brilliert er in der Rolle des mächtigsten Mannes der Welt. Offenbar ist er keinem verpflichtet außer seiner Frau und den Töchtern. Nichts trübt sein Urteilsvermögen. Nichts beeinträchtigt sein Selbstwertgefühl. Baracks Motto:

„Man kauft das Schlimme mit dem Guten ein.“

Joes Devise ist deutlich poetischer. Er zitiert Seamus Heaney. Ich ziehe kurz zusammen: Einmal im Leben reimen sich Hoffnung und Geschichte – and hope and history rhyme.

Die beiden Männer verbringen täglich mehr Zeit miteinander als mit ihren Familien, sind indes kaum je ungestört. Der politische Apparat frisst die Aufmerksamkeit seiner Schirmherren. Fragt Barack nach Gründen für unbefriedigende Aktionen hochrangiger Akteure hilft Joe mit einer Weisheit seines Onkels Ed: 

„Bei Arschlöchern gibt’s einfach keine Erklärung.“

Eure Überflüssige Exzellenz

Dem Amt des US-amerikanischen Vizepräsidenten fehlt der Glanz. Schon Benjamin Franklin sprach von „Eurer Überflüssigen Exzellenz“. Ein ernsthafter Bedeutungszuwachs ergibt sich für den zweiten Mann im Staat nur dann, wenn sein Vorgesetzter im Amt stirbt. Das war bislang neun Mal der Fall. Im Übrigen blieb dem Vize nichts anderes übrig, als der Welt mächtigsten Person nicht ungefällig zu erscheinen. Als man Dwight Eisenhower um eine Quantifizierung der politischen Entscheidungen seines Stellvertreters Richard Nixon bat, entgegnete Old Ike: „Wenn Sie mir eine Woche Zeit geben, dann fällt mir vielleicht eine (Entscheidung) ein.“  

Bei der Übergabe von Thomas Riley Marshall an Calvin Coolidge Anfang der 1920er Jahre sprach der Vorgänger dem Nachfolger „sein herzliches Beileid“ aus. Marshall beschrieb den Vizepräsidenten im Allgemeinen als einen „Mann mit einem kataleptischen Anfall. Er kann nicht sprechen; er kann sich nicht bewegen; er spürt keinen Schmerz; er nimmt zwar alles wahr, was um ihn herum vorgeht, hat aber keinen Anteil daran“.

Coolidge aka Silent Cal machte noch als Präsident Karriere, während Marshall als vorzeitig ergraute Eminenz hinter Woodrow Wilson so sehr in Vergessenheit geriet, dass die Frage nach Wilsons administrativem Schatten in der Zeit des Ersten Weltkriegs als Frage bei TV-Rateshows regelmäßig Ratlosigkeit auslöst.

Nelson Rockefeller beschrieb seine Arbeit als Entlastungsspieler im Weißen Haus so: „Ich gehe auf Beerdigungen. Ich besuche Erdbeben.“

Joe Biden öffnet den Anekdotenschatz vor den Augen seiner Leser*innen keinesfalls so verschlafen wie Trumps böse Zunge es behauptet. Sleepy Joe plaudert munter aus dem Nähkästchen der Macht. Nach fünfunddreißig Jahren als Senator stand Biden im Sommer 2008 vor der schwersten Entscheidung seiner beruflichen Laufbahn. Sollte er die Autonomie eines Abgeordneten mit keinem anderen Chef als dem eigenen Gewissen aufgeben, um sich in eine historische Umlaufbahn katapultieren zu lassen.

Oder doch besser nicht. Joe ringt mit sich, seine gerade neunzigjährige Mutter leuchtet ihm heim: Joe, mein Junge. Nein, das sagt sie nicht. Vielmehr sagt sie: „Die Sache liegt also so, Schatz: Der erste Afroamerikaner … der die Chance hat, Präsident zu werden, sagt, er brauche deine Hilfe, um zu gewinnen – und du hast Nein gesagt.“
Mamas Worte helfen Joe auf den rechten Weg. Er geht zu Barack und stellt sich zur Verfügung unter einer Bedingung: Bei jeder wichtigen Entscheidung, will er die letzte Ratgeberinstanz des Präsidenten sein.

Aus der Ankündigung

Über Hoffnung am Rande des Abgrunds 

Im November 2014 versammelten sich die Bidens in Nantucket, um gemeinsam Thanksgiving zu feiern - eine Familientradition seit vierzig Jahren. Aber diesmal fühlte sich alles ganz anders an. Bei Beau, dem ältesten Sohn von Joe Biden, war zuvor ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert worden, und sein Überleben war ungewiss. «Versprich es mir», bat der kranke Sohn seinen Vater. «Versprich mir, dass du klarkommst, ganz egal, was passiert.» Joe Biden gab ihm sein Wort. Das darauffolgende Jahr stellte ihn auf eine schwere Probe. Der damalige Vizepräsident reiste mehr als hunderttausend Meilen quer durch die Welt und befasste sich mit schwierigen Krisen in der Ukraine, in Mittelamerika und im Irak. Während sein Sohn zu Hause um sein Leben kämpfte, das er schließlich verlor, musste Joe Biden sowohl der Verantwortung für sein Land als auch seinen familiären Pflichten gerecht werden. Bidens Memoir ist das Buch eines Politikers, aber mehr noch eines Vaters, Großvaters, Freundes und Ehemanns. Es ist eine Geschichte der Hoffnung am Rande des Abgrunds.  

Joe Biden ist seit seinem Sieg bei der Präsidentschaftswahl von 2020 der designierte 46. US-Präsident. Er gehörte von 1973 bis 2009 als Vertreter des Bundesstaates Delaware dem Senat der Vereinigten Staaten an. Von 2009 bis 2017 war er unter Präsident Barack Obama der 47. US-Vizepräsident.