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02.12.2020, Jamal Tuschick

Michel Houellebecq siedelt göttliche Gnade in der Nähe des Stumpfsinns an. Eine groteske Ähnlichkeit mit Paul Léautaud steigert sich zu einer dämonischen Unerbittlichkeit, sobald Houellebecq sein Gebiss irgendwo liegen lässt, und dann „die gesamten Filmfestspiele in Berlin ohne Zähne“ absolviert – und zwar ungerührt und völlig indifferent gegenüber seiner Wirkung.

Eingebetteter Medieninhalt

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Schreibtischtage

Verstreutes und Vermischtes versammelt Michel Houellebecqs jüngste Publikation „Ein Bisschen Schlechter. Neue Interventionen“, die morgen auf Deutsch bei Dumont erscheinen wird.

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Der Soziologe Rachid Amirou berichtet, dass in der französischen Hinterwelt einer ruralen Pittoreske Rentner dafür bezahlt werden, als Akteure des Typischen aufzutreten. Zu den Stoßzeiten des täglichen Touristenaufkommens erscheinen sie als unverwüstliche Vertreter des ländlichen Frankreichs. Sie spielen Boule und trinken Pastis. Vor allem jedoch lassen sie sich ohne Zeichen der Gereiztheit fotografieren. In den Rollen von Fotosafariprotagonisten schröpfen sie das Ursprüngliche & Eigentliche.

Geben sich die alten weißen Männer für ein Täuschungsmanöver her? Stecken sie in einem Angriffsgewitter auf ihre Würde? Ist das Kolonialismus in einem Mutterland?  

Michel Houellebecq, „Ein Bisschen Schlechter. Neue Interventionen“, auf Deutsch von Stephan Kleiner, Dumont, 23,-

Solche Fragen streift Michel Houellebecq in Prominentengesprächen und für den Tag geschriebenen Aufsätzen. 2015 gibt er der Zeitschrift „Revue des Deux Mondes“ ein Interview. Darin erklärt Houellebecq, wie er in seiner Autorenallmacht François, dem kläglichen Helden in „Unterwerfung“, die Butter vom Brot streicht. Er schildert Prozesse der Demontage, die einen wahrscheinlichen Verlauf in der nicht-narrativen Realität je nach Betrachtungsweise vor- oder nachzeichnen.

„Der Umstand, nicht wirklich zu existieren, ist in vielen meiner Bücher präsent, aber Unterwerfung ist das einzige, in dem ich diesen allmählichen Übergang in die Nichtexistenz beschreibe.“

Ist man da erst einmal angekommen ... 

François ist zersetzt. Er setzt sein Dasein mit Gebärden des Leibes gleich: Migräne, Zahnschmerzen, Hämorrhoiden. Er macht eine unappetitliche Rechnung auf. Hauptsache, der Schmerzpegel schlägt nicht ungebührlich aus. Er schillert in den Nuancen der Farblosigkeit, während der Westen in Agonie fällt.

François erkennt einen Zusammenhang zwischen Monotheismus und gesellschaftlicher Stabilität.

Er ist entkernt. Houellebecqs Ansage liegt auf der Hand: Das ist der durchschnittliche Europäer. Ihm gegenüber stehen die anderen, vom Mangel geformt, von keinem Verzicht überrascht, angekommen und aufgenommen in der Überpersönlichkeit einer Idee, die ihre Zukunftsfähigkeit aus ihrer Beständigkeit zieht. Der Islam wurde vom Kapitalismus beschleunigt, jetzt wirkt er selbst als Turbo.

„Wenn man jemandem alles nimmt, existiert er dann noch? Descartes mit seinem bizarren Optimismus würde das ohne Zögern bejahen. Ich bin nicht ganz dieser Ansicht: Sein heißt in Relation sein. Ich glaube nicht an das freie, alleinstehende Individuum. Ich reduziere meinen Protagonisten also, ich lösche ihn aus. Warum sollte er daher über Denkfreiheit verfügen? Warum sollte er nicht einfach dem zustimmen, was man ihm unterbreitet?“    

Schreibtischtage

Michel Houellebecq siedelt göttliche Gnade in der Nähe des Stumpfsinns an. Eine groteske Ähnlichkeit mit Paul Léautaud steigert sich zu einer dämonischen Unerbittlichkeit, sobald Houellebecq sein Gebiss irgendwo liegen lässt, und dann „die gesamten Filmfestspiele in Berlin ohne Zähne“ absolviert – und zwar ungerührt und völlig indifferent gegenüber seiner Wirkung.

Robert Musil lebte nach eigener Angabe, um zu rauchen. Auch Houellebecq raucht um sein Leben. Ein Gastgeber unterstellt ihm, Houellebecq sei nur deshalb sein Hausgast, weil in Restaurants nicht mehr geraucht werden darf.

Vier Schachteln verbraucht der Schriftsteller an einem Schreibtischtag. Eine groteske Ähnlichkeit mit Paul Léautaud steigert sich zu einer dämonischen Unerbittlichkeit, sobald Houellebecq sein Gebiss irgendwo liegen lässt, und dann „die gesamten Filmfestspiele in Berlin ohne Zähne“ absolviert – und zwar ungerührt und völlig indifferent gegenüber seiner Wirkung. 

Houellebecq bemüht sich nicht. Dafür rollt man ihm den roten Teppich nur dann nicht aus, wenn man als Taxifahrer fürchtet, ein offensichtlich Betrunkener besudele womöglich die Sitze.

Die Kunst der Kollision

„Ich glaube an den Konflikt, sonst glaube ich an gar nichts.“ Heiner Müller

Der Held beherrscht „die Kunst der Kollision“. Von der Zuschreibung geadelt, triumphiert Houellebecq, indem er die Kunst der Kollision so erklärt: „Etwas Religiöses schreiben und dabei die Existenz von Tiefgaragen einbeziehen.“ 

Sie sehen auch Bernhard Klaus Tragelehn, einen Müller-Komplizen der ersten Stunde. B.K. Tragelehn erinnerte daran: Peter Hacks nannte Heiner Müller einen Romantiker, um ihn zu beschimpfen.© Jamal Texas Tuschick

Aus der Ankündigung

Neue Zwischenrufe des wichtigsten französischen Autors der Gegenwart

»Obwohl ich kein ›engagierter Künstler‹ sein möchte, habe ich in diesen Texten versucht, meine Leser von der Gültigkeit meiner Standpunkte zu überzeugen. Dabei geht es selten um Politik, ab und an um Literatur, meist um ›gesellschaftlich Relevantes‹. Eine weitere Ausgabe wird es nicht geben. Ich verspreche nicht unbedingt, mit dem Denken aufzuhören, aber zumindest damit aufzuhören, meine Gedanken und Meinungen der Öffentlichkeit mitzuteilen, es sei denn, es besteht eine ernsthafte moralische Dringlichkeit.«
Gemäß seiner Aussage äußert sich Houellebecq u. a. zum französischen Staat, zu Donald Trump, zur Corona-Pandemie und stellt, präzise und provokant wie immer, seine Haltung dazu dar. Neben intellektuellen Texten stehen aber auch so persönliche Gespräche wie das mit seinem Freund Fréderic Beigbeder, in denen die Person Michel Houellebecq sichtbar wird. 

Fellatio und Antisemitismus

Wer Kinder kriegt, hat recht – In „Unterwerfung“ aktualisiert der Islam das alte Getriebe des abendländischen Patriarchats

Das Islam-Interieur im Roman erscheint fast museal, obwohl sein Lack in der Zukunft von 2022 absplittert. Keine neue Information steckt darin. Das macht die Geschichte, die Houellebecq erzählt, nicht klein. An einer Stelle imaginiert sich des Autors Alter ego, ein seelisch verwahrloster Philologieprofessor, in die Nähe seines einzigen Karrierevehikels Joris-Karl Huysman. François behauptet, sein Habilitationsgegenstand habe sich nach „einer Kochtopf-Frau“ gesehnt, die in gewissen Stunden „zur Dirne“ wird. Das erzählende Ich erwähnt, dass eine Sauce béarnaise komplizierter ist als diese Kombination von Eigenschaften. Die Nähe von Kochtopf und Kopftuch ist ein Lapsus, der Skandal des Romans besteht darin, einer einfachen Wahrheit nicht die Aussicht zu verstellen. Das Ende des sozialdemokratischen Laissez-faire braucht den Islam nicht als Niedergangsbegründung. Was zählt, ist Fertilität – sind die demografischen Parameter, die eine Gesellschaft nicht vor die Hunde der Kinderlosigkeit gehen lassen. Die Islamisierung der französischen Republik re-organisiert das auf einen Buchgott bauende Patriarchat als Garanten der Reproduktion. Der Islam modernisiert ein altes Getriebe. Das stellt die Islamdebatte von den Füßen auf den Kopf und verweist auf Rom zu Konstantins Zeiten. Eine entschlossene Minderheit pumpt Leben in einen anachronistischen Staat. Ihre Symbole avancieren zur Signatur der Herrschaft. Legionen ziehen mit dem Kreuz auf ihren Schildern in die Schlacht.

Wer Kinder kriegt, hat recht. François‘ Eltern, die Babyboomer meiner Generation, jazzten die Negation ihrer traditionellen Rollen hoch, im Einklang mit den antiautoritären Parolen und den Egoismus-Verherrlichungen einer Ära. François fürchtet, selbst in einem Bürgerkrieg bei seinen Eltern keine Aufnahme zu finden. Selbstverständlich leben die Eltern getrennt, selbstverständlich erneuert sich der Vater in der Beziehung zu einer Jüngeren.

Houellebecq zeigt Bruchstellen. Er konturiert die Chancen einer Volksgemeinschaft, die sich religiös definiert. Gesellschaften sind immer dann erfolgreich, wenn ihre dominanten Formeln sie nicht davon abhalten, aufzusaugen, was sich jenseits der Grenzen aufsaugen lässt. Im Roman greift eine der Staatsmacht nahe gekommene islamische Bruderschaft in Koalitionsverhandlungen nicht nach dem Finanzministerium, sondern krallt sich das Bildungswesen. Koedukation perdu.

Präsident Mohammed Ben Abbes islamisiert die Universitäten und degradiert die Frauen zu Funktionskörpern. Der akademische Abschluss wird zum Accessoire. Fortpflanzung steht höher im Kurs als Qualifikation.

François leistet keinen Widerstand. Er ist so politisch „wie ein Handtuch“.

Er ist zersetzt. Er setzt seine soziale Existenz mit Gebärden des Leibes gleich: Migräne, Zahnschmerzen, Hämorrhoiden. Er macht eine unappetitliche Rechnung auf. Hauptsache, der Schmerzpegel schlägt nicht ungebührlich aus.

Er schillert in den Nuancen der Farblosigkeit, während der Westen in Agonie fällt. François erkennt einen Zusammenhang zwischen Monotheismus und gesellschaftlicher Stabilität.

Er ist entkernt. Houellebecqs Ansage liegt auf der Hand: Das ist der durchschnittliche Europäer, den strengt schon an, sich die Butter vom Brot streichen zu lassen. Ihm gegenüber stehen die anderen, vom Mangel geformt, von keinem Verzicht überrascht, angekommen und aufgenommen in der Überpersönlichkeit einer Idee, die ihre Zukunftsfähigkeit aus ihrer Beständigkeit zieht. Der Islam wurde vom Kapitalismus beschleunigt, jetzt wirkt er selbst als Turbo.

Houellebecq verkoppelt Fellatio mit Antisemitismus, François hat den Verlust einer jüdischen Geliebten zu bedauern, Jahrzehnte jünger, abgegriffen, aber muss ich das sagen, aus dem Kontingent der „frischen Ware“, die seinen Arbeitsplatz flutete, bis Mohammed Ben Abbes den Elysée-Palast orientalisierte. Myriams Eltern gingen den Ereignissen voran nach Israel, wo jene Bedrohung bereits real ist, die sich im Verlauf der Geschichte auf der französischen Landkarte erst abzeichnet.

Der Alptraum Geschichte schiebt eine ruhige Kugel im Roman. Houellebecq spielt alles herunter, der Anpassungsdruck wechselt einfach nur die Erkennungsmelodie. In der Sauerstoffarmut seiner Bequemlichkeit könnte sich François direkt zur Ruhe setzen. Er sichert sich ab mit einer Analogie: Huysman ging ins Kloster: „Da hat man wenigstens ein Dach über den Kopf.“

François‘ geistiger Horizont erschöpft sich endlich in einer anekdotischen Funktion.

Michel Houellebecq, 1958 geboren, gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Seine Bücher werden in über vierzig Ländern veröffentlicht. Für den Roman ›Karte und Gebiet‹ (2011) erhielt er den renommierten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Sein Roman ›Unterwerfung‹ (2015) stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurde mit großem Erfolg für die Theaterbühne adaptiert und verfilmt. Zuletzt erschien ›Serotonin‹ (2019).