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04.12.2020, Jamal Tuschick

Phonetische Supernova

Die Tochter eines Schriftstellers mit der Attitüde des (im Verhältnis zum Despoten kongenialen) Dissidenten begreift Europa als den Groß(t)raum, in dem ihr Vater eine donnernde Identität aus dem Exil destillierte. Jahre hat die Familie in England gelebt. Die Vorbehalte der Diaspora-allergischen Mutter prägten Portias Wahrnehmung. Ungefragt beschrieb sie mit der Unzufriedenen die Rolle rückwärts nach Sambia. 

Portia, von ihrem Shakespeare ehrgeizig liebenden Vater so genannt nach einer Protagonistin des elisabethanischen Großmeisters, checkt ungerührt in Europa ein. Die auf zwei Kontinenten sozialisierte Lehrerin reißt in Berlin bei der ersten Gelegenheit einen schönen Bettgenossen auf. In Basel trennt sich das Paar zur Probe.  

Müdigkeit macht ihn wehrlos. Portias zurückhaltender Verehrer, der namenlose Ehemann der Künstlerin Gina, ein akademischer Jetsetter, temporärer Wahlberliner und Ich-Erzähler, verliert seine komfortable Existenz vorübergehend in einem süditalienischen Flüchtlingslager. Er strandet in Tunesien, zunächst unfähig seine Doktoranten-Identität zu beweisen. In den Mahlströmen des Elends erscheint nichts weniger plausibel als die bürgerliche Wahrheit. Der Namenlose begegnet dem Altruisten Matteo, für den eine Liebesgeschichte zum Gebirge geworden ist, über das er nicht hinwegkommt.

...

Er findet zurück in die Wohlbestallheit seines akademischen Etuis. Er trifft Gina, die Ehe ist zu Ende. Auf der anderen Seite des Ozeans treibt Portia die Adresse des Namenlosen auf und verabredet sich mit ihm in London. Hinter ihr liegt eine Ehe, aus der ihr Sohn David hervorgegangen ist. Sie bietet sich unumwunden dem Schatten eines Begehrens an und wackelt dabei sogar mit den Hüften. Come and take it.

No-Border Kiez

Das Protestbegehren findet seine Anlässe und zelebriert sich zwischen Redundanz und Ritual 

Eingebetteter Medieninhalt

„Es gibt kein ... Problem, das sich nicht durch Untätigkeit lösen ließe.“ Henri Queuille

„Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt.“ Marcel Duchamp  

Irgendwo definiert Michel Houellebecq den Antagonisten zu dem, was als nouveau réactionnaire kursiert. „Anders als sein großer Bruder erkennt der neue Progressive den Fortschritt nicht anhand seines intrinsischen Werts, sondern anhand seiner Neuartigkeit. Alles in allem existiert er in einem in seiner Einfalt sehr hegelianischen Zustand der permanenten Offenbarung, in dem alles neu Erscheinende schon aufgrund der schlichten Tatsache seines Erscheinens gut ist.“ 

In der mehrstufigen Feststellung steckt ein positiver Ansatz zur Deutung zwangsläufiger Migrationsphänomene. So erkennt man beispielsweise Funktionen der Migration in den Motoren der Neuen Sozialen Bewegungen.

Helon Habila, „Reisen“, Roman, herausgegeben von Indra Wussow, auf Deutsch von Susann Urban, AfrikAWunderhorn, 320 Seiten, 25,- 

Helon erzählt lauter Binnengeschichten, um sie in Bausch und Bogen zu verbinden. In London begegnet der namenlose Erzähler einem Sturmgeschütz des Aktivismus. Mit ihren Kompliz*innen kämpft Krankenschwester Molly gegen die Natives.

„Molly war leidenschaftlich, wenn es um Gesundheit und Gerechtigkeit im Allgemeinen ging.“

In Auseinandersetzungen zwischen Bürgerbegehren und Barrikadenkampf werden Straßenzüge verteidigt und Wohnmaschinen belagert. Es gibt Leute, die Asylanten aus ihren Revieren vertreiben wollen; während ihre Gegenspieler*innen eine No-Border-Gesellschaft im Kiezformat zu etablieren versuchen. Molly instrumentalisiert den nigerianischen Asylanten Juma als Stachel im Fleisch der Homogenitätsfanatiker. Doch Juma setzt wenig Vertrauen in den weißen Mittelklassewiderstand. Er verweigert die Rolle als Galionsfigur im Kampf gegen Rassismus und entweicht den Social Justice Warrior*innen.

Der Namenlose erscheint als Protagonist der Skepsis. Er antizipiert Jumas Unbehagen in der weißen Kultur. In einem öffentlichen Verkehrsmittel bemerkt er (gemeinsam mit Portia) Emanationen der Migration. Ein telefonierender Passagier gibt dem Paar ein:  

„Die Wörter kamen immer schneller, die Finger trommelwirbelten auf das Handy ein, jedes Wort ein Akzentmischmasch aus Karibisch, Westafrikanisch, Südlondon. Es war ein Bummelzug, der an jeder Station hielt.“ 

Die phonetische Supernova zeigt die Uhrzeit der Welt an. Here we are in den Zwanzigerjahren des 21. Jahrhunderts.  

In Auseinandersetzungen zwischen Bürgerbegehren und Barrikadenkampf werden Straßenzüge verteidigt und Wohnmaschinen belagert. Es gibt Leute, die Asylanten aus ihren Revieren vertreiben wollen; während ihre Gegenspieler*innen eine No-Border-Gesellschaft im Kiezformat zu etablieren versuchen. Molly instrumentalisiert den nigerianischen Asylanten Juma als Stachel im Fleisch der Homogenitätsfanatiker. Doch Juma setzt wenig Vertrauen in den weißen Mittelklassewiderstand. Er verweigert die Rolle als Galionsfigur im Kampf gegen Rassismus und entweicht den Social Justice Warrior*innen. Der Namenlose erscheint als Protagonist der Skepsis. Er antizipiert Jumas Unbehagen in der weißen Kultur. © Jamal Texas Tuschick

Was zuvor geschah/Geschlechts- und Fluchtmigration

„Schreiben ist ... ein politischer Akt“, sagt Helon Habila.

Mark, geflüchtet aus Malawi, entpuppt sich als Frau namens Mary Chinomba. In ihrer Person vereinen sich Geschlechts- und Fluchtmigration mit dem Verschwinden. Die Frau verschwindet in der Figur/der Geschichte eines männlichen Geflüchteten und der Geflüchtete verschwindet von der Berliner Bildfläche, während der Erzähler sich auf der hauptstädtischen Partymagistrale langweilt und mit Anwälten, die sich von ihren Geliebten Präsenzpflichten bei Ausstellungseröffnungen auferlegen lassen, in Tümpeln der Peinlichkeit badet. Seine ethnische Herkunft führt den Akteur der internationalen Kunstschickeria automatisch zu den Ufern der Flüchtlingsströme. Da erwartet man Unterstützung und Kompetenz. 

Gina hält ihren Mann für bindungsscheu. Er erklärt sich seine Defizite mit einer vom Mangel definierten „migrantischen“ Existenz. Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren.

Der Erzähler bemerkt eine „amerikanische Firnis auf … eher traditionellen Gassen“. Als Spezialist für die Berliner Konferenz* bewegt er sich auf vertrautem Pflaster.

„Der Erwerb von Land ist in Ostafrika sehr leicht … Für ein paar Flinten besorgt man sich ein Papier mit einigen Negerkreuzen.“ Bismarck

*Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 konferierten im Reichskanzlerpalais Delegierte aus dreizehn Staaten, die einer Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck gefolgt waren. Auf der Berliner Konferenz aka West Africa Conference aka Congo Conference legten sie die Kriterien für die völkerrechtliche Anerkennung von Kolonialbesitz fest - the go-ahead to the extensive colonization of the continent – the arbitrary partition of Africa in absence of the Africans.

Gastgeber Bismarck prägte das Wort vom „Platz an der Sonne“, den sich Deutschland im kolonialen Wettbewerb mit den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich sichern müsse. Der deutsche Platz an der Sonne war klein und wurde nicht lange gehalten. Das rechnet man heute zu den entlastenden Momenten deutscher Geschichte. Die Einschätzung ignoriert einen Völkermord und vernachlässigt die Tatsache, dass Deutsche seit dem 15. Jahrhundert an globalen Ausbeutungsfeldzügen beteiligt waren. Der Kolonialismus war ein „europäisches Projekt“ (Joseph Conrad), dass die Fugger und Welser genauso vorantrieben wie die Medici. Die Trennungen zwischen staatlichen und privaten Unternehmungen waren durchlässig. Kaufleute traten als Statthalter auf und nahmen Regierungsaufgaben wahr. Ein Grundstock der ersten deutschen Kolonie in Afrika war das Lüderitzland (heute Namibia), benannt nach dem Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz.

Die eiserne Tante im Puppenhaus

„Erfundene Geschichten sind die Währung unter den Heimatlosen.“

Kinderlose Frauen schließen sich mutterlosen Kindern an. Man spielt Familie mit heimlichen Vorbehalten. Den auf der Flucht zerstörten Bindungen hält kein Vergleich stand. Darunter leidet der nigerianisch-libysche Mediziner Manu, der von seiner Frau Basma, nicht jedoch von seiner Tochter Rachida abgesprengt wurde. Manu vermisst Basma bis zum Wahnsinn. Trotzdem erschöpft er sich in friedlosen Verstrickungen mit Hannah aus Eritrea sowie mit der deutschen Angela, die Rachida gern auf einer ihrer Pferde reiten lassen möchte. Manu kennt Angela aus dem Nachtleben. Der Arzt arbeitet vor einem Clubportal. Er hilft Verfeierten, ihre Autos zu finden und einzusteigen. 

Der Romanfokus gleitet wie ein Scheinwerfer weiter zu Portia. 

Benommen von Orientierungslosigkeit fährt die Heldin Richtung Liestal. Meine Freundin Wikipedia weiß es mal wieder: „Liestal … ist eine … Gemeinde … des Bezirks Liestal sowie des Kantons Basel-Landschaft … (und liegt) … fünfzehn Kilometer südöstlich von Basel“.

Portia, von ihrem Shakespeare ehrgeizig liebenden Vater so genannt nach einer Protagonistin des elisabethanischen Großmeisters, besucht die zierliche Schönheit Katharina, deren Englisch zu wünschen übriglässt. Die promovierte, irgendwie aus allem geschiedene Dozentin wohnt nicht nur in dem Haus einer eisernen Tante, sondern auch in den von der Tante selbst geschreinerten Möbeln.

Portia wähnt sich in einem Puppenhaus.

Prison Dialogues 

Portia Kariku recherchiert die Todesumstände ihres Bruders David. Er wurde von Katharina auf dem Baseler Bahnhof vor einen Zug geschupst. Gleichwohl bereist Portia Europa mit einem darüber hinausragenden Interesse. Es gefällt mir, dieses Interesse ethnologisch zu nennen. 

*

Exotisch erscheinen Portia „Afrodeutsche, die keine Erinnerung an Afrika haben“. Attraktiv findet sie den Schwarzen Nachbarn ihrer Berliner Airbnb-Wohnung. Portia fängt sofort an zu flirten und zieht ihn in ihren Bann. Der Leser erkennt in dem Gefeierten Ginas Mann wieder. Sie erinnern sich: Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren. 

Inzwischen ist Gina in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Der namenlose Erzähler des Romananfangs spiegelt sich glänzend in Portias Wahrnehmung.

„‘Can I help …?‘, wiederholte er. Er sah gut aus, nicht auf die goldige, gefühlvolle Denzel-Washington-Art, sondern zurückhaltender, vor allem wenn er … lächelte.“ 

Portia schnappt sich den Zurückgebliebenen und bummelt mit ihm durch Berlin und Basel. In einem Antiquariat lassen sich die Akteure so vernehmen: 

“He looked at the title: Prison Dialogues, by James Kariku. ‘I remember this book. I had to study it for my secondary school finals’.” “’My father’, she said.”

Das Gewissen Afrikas

Der Namenlose übernimmt die Rolle, die ihm angetragen wurde. Das heißt, er flirtet zurück und kauft einer fliegenden Blumenhändlerin die Rose zum Drink in einer Bar direkt am Mauerpark ab.

Portia stammt aus einer Familie von Kenneth Kaunda*-Gegnern. Sie genoss ihre Erziehung im englischen Exil. Dem Vater gefiel das Nebelland besser als der Mutter, die es nach Sambia zog. Der akademisch gepolsterte Publizist klapperte die Vergabestellen von Stipendien und die Schauplätze der Begünstigungen in Europa ab. Während in seiner ersten Heimat niemand mehr wusste, wer er war, reüssierte er in der weißen Welt als „das Gewissen Afrikas“.

*„Kenneth David Kaunda (*1924) war von 1964 bis 1991 erster Präsident Sambias und einer der wichtigsten … (Akteure) der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika.“

© Jamal Texas Tuschick

Aus der Ankündigung

Ein in den USA lebender nigerianischer Akademiker besucht seine amerikanische Frau Gina in Berlin. Gina ist Kunststipendiatin und arbeitet derzeit an einem Projekt über Migrant*innen. Auch der Protagonist lernt in Berlin viele afrikanische Immigranten*innen und Geflüchtete kennen und erfährt so von ihren Fluchterlebnissen. Diese Begegnungen führen bei ihm, der als schwarzer Intellektueller ein privilegiertes und sicheres Leben führt, völlig unerwartet zu einer tiefen Selbstreflexion.

Er stellt sein bisheriges Leben in Frage und merkt, dass er unlösbar mit deren Schicksalen verbunden ist und sein Leben nicht länger getrennt von der alltäglichen Not der Migrant*innen führen kann. Die Geschichten dieser Menschen führen ihn von einem Berliner Nachtclub in ein Flüchtlingslager auf Sizilien, zu einem Arzt aus Libyen, dessen Frau und Kind im Mittelmeer ertrunken sind, sowie nach London zu einem im Exil lebenden Dichter aus Malawi. So erlebt er eine »umgekehrte« Migration, die ihn direkt mit dem Leben und Leid der Migrant*innen und allen Urteilen – samt Vorurteilen – der westlichen Gesellschaften konfrontiert. Habila lässt in seinem Roman ein Mosaik aus den unterschiedlichsten Erfahrungen von Migrant*innen entstehen. Er zeigt damit, dass die Themen Vertreibung und Migration »ewige« Themen bleiben werden, sollten nicht Menschlichkeit und Respekt vor anderen Kulturen unsere Gesellschaften bestimmen.

»Immer wieder stellt Habila Fragen nach dem Verhältnis von Afrika und Europa, Europa und Afrika. Und mit großem Geschick macht er das
Unbekannte vertraut und umgekehrt. Was kann man von einem Roman mehr verlangen?« The Guardian

Helon Habila, 1967 in Nigeria, geboren, studierte Literatur und lehrte an der Universität, bevor er nach Lagos ging, um dort als Journalist zu arbeiten.
Für sein erstes literarisches Werk Waiting for an Angel, welches in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, erhielt er den internationalen Caine Prize for African Writing und 2003 den Commonwealth Writers’ Prize für die Beste Erstveröffentlichung. Measuring Time (2007), Habilas zweiter Roman, erhielt 2008 den Virginia Library Foundation Fiction Award und stand auf der Kandidatenliste für den Hurston/Wright Legacy Award 2008. Die Kurzgeschichte The Hotel Malogo gewann den Emily Belch Prize und wurde für die Anthologie The Best American Nonrequired Reading ausgewählt und veröffentlicht. Habilas dritter Roman Oil on Water (2010) ist der erste, der auf Deutsch erscheint. Er lebt in den USA und unterrichtet Kreatives Schreiben an der George Mason University in Washington, D. C. Von Juli 2013 bis Juli 2014 war Helon Habila als Stipendiat des DAAD im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms in Berlin.

Herausgeberin

Indra WussowHerausgeberin der Reihe AfrikAWunderhorn, studierte Literaturwissenschaft, lebt in Johannesburg/Südafrika sowie auf Sylt. Sie arbeitet als Autorin, literarische Übersetzerin und Kuratorin für verschiedene internationale Einrichtungen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst. 2002 gründete sie die Kulturstiftung Sylt Foundation, die interdisziplinäre internationale Kulturprojekte entwickelt und durchführt.

Übersetzerin

Susann Urban arbeitet nach dem Studium der Germanistik, vielen lehrreichen Jahren im Buchhandel und anderswo als Lektorin und Übersetzerin u. a. von John Steinbeck, Nuruddin Farah, Lola Shoneyin, Imraan Coovadia, Nadifa Mohamed und Ishmael Beah.