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05.12.2020, Jamal Tuschick

Obama und Ich

Präsidentin & Präsident © Pete Souza/White House

Meine Zustimmung zu allen Tollheiten, die Wattenbach zu seiner Unterhaltung im Vorgriff auf Christian Krachts Faserland-Programm durchzog, entsprach einer Selbstentmündigung.  

Eingebetteter Medieninhalt

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Häuslich, partyscheu und geradezu ungesellig, sobald es gesellschaftlich wird: so schildert Barack Obama den familiären Nucleus, bestehend aus Michelle, deren Mutter Marian, die als guter Geist eine klassische Rolle spielt, und den Töchtern Malia und Sasha. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach Wirkung und der Sehnsucht nach einem Dasein im Schoss der Unauffälligkeit treibt der kleine Stamm im Mainstream des Washingtoner Establishments auf.

Der Autor durchstreift das Jahr 2005. Extremist*innen suchen ihre Chancen in „schlecht bewachten“ Randzonen des erodierten Ostblocks. Im Rahmen einer Kongresstournee, die von manchen Parlamentarier*innen als Bildungsurlaub mit Kaffeefahrtappeal angesehen wird, entzieht sich Obama mit Methoden „eines Sechsjährigen“ dem zweifelhaften Genuss von Fischgelatine. Er will kein Aufsehen und vor allem die Gastgeber*innen nicht düpieren. Doch der Ekel setzt der Selbstverleugnung Grenzen.

Das finde ich interessant - und zwar in der Erwartung, dass auch Ihre Aufmerksamkeit angesprochen wird von Obamas Bereitschaft, seine Biografie nicht im Konventionellen veröden zu lassen. Der (auf der Gegenwartsleiste von 2005) künftige US-Präsident scheitert an ungewohnter Kost. Da fällt mir ein, dass ich schon größere Leidensbereitschaft bewiesen habe. Das war in den frühen Neunzigern, mein Schulfreund Arian Wattenbach und ich sahen uns gezwungen, in einer Nacht ein gemeinsam erarbeitetes Übersetzungshonorar von tausend Mark auf den Kopf zu hauen. Wattenbach verdiente monatlich zehntausend Mark am Far East Desk einer Bank. Er hatte sich mit Insiderwissen Liquidität verschafft und außerdem, das habe ich noch nie erzählt, mit einem Strohmann ein Inkassobüro aufgezogen. Wattenbach fand es unter seiner Würde, Kulturpeanuts seinem Portfolio einzugliedern. Sein Leben war Wettkampf. Er trumpfte auf in handgearbeiteten Londoner Schuhen. Mich setzte er gewohnheitsmäßig unter Druck. Er verteilte gern Trinkgelder in meiner Gegenwart im Gegenwert meiner Einnahmen in einem schlechten Monat. Er kam von unten, das Banlieue auf nordhessisch. Sein Polizistenvater war im Dienst angeschossen worden. Die Mutter hatte sich dann mit einem Kollegen ihres schwer behinderten Mannes eingelassen. Das war alles schlimm, aber Wattenbach kannte kein Erbarmen. Er paukte, trainierte und jobbte wie eine Maschine und nun war er (nach unseren Maßstäben) oben angekommen. 

Er diktierte die Bedingungen und forderte meine Eitelkeit heraus. Also gab ich meine Hälfte her für den hellen Wahnsinn. Fünfhundert Mark, das war was zu Zeiten, als man eine Pizza plus Cola für siebenfünfzig kriegte. Wir begannen den Abend in der Goethestraße bei dem sowieso besten Frankfurter Japaner. Die Speisen zogen auf einer horizontalen Achterbahn mit geringer Fließbandgeschwindigkeit an uns vorüber. Drei zirkusreif die Zubereitung zelebrierende Köche machten mich staunen. Die Japaner an Bord des Vergnügungsdampfers hatten ihre eigenen Whiskyflaschen in Depots mit Namenschildern. Es gab das, was man kennt, und dann noch jede Menge unglaublich glibberiger Sachen. Anders als Obama habe ich die Schweinekopfsülze in Walaspik gegessen. Ich musste. Wattenbach behielt mich hämisch im Auge. Ich gab alles in der totalen Aussichtslosigkeit, Anerkennung zu ernten. Heute weiß ich viel mehr über Manipulation und freundliche Gemeinheit. Meine Zustimmung zu allen Tollheiten, die Wattenbach zu seiner Unterhaltung im Vorgriff auf Christian Krachts Faserland-Programm durchzog, entsprach einer Selbstentmündigung.  

Obama bereist Russland, die Ukraine und Aserbaidschan. Das Greenhorn wandert über einen Raketenfriedhof, der mit leeren SS-24 und SS-25 Hüllen übersäet ist. Er mustert den Schrott der Abschreckung, der bis eben Europa bedrohte. Als Wattenbach und ich bei dem Japaner waren, drohten uns die taktischen Atomwaffen noch in naher Ferne. Wattenbach trieb seinen Überbietungsfuror im Schatten von Sprengköpfen auf die Spitze.

Obama besucht ein unbewachtes Lager für biologische Kampfstoffe voller Milzbrand und Beulenpesterreger*innen. Er kritisiert den „menschlichen Einfallsreichtum“ an der falschen Stelle … während „Katrina“ den Golf von Mexico aufmischt und mit zweihundert Stundenkilometern das Festland attackiert. Die Flüsse treten über ihre Ufer und reißen Häuser und Leichen mit sich wie in einem „urtümlichen Albtraum“.

Das ist natürlich kein gelungenes Bild. Da freue ich mich über Houellebecq, der  

Geistiger Husarenritt

die Vorzüge einer „neuen Religion“ bedenkt, die wissenschaftlichen Standards gewachsen ist. Houellebecq umkreist die Konversion als Offenbarungsprodukt. Für sich schließt er eine religiöse Einkehr, die im Übrigen keine Heimkehr wäre, aus. 

„Ich wurde von entchristianisierten Menschen großgezogen, die es jedoch schon so lange waren, dass sie nicht einmal mehr antiklerikal waren.“

In seiner Kindheit war „Religion (ein) bizarres Relikt“.

...

An Huysmans reizt ihn besonders dessen Konversionserzählung. Näher als Huysmans steht Houellebecq der Konvertit Gilbert K. Chesterton, den H. auf eine plauderhafte Weise intelligent findet.