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08.12.2020, Jamal Tuschick

Aliens der Anti-Diversität

Amerikanische Erlösung

Der Swamp-Rock von CCR passte in Vietnam zum Gelände ... Run through the Jungle  

Eingebetteter Medieninhalt

Es gibt kein Entrinnen. Auch ein so wenig umstrittener, von der agitierend-interventionistischen Kritik verschonter, vielleicht auch nur übersehener weißer-alter-Mann wie Richard Ford überschreitet seinen Zenit nicht ungestraft. Er ist schon fast so unlesbar wie Hemingway. Die Melancholie seiner Helden erinnert an Drachenblutbäder zu Zeiten, als John Updike & Günter Grass Leuchttürme der Postmoderne waren. Vermutlich verstreicht gerade die letzte Gelegenheit, sich Ford noch einmal klar zu machen. Dabei kann man von ihm bereits in der Vergangenheit reden. Wer war er?

Ich schließe heute meine Beschäftigung mit Richard Fords jüngsten Erzählungen ab. Ich habe beinah jede Geschichte gesondert besprochen. Hier nun das Fazit.

Richard Ford, „Irische Passagiere“, Erzählungen, aus dem Englischen von Frank Heibert, Hanser Berlin, 22,-

Fords Horizont war der Vietnamkrieg im Kontext post-kolonialer Auseinandersetzungen nach imperialen Weltbegriffen. US-Verteidigungsminister Robert Strange McNamara wusste bereits 1965, dass der Krieg verloren war. Doch glaubte die Washingtoner Administration, sich den Gesichtsverlust eines glanzlosen Rückzugs (als solventer Abbruch eines Abenteuers) nicht leisten zu können. Dafür nahm man ein Riesenelend in Kauf. Man investierte in Fehler. Die Ästhetik des zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen den Krieg auf den Reisfeldern und in den Dschungeln trugen Wehrpflichtige auf die Apocalypse Now-Schauplätze. Das Peace-Zeichen auf dem Stahlhelm wurde zum Wahrzeichen einer Epoche. Traumatisierte Heimkehrer suchten nach amerikanischen Erlösungen. Ford begleitete sie und ihre Frauen. Er erfand sie noch einmal und womöglich zum letzten Mal als WASP-Wesen wie von einem anderen Stern; als Aliens der Anti-Diversität. Ford beschreibt Dinosaurier. 

Ich komme noch einmal auf „Jimmy Green, 1992“ zurück. Der Taxifahrer, „ein Türke zweifellos“, berauscht sich an der knappen Vermeidung von Unfällen. Frenetisch begeistert von sich selbst, stellt er die Ablehnung seiner Gäste zur Schau. Das registriert der Titelheld aus den Augenwinkeln seines Interesses. Der Fahrer ist Peripherie. Die Fokussierung gefallen lässt sich eine undurchsichtige Schönheit, die sowohl Chefin als auch Angestellte einer Pariser Nepp-Boutique sein könnte.

Die Ambivalente heißt Nelli. Sie bietet jene (der Stadt aus dem Hals hängenden) Brassaï-Verschnitte an, die von Empfindungs-Dummies für Einblicke in die Kulturkloake der Kapitale gehalten werden. Für den Erzähler manifestiert sich in der Perspektive ein Wahrnehmungsendpunkt. Er findet, man solle heimfahren, wenn man da angekommen ist. Das ist wieder so ein starkes Ford-Statement, extrapoliert aus der John Wayne-Welt, in der Lakonie, genussvoller Überdruss und Kennerschaft einen Andenpakt (denken Sie an Roland Koch) obsoleter Kameradschaft bilden. Daran erkennt man, wie gestrig Ford ist. Deshalb kann ich mich so lange mit ihm aufhalten.

Der Erzähler ist scharf auf Nelli. Das Lokalkolorit wirkt wie ein Fetisch. Sprühregenverwischungen auf den Scheiben hin oder her. Jimmy heizt sich auf, indem er Frank Capras Ikonografie des Schwarzen Jahrhunderts rezensiert. Er geht Stationen der Moderne durch, so wie man mit seinen Fingern gelenkig auf einem Schenkel spaziert. Ist es abwegig, gerade jetzt an Garry Lam zu denken, der in einem YouTube-Video sagt: Gott hat uns Gelenke gegeben, damit wir sie benutzen? In der Szene dreht der fest im Fleisch stehende Wuhsu-Pädagoge erst einen Zeigefinger, dann einen Unterarm und dann eine Schulter. Er lacht voll kindlicher Freude, weil so viele so bekloppt sind, mit Stupid Force (Kraft gegen Kraft) sein schönes Wing Chun zu unterminieren, anstatt, was auch immer sich in den Weg stellt, wie das Wasser in seinem unaufhaltsamen Lauf zu überschwemmen.      

Nellis „violette Augen“ haben schon viel gesehen. Ihre Zähne sind „unvollkommen“. Ford schildert die Erscheinung wie ein Auktionator. Er will den Leser täuschen, ihm etwas weismachen. In Wahrheit malt er Nelli so (anfassbar), damit sie für den alten weißen Jimmy, der an Stelle des Autors Richie geistig schon mal aufreitet, erreichbar wird. Er gestaltet den Gegensatz von Alt & Jung für sich erträglich.  

Den gleichen Impuls verschleiere ich vor mir.

Ford lässt nichts aus. Das Hemdkleid flattert … „vage tippt er auf eine jüdische Herkunft“. 

„Aber die Franzosen waren zuallererst Franzosen.“

Jetzt aber. Mir erlauben die Einlassungen die Assoziation eines sich warm spielenden Seniorenjazzschlagzeugers. Man muss erst einmal eine gewisse Steifheit überwinden, aber dann ist man gleich wieder der Alte. So unverwüstlich und nussknacker’esk. So fade wie eine Made im Speck des Selbstbetrugs.

Ich bedenke den greisen Günter Grass, den grässlich vitalen Alt-Walser, auch die Braue genannt, im Verein mit Richard dem Tauben und gelobe, fürderhin jede Anstrengung zu begrüßen, mir einen Wingert des Vergessens einzurichten.

Jimmy identifiziert Nelli als Subalterne, da ihr zu Capra nichts einfällt. Er setzt sie beiläufig herab. Ich glaube nicht, dass dieser Spielzug aus einer Autorenabsicht kommt. Vielleicht ist Ford da etwas unterlaufen. Jedenfalls kommt man weiter, wenn man das annimmt.   

Der Erzähler stammt aus Cadmus in Louisiana. Der Ort scheint fiktiv zu sein. Ein konföderierter General hieß so mit Vornamen. Es gibt eine mythologische Referenz, die es nicht in die Charts olympischer Anleihen geschafft hat. Ford klärt die Gravitation von Cadmus mit zwei Hinweisen. Juden seien überall zugelassen, abgesehen vom Country Club. Im Bürgerkrieg stand Cadmus auf der Siegerseite, allerdings eher zufällig. Die Baumwollgrenze verlief ein paar Kilometer weiter östlich.  

In der kleinen Stadt war Jimmy ein großes Licht, bis ihm nach Verfehlungen im Spektrum zwischen unpassend & kriminell das Leben um die Ohren flog.

„Die junge Tochter eines Kollegen von der Bank. Ein paar herumfliegende Spesenquittungen. Geldsummen ohne Nachweis (allerdings später zurückgezahlt). Dann eine schockierende, unnötige einstweilige Verfügung. Er musste als Bürgermeister und in der Bank zurücktreten. Dass er Jude war, wurde natürlich erwähnt.“

Strategisch verstimmt

Jimmy floh vor seinen Richter*innen (die ihn ohne Gewaltenteilung sozial hinrichteten) erst nach New York und dann nach Maine. Er war komplett aufgeschmissen – ein zerfaserter Honoratior und kaputter Bürger.

Jemand, der das Spiel nicht kapiert. Für den Overdrive des Absturzes macht er seinen Unique Selling Point im bigotten Cadmus-Filz verantwortlich.

Ich sehe es anders. Jimmy ist wie mit Teflon beschichtet, solange er straight, tough & tight (sich) an der Familienseilschaft festhält. Die Seitenspringerei (Verführung ist die wahre Gewalt, Schiller) zerstört sein Gleichgewicht und macht ihn angreifbar. Jimmys Frau heiratet gleich wieder und bleibt dem Ex gegenüber strategisch verstimmt. Die Tochter ergeht sich in Vorwürfen. 

Genug davon. Jimmy pulst aus dem Bedeutungskokon. In Paris ist er einfach nur noch am Leben. Sein Flirt mit Nelli knistert kaum. Nellis häusliche Verhältnisse illustrieren orientalisch frisierten Reichtum. Damit hat der Freier nicht gerechnet. Wie gesagt. Bis eben hielt Jimmy Nelly für eine Hilfskraft, weil sie nicht auf seinen Capra-Vortrag ansprang.

Die Riemen ihrer Pumps „schmeicheln den Fesseln“. Sie gibt ihre Tochter Lana beim Samenspender ab, einem anscheinend immer glücklichen Kariben.

„Ihm schien einfach alles zu gefallen.“

Neben Sunny Man brilliert die „blonde Schwarze im Tigertrikot“.

Man versteht sich auf einer Partymeile der Allgemeinplätze. Kaum ist der Transfer geritzt, wirft sich Nelli dem ollen Ami an den Hals. Besonders glaubwürdig ist das nicht. Nelli küsst hart. Wie gepanzert prallt sie auf Jimmy. Sie will was erleben, sich frei fühlen.   

Follow the Force. Die expatriierten amerikanischen Geschäftsmänner leben wie aus allen Rohren geschossen. Inbrünstig verkörpern sie den republikanischen Traum. In ihrer Gegenwart erkennt Jimmy Green, dass seine Brustwarzen auf dem Boden schleifen. Der ehemalige Bürgermeister und Banker glaubt als unerkannter Bankrotteur in Paris noch einmal auftreten zu können. Ein Landsmann macht Jimmy handgreiflich klar, wo der Hammer für den Versprengten an der Seine hängt.  

„Aus den langen, goldgerahmten Fenstern der American Bar strahlte das Licht nach draußen auf die Général Leclerc.“

Das Lokal, ein „ordinärer und greller“ Kolossalschuppen voller betrunkener Amerikaner*innen, ist der Schauplatz des ersten Rendezvous von Nelli und Jimmy. Champagner, „der wie Essig schmeckt“, gibt es aufs Haus weil und wegen. Gerade vollzieht sich auf der anderen Seite des Atlantiks, wie man früher ständig sagte, um Europas verlorene Bedeutung unter den Teppich zu kehren und eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe vorzutäuschen, die zweiundfünfzigsten Wahl des Weltmächtigsten. Am 3. 11. 1992 kommt der Gouverneur von Arkansas William Jefferson Clinton als zweiundvierzigster Präsident ins Spiel. 

Nelli kennt Leute unter den Beißern, die ihre Hosenträger hochmütig schnalzen lassen. Der Verdruss über einen Demokraten auf dem Thron vermindert ihre Überheblichkeit nicht. Vom Suff derangiert, bestehen sie vehement auf ihre Vorsprünge. Sie bleiben die kostspielig Gepflegten. Jimmy ist bloß Zaungast des Schauspiels ihrer Aufwallungen. 

Die Master of the Universe leben wie aus allen Rohren geschossen. In ihrer Gegenwart erkennt Jimmy, dass seine Brustwarzen auf dem Boden schleifen. 

„Keiner sprach Französisch, nicht mal die Kellner.“

Fords Amerikaner in Paris wird von einem gut gekleideten Mann, der nicht größer und auch nicht schwerwiegend jünger ist, niedergestreckt. … Der Autor verkneift sich nicht den netten Schluss, in der eine schließlich doch noch zuvorkommende Französin an dem ausgesonderten Amerikaner genug Gefallen findet, um Jimmy mit sich selbst ins Reine zu bringen.  

„Sein verletzter Finger pochte, sein Kopf genauso. Noch ein Licht ging in der Wohnung an, in die er bald zurückmusste, als wäre eine Tür aufgezogen worden. Nelli stand da, in einem weißen Bademantel, Licht hinter ihr, und winkte ihn heran.“

Nellis „violette Augen“ haben schon viel gesehen. Ihre Zähne sind „unvollkommen“. Ford schildert die Erscheinung wie ein Auktionator. Er will den Leser täuschen, ihm etwas weismachen. In Wahrheit malt er Nelli so (anfassbar), damit sie für den alten weißen Jimmy, der an Stelle des Autors Richie geistig schon mal aufreitet, erreichbar wird. Er gestaltet den Gegensatz von Alt & Jung für sich erträglich. © Jamal Texas Tuschick

Postkoitale Zufriedenheit

Tom ist abgeflogen, Eileen hat den Tag für sich. In postkoitaler Zufriedenheit verzehrt sie „Tomaten mit Schmorkruste, durchgewärmt und obendrein süß. Die Würstchen knackig.“

Sie resümiert: „Alles sehr brauchbar. Die biedere, irgendwie englische Art von allem war passend für den Tagesanfang, sogar hier.“

Oldtimer der Lakonie

Richard Ford fährt im Oldtimer der Lakonie vor. Er agiert so spröde wie ein erfahrener Barkeeper, der seine Scherze dosiert und weiß, wie man die Anhänglichkeit von Alkoholikern unterläuft.

Richard Ford © Jamal Texas Tuschick

Gewissenssperre

Ford fährt im Oldtimer der Lakonie vor. Spröde wie ein erfahrener Barkeeper, der seine Scherze dosiert und weiß, wie man die Anhänglichkeit von Alkoholiker*innen smart unterläuft, offeriert er ein Dreieck aus zwei genehmigten Beziehungen und einem illegalen Verhältnis. Im Zentrum steht die geschiedene Mutter von zwei Kindern Eileen Lewis. Sie „frequentiert den guten Kerl“ James Bowen, einen in seiner Ursprungsumgebung melancholisch hängengebliebenen Fischer. James fällt es nicht schwer, die als Lehrerin mit einem größeren Herkunftsradius sozial über ihm rangierende Eileen zu verehren.

Besprechung von „Der freie Tag“

Richard Ford, „Irische Passagiere“, Erzählungen, aus dem Englischen von Frank Heibert, Hanser Berlin, 22,-

Vielleicht macht der einfache Mann es ihr zu leicht. Jedenfalls hindert Eileen keine Gewissenssperre daran, ihn mit dem Ingenieur Tom Magee zu betrügen, wenn auch nur (im Schnitt) vier Mal pro Jahr. Eileen und Tom kennen sich schon eine Ewigkeit. Nicht weniger lang kennt Eileen Toms Frau, die amerikanische Anwältin Marjorie Stearns, die von der Betrügerin als „Mannweib“ denunziert wird. Allerdings haben sich auch Marjorie und Eileen schon lebhaft geküsst. 

Die Geschichte spielt in und um Dublin. Eileen reist von sonst wo im (von ihr als trostlos wahrgenommen) Umland an, um Tom im Flughafenhotel Maldron zu treffen. Es gehe nicht um Sex, behauptet eine Instanz. Gleichzeitig nennt Eileen kein zweites Ziel im konkreten Zusammenhang mit der Begegnung. Betont wird allerdings die Bedeutung des folgenden Tages, an dem Eileen in Dublin eine seltene Freiheit genießt.  

Tom ist ein demonstrativ fitter Mitvierziger. Zeichen des Verfalls tüncht er mit dezentem Bodybuilding. Das spricht eine Bedürftigkeit an, die aus Zwangsvorstellung im Themenkreis der Unverwüstlichkeit kommen. Er fordert Eileens Leidenschaft heraus und bemüht sich selbst darum, leidenschaftlich zu wirken. 

Eileen rezipiert das so, als würden die Sexblitze nur Tom belichten; als habe sie unterschwellig ein Problem mit Toms BA*-Theatralik. 

Was mir gut gefällt: Ford und seine Akteurin erklären den freien Tag zur Hauptsache. Eileen erlebt eine Unbeschwertheit, die sie vor sich selbst verteidigt, sobald sie allein Dublin durchstreift. Sie memoriert Veränderungen im Erscheinungsbild der Stadt als persönliche Verluste. 

*BA - Best Ager

Die Geschichte spielt in und um Dublin. Eileen reist von sonst wo im (von ihr als trostlos wahrgenommen) Umland an, um Tom im Flughafenhotel Maldron zu treffen. Es gehe nicht um Sex, behauptet eine Instanz. Gleichzeitig nennt Eileen kein zweites Ziel im konkreten Zusammenhang mit der Begegnung. Betont wird allerdings die Bedeutung des folgenden Tages, an dem Eileen in Dublin eine seltene Freiheit genießt. © Jamal Texas Tuschick

Erotik als alter Hut

Nach dem Verlust der Töchter an irgendwelche ebenso instabilen wie irrelevanten Ehemänner verkaufte Mick das Haus, in dem er als Vater vom Beat zum Blues übergegangen war, verdoppelte sein Körpergewicht und halbierte das Übrige. Mit einer Gang abgehalfterter Schriftsteller, die nicht einmal mehr als Schatten ihrer selbst überzeugen konnten, spielte der in Amerika altgewordene Ire Karten bis in die Puppen.

Nichts zu verzollen - Rien à déclarer heißt eine 2010 von dem mitspielenden Dany Boon abgedrehte Komödie mit Benoît Poelvoorde in einer weiteren Hauptrolle. Nichts zu verzollen lautet der Auftakttitel in Richard Fords jüngstem Erzählband. 

Richard Ford, „Irische Passagiere“, Erzählungen, aus dem Englischen von Frank Heibert, Hanser Berlin, 22,-

Narratives Parfüm

Ford fokussiert seinen irischen Hintergrund. Seine Held*innen teilen mit ihm das Schicksal einer Migration, in der die Hauptkonflikte aus der europäischen Anglosphäre in Amerikas größte Arenen exportiert wurden. Gleichzeitig konzentriert sich der Autor auf eine „Exotik im Kleinformat“. Zuerst spielt er die Karte einer Nachmittagsszene mit einer flirtvirtuosen Akteurin im Schneiderkleid.

„Die schummrige alte Nachmittagsbastion mit der Karussellbar. Es war noch nicht voll.“

Ich schätze, die meisten erkennen das narrative Parfüm auf Anhieb. Man ist in New Orleans und hat im Monteleone eingecheckt. Bevor die grobmotorischen Nachahmer*innen des richtigen Settings die Party versauen können, trinken sich die Tresen-Champs schon mal warm.  

Erotik als alter Hut

„Ein flatternder Blick“ aus dem Sortiment des Zufalls erhält unversehens die Injektion einer Bedeutungsschwangerschaft. Im Grunde ist die Runde zu alt für solche Sperenzchen.

Ford schaltet eine Rückblende ein.

„Gute Entscheidungen ergeben nicht immer gute Geschichten“, erkennt Barbara auf dem implodierten Planeten einer Sexgemeinschaft mit Sandy McGuinness knapp vierzig Jahre vor der Sause in der Hotelbar. Man ist aus den Annehmlichkeiten des Mittelstandes zu einer rustikal-naturverbundenen Lebensweise übergegangen. Das ist ein Experiment zur Ermittlung der Persönlichkeitskerne. Nennen Sie es ruhig den Elchtest für die nicht ganz so hart gesottenen Pfadfinder*innen unter uns. Die Resultate lassen alles Mögliche zu wünschen übrig. Also trennt man sich in aller Unverbundenheit, um nun auf einem legendären Schauplatz die niemals zu biografischen Schlünden verkraterten Animositäten anzuspielen. Man schenkt sich kurz unfreundlich ein: Hostility-Shots.  

Dann versucht man es mit dem Gegenteil.   

Wollen Barbara und Sandy etwas nachholen oder auch nur auffrischen? Welche Bedeutung steckt in der Episode aufeinander gerichteter Hoffnungen?

Erotischer Highscore

Infight der Liebe

Auf der Suche nach einem Geschenk für seine Frau lässt sich der Anwalt Mitch von der Maklerin und Anwaltsgattin Betsy Häuser zeigen. Aus der Halbdistanz einer Geschäftsverbindung gehen Mitch und Betsy zum Infight der Liebe über. 

Zu „Aufbruch nach Kenosha“  

Unverhofft kommt oft. Es gab mal Betsy und Walter Hobbes als Ehepaar. Jetzt trifft Walter nur noch seine Tochter Louise, während Betsy ihren erotischen Highscore mit Mitch Daigle erreicht.

Das kennt man. Die Ehe wird in einem (vom Stress des Aufbaus und der Ahnungslosigkeit hervorgerufenen) Zustand metabolischer Keuschheit absolviert. Dann kommt so ein Mitch um die Ecke und lädt zur High Grey Party ein. Die infantile Gesellschaft feiert sich selbst mit „perfekten Mojitos … fetten Joints“ und faden Garnelen. Nur die Gewürze liefern Geschmack. Das Krebsfleisch könnte man direkt weglassen.

Manchmal trifft Walter Mitchs Aufgegebene im Supermarkt. Genüsslich bemerkt er Verfallserscheinungen bei der Düpierten.

Hasty war mal „Miss Dingsdabumsda an der University of Alabama in Birmingham gewesen, kastanienbraunes Haar, rauchige Stimme, aber jetzt, am Anfang ihrer mittleren Jahre, war sie füllig und bissig geworden.“

Souverän nachlassen

Ford skizziert einen Unterschied, der alle interessiert. Für Walter ergibt sich aus der Trennung von Betsy keine Deklassierung. Er war ein verheirateter Junggeselle. Jetzt ist er ein geschiedener Junggeselle. Hasty aber verödet als aufgegebene, im Keller der Gleichgültigkeit verstaubende Trophäe. Nur noch als Trostpreis in einem Bratkartoffelverhältnis kann sie Relevanz gewinnen.

So schildert es Ford. Als schreibender Dinosaurier baut er einen obsoleten Rahmen für die Konstellationen. Seine Akteure sind Mittelstandssieger, an denen der Zeitzahn nagt. In ihren ersten Durchgängen haben sie alles richtig gemacht. Jetzt lassen sie souverän nach. Ihnen reicht in jedem Fall ihr Riss. Deshalb schauen sie gelassen dem Treiben in der Arena zu, wo sich Jahr für Jahr neue Protagonisten profilieren. Alle treibt der Wunsch & Wille, sich durchzusetzen und reich zu werden.

Ich gendere die Sequenz nicht, weil Ford eine altmodische Rollenverteilung perpetuiert. Das Kapital der Frauen ist ihre Schönheit. Der alte Autor geht davon selbstverständlich aus. Niemand hat ihn im Ächtungsweg aufgeklärt. Kein Hashtag verfolgt ihn als reaktionären Antifeministen mit einer zur Schau gestellten Amerikaliebe.

An ihm geht der Kelch vorbei; so wie ja auch im AvivA Verlag die rassistische Zwanzigerjahre-Autorin Alma M. Karlin als feministische Ikone ins kollektive Gedächtnis zurückgeführt wird, ohne Empörung zu produzieren. Siehe.

Same same but different, oder, so sagt es mein Vater: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.   

Die ehemalige Schönheitskönigin Hasty macht der Verlust des Ehemanns zum wehrlosen Biest. Walter moussiert im Vita Contemplativa-Modus. Er hat seinen Schnitt gemacht. Er bleibt mit sich im Reinen, auch wenn ihn andere überflügeln.

Seiner Tochter erklärt Walter, wo Kenosha liegt. (Wir reden über „Aufbruch nach Kenosha“.) Der Erklärer hat mal in der Nähe von Kenosha Jura gelehrt. Die Statusmeldungen tropfen wie ein lecker Hahn und sickern ein. Alle paar Minuten löst sich eine Bedeutungsperle.

Nach Kenosha zieht Louises Schwarze Freundin. Das Schwarzsein füllt das Schülerinnen-Verhältnis ganz aus. Wieder und wieder wittern die Agenten des Autors wie mit unzuverlässigen Hundeschnauzen über dem problematischen Untergrund der Beziehung. Problematisch wird die Nenn-Freundschaft allein im sozialen Gefälle. Ford präsentiert eine antike Herr-und-Knecht-Figuration in einer vorgeblich zeitgemäßen Fassung.  

Ford framt falsch. 

Holyhead ... Sie begegnen sich so touristisch-infantil wie es nur geht auf einer Fähre, die eine Verbindung zwischen dem walisischen Holyhead in der Grafschaft Anglesey und Dublin aufrechterhält. Der Betrieb gehört zum Alltag der meisten Passagiere. Richard Ford beschreibt die routinierten Typen, so dass der Archetypus durchscheint. Er betont das Ursprüngliche, versäumt es aber mit voller Absicht (nehme ich an), daran zu erinnern, dass Leute schon vor viertausend Jahren diese Wasserstraße zum Inselhopping nutzten. Holyhead war in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung ein Ankerzentrum des romanischen Britanniens und fungiert nun auch in Fords Geschichte „Überfahrt“ als Sehenswürdigkeit für Amerikaner, die zwar stolz ihre europäischen Wurzeln zupfen, das europäische Programm jedoch creepy finden. © Jamal Texas Tuschick

Vietnamesischer Kongo

Mein erster Richard Ford war „Verdammtes Glück“. Als ich den Roman zum ersten Mal las, wirkte Literatur auf mich noch so unmittelbar wie Musik. Ich las und hörte mich satt. Ich glaubte, Ford, der damals in Deutschland kaum bekannt war, schreibe Joseph Conrad fort. Ich war nicht der einzige, der Conrads Herz der Finsternis und Célines Reise ans Ende der Nacht für die Außenlinien des Spielfeldes hielten. Eben gab sich die Tatsache zu erkennen, dass ich an die Geschichte, die Ford in „Verdammtes Glück“ erzählt, Jahrzehnte überhaupt keine Erinnerung hatte. Gemerkt habe ich mir etwas ganz anderes; auf dem Sockel der Ford’schen Fiktion immerhin Fußendem. Meine Version saugt an Apocalypse Now. Lange befuhren alle meine Held*innen einen vietnamesischen Kongo; selbst wenn ich sie in Brandenburg bloß aufs Rad setzte.