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09.12.2020, Jamal Tuschick

Von Thomas Hackl

Willy Brandt - Arbeiterkind, Widerstandskämpfer, Bundeskanzler

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Willy Brandt wurde 18. Dezember 1913 in Lübeck, Deutschland als Herbert Ernst Karl Frahm geboren. Den Namen Willy Brandt nahm er erst im Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft an. Er selbst bezeichnete seinen neuen Namen als „Allerweltnamen“ ohne große Bedeutung.

Die Mutter Brandts, Martha Frahm war Verkäuferin im Einzelhandel und unverheiratet. Ein uneheliches Kind zu sein, galt damals als großer Makel und wurde von Brandts politischen Gegner zeit seines Lebens gegen ihn verwendet. Seinen Vater lernte Willy Brandt nie kennen.

Den Großteil seiner Kindheit und Jugend verbrachte Brandt nicht in Obhut seiner Mutter, sondern in der seines Stiefgroßvaters Ludwig Frahm. Nach Abschluss seiner Schulausbildung begann Brandt in einem Schifffahrtsunternehmen zu arbeiten. Schon während seiner Schulzeit war Brandt auch journalistisch tätig.

WILLY BRANDTS EINTRITT IN DIE SOZIALDEMOKRATIE

Bereits mit 15 Jahren trat Brandt der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) bei, ein Jahr später der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Innerhalb der Partei gehörte er dem linken Flügel an und kritisierte die Mutlosigkeit der SPD gegenüber den konservativen Regierungen der Zwischenkriegszeit und dem Aufstieg der Nationalsozialisten. Nach der Machtübernahme Hitlers wurden alle sozialistischen Organisationen verboten. Brandt ging zuerst in den politischen Untergrund und dann ins Exil nach Norwegen.

DIE JAHRE IM EXIL

Nach der gelungenen Flucht ins norwegische Exil betreute Brandt dort das Exil-Büro der sozialistischen Jugend Deutschlands und war außerdem als Journalist tätig. Mit norwegischen Papieren und dem Decknamen Gunnar Gaasland reiste Brandt aber wieder nach Nazi-Deutschland ein, um den Kontakt zwischen der sozialistischen Bewegung im Untergrund und im Exil zu stärken. Auch im spanischen Bürgerkrieg war er als Berichterstatter tätig und unterstützte die spanischen Republikaner im Kampf gegen General Franco und seine faschistische Bewegung.

Als die Nazis Norwegen besetzten, gelang Brandt die Flucht in das neutrale Schweden. Dort setzte er seine politische und journalistische Arbeit fort. Im schwedischen Exil lernte er außerdem den späteren österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky kennen. Brandt und Kreisky verband eine lebenslange Freundschaft. Gemeinsam verfassten sie im Exil das Pamphlet „Friedensziele der demokratischen Sozialisten“, einer demokratischen und sozialen Nachkriegsordnung für Europa, die von den beiden Freunden später in die Tat umgesetzt wurde.

RÜCKKEHR NACH DEUTSCHLAND

Nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur kehrte Brandt nach Deutschland zurück. Er berichtete zuerst von den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg und ging dann als Presseattaché zur norwegischen Militärmission nach Berlin.

1949 wurde Willy Brandt für die SPD in den Deutschen Bundestag gewählt. Sein Mandat hielt er bis zu seinem Lebensende. Ein Jahr nach dem Einzug in den Bundestag zog er auch in das Berliner Abgeordnetenhaus ein. 1955 wurde er zum Bürgermeister Berlins gewählt.

Seine Zeit als Bürgermeister war durch die zunehmenden Spannungen des Kalten Kriegs geprägt, besonders dem Bau der Berliner Mauer. Anders als andere deutsche Politiker setzte sich Brandt vehement gegen den Bau der Mauer ein. Er interveniert sogar bei US-Präsident John F. Kennedy, von dem er sich Unterstützung für eine Entspannungspolitik zwischen Ost und West erwartete. Kennedy enttäuschte diese Erwartungen, doch wegen seiner deeskalierenden Position in der Berlin-Krise gewinnt Brandt zunehmend Unterstützung in der deutschen Bevölkerung. 

DAS ARBEITERKIND WIRD ZUM BUNDESKANZLER

Ähnlich wie sein Freund und Weggefährte Kreisky kam Willy Brandt über seine Position als Außenminister ins Bundeskanzleramt. 1966 wird Brand Vizekanzler und Außenminister in der Großen Koalition zwischen CDU/CSU und der SPD. Bei der Bundestagswahl drei Jahre später wird die SPD zwar nicht stimmenstärkste Partei, kann jedoch über 3 Prozent dazugewinnen. Gegen parteiinternen Widerstand beschließt Brandt, die große Koalition nicht fortzuführen, sondern mit der FPD eine sozial-liberale Koalition einzugehen. Dieser Koalition wird das Arbeiterkind Willy Brandt bis 1974 als Bundeskanzler vorstehen. Das sozial-liberale Projekt bleibt eng mit seiner Biographie verbunden. 

Diese sozial-liberale Koalition basierte vor allem zwei Stoßrichtungen: Innenpolitisch eine Demokratisierung und Modernisierung der deutschen Gesellschaft unter dem Leitsatz „Mehr Demokratie wagen!“ und außenpolitisch eine Beruhigung des West-Ost-Konflikts unter der Devise „Wandel durch Annäherung“.

MEHR DEMOKRATIE WAGEN

Mit Brandts Regierung trat eine Aufbruchsstimmung ein, die dem innenpolitischen Stillstand der Nachkriegszeit beenden sollte. Eine wichtige Maßnahme der sozial-liberalen Koalition war etwa die Reformierung des Betriebsverfassungsgesetzes, das für mehr Mitsprache in den Betrieben sorgte. Die Regierung Brandt sorgte auch für mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und führte erstmals finanzielle Unterstützungen für Studierende aus einkommensschwachen Familien ein, inspiriert durch seine eigene Biographie. Die Koalition leistete auch im Umweltbereich Pionierarbeit und schuf die erste umweltpolitische Bundesbehörde.

WANDEL DURCH ANNÄHERUNG

In der Außenpolitik setzte die sozial-liberale Koalition auf eine Beruhigung des West-Ost-Konflikts und eine Normalisierung der Beziehungen zu den Ländern des Ostblocks. Willy Brandt führte 1970 als erster Bundeskanzler Westdeutschlands ein offizielles Gespräch mit einem Politiker der DDR. Auch mit der Sowjetunion betrieb Brandt eine Politik der Entspannung. Am meisten internationales Aufsehen erreichte die Ostpolitik von Willy Brandt jedoch durch den historischen Kniefall von Warschau. Am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos fiel der deutsche Bundeskanzler auf als Knie, als Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. 

Diese Politik der Annäherung brachte der Koalition jedoch viel Kritik ein. Mehrere Abgeordnete der SPD und FPD wechselten zur CDU/CSU. Brandt konnte jedoch die Koalition zusammenhalten.

BRUNO KREISKY, OLOF PALME UND WILLY BRANDT

Gemeinsam mit Bruno Kreisky und dem schwedischen Sozialdemokraten Olof Palme, der später auch Regierungschef werden sollte, reaktivierte Brandt die Sozialistische Internationale, durch welche die drei Freunde die sozialdemokratische Nachkriegsordnung prägen. Ihre Arbeit basierte auf den „Friedenszielen der demokratischen Sozialisten“, die sie bereits während des Zweiten Weltkriegs erarbeiteten.  

Neben dem Aufbau des modernen Sozialstaats unterstütze die Sozialistische Internationale Länder wie Portugal und Spanien beim Übergang von Diktatur zu Demokratie genauso wie antikoloniale Bewegung in ihrem Freiheitskampf. Auch Friedensvermittlung stand im Zentrum der Arbeit der Weggefährten. So führte Brandt zusammen mit Kreisky Vermittlergespräche zwischen israelischer und palästinensischer Führung ebenso wie Verhandlungen zwischen dem Ost- und Westblock im Kalten Krieg. Für seine Ostpolitik erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis.

ENDE DER „ÄRA WILLY BRANDT“

Willy Brandt tritt am 6. Mai 1974 von seinem Amt als Bundeskanzler zurück. Der Grund ist die sogenannte Guillaume-Affäre. Günter Guillaume war ein enger Berater von Brandt, der als DDR-Agent enttarnt wurde. Bereits seit Längerem gab es Vorwürfe, dass Guillaume für die DDR arbeiteten würde. Brandt tat diese Vorwürfe immer als Verleumdungen ab, die den Ursprung in der ostdeutschen Herkunft Guillaumes hätten. Brandt wurde selbst aufgrund seiner Zeit im Exil und seiner sozialen Herkunft von politischen Gegnern attackiert. Als sich die Vorwürfe gegen Guillaume bewahrheiteten, übernahm Brandt dafür die volle Verantwortung.  

Das dürfte jedoch nicht der einzige Grund für Brandts Rücktritt gewesen sein. Aufgrund der Ölkrise kam es zu wirtschaftlichen Problemen und steigender Arbeitslosigkeit. Auch innerhalb der Partei gab es Kritik an Brandt, der oft als abgehoben gesehen wurde. Viele innerhalb der SPD befürchteten, dass die Partei die nächste Wahl mit Willy Brandt als Spitzenkandidaten nicht gewinnen würde.

Nach seinem Rücktritt wurde Helmut Schmidt Bundeskanzler, der die sozialliberale Koalition Brandts weiterführte. Brandt blieb jedoch bis 1987 Vorsitzender der SPD. Sein Mandat im Bundestag hielt Willy Brandt bis zu seinem Tod 1992 inne.

Der Beitrag erschien zuerst auf Kontrast.at        

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