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09.12.2020, Jamal Tuschick

Magischer Aufbruch

Obama erlebt sich selbst als Vision. 

„An dem Tag, an dem ich die rechte Hand hebe und den Amtseid ablege, (wird die Welt) die Vereinigten Staaten mit anderen Augen betrachten.“

Präsidentin & Präsident © Pete Souza/White House

In der Retrospektive erscheint Obama die Phase der Nominierungswettkämpfe als magischer Aufbruch. Die Akteure im Operationszentrum ahnen vor allen anderen, dass ihr Mann „die Sterne vom Himmel holen“ wird. Vor allem jedoch, so Obama, sei es um die Entdeckung einer tiefen amerikanischen Wahrheit gegangen. Während der Autor sich das Aroma seiner Sendung in ihrer Keimzeit noch einmal auf der Zunge zergehen lässt, appelliert er an seine Leser*innen, doch bitte nicht zu glauben, der Erfolg sei vorbestimmt gewesen und von den Augur*innen prophezeit worden. 

Der Erfolg sei das Produkt harter Arbeit gewesen.

Barack Obama, „Ein verheißenes Land“, auf Deutsch von Sylvia Bieker, Harriet Fricke, Stephan Gebauer, Stephan Kleiner, Elke Link, Thorsten Schmidt, Henriette Zeltner-Shane, Penguin Verlag, 42,- 

Siege verschenkt man nicht

Obamas Body Men (Mädchen für alles) vereint die Liebe zum Sport und zu Schwarzer Musik.

„Reggie half mir, eine Hip-Hop-Playlist zu aktualisieren.“

Der Kandidat hält seine Form auf verschlissenen Hotellaufbändern und heruntergekommenen Schulspielfeldern. Gemeinsam mit den Buddys stellt er Sportstätten in verschlafenen Nestern auf den Kopf, einmal auch im Basketballduell gegen sympathisierende Feuerwehrleute. Obama will die jungen Hinterwelt-Demokraten wahltaktisch gewinnen lassen. Aber die Athleten aus dem Wahlkämpfer*innenteam suchen die Herausforderung mit allen Mitteln. Siege verschenkt man nicht.

Obama macht an der Stelle kein Fass auf. Doch scheint er einen Impuls aufgenommen zu haben … eine weiterführende Idee, die es dem von ihr Gestreiften nicht mehr erlaubt, andere so hinters Licht zu führen, dass sie fürderhin im Dunklen tappen.

Obama verhehlt seine Anfängerfehler nicht. Bei einer Diskussion über das Gesundheitswesen in Las Vegas spielt Hillary Clinton ihren Erfahrungsvorsprung demonstrativ-revanchistisch aus. Sie überflügelt den Rivalen aus den eigenen Reihen.

„Nimm das, Anfänger!“

In der Nachbesprechung offenbart der Düpierte seine Ahnungslosigkeit. Er habe doch nur versucht, die Fragen der Moderatorin zu beantworten. Der Couch erkennt genau darin das Problem.

Die Zuschauer*innen erwarten keine Fachfragenkompetenz. Sie wärmen oder reiben sich an Stil und Aura. Sie interessieren sich für die Beziehungen, die sich zwischen ihnen und den Kandidat*innen auf der Basis von (das Große und Ganze in Bausch und Bogen auffassenden) Botschaften ergeben. 

Mitfühlende Politik

„Träum weiter, Barack.“

So endet fast jedes Wortgefecht mit Kommilitonen. Die Engagierten bestreiten, dass sich eine progressive Person mit Amerika identifizieren kann. Man haut dem Idealisten US-Invasionsschlagzeilen um die Ohren. Es hagelt Einwände gegen eine positive Wahrnehmung der Vereinigten Staaten.

1983 endet für Obama die Schonfrist an der Columbia. Das richtige Leben verträgt selten große Ideen, so sagt es der Resümierende. Obama wird Community Organizer in Chicago. Sein Genie verliert sich im Detail. Er räumt Parks auf, organisiert „die Entfernung von Asbest aus Sozialwohnungskomplexen“ und richtet ein Nachmittagsprogramm für Schulkinder ein.

Er kooperiert mit zwei Klassikern: der alleinerziehenden Mutter und dem „irischen Priester, der die Türen seiner Kirche jeden Abend öffnete, damit die Kids … eine Alternative zu den Gangs hatten“.

„Ich kassierte so viele Abfuhren und Beleidigungen, dass ich irgendwann die Furcht vor ihnen verlor.“

Als Sozialarbeiter brennt Obama im Fegefeuer der Bürokratie. Ständig begegnen ihm Akteure, die Dinge verändern können, es aber nicht tun. Das frustriert den geborenen Macher.

„Was wir brauchten, war die Macht Gelder zu verteilen.“

Obama nimmt Maß am Bürgermeister von Chicago. Harold Washington setzte sich mit einer Graswurzler-Kampagne gegen seine Rivalen durch. Er verbesserte die Situation der Unterprivilegierten unter schwierigsten Bedingungen. Sein Stil zeigte beides: Grenzen und Chancen mitfühlender Politik.

Obama will eingreifen und ausgleichen: zu Gunsten jener, die nie zuvor Nutznießer*innen struktureller Begünstigung waren.

Zug – Gegenzug

Nun stoßen wir wieder auf das Phänomen koinzidierender Kräfte. Obama erinnert daran, dass Washington mit seinem Programm Bevölkerungsgruppen ansprach, die nie zuvor an einer Wahl teilgenommen hatten. Sie existierten in gesellschaftlichen Räumen, die auf die lieblosteste Weise unter Wohlfahrtsgesichtspunkten von weißen Entscheidungsträger*innen betrachtet worden war. Sie gehörten schlicht und ergreifend nicht zu Ansprüche formulierenden Teilnehmer*innen am öffentlichen Verkehr. Vielmehr unterlagen sie einer staatlichen Mündelwirtschaft, die ihnen gar nicht gerecht werden sollte.   

Die neuen Parteigänger*innen waren lange als Gegenständen von soziologischen und administrativen Betrachtungen denunziert worden. Nun traten sie zum ersten Mal aus ihrer Objektverhaftung in Partizipationsprozesse ein. Und siehe da, sie waren die Mehrheit. Auf die nun Washington zugriff.

So bekamen die Bedürfnisse der Armen zum ersten Mal eine potente politische Agenda.  

Nach diesem Muster wird Obama Präsident werden. Doch noch sind wir nicht so weit. Erst einmal immatrikuliert sich Obama an der Harvard Law School. Während er seine Skills verbessert, beobachtet er, wie die Superenergie der Wähler*innenmobilisierung, die Washington zum Bürgermeister gemacht hat, „verpufft“, weil es für sie kein Reservoir der Nachhaltigkeit gibt. Der Entladungskraft fehlt ein Transformationsboden.

Smart bis zum Abwinken

Obama begegnet Michelle Lavaughn Robinson. Sie ist „unglaublich smart“. Mit fünfundzwanzig firmiert sie bereits als Associate in der Kanzlei Sidley & Austin.

“Her buffed walnut desk. Her view from the 47th floor overlooking Lake Michigan. Recruiting law students. The money.“ Quelle

Michelle nimmt das Greenhorn unter ihre Fittiche. Sie führt Obama zum Kopierer und zum Mittagstisch. Sie verführt ihn allein mit der Bereitschaft, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken als es die Professionalität gebietet.  

Michelle wiegt sich in seiner Unbedingtheit und dreht Schleifen aus seinen Widersprüchen. Alles ist einerseits und andererseits. Einerseits will Obama einen Wandel im System. Andererseits kämpft er gegen das System. Einerseits will er in die Politik gehen. Andererseits will er kein Politiker sein.

Als „Kind der South Side“ von Chicago ist Not für Michelle stets „nur eine Entlassung, nur eine Schießerei entfernt“. Allein die Familie macht sie zur Löwin. Obama kann sich darauf verlassen, dass Michelle ihm den Rücken stärkt. 

Die beiden sind groß genug, um „den toten Winkel des anderen im Blick zu behalten … Wir konnten ein Team sein.“

Die Siegeragenda eines Verlierers

„Ideen bedeuten stets mehr als Schlachten.“ Charles Sumner

President Obama sings "Sweet Home Chicago"

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Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Irgendwann steigt er zum letzten Mal mit der Air Force One auf. Michelle ist bei ihm, die Stimmung „bittersüß“. Das Paar erlebt sich im Downflow einer energetischen Baisse.

Obama fühlt sich abgespannt und ausgelaugt. Sein Nachfolger erscheint wie die Fleisch gewordene Verhöhnung all dessen, wofür der scheidende Präsident steht.

Auf der Siegeragenda des Verlierers steht loslassen, ausschlafen, uferlos frühstücken und endlich aufhören, in der eigenen Frau vor allem eine Gefährtin im Kampf und bei der Arbeit zu sehen.

Michelle und Barack unternehmen „lange Spaziergänge“. Sie schwimmen im Meer und ziehen Bilanz.

„Wir … entdeckten unsere Liebe neu.“

Sehr schön. Zugleich strebt Obama ein Resümee an. Er listet seine Gewinne unter den Titel:

Du musst dich einer Sache verschreiben, die größer ist als du es bist.  

Nur dann kommt der Rock’n’Roll auch zu dir nach Hause. Obama bewundert, was ihm auf Anhieb nicht gelingt: die Knappheit von Lincolns Gettysburg Adress. Viele Zeitgenossen fanden die Rede vom 19. November 1863 anlässlich der Einweihung des Soldatenfriedhofs auf dem Schlachtfeld von Gettysburg haarsträubend unangebracht. Lincoln selbst bezweifelte die positive Aufnahme. Ein Freund aber stellte zeitnah fest:

„Diese Rede, gehalten auf dem Schlachtfeld von Gettysburg und nun geheiligt durch den Märtyrertod ihres Autors, ist eine monumentale Tat. In seiner bescheidenen Art sagte er: ‚Die Welt wird wenig Notiz davon nehmen, noch sich lange an das erinnern, was wir hier sagen, aber sie kann niemals vergessen, was jene hier taten.‘ Er hat sich geirrt. Die Welt nahm sofort Notiz von dem, was er sagte, und sie wird es nie vergessen. Die Schlacht selbst war nicht so wichtig wie die Rede. Ideen bedeuten stets mehr als Schlachten.“ Charles Sumner

Amerika am Abgrund

Obama fliegt eine Gedankenschleife, bevor er zum letzten Flug in der präsidialen Powerblase zurückkehrt. Er skizziert die Lässigkeit in großer Höhe. Lachend spielte man mit den Insignien der Macht unter Ausschluss von allem Unbefugten. Der innerste Kreis, die größte Kraft, der geringste Pomp. Solchen heimlichen Ableitungen nimmt der Autor den Schleier. Er lädt seine Leser*innen zum Schlüssellochblick auf den Glanz vergoldeter Kloschüsseln ein. Dies unter den Vorzeichen der globalen Pandemie, die eben auch das Gleichgewicht der amerikanischen Nation bedroht. Er bedenkt die Corona-Toten, die geschlossenen Geschäfte, die Arbeitslosen … den Schwarzen Widerstand gegen rassistische Polizeigewalt. Er sieht die grundlegenden Übereinkünfte in Frage gestellt.   

Er beschreibt eine Verfassungskrise, die nicht neu ist. Vielmehr definiert sie das amerikanische Gedächtnis. Die Proklamation der Gleichheit aller Menschen in einer Sklavenhaltergesellschaft ist der US-amerikanische Grundwiderspruch. Obama zieht die Linie von Appomattox* zu einer Brücke in Selma**.

*Robert E. Lee kapituliert 1865 vor Ulysses S. Grant bei Appomattox.

**„Wir können jemanden jederzeit unwiderruflich ausschalten.“ J. Edgar Hoover im Oval Office-Gespräch mit Lyndon B. Johnson

Montgomery, Alabama, 1955. Die Afroamerikanerin Rosa Parks weigert sich, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen. Das führt zu ihrer Festnahme und einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startet das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung ist die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta, wird 1964 Friedensnobelpreisträger. Mit Mitteln der Bürokratie und der Bedrohung hält das weiße Establishment die Schwarze Bevölkerung von Rechten ab, die von der Verfassung garantiert werden. 1965 konzentriert sich der gewaltfreie Protest auf Selma, Alabama. Hier wurden in der Vergangenheit Versuche afroamerikanischer Bürger, sich als Wähler registrieren zu lassen, von Amts wegen besonders fintenreich obstruiert. Der große weiße Mann vor Ort ist Sheriff Jim Clark – ein Gewalttäter in Uniform und ein Bruder im Geiste von FBI-Chef J. Edgar Hoover.

Ovid sagt: Was nur aus Furcht vor Schande vermieden wird, ist schon getan. Eine Verfassung ohne trügerische Zugaben gibt es nicht, so Seneca. Um den Missstand zu überspielen, setzt man dem Mysterienspiel vom Ursprung alles zu, was ein einnehmender Prospekt braucht. Mit verdummenden Erzählungen und Verlegungen grundgesetzgebender Versammlungen in den Himmel lassen sich geduldige Gläubiger erziehen. Jeder Staat hält wenigstens einen Gott an der Spitze. Weiß der Staat nicht weiter, bemüht er seinen Gott (seine Götter). Cicero: Da bemühen die Tragiker ihre Götter, wo sie den Knoten nicht selbst lösen können.

Marschbefehl der Moderne

„Man muss in der Welt, aber nicht von der Welt sein.“ Michel Houellebecq

Houellebecq weist darauf hin, dass weder China noch Indien militärimperialistische Staaten sind. Auch wenn die asiatischen Tiger*innen Amerika demnächst deklassiert haben werden, macht sie das noch nicht zu Römer*innen, die ihr Heil im Krieg suchen.

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Die Schlachtfelder der Veränderungen bevölkern „Gewerkschaftsmitglieder, Frauenrechtler*innen, Schlafwagenschaffner*innen (und) LGBTQ-Aktivist*innen“. Oft haben sie nicht mehr als „ein Paar feste Schuhe“ und ein Stück labbrige Pappe. Doch im Kern ihres Kampfes arbeitet der stärkste Motor. Sein Treibstoff ist die Frage:

„Haben wir ein Interesse daran, die amerikanische Realität mit den Idealen des Landes in Einklang zu bringen?“

Obama widerspricht jenen, die es an der Zeit finden, den „Mythos zu entsorgen“; die glauben, der amerikanische Traum sei zu Ende geträumt. Sie konkurrieren mit jenen, die in der großen Verheißung immer schon Blendwerk und Missverständnisse zu sehen geneigt waren. Stattdessen sprechen sie von einem „rassistischen Kastensystem und Raubtierkapitalismus“. Interessanterweise integriert Obama die Pandemie in seine Idee von einem Marschbefehl der Moderne, nach dem „Gesellschaften (in einer Welt mit „globalen Lieferketten, verzögerungsfreiem Kapitaltransfer und transnationalen Terrorismusnetzwerken“) zwangsläufig kollidieren“.

Hawaiianisches Schlendern

Er nimmt seine Leser*innen mit in die Räume des Weißen Hauses. Obama verrät eine Vorliebe für den „westlichen Säulengang“. Der tägliche Weg ins Büro war ein Walk of Fame & Freedom „an der frischen Luft“, als einer Generalanzeigerin der Normalität „zwischen der ersten Böe des Winterwindes (und dem) ersten Pulsieren der Sommerhitze“. Der Weg führte solange direkt zum Pferdestall, bis Teddy Roosevelts Gestaltungskraft das architektonische First-Family-Ensemble neu definierte.    

Der Autor beschreibt seinen Schritt, eine Charakterisierung seiner Frau übernehmend, als „hawaiianisches Schlendern“.

Der Autor beschreibt seinen Schritt, eine Charakterisierung seiner Frau übernehmend, als „hawaiianisches Schlendern“. Er schlendert dann zu seiner hawaiianischen Kindheit mit erstaunlich hellsichtig ihre Ressourcen bewirtschaftenden Großeltern auf beiden Seiten. Das sind Leute mit einem moralischen Kompass. Schließt der Bürgermeister eines Opas Lieblingskneipe, gibt es kein Verzeihen zu Lebzeiten.

Obama schildert sich als „lustlosen Schüler und leidenschaftlichen Basketballer mit bescheidenem Talent“. Man könnte das als unerwiderte Liebe bezeichnen.

Obama findet Freunde fürs Leben. Ich nenne nur Bobby, Greg und Mike. Man lacht immer noch „stundenlang“ miteinander, weil man so normal geblieben ist; so sehr auf Teppich; so gut geerdet von der großmütterlichen Redlichkeit im Doppelpack.

Bleibt der abwesende Vater als Dauerlücke im Lebenslauf.

Das amerikanische Versprechen

Langsames Ich

„Eleven p.m. on the East Coast. We are back on the air and we have news. There will be young children in the White House for the first time since Kennedy’s Generation.”

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„I love this man. He changed my life. He made more happened in the last eight years than ...“

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Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung erkannte die Weisheit Chinas die hemmende Wirkung des Ich-Bewusstseins. Das Studium der Tiere lehrte sie, dass die Diktatur der Natur die Geburt des Ichs aus den Tümpeln des Bewusstseins an einen Nachteil knüpft.

Das Ich macht uns langsam in der Konsequenz einer Entfremdung, die andere Tiere nicht erfahren. Die antiken Physiotherapeut*innen erkannten die optimierte Effektivität der Ichlosen. Das Defizit griffen sie mit Gymnastik (Dǎoyǐn) an. Sie kultivierten Exerzitien, die auf Nachahmungen tierischer Bewegungsbilder basierten (Qínxì). Denken Sie an White Crane und Snake Moves.

Heute sprechen wir von Smart, Magic & Internal Force zur Beschreibung des Glanzes, der leider alles ist, was wir wahrnehmen, wenn sich jemand nur noch als Silberstreif am Horizont betrachten lässt. Obama gibt der Smartness ihr aktuelles Gesicht. Wie Obelix muss er für seine smoothe Art nicht trainieren. Als Kind durchschwamm er ein Fass voller Zaubertrank. Zumindest deutet einiges darauf hin. Obama wurde in Honolulu geboren. Er verbrachte viel Zeit in der Aura einer weisen Großmutter, die das Interesse des Enkels an Literatur förderte; dies im Verein mit Surfen, Basketball spielen und in Omas „altem Ford Granada“ Bier trinken. Also herrlich.

Das amerikanische Versprechen/Ignorante Wahrnehmung

Obama liest Marx und Marcuse, um einer „langbeinigen Sozialistin“, und Fanon & Gwendolyn Brooks, um einer „zarthäutigen Soziologiestudentin“ zu imponieren. Er ist einer von uns auf jeder Seite seiner sonnenbeschienenen Jugend.  

Obama zieht Bahnen, wo andere planschen.

Er strukturiert sein Leben wie ein Arbeitsfeld. Er optimiert sich auf jedem Meter. Er begreift den Wert der Differenzierungsgenauigkeit. Ja, Rassismus ist ein amerikanisches Gesellschaftsmerkmal. Trotzdem sind nicht alle Weißen Rassist*innen. Ja, Patriotismus gehört zu Obamas Familienerbe, aber in einer Transformation der „heiligen Pflicht … in ein schönes Ritual“. Mich erinnert die Drehung an Houellebecqs merkwürdiges Wort von den nicht religiösen Katholiken. Das klingt erst einmal wie eine Unmöglichkeit. 

Ein Großvater zählt sich zu Pattons Männern, spielt das innere Ehraufkommen aber herunter, indem er die Verpflegung „widerlich“ nennt.

„Und doch war der Stolz, Amerikaner zu sein, und der Gedanke, dass Amerika das beste Land der Welt sei, immer fest in uns allen verankert.“

Es geht um das amerikanische Versprechen, das wir Westdeutschen schließlich auch vernommen haben. In Tocquevilles ignoranter Wahrnehmung war Amerika das Land von Whitman und Thoreau, in dem kein Mensch unter oder über dem anderen stand. Obama liefert eine Liste seiner Held*innen ab: von Lincoln bis Dylan und King. Er zieht sich selbst in die Klammer:

„Ein Amerika, das mich erklären konnte.“

Well, das heißt, Obama lebt in seinem Land so wie man in seinem Bett mal über und mal unter der Decke spielt. Mehr Zuhause geht nicht.

Politik und Anstand

Barack Obama „fühlt sich aus den Angeln gehoben“. Er lehnt sich zurück, zündet sich eine Zigarette an … auf seinem Weg in den Senat von Illinois. Zum ersten Mal hat er Konkurrent*innen aus dem eigenen Lager aus dem Wettbewerb „gekegelt“.

„Die anständigere Form von Politik … muss erst einmal warten.“

Woah. Hätten Sie das für möglich gehalten? Dass sich Barack Obama zu einem Mangel an Anstand bekennt? Da kommt noch was:

„Auch wenn ich am liebsten fair spiele, verliere ich doch nur ungern.“ 

Michelle & Barack - die beiden Bildschönen heiraten im Oktober 1992 in einem trauten Tumult. Hunderte feiern mit in prominenter Ausgelassenheit. Obama hat sich an die Spitze von „Vote“ gestellt, „einer der größten Wählerregistrierungskampagnen in der Geschichte Illinois“. Michelle arbeitet im Ressort für Stadtentwicklung der Chicagoer Verwaltung. Das Paar schwelgt im Glück mit Eigentumswohnung und direkten Anschluss an genug Familienmitglieder, um sich rundum gut aufgehoben zu fühlen.

Obama flirtet mit den Koordinaten der ehelichen Frühzeit. Ist doch alles da. Was will man noch außer eigenem Nachwuchs.

„Ein normales Leben. Ein ausgefülltes, glückliches Leben. Eigentlich hätte das gereicht.“

Doch dann ...

gesteht Obama Streitereien mit seiner Frau. Sie kümmert sich ums Baby, während er eben doch Karriere macht. Nicht dass Sie glauben, das wäre die klassische Rollenverteilung. Es ist nur einfach so, dass Obama lieber die Versprechen einlöst, die er der Menschheit gegeben hat. Ich sage dies als Freund.

„Mir fiel wieder ein, was ich mir zu Malias Geburt geschworen hatte: Meine Kinder sollten mich kennenlernen und mit der Gewissheit aufwachsen, dass ich sie über alles liebte und sie für mich an erster Stelle kamen.“ 

Die ersten Sporen

Obama verdient seine ersten Sporen im republikanisch dominierten Senat von Illinois. Als „Neuling der Minderheitenpartei“ zählt er zu den „Pilzen, weil man sie mit Mist füttert und im Dunklen lässt“. Die Verlagerung der Entscheidungen aus dem Parlament in die Ausschüsse, von Johannes Agnoli vor langer Zeit in „Transformation der Demokratie“ analysiert, nennt Obama „undurchsichtige Transaktionen, gedeichselt hinter verschlossenen Türen“.

The Lion of the Senate

Für das Washingtoner Establishment ist Edward 'Ted' Kennedy der Löwe des Senats und (trotz der Ereignisse vom 18. Juli 1969) ein Supermann der Innenpolitik. Förderer*innen eines Aufstrebenden empfehlen Barack Obama, Ted einzuspannen.

„Sie müssen mit Kennedy reden“, heißt es allgemein. 

Jack war der erste Katholik auf dem amerikanischen Thron. Ich glaube, Joe ist erst der zweite. Biden rangiert noch im Mittelfeld, als sich Barack Obama für das höchste Amt im Staat warmläuft. In Washington redet er mit den Meistermacher*innen. Für Leute, die Hillarys Abneigung gegen den basket of deplorables teilen, ist Ed der große alte Mann des Senats. Unbefangenere Zeitgenoss*innen erkennen in diesem Kennedy stets den Armleuchter unter den Gesalbten aus Boston, Massachusetts. Kaum zu glauben, dass er als Bruder von Jack und Bob ins Rennen geschickt wurde. Ted fiel so ab neben den Mummmaschinen, zumal neben Jack, diesem Kanonenbootfahrer im Korsett. Obwohl Jack sich oft kaum aufrecht halten konnte, bot er den Bürger*innen seines Landes den show’esken Anblick eines Hyperalerten. Transhistorisch erstrahlt der schönste US-Präsident im weißen Court-Licht des ewig fitten Players. 

Nie wurde aufgeklärt, was da eigentlich los war:

„In der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 1969 starb Mary Jo Kopechne im Wagen des US-Senators (Edward Moore Kennedy). Ein Unfall, kein Zweifel. Aber steckte Alkohol dahinter, Untreue oder sogar eine versuchte Vergewaltigung?“ Quelle 

Obama erlebt Ted als „lebende Legende“. Von den Bürgerrechten über den Mindestlohn bis zur allgemeinen Krankenversicherung engagierte sich der letzte Kennedy in Machtnähe für progressive Vorstöße.

„Mit seiner massigen Statur, seinem riesigen Schädel und der weißen Mähne füllte er jeden Raum aus.“

Der Autor bemüht sich um eine schillernde Darstellung des mit dem goldenen Löffel im Mund geborenen Türöffners. Vor Publikum rauscht Ted auf. In den Kulissen gibt er den klappernden Onkel. Ted ist so, so erzählt es Obama, wie sein Büro, „voll Charme und Geschichte von Camelot bis Cape Cod“.  

„Im sanften Nachmittagslicht“ lassen sich Barack und Ted „im Allerheiligsten“ nieder. Die Jalousien sind „teilweise heruntergelassen“. Der altgediente Haudegen offeriert auf der Ofenbank seiner Karriere Einblicke in die Washingtoner Eingeweide. Er serviert Erinnerungen an Ränke als Schwänke. 

„Derbe Geschichten. Lustige Geschichten. Gelegentlich schweifte er ab.“

Eine Binse von besonderer Güte:

„Es lief nicht wie geplant, aber es kommt, wie es kommen muss, nehme ich an.“

Das variiert: Erst hatte ich kein Glück und dann kam Pech dazu.

So wie ich es sehe, hat Old Ed dem Frischling nichts zu sagen.

„Er verstummte, in Gedanken versunken.“

Obama stellt sich vor, wie die Brüder in Teds Gedächtnis aufmarschieren. Alle starben einen gewaltsamen Tod. Alle waren begabter, doch nur das Baby der Familie überlebte. Ich finde, der Autor macht zu wenig aus der Konstellation. Wie ist das, wenn du alt wirst in dem Wissen/ die Besten hat es hingerissen? Du warst mal in Paris/ Sie waren Paris und Hektor im Plural der Prärogative/ Sie waren zwei Brüder auf einem Thron/ Ein Paar so inniglich, dass sie gemeinsam marylierten ...  

An einem anderen Tag

Plötzlich bricht es aus Michelle: Ich hasse Politik. Obama springt seiner Frau sofort bei und verspricht ihr das Blaue vom Himmel. 

„Schatz, ich habe nicht gesagt, dass ich kandidieren werde.“

Das ist ein Politiker*innensatz aus dem Handbuch der Verlogenheit. Seit Monaten schleicht Obama um den heißen Brei herum und bequatscht Entscheidungsträger*innen. Er poliert sein Charisma in jedem Publikumsspiegel.    

Politische Darmspiegelung

Im Februar 2007 verkündet Barack Obama auf einer Bühne vor dem Kapitol von Springfield, Illinois, seine präsidialen Absichten … ich hatte nichts und ich war niemand, als ich nach Chicago kam. Man offerierte mich einen Job, ich fand eine Frau und mit ihr mein Leben …

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Das mediale Interesse an einem Präsidentschaftskandidaten vergleicht ein Akteur mit einer „ununterbrochenen Darmspiegelung“. Der Wahlkampf sei „ein EKG der Seele“; eine Tour de Force und „brutale“ Angelegenheit, bei der die Würde des Ehrgeizigen auf der Strecke bliebe.

Warum tut man sich so was an?

Noch schützt Obama die ideologische Verpackung.

„Es gab überall vergessene Menschen und ungehörte Stimmen … Ich empfand ihre Notlagen als Rüge.“

Obama reagiert so auf Opfer der von „Katrina“ ausgelösten Flutkatastrophe. Der Hurrikan fegte auch die Abdeckungen von Ungerechtigkeiten auf einer Linie vom Rassismus zur Armut. Der Reformer mit gelegentlich revolutionärer Attitüde reist mit einer Kongressdelegation in den Irak und beobachtet aus der Luft ein „erschöpftes Land“.  Obama kommt aus dem Elend gar nicht mehr heraus. Gleichzeitig prüft er sich zur Ergründung der Lauterkeit seiner Absichten. 

Ich weiß nicht, ob Sie sich das genug klar gemacht haben. Obama erlebt sich selbst als Vision. 

„An dem Tag, an dem ich die rechte Hand hebe und den Amtseid ablege, (wird die Welt) die Vereinigten Staaten mit anderen Augen betrachten.“

Aus der Ankündigung

In diesem mit Spannung erwarteten ersten Band seiner Präsidentschaftserinnerungen erzählt Barack Obama die Geschichte seiner unwahrscheinlichen Odyssee vom jungen Mann auf der Suche nach seiner Identität bis hin zum führenden Politiker der freien Welt. In erstaunlich persönlichen Worten beschreibt er seinen politischen Werdegang wie auch die wegweisenden Momente der ersten Amtszeit seiner historischen Präsidentschaft – einer Zeit dramatischer Veränderungen und Turbulenzen.

Obama nimmt die Leser und Leserinnen mit auf eine faszinierende Reise von seinem frühesten politischen Erwachen über den ausschlaggebenden Sieg in den Vorwahlen von Iowa, der die Kraft basisdemokratischer Bewegungen verdeutlichte, hin zur entscheidenden Nacht des 4. Novembers 2008, als er zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde und als erster Afroamerikaner das höchste Staatsamt antreten sollte.

Sein Rückblick auf seine Präsidentschaft bietet eine einzigartige Reflexion über Ausmaß und Grenzen präsidialer Macht und liefert zugleich außergewöhnliche Einblicke in die Dynamik US-amerikanischer Politik und internationaler Diplomatie. Wir begleiten Obama ins Oval Office und in den Situation Room des Weißen Hauses sowie nach Moskau, Kairo, Peking und an viele Orte mehr. Er teilt seine Gedanken über seine Regierungsbildung, das Ringen mit der globalen Finanzkrise, seine Bemühungen, Wladimir Putin einzuschätzen, die Bewältigung scheinbar unüberwindlicher Hindernisse auf dem Weg zur Verabschiedung einer Gesundheitsreform. Er beschreibt, wie er mit US-Generälen über die amerikanische Strategie in Afghanistan aneinandergerät, die Wall Street reformiert, wie er auf das verheerende Leck der Bohrplattform Deepwater Horizon reagiert und die Operation „Neptune’s Spear“ autorisiert, die zum Tode Osama bin Ladens führt.

»Ein verheißenes Land« ist ungewöhnlich intim und introspektiv – die Geschichte eines einzelnen Mannes, der eine Wette mit der Geschichte eingeht, eines community organizer, dessen Ideale auf der Weltbühne auf die Probe gestellt werden. Obama berichtet offen vom Balanceakt, als Schwarzer Amerikaner für das Amt zu kandidieren und damit die Erwartungen einer Generation zu schultern, die Mut aus der Botschaft von „Hoffnung und Wandel“ gewinnt, und was es bedeutet, die moralische Herausforderung anzunehmen, Entscheidungen von großer Tragweite zu treffen. Er spricht freimütig über die Kräfte, die sich ihm im In- und Ausland entgegenstellten, gibt ehrlich Auskunft darüber, wie das Leben im Weißen Haus seine Frau und seine Töchter prägte, und scheut sich nicht, Selbstzweifel und Enttäuschungen offenzulegen. Und doch verliert er nie den Glauben daran, dass innerhalb des großen, andauernden amerikanischen Experiments Fortschritt stets möglich ist.

In diesem wunderbar geschriebenen und eindrücklichen Buch bringt Barack Obama seine Überzeugung zum Ausdruck, dass Demokratie kein Geschenk des Himmels ist, sondern auf Empathie und gegenseitigem Verständnis gründet und Tag für Tag gemeinsam geschaffen werden muss.

Barack Obama wurde 1961 in Honolulu, Hawaii, geboren. Er war von 2009 bis 2017 der 44. Präsident der Vereinigten Staaten. Obama ist ein auf US-Verfassungsrecht spezialisierter Rechtsanwalt. Im Jahr 1992 schloss er sich der Demokratischen Partei an, für die er 1997 Mitglied im Senat von Illinois wurde. Bei der Präsidentschaftswahl des Jahres 2008 errang er die Kandidatur seiner Partei und setzte sich dann gegen den Republikaner John McCain durch. Mit seinem Einzug in das Weiße Haus im Januar 2009 bekleidete erstmals ein Afroamerikaner das Amt des Präsidenten. Am 10. Dezember 2009 erhielt Barack Obama den Friedensnobelpreis. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern Sasha und Malia in Washington.