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16.12.2020, Jamal Tuschick

Die Prosa von Clarice Lispector trifft den Leser stets unvorbereitet. Sie bewahrt ihr Geheimnis und hört deshalb nicht auf, überraschend zu sein. Ihre Strudel fesseln den Erfassten. Er verliert sich wie in Labyrinthen.

Postheroische Agonie

Der Tod fährt mit. Gestern sah ich die zur Metapher gewordene Beiläufigkeit eines toten Vogels im Aggro-SUV-Kühlergrill der automobilen Beliebigkeit. Zu denken war gleichermaßen an naturgegebene Symbolik und mafiöse Inszenierung. Ich war gerührt in einem stillen Ahrenshooper Augenblick. Wie zu meiner Unterstützung zog gerade da die Sonne den Dezembervorhang auf und blinzelte mir neckisch zu. Und nun kam mir wie der notorische Dritte in jedem Gerechtigkeitsbund ein berühmter Schwurvers aus der Zeit des neuenglischen Raven-Riots (im 18. Jahrhundert) in den Sinn: Nur einer kam weiter/ jener einzelne Reiter/ er ritt nur, um zu reiten. © Jamal Texas Tuschick

Fortgesetzte Narration

Sie unterhält sich mit Schreibübungen. Sie amüsiert sich. In einer Geschichte, die den Weinberg als Sinnbild eines gelungenen Lebens feiert, und zugleich einen Mann als Feind der Menschen charakterisiert, findet sie das Erfundene allzu wahr.

Totalfiktion. Narrative Realität. Fiktionaler Existenzialismus: Eine Aufgabe der Kunst besteht darin, die Wirklichkeit zur Aufgabe zu zwingen (Zur Hochform gedachter Heiner Müller). Wir, die wir schreiben (können), wissen, dass das geht. Diese Transformation gehört zur Magic Force.

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Heute geht es um „Zwei Geschichten auf meine Art“.

Wieder dreht das erzählende Ich namenlos seine Kreise. Es denkt sich etwas dazu, so wie man sich als Heranwachsende etwas dazu verdient. Es denkt den Helden einer Geschichte von Marcel Aymé weiter.

Nichts könnte ungerechter sein, als mit einem Konjunktiv die fortgesetzte Narration in Frage zu stellen.

In dieser Version lebt Félicien Guérillot in Arbois in der Rolle des Gatten einer Frau namens Leontina, „die weder hübscher noch besser gebaut (ist), als es sein sollte, damit ein ehrbarer Mann seine Ruhe hat“. Der Prachtkerl verschmäht den Wein aus eigenem wie aus fremdem Anbau.  

Akteur des Gegenlichts

In seiner Position entspricht diese Unempfänglichkeit für den lokalen Zauber einer „Schande“. Man darf nicht so sein, dass einem das Beste nichts gibt. Das ist ein Frevel. Clarice Lispectors Erzählerin verleiht der Sache den idealen Drall. Sie biegt nicht avantgardistisch ins Negative ab, sondern verweilt auf dem Hochplateau der nachgeholten Genussfähigkeit. Plötzlich beginnt sie die narrative Selbstermächtigung zu langweilen. Nicht länger intervenieren will sie an einem ruralen Saum Frankreichs. Stattdessen springt sie Aymé nach, der in Paris aus einem Passanten den Akteur des Gegenlichts macht. Etienne Duvilé „mag Wein, hat aber keinen“.

Bis weit ins XX. Jahrhundert konnte man als Autor*in so punkten. Inzwischen erscheinen den Leser*innen derart überschaubare Volten pippi‘esk. Der eine hat und verschmäht, was dem anderen fehlt. Wie lächerlich ist das denn. Und doch leuchtet immer noch ein kleines Licht auf, wenn man sich das vorstellt. Da sitzt eine im letzten Licht des Nachmittags und träumt mehr als sie liest in einem Buch. Die Lektüre wächst sich zur Halluzination aus. Die Lesende beginnt eine gleichermaßen transkontinentale und transtemporale Reise. Sie trifft sich selbst wieder in einem französischen Weinberg. Ein übellauniger Bauer, der das Paradies, in dem er lebt, nicht zu erkennen vermag, kreuzt den Traumpfad der Zeitreisenden. Da sie eine Tarnkappe trägt, sieht er sie nicht. Sie folgt Félicien in sein schmuckes Haus, wo Leontina das Herz am rechten Fleck hat. Ich erzähle gleich weiter.  

© Jamal Texas Tuschick

Mühelose Aufmerksamkeit

Warum gelingt manchen das Leben mühelos, während andere sich vergeblich abmühen? Die Antwort ist einfach. Die, die sich schinden und glauben, immer kämpfen zu müssen, haben nicht verstanden, dass sie sich selbst blockieren. In Wahrheit kämpfen sie gegen sich. Sie müssten loslassen, um mühelos zu werden.  

Eingebetteter Medieninhalt

Wir kennen die Avenida Copacabana als Boulevard der Verheißung. In der akuten Perspektive erschöpft sich der Prospekt in einem Dreiklang der Ansichten. Häuser, Meer und Leute wimmeln zusammen in einem kraftlos-unscharfen Bild.

Im Kontext der Wahrnehmung unter den Vorzeichen des Jetzt stellt sich die Avenida Copacabana auch so dar:

„Die Apartments Av. Nossa Senhora de Copacabana bieten Ihnen Unterkünfte zur Selbstverpflegung und liegen nur hundert Meter von der berühmten Copacabana entfernt … Die U-Bahn-Station Cantagalo ist drei Blocks entfernt … Den Flughafen Santos Dumont erreichen Sie nach zehn Kilometern.“ Quelle

In „Gott vergeben“ färbt Sepia die Magistrale. Wieder erscheint die Erzählerin namenlos. Sie befindet sich in einem Zustand „müheloser Aufmerksamkeit“.

„Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.“

Zärtlich besitzt sie die Dinge mit den Augen. Anders will sie sie gar nicht haben. Sie betont, nicht auf einer tour de propriétaire zu sein. Gleichzeitig fühlt sie sich als „Mutter Gottes“.

Wer kennt das nicht?

Der Planet liegt einem zu Füßen. Man weicht zum Strand hin ab vom Straßenverlauf. Unter den Sohlen ergeben sich Muscheln, um mit einem Wohllaut zu zerbrechen. Der Sand macht sich geschmeidig. Der Strand wird zur Metapher der Privilegien. Man erlebt dies gewiss „ganz ohne Anmaßung und Selbstherrlichkeit“. – Und so stellt sich die Erzählerin auch Gott vor; nämlich als ein Wesen, „dass sich ohne jeden Stolz und jede Kleinlichkeit liebkosen“ lässt.

Die Erzählerin befragt sich. Sie argumentiert gegen sich selbst mit den Argumenten der Psychoanalyse, in der sie so bewandert ist wie du und ich.

Darf man so empfinden?

Steckt man jetzt in einer Hybrisfalle? Hat man sich wüst verirrt?

Die Erzählerin vollzieht an sich die Apotheose, und ich sage, so what, Baby. Vom Mummenschatz zum Nonnentanz … was wissen wir denn? Die Erfüllte mäandert aus der Geläufigkeit. Man fürchtet Gott auch da, wo man ihn liebt; so betet sie einen Allgemeinplatz nach. Bevor sie sich gedanklich selbständig macht:
„Von einer mütterlichen Zärtlichkeit für Ihn“ hat sie noch nie gehört. Nun aber liebt sie Gott wie einen Sohn. Deshalb kennt sie auch seine Schande.
Clarice Lispector erzählt das so. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen: diese Verdrahtung von Gott, Sohn und Schande. Vermutlich verwest in dem delirierenden Ich doch noch sehr viel mehr religiöse Erziehung als in mir. Es gibt da einen Übergang. Da will, so scheint mir, die Erzählerin für Gott (ihren Sohn) den Rock heben. Vielleicht habe ich mich verlesen. Andererseits standen wir den Göttern auch schon mal näher und waren mit ihnen verwandt und stammten heldisch ab von ihnen. Daran erinnere ich in der postheroischen Agonie, die auch eine Aporie ist.
Keiner weiß mehr.
Das alles interessiert mich weniger als die „Mühelosigkeit“. Ich verwende den Begriff in dem Sinn, den ihm Professor Kernspecht* gegeben hat.

„Davon abgesehen denke ich, dass ein ganz entscheidendes Erlebnis war, als ich sah, wie Joseph Cheng damals einen Herausforderer nach dem anderen (mit Wing Tsun) besiegte. Und dabei elegant aussah! Das war, was ich wollte: mit dem Gegner kämpfen und mit ihm spielen. Mühelos.“ Großmeister K. Kernspecht/Quelle

Saugender Einstieg

Solange man Menschen anziehend findet, geschehen seltsame Dinge. Davon die Rede ist in „Unfreiwillige Fleischwerdung“. Auch diese Miniatur erzwingt mit einem soghaften Einstieg die Aufmerksamkeit der Leserin.

Wer - Von wem - Was - Woraus?   

Die Erzählerin liefert die Informationen auf einem Vorfeld des Geschehens, so als wähne sie sich in der Gesellschaft einer Schar messerscharf ermittelnder Jurist*innen oder Journalist*innen oder Polizist*innen.

Wer - Von wem - Was - Woraus? So geht die Litanei jeder Tatbestandsfeststellung.

Auf einem Flug bittet die Erzählerin Gott, ihr die Verschmelzung mit einer Missionsschwester zu ersparen.

„Ich will nicht diese Missionsschwester sein.“

Doch macht die Intuition keine Pause.

„Ich wusste … (ich) würde … mehrere Tage Missionarin sein.“

„Das ausgesucht höfliche Zartgefühl“ der Nonne ergreift wie ein Krake Besitz von der wehrlos Empfänglichen. Das Programm der anderen geht ihr gegen den Strich. Die Erzählerin weist sich aus als geschäftige Person, befasst und erfüllt mit/von irdischem Kleinkram. In ihrer Person feiert sich die Diesseitigkeit. Das Apollinische ist Trumpf.

Eine Verächterin der Schwermut spricht. Übertriebene Empfindlichkeit erscheint ihr so störend wie mir. Die Nonne aber kam erschöpft auf die Welt, um da das Schauspiel eines zermürbten Kindes aufzuführen. Allem Praktischen begegnet sie mit „Bangigkeit“.

Prätentiös findet die Erzählerin jene „evangelikale Spannung“, die plötzlich in ihr arbeitet.   

Muss ich deutlicher werden? Clarice Lispector beglückt uns mit Genie. Zack schlägt sie eine Seite des Lebens auf und der Rest kommt wie das Katzenmachen.

Die Autorin spielt mit den Metaphern der Inkarnation. An die Stelle der göttlichen Fleischwerdung tritt eine triviale Inkubation. Das prosaische Ich registriert die Symptome.

„Noch im Flugzeug bemerke ich, dass ich mich wie eine heilige Laiin bewege.“

Geduld und Bescheidenheit nehmen drakonisch Quartier in der Erzählerin. Nun ist ihr jedes „kräftige Auftreten“ verboten.

„Ich bin jetzt blass, ohne eine Spur von Lippenstift.“

Indem die wie von Invasionstruppen Eingenommene das Nonnenrepertoire in ihren Registern speichert, desavouiert sie es. Sie kehrt die Schwächen der vorgeblich Makellosen nach außen. Sie verrät aber auch die heimlichen Freuden einer von ihrer Sendung Dauerpenetrierten; die das Leid überwunden zu haben behauptet: auf einer gauklerhaften Friedensmission.

Es geht um die Rummelplatzaspirationen des übergeordneten Standpunkts. Mit den Tentakeln der Nervosität einer konsequent Weltlichen spürt die Erzählerin das hausgemacht Muffige und klappernd Hochstaplerische an der Seligkeit ihrer Nonne auf. Die leichte Brise einer penetranten „Sanftheit“ weht über Maulwurfhügeln moralischer Anmaßung.

Ein Kaugummi verteilender Steward lässt die Nonne erröten. Das umgeleitete Begehren bewirkt eine an Hinfälligkeit grenzende Anfälligkeit. Die Erzählerin erkennt den „geläuterten Fanatismus dieser … Frau“. Die bloße Nähe eines jungen Mannes heizt sie auf.  

Die zwanghaften Anverwandlungen sind nicht nur belastend, sondern auch reizvoll. Die Gegenprobe macht die Erzählerin auf einer anderen Reise. Sie gerät in den Bann einer geruchsexpansiven Sexarbeiterin, die gerade einen Mann hypnotisiert. Die Nachahmung misslingt. Die Anverwandlungsartistin konstatiert einen „völligen Fehlschlag“. „Der Dicke“, den sie in ihr Anziehungsnetz zu spinnen versucht, offenbart sich als totaler Stoffel. Er bleibt mit seinem Interesse bei seiner Zeitung. Er bleibt bei sich. Warum sollte er den Hort seiner Bequemlichkeit verlassen. Vielleicht ist er Kriminalbeamter und versiert in verdeckten Observationen. Bestimmt hat er daheim alles, was er braucht. Da sitzt kein Ausgesetzter, während die Nonne, peinlich getriggert von grandiosen Ich-Ideen, nicht weiß wohin mit den irdischen Anhaftungen.  

Aus der Ankündigung: Platz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen (»Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«) begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser. Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.