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17.12.2020, Jamal Tuschick

Betreff: "Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre aus dem Berliner Ensemble | Fr 18.12.2020 | 19:30 | im Livestream auf rbbkultur.de und in der ARD Mediathek

Das Berliner Ensemble und rbbKultur machen Theater und zeigen als Video-Livestream und im Fernsehen Oliver Reeses Inszenierung von "Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre. Die Vorstellung wird am 18.12. um 19.30 Uhr aus dem Großen Haus des Berliner Ensembles ohne Publikum live auf rbbkultur.de und in der ARD Mediathek gestreamt. Außerdem ist die Inszenierung im Anschluss dort auch online abrufbar. Die Aufzeichnung wird zudem am 20. Dezember in der Nacht zum 21. Dezember um 00.00 Uhr im rbb Fernsehen ausgestrahlt.

Benjamin von Stuckrad-Barre verarbeitet in dem autobiografischen Roman seine Kindheit in Niedersachsen und die Zeit, als er zum Star der Popliteraten gekürt wurde, viel Geld verdiente und sich alles leisten konnte. "Panikherz" handelt auch von Drogenexzessen, Abstürzen und der Freundschaft zu Udo Lindenberg, die Stuckrad-Barre am Ende das Leben gerettet hat.

Intendant Oliver Reese hat in seiner ersten Inszenierung als Intendant des Berliner Ensembles den Roman für die Bühne adaptiert: ein "Rausch" mit Live-Musik und den vier Schauspieler*innen Nico Holonics, Paul Zichner, Bettina Hoppe und Jonathan Kempf. Die Bühnenversion von Stuckrad-Barres gefeiertem Roman ist ein Spiel mit unterschiedlichen Formen von Erinnerung und Selbstbeschreibungen. Oliver Reese und das Ensemble haben aus dem 500-Seiten-Roman eine Fassung von knapp 40-Seiten destilliert, getragen und weitererzählt von den Songs, die Stuckrad-Barre sein Leben lang begleiteten – vom Prediger des Rock'n'Roll Udo Lindenberg.

Die Inszenierung dieser Aufführung wurde am Berliner Ensemble und bei verschiedenen Gastspielen bereits fast 50 Mal gezeigt und ist jetzt erstmals im Netz verfügbar.

Regie/Bearbeitung: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnizler
Musik: Jörg Gollasch
Licht: Ulrich Eh
Mit: Nico Holonics, Bettina Hoppe, Jonathan Kempf, Paul Zichner sowie Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Gerhard Schmitt, Tilo Weber, Manuel Zacek (Live-Musik)
Redaktion rbb: Alexander Lück
Produktion rbb: Christiane Seifart

Phönix aus der Flasche - Meine Besprechung

Benjamin von Stuckrad-Barre lässt es mit Kamillentee krachen

Gottfried Benn erklärte den evangelischen Pfarrhaushalt zum Hochofen des deutschen Geistesadels. Benns Vater war Pfarrer, Gudrun Ensslins Vater auch. Carl von Linde, Karl Friedrich Schinkel, Friedrich Nietzsche, Benjamin von Stuckrad-Barre - alles Pfarrerskinder.

Im öko-pazifistischen Weltrettungs- und Chorleitungsfieber überhitzte Eltern zwingen Stuckrad-Barre auf Gegenkurs. Er wünscht sich konsumorientierte, markenbewusste Versorger. Der Künstler als Knirps will Nutella und kriegt Verständnis. Das widerfährt ihm in einer niedersächsischen Ringburg der Verspätung. Da wird Udo L. aus Gronau in Westfalen zum Idol.

Die Weltstadt Göttingen bietet sich der gespannten Erwartung des Heranwachsenden als Exil an. Im Café Kadenz trifft Stuckrad-Barre seinen ersten Mentor - den Herausgeber eines Stadtmagazins. Bald meistert er das hochstaplerische Vokabular des Musikredakteurs von eigenen Gnaden. Die Wunder der Bemusterung erscheinen alltäglich.

Stuckrad-Barre begreift das Rodeo der Wildplakatierung. Er engagiert die “Bates”, eine Eschweger Punk-Supernova. Er betreut Jörg Fauser und registriert Achim Reichel, der für Fauser wichtig war.

Stuckrad-Barre steigert die Dosis, das ist sein Muster. Ihm ist zu klein, was in der Munizipalität Göttingens groß sein kann. Er könnte Guntram Vesper und Gunter Hampel treffen; den jungen Mann zieht es zum Lindenberg nach Hamburg. Er beginnt eine Portmanteau-Existenz, etabliert sich als “Spezialist für abgelegte Fälle” und wühlt sich durch “kulturellen Sondermüll”. Das geht so zügig weiter bis ins Château Marmont und zu Bret Easton Ellis, dessen Debütroman, “Unter Null”, Stuckrad-Barre zu seinen Reliquien zählt.

Der Autor schwelgt, schwärmt und schäumt. Das Vergnügen schleift ihn.

“Abends saufen gehen kostete praktisch gar nichts mehr.”

Ich lese “Panikherz” als Autobiografiefiktion. Am Liebsten halte ich das Buch für eine narrative Diversion.

Stuckrad-Barre steigert sich zur Polytoxikomanie. Von Strafverfolgung wird abgesehen, man schickt den delinquenten Patienten in die Kur. Wenigstens drei Entzüge gliedern den Text und bereichern ihn mit Chiemsee- und Schwarzwaldstimmungen. Im letzten Durchgang ist der Abhängige nicht mehr versichert. Das beschreibt schon seine Stationierung.

Stuckrad-Barre leidet wie der späte Oscar Wilde. Er zählt Fatalitäten ständiger Nüchternheit auf. Die Drohungen eines Rückfalls wohnen ihm wie die Inquistion bei; er lebt an gegen die Sucht. Mit Tabletten versichert er sich gegen den Rückfall.

Stuckrad-Barre thront auf dem Gipfel der Unfreiheit jedes Dependenten und nimmt für Kokain nur noch den Ruhm seiner Nationalgardisten Gottschalk, Schmidt, Küppersbusch, Dietl, Westernhagen und Lindenberg. Alle kratzten schon am Zenit, bevor Stuckrad-Barre kam (abgesehen von H.S.). Das soll kein Einwand gegen die Wallfahrten und den Bewunderungshunger des Autors sein. Er zitiert Dietl: “Wie auch immer - am End wollen's alle a lichtdurchflutete Altbauscheiße.”

Das ist schon sehr genau.