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21.12.2020, Jamal Tuschick

Hypertrophie

Hypertrophie ist eine kompensierende Geste. In Wahrheit sind wir alle leptosome Ausdauerjäger*innen, es sei denn ... © Jamal Texas Tuschick

Nando wanzt an. Maria spürt einen Schwächling unter dem Imponierputz des Muskelmännchens alter Schule, und anstatt belustigt zu sein, empfindet sie die durchsickernde Schwäche fast schmerzhaft als Belastung. Die Schwäche weht sie an wie der Veilchenduft eines Inkontinenten. Maria kapiert nicht, warum ihr Vater Nando ein Mandat gegeben hat; wieso dieser Niemand aus Crotone im Kabinett der Montana‘esken Schießknechte einen namentlich gekennzeichneten Platz einnimmt.

Was für ein Fake von einem Killer, denkt Maria mit diskret gerümpfter Nase. Obwohl jung an Jahren, weiß die Tochter des Paten schon, dass Schwäche gefährlicher ist als Stärke; und dass man nicht nur intelligente Freunde braucht, sondern auch intelligente Feinde, um in einem gedeihlichen Checks & Balances nicht auf die schiefe Bahn von Fisher's Runaway Selection zu geraten.

Hypertrophie ist eine kompensierende Geste. In Wahrheit sind wir alle leptosome Ausdauerjäger*innen, es sei denn, wir sind bloß Kackvögel.  

Maria schüttelt Nando ab.

„Verpiss dich”, sagt sie mit süßer Schärfe. Man kann das mit Humor nehmen. Es klingt jedenfalls nicht so bös wie es gemeint ist.

Verpiss dich. Wäre ich Supermarktleiterin, würde ich dich noch nicht mal die Einkaufswagen zusammenschieben lassen. Mit der Schärfe der Fortpflanzungsbereiten sondiert sie das genetische Territorium, in das sie von ihrem Vater Mario Montana eingewiesen wurde. Das ist deine Wiese, Baby. Da darfst du wählen. Im Übrigen ist die Welt zu gefährlich. 

Der Witz ist, ich meine, allein deshalb lohnt es sich, diese Geschichte zu erzählen, dass Maria ihrem Vater glaubt. Mehr noch. Sie weiß, dass er recht hat. Das weiß sie natürlich nicht aus Erfahrung. Woher denn? Mein Gott, Maria ist zwanzig.

Also, woher weiß sie das? Ich sage, das ist Herrschaftswissen. Das hat Maria im Blut. Das schwitzt und pisst sie aus, wo es sein muss. Da ist kein demokratischer Filter, der sie verlangsamt. Sie ist eine Prinzessin, und Prinzessin-sein ist ein Job, dem Maria vorbildlich gerecht werden möchte.  

Sie steigt in ein Taxi, es ist Samstag kurz vor halbzwölf im letzten prä-pandemischen Jahr. Die Leibwächter*innen schmeißen sich in ihre Limousinen und starten die Verfolgung. Don Montana würde sie eigenmächtig köpfen, wären sie so saumselig, Maria aus den Augen zu verlieren.

Normalität

Es ist nur ein Spiel. Das Spiel heißt Normalität. Mit dem Taxi zum Marktplatz, um angesichts des Budenzaubers einen Caffe bei Alfonso am Tresen zu trinken, heimlich entzückt von den verwitterten Visagen der alten Fischer und Bauern, die sich ihr Leben lang mit den Elementen herumgeschlagen - und nicht als Krämer und Kämmerer eine ruhige Kugel geschoben haben. Wer in Alfonsos Reich einen Fuß aufstellt, das heißt, das Recht hat, die antike Messingleiste am Thekensockel zu beanspruchen, hat einen Kampf überlebt und etwas vollbracht, was ihm zuvor kein Mensch zutraute.     

Verstohlen bedenkt Maria ihre letzte Lektion in schwarzer Magie gestern kurz vor Abbruch des hellen Tages bei Donna Leone. Die Tanten und Großtanten in der Matrix rauchen alle noch, während in Marias Generation niemand mehr raucht. Die Alten rauchen, legen Karten und pendeln. Sie lesen den Kaffeesatz wie eh und je. Die Angst, die ihre Leben in einem Gewaltregime bestimmt, ließ sie wahnsinnig werden, jedoch auf eine mit dem Vaterunser des Pöbels synchronisierte Weise. Sie fallen nicht aus ihren Rollen. Vor allen verbergen sie ihren Kummer.

Maria stellt sich die Ahne nackt im Bett vor, eine Halbgreisin, so wie Gott sie schuf. Sie sieht ihr Schicksal vor sich. Sie wird ihren Mann überleben. Denn wenn er nicht genug Mut besäße, um vor der Zeit zu sterben, würde sie auch nicht mit ihm leben und Kinder haben können.

Es ist eine einfache Rechnung.  

„Nach der Handicap-Hypothese haben die Männchen mit den auffälligsten Farbtrachten schon deshalb gute Chancen bei den Weibchen, weil sie noch am Leben sind.“ Axel Buether

Geschminkter Schatten

Maria entfährt ein Laut des Entzückens, als Bruno neben ihr (wie aus dem Boden geschossen) auftaucht. Der feminine Krieger gestattet sich einen Caffee in der Aura seiner Herrin. Bruno schminkt sich zwar, erlaubt aber niemanden, ihn darauf anzusprechen. Täglich geht er ein hohes Risiko ein. Don Montana befiehlt vielen Akteuren aus dem Stamm der  Maskulinisten. Würde einer Bruno auf seinen genderfluiden Stil auch nur spöttisch ansprechen, müsste Blut fließen. Bruno beweist seine tödliche Entschlossenheit, indem er solche Reaktionen provoziert. Seine Überlegenheit beweist sich in der Zurückhaltung der Macho-Derben und Dumpf-Herben unter den Gefolgsleuten.  

Neue Allgemeinplätze/Nando versus Bruno

Wir wissen es alle, Darwin stellte sich nicht gegen die Frauenwahlrechtskampagne, weil er das Frauenwahlrecht schlankweg für ausgeschlossen hielt. Seinem vehement zur Schau gestellten Abolitionismus zum Trotz, erschienen ihm Schwarze keineswegs ebenbürtig. Wie wir alle, existierte Darwin in fabelhaften Widersprüchen. Frauen zählten für ihn zu einem geringeren Geschlecht. Gleichwohl erkannte er, dass die sexuelle Selektion einer auf weiblichen Präferenzen basierenden Transformation entspricht. So schuf er vollkommen neue Allgemeinplätze. Heute besiedeln wir sie ohne die Idee, übertrieben fortschrittlich zu sein. Das ist soweit kalter Kaffee. Fraglich bleibt, warum reagiert Maria auf Bruno positiv und auf Nando negativ.  

Nandos äußere Stattlichkeit lässt sich nicht übersehen. Prächtige Bizeps- und Penisbeulen dekorieren den alten Ochsen. Nicht wenige halten Nando für intelligent und geschickt. Er zählt zu den studierten Verbrechern. Mit seinem Abschluss hätte er auch den Rechtsstaat stärken können. Was solls, Maria fühlt sich von ihm abgestoßen; eben so wie sie sich von Bruno angezogen fühlt. Ich sage, Nando repräsentiert die schneidige Vergangenheit. Bruno transportiert Zukunftsinformationen. Avishag Zahavi und ihr Mann Amotz hätten ihre Freude an ihm (gehabt).

Die Evolutionsforscher fanden heraus, dass wir alle auf Verlässlichkeit geeicht sind. Wir wollen uns sicher sein. Halten wir etwas für fragwürdig, tendieren wir dazu, es zu übersehen beziehungsweise nicht zu berücksichtigen. In Anbetracht der Zweifel, die viele an sich selbst haben, stellt sich die Herstellung von Glaubwürdigkeit kompliziert dar. Die Zuversicht steigt, so sagen es die Zahavis, wenn das Signal mit einem Handicap verbunden ist. Die berühmtesten Beispiele sind das Pfauenrad und die Löwenmähne.

“The sight of a feather in a peacock’s tail, whenever I gaze at it, makes me sick.” Charles Darwin

Darwin raufte sich die Haare, da er den biologischen Nutzen der Pfauenaugen nicht erkennen konnte.

Warum halten sich flamboyante Zeichen im Informationsfluss der Evolution?

Die Antwort dient dem Zweck, Zweifel an der Stärke des Signalgebers auszuräumen. Wer sich leuchtenden Schmuck leistet, erzählt so von Überschüssen, sprich von Potenz. Bruno schillert in den Farben seines geschlechtlichen Eigensinns. Seine Performance ist futuristisch. Das qualifiziert ihn zum idealen Gegenspieler zum gestrigen Nando.

„Ich halte, was ich verspreche“, sagt Bruno, ohne ein Wort zu verlieren, und Maria glaubt ihm ohne Weiteres. Bereitwillig knistert sie neben dem Subalternen. Sie lässt ihn Witterung aufnehmen. Sie gibt ihm eine Lockstoffzusatzprise. Gleichzeitig prüft sie, ob sich Bruno verleiten lässt und abgleitet in einen Zustand nachlassender Aufmerksamkeit.

Das darf nicht passieren. Nichts soll für Bruno selbstverständlicher sein als ein Leben in der Vorwärtsspannung.   

Was für ein Fake von einem Killer, denkt Maria mit diskret gerümpfter Nase. Obwohl jung an Jahren, weiß die Tochter des Paten schon, dass Schwäche gefährlicher ist als Stärke; und dass man nicht nur intelligente Freunde braucht, sondern auch intelligente Feinde, um in einem gedeihlichen Checks & Balances nicht auf die schiefe Bahn von Fisher's Runaway Selection zu geraten. © Jamal Texas Tuschick

Die Tochter des Paten

Tödlicher Liebreiz

Die Tochter des Paten hat passionierten Sex mit Professor Páscha auf dem Uniklo. Das erschöpft Maria Montana eine Weile und hält gleichzeitig die Spannung hoch. Sex ist für die Studierende auch ein kosmetisches Abenteuer. Bei jeder Begegnung mit der Koryphäe fragt sich Maria, ob ihre Hautpflegerin ganze Arbeit geleistet hat. Dann zieht sich Maria im Tennistraining eine Sehnenentzündung am Innenschenkel zu. In der Physiotherapie verfällt sie temporär einem kindlichen Greis mit goldenen Händen.   

Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme.

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Ihn schmücken nicht nur die Titel der akademischen Hochform. Ágio Páscha trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. Sie haben bestimmt gedacht, das ist was Türkisches. In Deutschland würde Ágio Páscha als Professor Doktor Ostern (Ágio Pás-cha) kursieren.

„Orthodoxe Christen feiern zu Ostern die Auferstehung Jesu von den Toten. Das orthodoxe Ostern – in den Ostkirchen auch Páscha genannt – findet einige Tage nach dem Osterfest der westlichen Kirchen statt, da für die Bestimmung des Datums der Julianische Kalender verwendet wird.“ Quelle

Akademisch dilettierend

Der unerhörte Liebreiz von Ágio Páschas Geliebten Maria ist jetzt noch nicht das Thema, so wenig wie die Stelldicheins auf den Klos der Universität von P. Beide, Lehrkraft und Studierende, lieben das Abortale in seinen internalen Spielarten. Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme. 

Sie müssen sich stets vor Augen halten, dass Mario seine Tochter nirgendwo allein hingehen lässt. An der Peripherie des Geschehens lungern Leibwächter*innen herum, die übrigens keine Ähnlichkeit mehr mit dem Lino-Ventura-Typus haben. Der Wrestler hat ausgedient. Die Killer*innen sind zartwüchsig. Sie tauschen mit Maria ihre Kajalstifte. Sagen Sie ruhig divers und fluid, ich sage, das bleibt sizilianisch, auch ohne Schmerbauch, Dreitagebart und Lupara.

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Feudal-fidel

Der über alles informierte Mario lässt seiner Tochter freie Hand als zukünftiger Führungspersönlichkeit. Töchter sind die neuen Söhne nach dem aktuellen Mafia-Komment. Man setzt auf Frauenpower und Sizilianischen Feminismus. Das heißt, die Frauen können schießen und haben Nahkampfkompetenz. Mehr Feminismus geht doch gar nicht, sagt der Pate.

So wie man in den alten Zeiten in dunklen Gassen und verrufenen Häusern mit seinem Sperma hausieren ging, so kommt man jetzt feudal-fidel zur Sache. Same same but different eben.

Checks and Balances

Maria wünscht sich eine Jungfrau zum Mann. Aber noch nicht jetzt. Im Jetzt des Zenits ihrer sexuellen Explosivkraft checkt sie die Balance der Akteure im Feld. Ágio Páschas Mundgeruch erzählt schon von dem alten Mann, der er gleich sein wird. Binhs Einfühlungsgenie dient der Erkundung von Schleichwegen der Migration. Im Schatten der Magistralen, die der Mehrheitsgesellschaft vorbeihalten sind, erstreichelt er sich ne passable Wohnung, genug zu essen und solche Sachen. – Und Maria kapiert das Konzept. Kapiert es und goutiert es. Für sie ist der lautlos agierende Binh ein Bringer im unerklärten Bürger*innenkrieg um alle möglichen Ressourcen.

Maria und die Migration

Maria sitzt in einem Café und liest einen Bericht über die Gegend, in der das Café liegt. Die Rede ist von „Afrikanern und Kleinbürgern“. Die Leserin erkennt unverstandenen Rassismus. Unter den Afrikaner*innen sind gewiss genug Kleinbürger*innen (dies als Beispiel für nachholendes Gendern). Man identifiziert sie nur nicht als kleine Leute, die von ihrem Schlendrian getrennt wurden; die nicht mehr einkehren können in ihre kleinen Ich-Gehäuse. Auch Maria hat keine Chance auf das Glück eines kleinen Lebens. Sie trägt die Glock am Mann (umgangssprachlich) und eben nicht in der Handtasche, so wie die anderen Pastorentöchter. Dem Ernst der Lage als Tochter des Paten von … entspricht sie scharf rasiert.   

Der Sonntagsblick

Maria liebt es, vermeintlich allein an einem Cafétresen Normalität zu simulieren. Die allzeit bewachte Tochter des Paten existiert in einem Sonderuniversum akuter Todesnähe. Ihre Ermordung ist beschlossene Sache. Es geht nicht um das Ob, sondern bloß um das Wann & Wie. Maria weiß das. Trotzdem bleibt sie cool. Die Erzählerin Ljudmila Michailowna „Systema“ Pawlitschenko schwafelt etwas von genetischem Mut. Das gibt es doch gar nicht.

Was zuvor geschah

Italien in seiner Prä-Pandemie-Verfassung. Maria Montana studiert Germanistik an der Universität von ... Die Tochter des Paten Mario führt ein Granden-Leben unter feministischen Vorzeichen. Sie darf all das, was früher den ältesten Patriarchensöhnen vorbehalten war. Maria lebt sich frenetisch aus. Vehement liest sie sich durch ihre Interessengebiete. Sie spielt Tennis und genießt eine Mafia-Spezialausbildung, die der Geheimhaltung unterliegt. 

Aber das ist nicht unser Thema. Wir sind im Alltagsmodus. Von mir aus -trott. Maria im Café, bei der Massage, auf dem Laufband, in der Ambulanz ... im Hörsaal, auf einem Uniklo mit dem durchaus verheirateten Professor Doktor Ágio Páscha, den es seltsam berührt, von einer Studierenden mit gut gefülltem Schulterhalter geküsst zu werden. Maria legt zwar ihren Büstenhalter, aber doch nicht den Holster ab. 

Die Bewaffnung törnt den alten Páscha an. Maria hat nichts gegen solche Benefite des Erotischen. Was geil macht, ist gut. So hat Maria es von Mario gelernt. Auch er kam als starker Mann/einst bei den Frauen vortrefflich an. Nun geht er gebeugt und sieht aus wie geschwefelt. Die Macht zersetzt ihn. Die vielen Todesurteile wiegen schwer auf seinem Gewissenskonto, während Maria für diese Not noch kein Empfinden hat. Sie genießt ihre Wirkung auf alles, was kreucht und fleucht. 

Gern nimmt sie einen Kaffee im Stehen am Tresen einer Bar. 

So geht es weiter

Dynastischer Kleinhandel

Maria überlässt sich einer Phantasie, die sie in Rimini zum ersten Mal gestärkt hat. Darin führt sie in dritter Generation einen Kiosk. Der dynastische Kleinhandel wirkt sich physiognomisch aus. Alle damit Befassten sehen sich ähnlich. Sie sind auf die gleiche Weise robust und anfällig.    

Maria pflückt Lachs von einem Avocadobett und verlängert den Tagtraum, bis sie in der Bar ihres Verweilens (Illycaffé, free WiFi, originelle Backpackerbewertungen und endlos-stummgeschalteter Rai Uno auf einem zweiundvierzig Zoll Plasmabildschirm) jobbt, so wie die meisten ihrer Kommilitoninnen in Cafés jede Menge Schichten abreißen, um sich soeben über Wasser zu halten. Sie stellt sich vor, wie der offenbar skandinavische Barista (Maria tippt auf Schweden) um sie herumstreicht und die Nähe ihres Hinterns eine Glut entfacht. Neben ihr saugt eine Frau ihren Smoothie aus einer aufgepeppten Schnabeltasse. Maria baut die Frau in ihre Geschichte ein. Die Frau trägt ein Kleid aus erhabener, reliefierte Rankenmotive zeigender Spitze, mit einem fest vernähten Chiffonüberwurf, der wie ein Schleier kaum anliegt.  

Ob ihr der Tod einmal so gut angezogen begegnen wird? 

Das internationale Auftragsmordwesen ist längst eine weibliche Domäne. 

Maria beneidet das geringe Volk um den Verschleiß, der es umgibt. Verstohlen registriert sie abgewetzte Stellen, geborstene Kanten, gesplitterte Kacheln, den Routinen entgangene Staubinseln; antike Zeichen, die zurückweisen in die Zeit, als in Bars noch geraucht wurde. Maria fürchtet jede Auffälligkeit. Ihre Sicherheitschefin Clarice Carangaria erstattet dem großen Mario Bericht. Maria darf nicht den Eindruck einer Saumseligen erwecken. Man erwartet Tatkraft von der Designierten.  

Normal ist der Ausnahmezustand

Nichts sollte uns mehr überraschen als der funktionierende Alltag. Aber das überrascht uns nicht. Etwas macht uns glauben, wir hätten einen Anspruch auf Wärme im Winter. Obwohl all die Geflüchteten am Rand unserer Strecken die Kunde von der permanenten Dysfunktionalität weitertragen.

Angeregt von Antonio Gramscis Erkenntnissen, ist Marias Vater schon von zehn Jahren dazu übergegangen, die auf Lampedusa gestrandeten und von ihm eingesammelten Migrant*innen nicht so zu missachten, wie es die schieren Machtverhältnisse erlauben. Mario versteht den Mehrwert des kaum halbwegs fairen Umgangs als Bollwerk gegen die Konkurrenz. Ihm ist man gewogen. Die Plantagenarbeiter*innen springen jederzeit für den Boss in die Bresche. Im Hinterland mafiöser Weitsicht entsteht eine neue Wehrkultur.  

Clarice Carangaria ist eine Flüchtlingstochter, die es weit gebracht hat im Imperium der Montanas. Mario vertraut ihr seinen Augenstern an.  

Es war stets die gleiche Leier auf einer Skala der Variantenarmut. Vorgedrehte Zigaretten in einer originellen Box. Der R4 oder die Ente. Die Kerzen auf dem verwitterten Sims. Das verzogene Fensterkreuz. Dalís zerlaufene Uhren. An der nächsten Ecke eine Kneipe, in der Alexis Korner's Blues Incorporated gespielt hatten.  

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Was zuvor geschah

Der Anfang beschreibt eine Aussetzung da, wo andere in eine Gemeinschaft hineinwachsen. Clarice Carangaria verliert ihre angolanischen Eltern auf dem Weg nach Europa. Auf Lampedusa gerät die Waise (unbegleitete Minderjährige) an einen Tributpflichtigen in Mario Montanas Mafia-Imperium. Clarice geht durch die harte Schule der Feldarbeit. Sie existiert in der Erniedrigung und erfindet da eine Capoeira-Variante. Überbordenden Einfallsreichtum beweist sie, sobald es darum geht, einen Feind zu bekämpfen. Sie strukturiert, ordnet und mathematisiert das Thema, bis endlich das ganze Gebiet so überschaubar wie ein Kinderspielplatz erscheint. Martialische Typen mit Verbrecher*innenstammbäumen bis in die Steinzeit kapitulieren vor Clarices Raum-Zeit-Mühlen. Du machst die Mühle auf und kapitalisierst den Faktor Zeit. Du machst die Mühle zu und profitierst von einem Raumgewinn.  

Die effiziente Verwaltung von Zeit und Abstand generiert Konfliktkapital. Clarices Management lässt sich schließlich auch der Pate erklären. Restlos überzeugt, vertraut Mario der Aufsteigerin sein Wertvollstes an. 

Clarice betreut Marios Tochter Maria als Chefleibwächterin. Die Schatten der Frauen sind verzahnt. Die Betrachtungsmetaebene verschraubt ihre Körper vertikal. Für die Eingeweihten: Sie haben eine gemeinsame Zentrallinie.  

So geht es weiter

Geduldige Schatten

Sie spielen mit dem Anfang. Maria und Binh suchen ungewöhnliche Orte für ihre Begegnungen. Sie klappern touristische Anziehungspunkte ab. In den Verhältnissen der Einheimischen erscheinen die Kathedralen, Schuldtürme und Zeughäuser beinah exotischer noch als sie Fremden vorkommen, die auf die Reiseführerhistorie spekulieren.

Binh erlebt sich als Navigator auf einer Expedition in das Ungewisse des vor Ort Eingemachten. Gemeinsam genießen Maria und Binh Überraschungen so wie ein Schauer erregender Kirchenorgelrausch. Eine Meisterin spielt sich in Form, und die Liebenden gewinnen ein neues Weißt-du-noch. Bald schert sich auch Binh nicht mehr um die geduldigen Schatten hinter Maria.

Binh fehlt alles, um im Montana-Reich präsentabel zu sein. Er müsste eine Protzuhr (Rolex Explorer II 1655 zum Beispiel) und noch mehr superwertvollen Schmuck sowie Markenklamotten vom Feinsten tragen und mit einem Maserati vorfahren. – Und das wäre die Understatement-Variante in einer Sphäre, in der man Respekt nur jenen zukommen lässt, die sich Respekt verschaffen können. Du kriegst da nichts geschenkt. Bedürftigkeit disqualifiziert dich.  

Binh fühlt sich von dem Gedöns in keiner Weise angesprochen und deshalb auch nicht in Frage gestellt. Er muss keinen Ehrenmänner-Ansprüchen genügen. Marias Reichtum fließt wie Wasser aus der Quelle in seine Richtung. Warum sollte er auch nur für ein Eis bezahlen bei diesem Wasserfallgefälle?

Binh tut nichts weh, wenn Maria ihn an jedem Schalter überholt, um den männlichen Part auszufüllen. Sie atmet Geld. In ihrer Nähe ist es so da wie Kuhscheiße auf dem Weg zur Weide.   

Einschub/ Biologisches Misstrauen

Binh bittet Maria, in seiner Gegenwart keine Stiefel und auch keine hochhackigen, farblich exaltierten Schuhe zu tragen. Er drängt auf die Verfolgung seiner ästhetischen Leitlinien.

Immer wieder höre ich, man könne sich leicht über Präferenzen hinwegsetzen, sofern ein Ausgleich im Angebot sei. Ich habe da kein Urteil. Axel Buether erwähnt in seinem Werk „Die geheimnisvolle Macht der Farben“ die Funktionen von Farben in den sieben Kategorien „Orientierung, Gesundheit, Warnung, Tarnung, Werbung, Status und Verständigung“. In jedem Fall muss das Objekt der Begierde diesen Anforderungen genügen. Wer also einer Person, die lackrote High Heels für ein probates Mittel zur Wertschöpfung hält, von ganzem Herzen widersprechen möchte, den bestimmt - nach Buether - ein biologisches Misstrauen zu seinem Widerspruch.  

Sinnlose Schulterknöpfe

Gerade fällt mir ein, wie ich einmal als Patient im Krankenhaus an eine Schwester geriet, die mir ein Interesse nicht vorenthielt. Eine burschikose Attitüde kontrastierte den Typus, den ich bei Frauen meiner Generation nicht mehr identifizieren und bei Jüngeren überhaupt nicht entdecken kann. Ich wittere ihn mehr als ich ihn erahne bei apfelgesichtig ergrauten Floristinnen und Buchhändlerinnen in Wollpullovern mit wagenradgroßen, vermutlich sinnlosen Schulterknöpfen. Da verwest ein erotisches Wir.   

So war sie, diese Krankenschwester, ursprünglich dazu bestimmt, mich attraktiv zu finden und von mir attraktiv gefunden zu werden. Heute stoße ich mich am Stereotypen und Seriellen. Es war stets die gleiche Leier auf einer Skala der Variantenarmut. Vorgedrehte Zigaretten in einer originellen Box. Der R4 oder die Ente. Die Kerzen auf dem verwitterten Sims. Das verzogene Fensterkreuz. Dalís zerlaufene Uhren. An der nächsten Ecke eine Kneipe, in der Alexis Korner aufgetreten war.  

Was ich sagen will: wir hatten keine Wahl. Damals gab es noch Kuren, die über sechs Wochen gingen. Der Rekonvaleszent verblieb solange wie in einem mittelprächtigen Hotel. Ich nahm alle Anwendungen und Muskelaufbaustunden mit. Man drehte ein Video mit mir in der Hauptrolle, weil ich mich so akkurat-gelenkig bewegen konnte. Das war kein Wunder, hatte ich doch nie groß etwas anderes getan, als zu trainieren.

Die Krankenschwester, die mir in ihrer Dienstkleidung als zwanglose Wohltäterin angenehm aufgefallen war, kam als Lady in Red zu unserem ersten und einzigen Date. Sie trug ein Lackminirock zur Lackweste, mir brannten die Augen.

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Verabredet war eine Antwort auf die Frage, ob ich nach einer schweren Operation, über die wir ein anderes Mal gern reden können, noch zum Geschlechtsverkehr in der Lage sein würde. Darüber hatten die Schwester und ich uns (sie auf jeden Fall entspannter als ich und sowieso ungemein heiter) auf ihrer Station verständigt. Was für eine lustige Idee.

Und nun das. Roter Lack. Gibt es noch etwas Affigeres? Denken Sie an Buether: „Orientierung, Gesundheit, Warnung, Tarnung, Werbung, Status und Verständigung“. Wir machen das alle nicht zum Spaß. Wir wittern, genesen, warnen, tarnen, werben, prahlen und finkeln nach den Vorgaben unseres genetisch-sozialen Strichcodes.

Nackt war die Welt wieder in Ordnung, doch blieb das Unbehagen. Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster. Ich glaube nämlich nicht, dass die Schwester in ihrem Lieblingsaufzug angefahren kam. Vielmehr glaube ich, dass sie dachte, mich so begeistern zu können. (Rot als Abwechslung zum Krankenhausweiß.) Natürlich gibt es keine Brücke über solche (wahrscheinlich gut im Sinne von animierend gemeinten) Missverständnisse.     

Kernkompetenz Kaltblütigkeit

Clark Kelly ist der Lordsiegelbewahrer einer Bruderschaft, aber das sagt er natürlich nicht. Sein Urururgroßvater war ein Aktivist der Irish Republican Brotherhood aka Fenians, so genannt nach dem mythischen Iren Fionn mac Cumhaill und seiner in einer Sage besungenen Gang, der Fianna. Als hochdekorierter US-Bürgerkriegscolonel war der Geburtsire Thomas Joseph Kelly 1867 nach Manchester gekommen, um da einen Aufstand der irischen Gastarbeiter*innen anzuzetteln. Er wurde verhaftet und entkam mit Hilfe von Friedrich Engels. Er kehrte nach Amerika zurück und starb steinalt.  

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Das Gute an den Toten ist, dass man sie für sich hat. Niemand kann sie einem wegnehmen. Das denkt Clarice Carangaria, die als unbegleitete Minderjährige ins Spiel um Macht und Reichtum gekommen ist. Sie dient Don Montana als Chefleibwächterin seiner Lieblingstochter und designierten Nachfolgerin Maria, die in der Selbstfindungsphase ist und sich ihren Einfällen überlässt. Mal knutscht sie einen Germanistikprofessor, der über den Seitensprung als literarisches Genre im Barock promoviert wurde, mal lässt sie einen Nachfahren südvietnamesischer Boatpeople an ihre Kostbarkeiten. Oggetti preziosi - so nennt man in manchen italienischen Kreisen Arsch und Titten. Jetzt hat sie auch noch den Amerikaner Clark Kelly an Land gezogen. Er ist der Lordsiegelbewahrer einer Bruderschaft, aber das sagt er natürlich nicht. 

Zur Erinnerung

Der Anfang beschreibt eine Aussetzung da, wo andere in eine Gemeinschaft hineinwachsen. Clarice Carangaria verliert ihre angolanischen Eltern auf dem Weg nach Europa. Auf Lampedusa gerät die Waise an einen Tributpflichtigen in Mario Montanas Mafia-Imperium. Clarice geht durch die harte Schule der Feldarbeit. Sie existiert in der Erniedrigung und erfindet da eine Capoeira-Variante. Überbordenden Einfallsreichtum beweist sie, sobald es darum geht, einen Feind zu bekämpfen. Sie strukturiert, ordnet und mathematisiert das Thema, bis endlich das ganze Gebiet so überschaubar wie ein Kinderspielplatz erscheint. Martialische Typen mit Verbrecher*innenstammbäumen bis in die Steinzeit kapitulieren vor Clarices Raum-Zeit-Mühlen. Du machst die Mühle auf und kapitalisierst den Faktor Zeit. Du machst die Mühle zu und profitierst von einem Raumgewinn.  

Die effiziente Verwaltung von Zeit und Abstand generiert Konfliktkapital. Clarices Management lässt sich schließlich auch der Pate erklären. Restlos überzeugt, vertraut Mario der Aufsteigerin sein Wertvollstes an. 

Clarice betreut Marios Tochter Maria als Chefleibwächterin. Die Schatten der Frauen sind verzahnt. Die Betrachtungsmetaebene verschraubt ihre Körper vertikal. Für die Eingeweihten: Sie haben eine gemeinsame Zentrallinie.  

So geht es weiter

Der Nebel frisst sich in die Landschaft. Maria und Clarke betrachtet ein Schauspiel des Verschwindens von der hohen Warte des Magdalenenstübchens hoch über … Niccolò Machiavelli verbrachte manche Stunde im Castello di S… C… Heute gehört die Burg zu Montanas Besitzungen. Maria möchte dem Amerikaner sagen, dass für alles gesorgt sein würde, und er ganz ungezwungen sein dürfe (in dem engen Rahmen ihrer Familienordnung). Sie weiß nicht, dass Clark seine eigenen Geheimnisse hütet. Dass auch er reich ist und seine Schichten in der Bar dem königlichen Vergnügen einer Inkognito-Existenz dienen.  

Sorgensonde

Maria genießt einen Sonntagsblick ihrer Kindheit. Sie denkt an ihre Mutter, die nach zwölf Geburten einfach den Geist aufgegeben hatte. Sie huscht mit ihren Fingern über die Lehne des Stuhls, auf dem Clark mehr thront als sitzt. Seine Erscheinung (in einer grauen Eminenzweste, für die der Mann viel zu jung ist) imperial zu nennen, gebietet die Wahrheitsliebe. Maria erkennt den vom Himmel Gesandten, mit göttlichen Vorzügen Gesalbten vielleicht nur in ihrer Einbildung. 

Zu ihren Füßen vollzieht sich ein Wochenmarktbetrieb. Nie wuselte Maria unbewacht zwischen den Buden und Ständen. Auch jetzt sitzt Clarice ihr im Nacken und hält Fühlung mit Chisao without Touching. Sie penetriert die Schutzbefohlene mit einer Achtsamkeitssonde. 

Kernkompetenz Kaltblütigkeit

Manchmal ist Clarice schlecht vor Angst. Dann macht ihre Kaltblütigkeit Pause, so dass die Killerin begreift, was den meisten Leuten fehlt. Clarice spürt Clarks Kompetenz. Er wäre der Richtige für sie. Maria empfindet etwas Ähnliches. Clark erinnert sie an manche Gefolgsmänner ihres Vaters. Aber da sind andere Farben im erotischen Portfolio des Amerikaners.

Ich greife jetzt mal ein, um Licht ins Dunkle zu bringen. Clark hat das Repertoire einer Großkatze. Schleicht sich ein Raubtier gegen den Wind an, auf seiner Pirsch Sträucher und Unterholz nutzend, bewirkt ein unregelmäßiges Fellmuster, dass die Gestalt in der Wahrnehmung des Opfers zerfällt. Umgekehrt bleibt die Auffassung des Opfers in den Jäger*innenaugen stabil. Folglich ist jene(r) Jäger(in), die/der sich schwerer erkennen lässt (in der Gesamtschau einer Braut/Bräutigamwerbung).  

Die biologische Funktion von Schönheit/Klimmzüge der Vergeblichkeit

Einfallslose und lebensblasse Laubenvögel bilden keine abgeschiedenen Kolonien der Bescheidenheit. Vielmehr suchen sie die Nähe von Meistern des dekorativen Nestbaus.

„Der Ideenklau ist keine menschliche Erfindung.“ Axel Buether

Erfolgreiche Künstler (unter den Laubenvögeln) paaren sich nach Belieben. Der Rest stirbt aus, nach ein paar Klimmzügen der Vergeblichkeit. Die skizzierte Konstellation zieht Gewinne aus dem Umstand, dass drei außergewöhnliche Akteure im Spiel sind. Wir reden nicht über die Eigentumswohnung, die man sich als Ehepaar mit guten Jobs schließlich leisten kann. Es geht nicht darum, bei schlechtem Licht gut auszusehen. Maria, Clarice und Clark sind glänzende Beispiele für die Unterschiede zwischen Vorzüglichkeit und notdürftiger Anpassung.

Warum sollen wir Kunstfertigkeiten nicht als Geschlechtsmerkmale begreifen? Was spricht dagegen? Die kulturelle Evolution folgt den Gesetzen der biologischen. Schöne Farben, kreative Lösungen: darum dreht sich die Spindel. Die Genetikerinnen Eva Jablonka und Marion Lamb stellen fest:

„Evolution findet heute nicht mehr noch auf der genetischen, sondern ebenso auch auf der epigenetischen, der kulturellen und der symbolischen Ebene statt.“

„Jablonka und Lamb wollen die Vorstellung, dass jede erbliche Variation spontan und blind für irgendwelche Funktion entsteht, durch ein neues Konzept ersetzen. Es schließt erbliche epigenetische Veränderungen ein, die weiterverbreitet sind als man noch vor wenigen Jahren dachte; hinzu kommen die Weitergabe von Information durch Verhaltensweisen und die symbolgestützte Vererbung. Vier Dimensionen - sie beschreiben eine viel umfassendere und differenziertere Theorie der Evolution, bei der die natürliche Selektion nicht nur unter den Genen auswählt.“ Quelle

Maria beobachtet eine Greisenschar beim Boccia auf einem von Platanen gesäumten Feld. Sie streicht ihren Rock glatt. Jemand reicht ihr tellerfrisch ein Stück Himbeer-Kokos-Torte mit Mascarpone Chantilly. Maria rügt ihre Gleichgültigkeit. Sie sollte nicht so verwöhnt fühlen. Sie erhascht die Schlagzeile der Atlantic Tribune:

“Orca Attacks On Boats Are Getting Worse and Worse, Scientists Say … These attacks have been coordinated, and anyone who encountered them insists that the animals were communicating and working in tandem.” Quelle

Die Intelligenz greift um sich. Strategisch handelnde, taktisch kluge Wale; Lichtjahre entfernt von der Menschenfreundlichkeit eines Namu, siehe Namu, der Raubwal. Effektiv gegen Gegner*innen, die in der Lage sind, ganze Landstriche zu entvölkern. In diesem Augenblick erkennt Maria, dass Clark keinen Sinn für die Zeichen hat, die ihn in ihren Symbolismus einweihen sollen; dass er niemals ein Mann der Familie werden wird. Sie verliert sich in ihrem Rimini-Phantasma.

Eine Phantasie

Sie bricht ihr Studium ab und kehrt in ihre Heimatstadt zurück. Da lebt ihr Vater als Witwer in bescheidenen Verhältnissen. Er führt einen Eisenwarenladen. Maria hilft tageweise aus. Die Arbeit verlangt ihr nicht so viel ab, dass sie nicht auch noch Romane lesen und sich muckelig fühlen könnte. Oft kombiniert sie den Arbeitskittel mit einer Strickjacke aus dem Geschäftsfundus.

Spachtelmasse, Nägel, Dübel …

Maria bestückt Ständer, sie kriecht durch die Auslagen. Sie bestellt einen Fensterputzer. Eine Heuschrecke wird zutraulich in Gegenwart eines Kunden im Blaumann. Der Handwerker behauptet, in seiner kolumbianischen Heimat nenne man das Insekt Esperanza - Hoffnung. Das glaubt Maria nicht in ihrem Kittel. Sie fühlt sich angeschmachtet von einem ranzigen Sack.