MenuMENU

zurück zu Main Labor

26.12.2020, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Aus einem typischen Textland-Schriftverkehr

Am 13.10. 2019 starte ich die Anfrage:

Hallo Herr Rosenthal, kann ich Ihren Bericht über Bernhard-Henri Lévy und Stephen Bannon im Gespräch auf diesem Blog veröffentlichen? https://www.textland-online.de/index.php?article_id=1

Am 25.12. 2020 erhalte ich die Antwort:

Ja, gern. Ich hab gerade durch Zufall Ihre Nachricht im Spamordner gefunden. Frohes Fest!

Ich reagiere sofort: Lieber Herr Rosenthal, vielen Dank. Reden wir von diesem Text. Der ginge doch noch unter dem Titel ... 

Es folgt folgender Nachtrag:

Nachtrag zu Überlegungen aus dem letzten Prä-Pandemischen Jahr

Ja - das war damals mein Eindruck - und zumindest an das "Europa der Nationen" kann ich auch heute nicht mehr glauben - gleichzeitig bin ich schon der Meinung, dass eine europäische Zentralregierung zum Einen in der aktuellen Lage keine Mehrheit bekommen würde und zum Anderen auch viel zu anfällig wäre für quasi "zentrale" Korruption. Der Bürger hätte dann noch weniger Kraft zur Intervention, als das bereits heute der Fall ist.

Der aktuellste Schnee von gestern - Simon Rosenthal am 12.10. 2019 prophetisch: 

Gestern war der letzte Tag des „Athens Democracy Forum“, mit einem letzten, verstörenden Höhepunkt: Eine Diskussion zwischen dem französischen Philosophen Bernhard-Henri Lévy und Stephen Bannon, dem ehemaligen Chefstrategen von Donald Trump und Gründer des rechten „Breitbart“- Nachrichtennetzwerkes- moderiert von Roger Cohen von der New York Times. Während Lévy für das liberale Europa steht und für das Zusammenwachsen der europäischen Nationalstaaten, wird Bannon nicht müde, die amerikanische Vision für Europas Zukunft zu propagieren- das „Europa der Nationen“ (was auch immer das genau bedeuten soll). Als Vertreter der „United States“ spricht er klar gegen ein ‚United States of Europe‘. Wie ein Methodistischer Prediger läuft er vor dem Publikum auf und ob, Berichtet von den „Oligarchs“, die ein Resultat der Globalisierung seien und die Welt kontrollieren, und dass man mit dem „starken Europa der Nationen“ gemeinsam gegen das gefährliche China stehen (und kämpfen) wolle, dass Amerika „kein Empire, sondern eine revolutionäre Kraft sei, die durch Trump ausgedrückt werde, der dem „working man“ seine Ehre und seinen gerechten Anteil am Reichtum wieder geben würde und der unbedingt die Mauer zu Mexiko bauen müsse… Lévy drückt hingegen sein Bedauern und seine Ablehnung gegenüber der heutigen Beziehungen zu den USA aus und konfrontiert Bannon mit den bekannten Vorwürfen des Rassismus, Faschismus und Chauvinismus und mit dem fast völligen Verlust der Glaubwürdigkeit der US-Politik (auch im Hinblick auf den aktuellen Überfall der Türkei auf Syrien). Bannon weicht aus, bezeichnet ihn als Verbreitet „alternativer Wahrheiten“, verweist auf irgendwelche Tweets von ihm und Trump und dass er das ja auch nicht so machen würde, Trump aber verstehen könne usw…. In der Reflexion auf diese Vorstellung meine ich verstanden zu haben, dass es absolut keinen Sinn macht, mit Populisten inhaltlich zu diskutieren, weil ihr Ziel nicht eine Synthese, ein Kompromiss bzw. eine gemeinsame Lösung ist, sondern eine völlige Vereinnahmung- ein „Ideology- Selling“. So schafft auch Bannon es- zwar nur für Momente- einen beträchtlichen Teil des Publikums mitzureißen- seine Qualität als Talkmaster-Prediger und seine spürbare Überzeugtheit und Charisma (die basalen Eigenheiten aller Demagogen), funktionieren selbst vor der versammelten, liberalen Intelligenz Europas. Mir wird wieder einmal bewusst, dass Demokratie nichts selbstverständliches ist, dass der Wunsch nach starker Führung nicht nur in naiven Menschen wohnt. Mir wird ebenfalls klar, dass Demokratie die direkte Auseinandersetzung mit Totalitaristen und Faschisten trotzdem braucht, um das eigene Selbst- und Menschenbild deutlich abgrenzen zu können. Europa wird- so scheint es- die starke Verbundenheit mit den USA so nicht fortführen können- denn eine stabile , politische Zusammenarbeit kann nicht über day-to-day politics, Tweets und Posts funktionieren, sondern nur über gemeinsame Grundsätze und das Einhalten von Vereinbarungen. Andernfalls bekommt diese Partnerschaft den gleichen Charakter, wie die einschlägig-unverbindlichen „Beziehungen“, die jeder von uns kennt, der in den „sozialen“ Netzwerken aktiv ist. „America First!“ ist das Gegenteil einer transatlantischen Partnerschaft, der ich angehören möchte. Es ist heute umso wichtiger, aus diesem Schatten herauszutreten und eine eigene Agenda, ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln, um in der Welt der Supermächte überhaupt noch eine Rolle zu spielen. Ich glaube nicht, dass wir das als ‚Europa der Nationen‘ schaffen können. Wir würden uns dadurch erneut in nationalen Fehden aufreiben und noch anfälliger für die Außenpolitik anderer ‚Player‘ werden.

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Land of the Free

Simon Rosenthal fordert: Europa muss ein "place to be" werden (was es ja eigentlich auch ist), ohne die anderen Blöcke offensiv anzugehen; denn für eine Konfrontation haben wir nicht die adäquate innere Struktur. Wir schaffen es ja noch nicht einmal, eine Pandemie gemeinsam zu bewältigen.

So geht der Positionsabgleich weiter

Rosenthal: Wie stehen Sie denn zu dem, was ich da geschrieben habe?

Tuschick: Was wir im letzten Jahr gesehen und Sie vorausgesehen haben, ist das nationalstaatliche Rollback in der Krise. Bannons Ideen sind nicht zu unserem Vorteil. Wichtig bleibt Ihre Feststellung: „America First! ist das Gegenteil einer transatlantischen Partnerschaft, der ich angehören möchte. Wahrscheinlich hoffen wir beide auf Biden, der ohne Trump ein Ausfall als Präsident wäre. Wir müssen moderat, diplomatisch und nicht-martialisch weiterwursteln.

Rosenthal: Auf der anderen Seite muss man immer auch sehen, dass Trump keinen neuen Krieg angezettelt hat und Europa eigentlich viel mehr in Richtung Selbstfindung gepusht hat, als wir das von Biden erwarten können. Trump hat außerdem eine historische Allianz zwischen den USA, Israel und den Emiraten (Abraham Accords) geschmiedet ... davon kann man zunächst mal halten, was man will. Aber es war ein wesentlicher Impuls im mittleren Osten. Hat sich vorher keiner getraut...

Tuschick: Ja, Trump hat wie so ein blinder König Israel in eine Pole-Position mit-manövriert. Biden wird versuchen, die Entwicklung zu kupieren. Wie gesagt, ohne Trump wäre Biden keine Option gewesen. 

Rosenthal: Es ist halt einfach nicht mehr die Situation wie im kalten Krieg. Die Konfliktlinie der USA ist heute im Pazifik. Es wird also nicht mehr so werden wie es lange war. Europa müsste - meiner Meinung nach - das werden, was die USA mal waren: The Land of the free people. Das würde auch den Gedanken eines liberalen Europas weiterführen. Ich bin auch davon überzeugt, dass ein solches Programm für Europa einen großen Zulauf von "geistigem Kapital" und damit auch wirtschaftlicher Innovation bedeuten würde. Aber wir dürfen das nicht in einer solchen Weise propagieren, wie es einmal die USA getan haben. Europa muss ein "place to be" werden (was es ja eigentlich auch ist), ohne die anderen Blöcke offensiv anzugehen; denn für eine Konfrontation haben wir nicht die adäquate innere Struktur. Wir schaffen es ja noch nicht einmal, eine Pandemie gemeinsam zu bewältigen.