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27.12.2020, Jamal Tuschick

Von Mariella Edinger

Degrowth: Raus aus der Krise, rein in das gute Leben für alle

Wollen wir überhaupt zu den Zuständen vor der Krise zurückkehren? Die Corona-Krise verschärft, was schon zuvor nicht gut war: Unter der neoliberalen Gesellschaftsordnung leiden bestimmte Gesellschafts- und Berufsgruppen am meisten.  Bedingt durch Alter, Geschlecht, Herkunft und Beruf kämpfen derzeit viele doppelt um ihre Gesundheit – und ihre Existenz. Das Konzept Degrowth bietet eine echte Alternative – und zwar nicht nur während der Krise, sondern nachhaltig.

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Ausnahmezustand: Weltweite Versorgungsketten, industrielle  Nahrungsmittelerzeugung und die Einreise von Pflegekräften – all das funktioniert gerade nicht mehr.

Vom Kellner zur Künstlerin: Das Privileg auf Homeoffice haben nur die Wenigsten. Massenweise Menschen verlieren gerade ihre Existenzgrundlage. Das Supermarkt- und Pflegepersonal arbeitet länger und härter, und das unter oft fragwürdigen Sicherheitsvorkehrungen. Auch die Mehrfachbelastung von Frauen wird durch die Krise sichtbarer denn je. Einige Bevölkerungsgruppen sind von der Krise stärker als andere betroffen – die Schere der Ungleichheit geht immer weiter auf.

Essentielle Arbeit wird zudem weiterhin unterbezahlt: Pfleger*innen und Erntehelfer*innen aus Osteuropa dürfen unter teils dubiosen Bedingungen einreisen. Ohne diese Arbeitskräfte funktioniert die Versorgung in Österreich nicht – faire Bezahlung gibt’s aber trotzdem keine. Und was ist eigentlich mit den überfüllten Flüchtlingslagern an den EU-Grenzen? Die unmenschlichen Bedingungen dort finden kaum mehr Beachtung, obwohl sie sich immer weiter verschärfen.

In den Bereichen, die vor Corona schon prekär waren, verschärft sich die Situation jetzt drastisch.

Der heutige Ausnahmezustand könnte der neue Normalzustand werden: Durch die Klimakrise ausgelöste Extremwetterereignisse, steigende Temperaturen und Meeresspiegel und der Verlust von Artenvielfalt werden unsere Situation weiter verschlechtern. Das gefährdet die globale Gesundheit, die Ernährungssicherheit und unser aller Lebensqualität.

Die Krise muss also Anlass zur Strukturveränderung werden: Anstatt einzelne Symptome und Folgen  zu bekämpfen, sollte bei den Ursachen der Missstände angesetzt werden. Corona verdeutlicht, wo die Probleme liegen.

ILLUSION: UNENDLICHES WACHSTUM

Das Konzept Degrowth – auf Deutsch Postwachstum – ist eine sozio-ökologische Bewegung, eine politische Utopie und ein Forschungsbereich. Es ist ein gleichzeitig ein theoretisches und praktisches Konzept für alternative Produktions-, Arbeits- und Lebensweisen. Es beleuchtet, wie unsere Umwelt und soziale Strukturen durch ökonomische Strukturen zerstört werden.

Daraus resultiert, dass Vertreterinnen und Vertreter der politischen Bewegung den Zwang des kapitalistischen Wirtschaftswachstum infrage stellen. Dieser Zwang ist eine Illusion: Unendliches Wirtschaftswachstum kann es einfach nicht geben – denn unsere Ressourcen sind nun mal endlich. 

Nicht weniger luxuriös, aber anders stellt man sich die Zukunft vor: Degrowth steht für eine transformierte Gesellschaft mit Zeitwohlstand, kollektiven Versorgungssystemen, öffentlichen Verkehrsmittel und einer gerechten Besteuerung der Reichen – in kurz: für ein gutes Leben für alle.

UMVERTEILUNG UND KLIMASCHUTZ

Der Weg aus der anhaltenden Krise hin zu diesem guten Leben führt über zwei Forderungen: Einerseits eine Umverteilung des gesellschaftlichen Wohlstands, welcher in den letzten Jahrzehnten weltweit immer stärker auseinanderklafft. Andererseits eine Arbeitszeitreduktion – besonders für die stark überlasteten Pflegeberufe. Dazu wird es auch eine (längst überfällige) sozio-ökologische Steuerreform brauchen.

Doch es braucht auch ein gesamtgesellschaftliches Umdenken: Systemrelevanten Berufsgruppen muss die Anerkennung entgegengebracht werden, die sie tatsächlich verdienen. Darunter fallen neben der Pflege die Bereiche Bildung, Lebensmittelerzeugung, Abfallwirtschaft und auch Hausarbeit. Sie stellen das Funktionieren unserer Gesellschaft sicher. Das zeigt uns die derzeitige Krise klarer denn je.

Auch Unternehmen mit klimaschädlichem Kerngeschäft müssen sich grundlegend ändern. Die Unternehmen brauchen Pläne zur Dekarbonisierung. Und die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer brauchen ein Angebot zur Neu- und Umqualifizierung. Und zwar rechtzeitig, bevor die klimabedingte Arbeitslosigkeit eintritt. 

GLOBAL GEMEINSAM DENKEN

Es gilt aber auch, jene Wirtschaftsbereiche zu transformieren, die so aufgebaut sind, dass sie Profit machen, indem sie im globalen Süden unfair und ausbeuterisch produzieren.

Massenkonsum und Profitmaxime: Damit man in Europa, Kanada und Australien billige Kleidung kaufen kann, lässt im globalen Süden unfair produzieren. Damit reiche, exportierende Staaten Absatzmärkte für ihre Produkte haben, werden Länder in AFrika und Asien in ungerechte Wirtschaftsabkommen gezwungen. Die regionale Wirtschaft leidet dort dann zusätzlich und bleibt im Nachteil. So wird – zusätzlich zu den Auswirkungen der Klimakrise – Migration befeuert.

Am Ende braucht es faire Arbeits- und Lebensstandards überall und eine Abkehr von ständiger Profitmaximierung. Jetzt ist die Zeit, Alternativkonzepte ernsthaft voranzutreiben. So können wir zu einer neuen Konzeption von Wohlstand und zu einem guten Leben für alle kommen.

ADÉ, WEGWERFGESELLSCHAFT

Wir müssen weg von Wettbewerb und kurzlebigem Konsum. Produkte, die man reparieren kann, anstatt solche, die man wegwerfen muss, sind dabei ebenso wichtig wie Recycling und Wiederaufbereitung von Rohstoffen. Das ist nicht nur nachhaltig und reduziert den weltweiten Verbrauch, sondern auch lohnend fürs Börserl. In Amsterdam liegen für diesen Weg etwa schon konkrete Pläne am Tisch.

Wie kann man nicht nur die Arbeit an sich,  sondern die Unternehmen selbst demokratisieren? Hier spielen kleine Unternehmen und Genossenschaften eine wichtige Rolle: Es ist nötig, viele am Markt zu beteiligen, anstatt immerzu große Profite für wenige zu sichern.

Der Beitrag erschien zuerst auf Kontrast.at        

Das sozialdemokratische Magazin Kontrast.at begleitet mit seinen Beiträgen die aktuelle Politik. Wir betrachten Gesellschaft, Staat und Wirtschaft von einem progressiven, emanzipatorischen Standpunkt aus. Kontrast wirft den Blick der sozialen Gerechtigkeit auf die Welt.