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31.12.2020, Jamal Tuschick

Thilo Krause schildert Erhebungen im Gelände, das Zusammenspiel der Kräuter mit dem Klee; die malerisch verschorfte Furche auf dem Ackerweg; den Grind unterm Laub; die Krume am Saum der Endmoräne. Ich erlaube mir, die Naturbetrachtungen eines anderen mit meinen eigenen Worten wiederzugeben. Die Metaphorik erschöpft sich für Mops in der Frage: Was mache ich hier? Warum bin ich zurückgekehrt? Kann ich auch noch was anderes außer Schnaps trinken?

Im Säurebad der Beziehungen

In den Tälern und auf den Höhen lauern Bürgerkrieger*innen. Darunter sind lautlose Meister*innen der Seven S’s of Camouflage: Shape, Shine, Silhouette, Shadow and Spacing are the key principals … Erst die Nacht entfaltet ihre Vorzüge. Du siehst sie nicht. Du hörst sie nicht. Aber sie sind da. © Jamal Texas Tuschick

Abgesprengt und aufgegeben von einer Welt im Großalarm

Wie ein Hintersasse sitzt er auf der Bank vor Jans Haus. Die Freunde trinken Schnaps und studieren den Betrieb der Nachtkerzen unter den Lagerfeuern der Milchstraße. Die Neophyten „atmen aus in der Nacht“. Das hat der Erzähler nie zuvor gesehen, dieses behutsame Sich-Öffnen der Kelche.   

Jan verkörpert den Bodenständigen, den Mann, der niemals weggegangen ist. Die Performance verfehlt das Zentralmerkmal seiner Biografie. Jans Leben erzählt von Migration. Der Tscheche fährt Bus im Dienst einer deutschen Verkehrsgesellschaft. Er erklärt Mops, was gerade (im Sinne von aufrecht) ist in Schlumpfhausen so wie überall auf der Welt. 

Thilo Krause, „Elbwärts“, Roman, Hanser, 22,-

Man nannte ihn Mops, solange er ein Kind war in der Gegend, die nun für Thilos Krauses Helden zur fragwürdigen Zuflucht geworden ist. Ich sage weiter Mops zu dem Sohn eines Wismut-Malochers. Er haut sich den Schnaps rein, genießt die brodelnde Natur, philosophiert ein bisschen ins Blaue und entbehrt bei allem Christina und die Kleine

Naturtrübe Prosa

Nach einem langen Ausflug in eine waldreiche Vergangenheit scheppert Mops wieder durch die Gegenwart mit der Kleinen. Im Textbild erscheint die Kleine nicht kursiv. Ich bringe es aber nicht fertig, dass einfach so stehenzulassen.

Irgendwann erfährt man, dass Mops mit Christina in einem unehelichen Verhältnis verbunden ist.

Mops expediert die Kleine im Rucksack zum Kindergarten. Er erklärt ihr das Wetter und die Wolken. Gemeinsam verschwinden sie im Farn. Die Idylle löst sich im Säurebad der Beziehungen auf.  

Krause schildert Erhebungen im Gelände, das Zusammenspiel der Kräuter mit dem Klee; die malerisch verschorfte Furche auf dem Ackerweg; den Grind unterm Laub; die Krume am Saum der Endmoräne. Ich erlaube mir, die Naturbetrachtungen eines anderen mit meinen eigenen Worten wiederzugeben. Die Metaphorik erschöpft sich für Mops in der Frage: Was mache ich hier? Warum bin ich zurückgekehrt? Kann ich auch noch was anderes außer Schnaps trinken?

Ihn füllt eine Leere. 

Manchmal sehnt sich Mops nach der großen Stadt, wo die Leute Kommunikationsklumpen bilden und glauben, es gäbe auch noch etwas anderes als Fortpflanzung. Sie halten sich nicht bloß für Primaten auf einem Ressourcenkreuzzug. © Jamal Texas Tuschick

Sie nannten ihn Mops

Ein Mann kehrt zurück. Wie in ein anderes Land. Das klingt nach einem aufgegebenen Genre … nach einem Lied, das keiner mehr kennt. Es klingt nach Titeln wie Über den Fluss und durch die Wälder und Am Scheideweg. Man sieht das Laub in Camouflage, das Nadelholzensemble über der Felsnase, die als Kindheitsriff der Erinnerung standhält.

„Das ist mein Fels. Ein windiges Riff. Ein paar knotige Kiefern.“

Als der Mann noch ein Junge war, nannte man ihn Mops. Vito, sein bester Freund von damals, ist in der Ursprungslandschaft hängengeblieben. 

Bereits das Nachbardorf war eine „fremde Welt“; verbotenes Gebiet. Demarkationslinien, von denen die Erwachsenen behaupteten, sie nicht zu bemerken, gliederten den Raum. Es herrschte das Gesetz der Feindschaft. Es gab die Feindschaft im Rahmen der Zugehörigkeit und es gab sie im Lumpenkleid des Fremdseins.

Unaufhaltsame Sporenarmee

Der Erzähler kehrt in aufgegebene Verhältnisse ein wie in ein leerstehendes Gasthaus. Die Türen drehen sich gespenstisch in den Angeln. Eine Staubschicht bedeckt den Tresen. Zerbrochen sind die Stühle. Ein Geruch hängt in den Räumen, der niemals angenehm war.

Man kann das Entree auch anders und weniger spooky aufziehen. Was ist schon groß passiert? Mops hat jetzt eine Frau und ein Kind: „Christina und die Kleine“.

„Vogelbeeren glühen über dem Asphalt.“

Er bemerkt die Übermacht der Natur. Wo man sie nicht mit Gift und Harke konsequent zurückdrängt, quillt sie vor mit ihrer unaufhaltsamen Sporenarmee. Die Häuser auf dem Land sind geschundene Festungen, vor jeder Fertigstellung längst überwunden.

Mops stürzt gelinde ab. Ihn erwartet die sachlichste Versorgung.

Christina verdient das Familiengeld in einer belanglosen Kleinstadt. Stadt ist schon zu viel gesagt. Der Komment des Kneipenpatriotismus bestimmt die Ansichten. Man verweilt im Deutschen Eck und verabredet sich im Reichsadler.

Mops lässt sich von der Kleinen warmhalten. Er wappnet sich mit ihrer Power.

Aus der Vorschau

Wie begegnet man seiner fremd gewordenen Herkunft? – Thilo Krauses eindringlicher Roman über unser Land und unsere Zeit

Ein junges Paar kehrt nach Jahren zurück ins Felsland der Sächsischen Schweiz. Der Wunsch, sich an den Kindheitsorten ein neues Leben aufzubauen, mündet in die Konfrontation mit der Herkunft, aber auch mit einer neuen Fremdheit. Der Erzähler erinnert sich: an den Schulfreund, der damals beim gemeinsamen Klettern sein Bein verlor. An den öffentlichen Tadel in der Schule beim sozialistischen Fahnenappell. Thilo Krauses erster Roman erzählt vom Versuch der Heimkehr in ein fremdgewordenes Land. Es gibt nicht nur Apfelbäume und Elbwiesen, es gibt auch das Sommercamp der Neonazis, und am Misstrauen des Dorfes droht auch das Paar zu scheitern. Ein intensiver Roman über unser Land und unsere Zeit.

Thilo Krause, geboren 1977 in Dresden, lebt und arbeitet in Zürich. Seit 2005 veröffentlicht er literarische Texte in Zeitschriften (u.a. Akzente, Sinn und Form), Zeitungen (u.a. Die Zeit, Zürcher Tagesanzeiger) und Anthologien. Für seine Gedichte wurde Thilo Krause 2012 mit dem Schweizer Literaturpreis und 2016 mit dem Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg sowie dem ZKB Schillerpreis ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen 2018 sein Gedichtband Was wir reden, wenn es gewittert, für den er den Peter Huchel-Preis erhielt, 2020 sein Roman Elbwärts, der mit dem Robert Walser Preis ausgezeichnet wurde.