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01.01.2021, Jamal Tuschick

Neujahrsansprache

Die Mount Everest-Trivialisierung als Paradebeispiel für Mind aka Magic Force

© Jamal Texas Tuschick

Als Sardar „Superfoot“ Tenzing Norgay, ein Mann aus dem Volk der Sherpa, gemeinsam mit dem Neuseeländer Ed Hillary 1953 zum Sitz der Götter vordrang, war die Welt aus dem Häuschen. In den Fernsehern rauschte die Sensation schwarzweiß auf. Im Duktus des verblassenden Kolonialimperialismus stand der weiße Brite an erster Stelle. Sein Aufstieg allein besaß Nachrichtenwert als nachgerade übermenschliche Leistung. Allen Befreiungskämpfen im globalen Süden zum Trotz stagnierte die Rezeption nach Maßstäben des 19. Jahrhunderts, als ein von Millionen Menschen und Milliarden Mücken seit Jahrtausenden frequentierter Ort irgendwo in Afrika nur deshalb plötzlich als entdeckt galt, weil so ein europäischer Schlumpf, der allein im Dschungel keinen Tag überlebt hätte, und den man da tragen musste, wo andere leichtfüßig blieben, im Schatten einer Zypresse sein Wasser abgeschlagen hatte. 

Abstieg des Berges - Wie lauter Aufstiege den Mount Everest auf den Hund kommen ließen

In den folgenden dreißig Jahren verband sich jede weitere Mount Everest-Expedition mit Gefahr, Abenteuer und Tragik. Inzwischen schenkt sich die alert-solvente New Yorkerin, die schon alles hat, den Gipfeltraum im Himalaya als Spaziergang zum siebzigsten Geburtstag. Längst ist der Mount Everest klein gedacht worden von so vielen, die ihr persönliches Grandiositätsphantasma auf den höchsten Berg des Erdkreises projizierten. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Phänomen lenken. Wäre Kraft das Entscheidende, müssten wir uns vor den Gorillas schämen. Die fressen und scheißen selbstlos vor sich hin. Sie trainieren nicht eine Stunde und sind doch unseren besten Ringer*innen mühelos* überlegen.

Zwischen magisch und magnetisch/Entzauberung der Welt

*Siehe Professor Kernspechts Mühelosigkeitsparadigma: „Davon abgesehen denke ich, dass ein ganz entscheidendes Erlebnis war, als ich sah, wie Joseph Cheng damals einen Herausforderer nach dem anderen besiegte. Und dabei elegant aussah! Das war, was ich wollte: mit dem Gegner kämpfen und mit ihm spielen. Mühelos.“

Kampf bleibt auch im neuen Jahr Kopf- und Chefsache. Mit den Ausgeschlafenen am Neujahrsmorgen reihe ich mich ein in den Kranichzug der Begreifenden. Der Mount Everest wurde im Kopf der Menschheit bezwungen. Man muss das nicht schön finde. Ich jedenfalls finde es so fade wie schade. Gleichviel. Das Leben sucht sich Schauplätze der Offenbarung. Es zieht sich vor dem einen zurück und vor dem anderen aus. Die Siebzigjährige auf dem Dach der Welt funktioniert als Spielfigur der Entzauberung nicht nur. Sie zeigt auch, was Gedankenkraft vermag. Auf den Brücken zur Magic Force sehen wir eine Re-Verzauberung, um noch einmal anders zu verstehen, wie nah wir den Göttern kommen können, wenn wir leicht werden.