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03.01.2021, Jamal Tuschick

Genhüllen

Richard Dawkins bezeichnet eine Ameisengesellschaft als Genfabrik. Für ihn sind Ameisenleiber nur Genhüllen.

© Jamal Texas Tuschick

Wir hörten The Mamas & The Papas ... California Dreamin' ... während wir uns bemühten. Es war so zersetzend zu wissen, dass da draußen Leute atmeten, die wirklich scharf darauf waren, entweder mit mir oder mit Claire ins Bett zu gehen. Aber da gab es diesen Beschluss, dass Claire und ich es sein sollten. Es hakte überall, und immer hieß es: Das macht doch nichts, Baby.

Wir stammten aus Familien, die Wert auf ihr Unglück legten. 

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San Francisco Ende der Sechzigerjahre. Denken Sie an die Telegraph Avenue und Haight-Ashbury. Ich nahm meine erste akademische Stellung ein. (Ich hatte mich angeschlichen und war auf einem freien Platz einfach stehengeblieben. Plötzlich gehörte ich zum Lehrkörper.) Claire hing beruflich noch in der Luft. Wir wohnten in Berkeley und waren, wie alle in unserer Reichweite, selbstverständlich gegen Lyndon Johnsons Vietnampolitik. Allerdings reichten meine Vorbehalte nicht weiter. Ich sah Johnsons Vorzüge, wohl wissend, dass ich meine Ansichten besser für mich behielt. Sogar Claire gegenüber, die in ihrer Zwischenlage als Postgraduierte eine Phase der Verunsicherung mit bombastischen Politeinlagen überspielte.

Genhüllen

Richard Dawkins bezeichnet eine Ameisengesellschaft als Genfabrik. Für ihn sind Ameisenleiber nur Genhüllen.

*

Unsere gute Zeit lag hinter uns. Wir begegneten uns auf dem gemeinsamen Feld des Alltags wie Passanten sich im öffentlichen Raum aus dem Weg gehen. Ich witterte Verrat. Claires Illoyalität ließ sich mit Händen greifen. Diese Frau war für mich zur Falle geworden. Trotzdem absolvierten Claire und ich den Paarparcours nicht anders als die Kolleginnen, soweit es den Anschein betraf.

Allein es fehlte der Glaube an eine gemeinsame Zukunft. Gleichzeitig stand uns der bürgerliche Zeitplan vor Augen. Wir hatten keineswegs die Absicht, vom Kurs abzuweichen. Das heißt, Claire, die so spröde wie theatralisch sein konnte, wollte lieber von mir schwanger werden als die Sache hinauszuzögern. Ohnehin wähnte sie sich in allen Vergleichen mit der Referenzkohorte im Rückstand.

Die konventionelle Lebensplanung kollidierte wie verrückt mit den Parolen der antiautoritären Bewegung.

Allgemein galt Wordsworths „Jung zu sein/das war der Himmel“. Nur für mich und Claire traf das allenfalls eingeschränkt zu, während wir im Tilden Park in den Berkeley Hills uns einzureden versuchten, nicht anders der Vertrautheit entfremdet zu sein als andere Leistungsträgerinnenpaare.

Trent Leslie Cooper

… und dann kam eines Tages Trent Leslie Cooper durch die Tür, mit diesem Haarschnitt, dem nichts hinzuzufügen war.  Alle hörten solche Lieder, aber Trent scherte sich nicht darum. Er verstand uns nicht, das war offensichtlich.

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 … und dann kam eines Tages Trent Leslie Cooper durch die Tür, mit diesem Haarschnitt, dem nichts hinzuzufügen war.

In der Gegenwart von 1969

Claire schwärmt in der Gefolgschaft von Eugene McCarthy (einem Gegner seines Namensvetters Joseph McCarthy) aus. Als Rivale von Lyndon B. Johnson hat der Demokrat gar nicht so schlecht abgeschnitten. 

Eugene McCarthy ist ein Säulenheiliger der Antikriegsbewegung. Bei einem Essen für seine Premiumaktivistinnen begegnet Claire einem Neffen des Politikers als ihrem Tischherrn.

Habitualisierte Ablehnung

Trent Leslie Cooper war in Vietnam und will da auch wieder hin. Der zivile Betrieb erreicht ihn überhaupt nicht. Zu offensichtlich ist seine Geistesabwesenheit, als dass sich Claire (die Hochwohlgeborene) gekränkt fühlen müsste. Sie schwankt zwischen Mitleid mit einem Traumatisierten und der habitualisierten Ablehnung, die sich von selbst versteht. Den vollkommen abgeschalteten Trent kratzen die Empathiezuckungen der Elevin nicht. Claires erotisches Interesse an ihm ist ein schwacher Ersatz für den Dschungel.  

Trent leidet unter Entzug. Er entbehrt das nächtliche Hörsehen; den Reiz der angespannten Gelassenheit. Man agiert aus der Mitte nach einer abweichenden Hierarchie der Sinne. Man bewegt sich in der künstlichen Spontanität der Kontraintuition.

Trent hasst Konversation. Wenn Claire was von ihm will, dann soll sie es sagen und Fertigaus. Trent stressen die Fans seines Onkels. Für ihn sind das alles bloß Schwachköpfe. 

Claire moussiert gegen ihren Willen. Sie sollte den Krieger von Herzen verdammen. Doch ihr Herz schlägt im Takt einer unangemessenen Begeisterung für den Fehlgeleiteten. Claire träumt sich in eine Nebelszene auf der Golden Gate Bridge. Sie steht da mit Trent wie außer Atem.

Ich schalte mich kurz ein und beanspruche die Deutungshoheit. Nichts war Claire verbotener als die Faszination für einen Soldaten, der kein Hehl daraus machte, dass ihm die Gründe für das amerikanische Engagement in Vietnam egal waren. Er wollte einfach nur so leben, das heißt, mit einem Gewehr in der Hand, am liebsten allein unter Feinden. Das rockte Trent und gab ihm den richtigen Groove. Claire bildete sich Quatsch ein, wenn sie glaubte, ihre sekundären Geschlechtsmerkmale seien für Trent reizvoller als seine Waffen. Pustekuchen. Umgekehrt wurde ein Schuh draus.

Wir stehen hier wieder einmal vor den schwelenden Ruinen eines kulturellen Missverständnisses.  

Claire fuhr mit einem Ford Falcon, vollgeklebt mit Antikriegsparolen, durch die Gegend, und an diesem irren Abend, rauchte ein Vorzeigebefürworter all dessen, was Claires Aversionen auf sich zog, verdrossen neben ihr in diesem zum Statement gewordenen Fahrzeug, und zeigte nicht die geringste Neigung, sich wie ein Verehrer zu benehmen.

Es war schrecklich.

Aber Claire fehlte die Kraft, sich von Trent zu lösen. Trent diskutierte nicht. Er zeigte keine Anzeichen von Bedürftigkeit. Er stemmte die Ledersohlen seiner Bronco-Stiefel gegen das Armaturenbrett und blies Rauch zum Kabinendach. 

*

Sie merken schon, ich erzähle das nicht neidlos. Wir reden schließlich über Claire. Vermutlich steckt in jeder Frau mehr als ein Mann festhalten und abdecken kann. Machen wir uns doch nichts vor. Selbst wenn man, so wie ich, aus einem guten Stall kommt, ein guter Sportler und hochintelligent ist, kann man sich nicht sicher sein, seiner Frau andauernd zu genügen.

Ich saß zuhause vor dem Fernseher. Über den Bildschirm liefen Demonstranten, die Nationalgarde rückte auf jedem Kanal aus …