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06.01.2021, Jamal Tuschick

The Trophy Collector

Ich war das „leuchtend bunte, superattraktive Pfauenmännchen“ mit der überprächtigen Federschleppe in Fisher’s Runaway Selection.

Mich kitzelte das Interesse einer Studierenden. Kenia aus Kanada, einsachtzig, siebenundsiebzig Kilo Kampfgewicht; die beste Ringerin ihres Jahrgangs. Kenia tropfte vor Begeisterung für ihren Sport und schulterte das Studium wie einen leeren Rucksack. Das kriegerische Erbe, das sie weitertrug, war mongolisch geflaggt. In ihren Armen erlebte ich zum ersten das Glück der Kongenialität. Kenia war beinah so stark wie ich. Ihr Credo lautete:  Always stay on the (wo)man. Always work in combinations. Always walk the simple path. And no matter what you do: do it now. © Jamal Texas Tuschick

Gengrammatik

"A body is a survival machine for the information that it contains ..." Richard Dawkins

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„Fortpflanzung ist unter Umständen ein gefährliches Geschäft“, sagt Richard Dawkins.

Ich werde nicht müde, mich zu erinnern, wie es war, als Claire so schön wie konfus ihrer Maschinenbauermanie frönte und kein vernünftiger Mensch sie mehr verstand.

Maschinenbauer war ein Codewort des intimen Snobismus aus der Ära unserer Verbundenheit. Wir beriefen uns auf Kallikles, der jeden verachtete, dessen Verdienste mit spezialisierten Handgriffen verbunden waren. Selbst wenn so einer sich Ruhm zu verschaffen wusste, war er doch nur ein „Mann des großen Haufens“ (Jacob Burckhardt); ein Banause im Sklavenkittel. Angestoßen von einem Ereignis in San Francisco, versüßte Claire Briefträgern und Lastwagenfahrern, die an den Wochenenden als Billardkönige und Dartkoryphäen aufschäumten, die kritische Phase der Postadoleszenz. Wir hatten eine offene Ehe verabredet; es drängte mich nicht weniger als Claire, mich in Tümpeln der Gelegenheiten zu verausgaben.

Nach meinem Verständnis testete ich meinen Marktwert auf einer hochoffenen Skala. Ich war das „leuchtend bunte, superattraktive Pfauenmännchen“ mit der überprächtigen Federschleppe in Fisher’s Runaway Selection.

„Von wirklicher Bedeutung für die natürliche Selektion ist das Überleben der Gene. Dem Pfauenmännchen kann man folgende legitime, kurze Formulierung in den Mund legen: ‚Wenn ich mir unauffällige Federn wachsen lasse, werde ich vermutlich lange leben, aber ich finde keine Partnerin. Wenn ich bunte Federn hervorbringe, sterbe ich wahrscheinlich schon früh, aber vorher kann ich eine Menge Gene weitergeben, darunter auch diejenigen für die Herstellung bunter Federn‘.“ Richard Dawkins

Ich ging mit beinah jeder aus, die meine Bedingungen akzeptierte. Trotzdem hielt ich mein Niveau, während Claire nach den Männern beurteilt wurde, denen sie den Vorzug gab. Das war nicht uninteressant für uns Verhaltensforscher*innen. Wir waren auf eine lächerliche Weise konventionell. Das bedeutete allerdings auch, dass Claire mich in der Pflicht hielt, ihr eine adäquate Beziehung zu garantieren.  

Wir hörten The Mamas & The Papas ... California Dreamin' ... während wir uns bemühten. Es war so zersetzend zu wissen, dass da draußen Leute atmeten, die wirklich scharf darauf waren, entweder mit mir oder mit Claire ins Bett zu gehen. Aber da gab es diesen Beschluss, dass Claire und ich es sein sollten. Es hakte überall, und immer hieß es: Das macht doch nichts, Baby.

Wir stammten aus Familien, die Wert auf ihr Unglück legten. 

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San Francisco Ende der Sechzigerjahre. Denken Sie an die Telegraph Avenue und Haight-Ashbury. Ich nahm meine erste akademische Stellung ein. (Ich hatte mich angeschlichen und war auf einem freien Platz einfach stehengeblieben. Plötzlich gehörte ich zum Lehrkörper.) Claire hing beruflich noch in der Luft. Wir wohnten in Berkeley und waren, wie alle in unserer Reichweite, selbstverständlich gegen Lyndon Johnsons Vietnampolitik. Allerdings reichten meine Vorbehalte nicht weiter. Ich sah Johnsons Vorzüge, wohl wissend, dass ich meine Ansichten besser für mich behielt. Sogar Claire gegenüber, die in ihrer Zwischenlage als Postgraduierte eine Phase der Verunsicherung mit bombastischen Politeinlagen überspielte.

Genhüllen

Richard Dawkins bezeichnet eine Ameisengesellschaft als Genfabrik. Für ihn sind Ameisenleiber nur Genhüllen.

*

Unsere gute Zeit lag hinter uns. Wir begegneten uns auf dem gemeinsamen Feld des Alltags wie Passanten sich im öffentlichen Raum aus dem Weg gehen. Ich witterte Verrat. Claires Illoyalität ließ sich mit Händen greifen. Diese Frau war für mich zur Falle geworden. Trotzdem absolvierten Claire und ich den Paarparcours nicht anders als die Kolleginnen, soweit es den Anschein betraf.

Allein es fehlte der Glaube an eine gemeinsame Zukunft. Gleichzeitig stand uns der bürgerliche Zeitplan vor Augen. Wir hatten keineswegs die Absicht, vom Kurs abzuweichen. Das heißt, Claire, die so spröde wie theatralisch sein konnte, wollte lieber von mir schwanger werden als die Sache hinauszuzögern. Ohnehin wähnte sie sich in allen Vergleichen mit der Referenzkohorte im Rückstand.

Die konventionelle Lebensplanung kollidierte wie verrückt mit den Parolen der antiautoritären Bewegung.

Allgemein galt Wordsworths „Jung zu sein/das war der Himmel“. Nur für mich und Claire traf das allenfalls eingeschränkt zu, während wir im Tilden Park in den Berkeley Hills uns einzureden versuchten, nicht anders der Vertrautheit entfremdet zu sein als andere Leistungsträgerinnenpaare.

Trent Leslie Cooper

… und dann kam eines Tages Trent Leslie Cooper durch die Tür, mit diesem Haarschnitt, dem nichts hinzuzufügen war.  Alle hörten solche Lieder, aber Trent scherte sich nicht darum. Er verstand uns nicht, das war offensichtlich.

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 … und dann kam eines Tages Trent Leslie Cooper durch die Tür, mit diesem Haarschnitt, dem nichts hinzuzufügen war.

In der Gegenwart von 1969

Claire schwärmt in der Gefolgschaft von Eugene McCarthy (einem Gegner seines Namensvetters Joseph McCarthy) aus. Als Rivale von Lyndon B. Johnson hat der Demokrat gar nicht so schlecht abgeschnitten. 

Eugene McCarthy ist ein Säulenheiliger der Antikriegsbewegung. Bei einem Essen für seine Premiumaktivistinnen begegnet Claire einem Neffen des Politikers als ihrem Tischherrn.

Habitualisierte Ablehnung

Trent Leslie Cooper war in Vietnam und will da auch wieder hin. Der zivile Betrieb erreicht ihn überhaupt nicht. Zu offensichtlich ist seine Geistesabwesenheit, als dass sich Claire (die Hochwohlgeborene) gekränkt fühlen müsste. Sie schwankt zwischen Mitleid mit einem Traumatisierten und der habitualisierten Ablehnung, die sich von selbst versteht. Den vollkommen abgeschalteten Trent kratzen die Empathiezuckungen der Elevin nicht. Claires erotisches Interesse an ihm ist ein schwacher Ersatz für den Dschungel.  

Trent leidet unter Entzug. Er entbehrt das nächtliche Hörsehen; den Reiz der angespannten Gelassenheit. Man agiert aus der Mitte nach einer abweichenden Hierarchie der Sinne. Man bewegt sich in der künstlichen Spontanität der Kontraintuition.

Trent hasst Konversation. Wenn Claire was von ihm will, dann soll sie es sagen und Fertigaus. Trent stressen die Fans seines Onkels. Für ihn sind das alles bloß Schwachköpfe. 

Claire moussiert gegen ihren Willen. Sie sollte den Krieger von Herzen verdammen. Doch ihr Herz schlägt im Takt einer unangemessenen Begeisterung für den Fehlgeleiteten. Claire träumt sich in eine Nebelszene auf der Golden Gate Bridge. Sie steht da mit Trent wie außer Atem.

Ich schalte mich kurz ein und beanspruche die Deutungshoheit. Nichts war Claire verbotener als die Faszination für einen Soldaten, der kein Hehl daraus machte, dass ihm die Gründe für das amerikanische Engagement in Vietnam egal waren. Er wollte einfach nur so leben, das heißt, mit einem Gewehr in der Hand, am liebsten allein unter Feinden. Das rockte Trent und gab ihm den richtigen Groove. Claire bildete sich Quatsch ein, wenn sie glaubte, ihre sekundären Geschlechtsmerkmale seien für Trent reizvoller als seine Waffen. Pustekuchen. Umgekehrt wurde ein Schuh draus.

Wir stehen hier wieder einmal vor den schwelenden Ruinen eines kulturellen Missverständnisses.  

Claire fuhr mit einem Ford Falcon, vollgeklebt mit Antikriegsparolen, durch die Gegend, und an diesem irren Abend, rauchte ein Vorzeigebefürworter all dessen, was Claires Aversionen auf sich zog, verdrossen neben ihr in diesem zum Statement gewordenen Fahrzeug, und zeigte nicht die geringste Neigung, sich wie ein Verehrer zu benehmen.

Es war schrecklich.

Aber Claire fehlte die Kraft, sich von Trent zu lösen. Trent diskutierte nicht. Er zeigte keine Anzeichen von Bedürftigkeit. Er stemmte die Ledersohlen seiner Bronco-Stiefel gegen das Armaturenbrett und blies Rauch zum Kabinendach. 

*

Sie merken schon, ich erzähle das nicht neidlos. Wir reden schließlich über Claire. Vermutlich steckt in jeder Frau mehr als ein Mann festhalten und abdecken kann. Machen wir uns doch nichts vor. Selbst wenn man, so wie ich, aus einem guten Stall kommt, ein guter Sportler und hochintelligent ist, kann man sich nicht sicher sein, seiner Frau andauernd zu genügen.

Ich saß zuhause vor dem Fernseher. Über den Bildschirm liefen Demonstranten, die Nationalgarde rückte auf jedem Kanal aus …

Fixed Action Patterns

*„Man nahm an, dass „Verhalten von Tieren zum größten Teil aus einer Abfolge kleiner, uhrwerkartiger Routinen besteht – aus dem Instinktverhalten, auch Fixed Action Patterns oder FAP genannt.“ Richard Dawkins

*

„Panglossianismus unterstellt einen absoluten Funktionalismus, nachdem ausnahmslos alles einen bestimmten Zweck erfüllt.“ Wikipedia

"Everything work out for the best no matter what is happening."

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Imponderabilien

1967 zogen Claire und ich nach Berkeley, um uns und den Zuschauer*innen aus der Referenzkohorte farbenprächtig etwas vorzumachen. Wir spielten miteinander Blindekuh. Wir tanzten um das goldene Kalb einer egalitär-altruistischen Gesellschaftsutopie, während wir so heimlich wie verschämt das bürgerliche Leben im republikanischen Stil unserer Eltern anschoben. Ich landete auf der Speckseite, aber Claire verpasste den richtigen Einstieg wie bei einem missglückten Andockmanöver. Das Nadelöhr zwischen dem Status quo und der Zukunft verschloss sich. Das wussten wir nicht. Wir waren von Leuten ins Rennen geschickt worden, die sich keine gravierenden Fehler nachsagen lassen mussten. Sie hatten uns zu einem Panglossianismus erzogen, der uns blind machte, für die allgegenwärtige Dysfunktionalität von Systemen und Personen.

In unserem dritten Campussommer rief jemand an, der in England beruflich an Land gegangen war. Er riet mir, mich auf eine neu geschaffene Stelle in Oxford zu bewerben.

Ein Jahr später lebten Claire und ich in einem Oxforder Schlösschen aus Oolith*; der Baustoff stammte aus dem Oxford**. Wir waren davon abgekommen, einander treu zu sein. Ein GI hatte in meiner frenetisch friedensbewegten Claire etwas ausgelöst, dass sie dazu veranlasste, unpassenden Männern den Hof zu machen und in unmöglichen Bars zu versacken.

Comme une brise

Claire erschien mir wie ein verstimmtes Klavier. Auch ich hatte gelitten und suchte die alte Griffigkeit meiner Existenz bei neuen Bekannten. Ich lernte die Sprache der Flüchtigkeit neben allerhand Oxford-Kuriosa. Eines Abends gefiel es mir, Claire auf eine ihre Stupiditäten hinzuweisen. In ihren Klatschanalysen neigte sie dazu, dieses oder jenes Verhalten als instinktiv zu charakterisieren, obwohl sie gerade soziale Bewegungen im Spektrum von Vorlieben und Abneigungen rezensierte. Ich vermutete in der Unschärfe ihrer Betrachtungen eine gegen mich gerichtete Impertinenz.

Claire leistete Widerstand.    

Sie hielt am Panglossianismus unserer Eltern fest. Sie weigerte sich anzuerkennen, dass das Überleben von Gruppen ein Nebenprodukt individueller Anpassung ist. Sie unterstellte der natürlichen Selektion eine auf die Zukunft gerichtete Absicht. Es war nicht nur ermüdend, Claire zu widersprechen. 

*„Nach stratigraphischen Tabellen … wird Korallenoolith in das obere Oxford eingeordnet. … **Das Oxfordium (verkürzt Oxford …) ist in der Erdgeschichte die untere chronostratigraphische Stufe der Oberjura-Serie im Jura.“ Wikipedia

Zierlicher Lapsus

Ein vernagelter GI namens Trent Leslie Cooper hatte meine friedensbewegte, ultra-aktivistische Frau (und krekele Justice Warriorin) Claire noch in unserer Berkeley-Zeit von ihren erotischen Routinen (sowohl im Verhältnis zu mir als auch in anderen Beziehungen) ab- und auf einen furios-prekären Kurs gebracht. Claire nannte es Kommunismus, aber für uns international renommierten Verhaltensforscher*innen war klar, dass das auf jeden Fall nicht nur Kommunismus war. Ich beobachtete eine Verehrung für den trunksüchtigen Pöbel, darunter für Typen, die sich mit ihrem Rotz vor den Augen der Welt am Tresen battelten. Sie schworen auf The Sweet

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Dummheit schmückt nicht. Montaigne nannte den Blödheitstrester aus eigener Kelterei Lapperei. Zuwider waren ihm jene, welche auf dem Feld der Lappereien eskalierten. Montaigne selbst sprach sich frei von diesem Fehler. Er ging so weit, den römischen Kaiser Tiberius einen „Großschwätzer“ zu nennen.

Darüber müssen wir reden. Einst bot man Tiberius an, den größten Beleidiger der römischen Macht still zu vergiften und zum Beweis der Übeltat, des Widersachers Kopf nach Rom zu schaffen. Tiberius verbat sich das Attentat auf unseren Freund Arminius. Er schwafelte vom Mut der Legionäre, die angeblich nur in der Feldschlacht zu Ergebnissen kommen wollten.   

Montaigne hasste Tiberius nicht für den tückischen Staatsbetrieb, dem der Kaiser vorstand, sondern lediglich für die Leugnung der gewohnheitsmäßigen Gemeinheit.

Es sei noch nicht einmal nützlich so zu lügen, erklärte der Weise.

Ich hätte Claire gern auf meiner Seite gewusst, wenn es um Etikette ging, um Anstand und Sitte als dem Erbe unserer republikanischen Eltern. Wir waren avancierte Expatriierte damals Anfang der Siebzigerjahre in Oxford, als weibliche Studierende an mir klebten wie Kuhscheiße am Wanderstiefel.    

Ich habe wir gesagt, meine aber nur mich. Ich war dabei, Karriere zu machen, und Claire war dabei, ihre Illusionen zu verlieren. Sie kompensierte den inneren Abstieg mit Eskapaden. Es ging für sie nie darum, Geld zu verdienen. Geld war überhaupt kein Thema. Reich geboren waren wir beide, und so waren wir auch beide in keiner Weise von den altvorderen Vermögen abgeschnitten. Ich hätte im Maserati zum Institut fahren können, und Claire im Bentley zur Kosmetikerin. Ich weiß, das klingt gemein. Aber so war es.   

Knotenpunktpolitik/Aufwertung einer Dependance – Zirkulieren Informationen zwischen Zentrale und Dependance zu langsam, verliert wenigstens ein Faktor seine ursprüngliche Bedeutung.

In Claires Perzeption verschwamm der Unterschied zwischen A Priori und A Posteriori. Es war so etwas wie eine Rechts-Links-Schwäche im Rahmen des Angularis-Syndroms. Eines Tages, ich fühlte mich gerade (in einem plüschigen Augenblick) besonders zu meiner Frau hingezogen und konnte mir deshalb gut vorstellen, wie wir als alte Leute sein würden, durch so viele Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du (G. Benn), fiel mir ein Beispiel ein, wie sich der Weg von A Priori zu A Posteriori kinderleicht erklären ließ. Dinosauriergehirne mussten enorme Abstände zwischen Kopf und anderen Leibespartien ansteuern.

„Das Problem löste die natürliche Selektion mit einem zweiten Gehirn (einem vergrößerten Ganglion) im Becken.“ Richard Dawkins

Der Evolutionsbiologe zitiert ein Dinogedicht von Bert Leston Taylor (1866–1921). Darin kommt die Zeile vor: Thus he could reason ‘A Priori’/ As well as ‘A Posteriori’. Ich fürchte, selbst diese Eselsbrücke reichte nicht, um Claire klüger zu machen.