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08.01.2021, Jamal Tuschick

Il fascino discreto della borghesia

Marco Missirolis schickt sein Personal auf eine Achterbahnfahrt des Unvorhersehbaren. Sofia reist plötzlich ab, um Carlo Jahre später vollkommen verwandelt zu erscheinen. Carlo selbst steigt ab und entpuppt sich unterwegs als haltlos. Er rutscht überall durch. Alles entgleitet ihm. Er füllt eine Tüte der Enttäuschung. Seine Frau hält den Lebensladen zusammen. © Jamal Texas Tuschick

Eingebetteter Medieninhalt

Il fascino discreto della borghesia

Auf den ersten Blick wirkt auch dieser Blender wie ein Bringer. Carlo Pentecoste unterrichtet Literatur an einer Universität. Dass er von einem einflussreichen Verwandten auf die Kanzel gehievt wurde, unterschlägt die Flüchtigkeit jeder Betrachtung im Vorübergehen. Man sieht einen attraktiven Mann in gehobener Position. Er geht gedanklich fremd, seine Frau folgt ihrem eigenen erotischen Traumpfad in einer sich (wie von selbst) öffnenden Ehe.

Carlo hält nicht, was er verspricht. Sein Hauptziel hat er bereits verfehlt, bevor die Geschichte losgeht. Er ist das nicht geworden, was er ursprünglich sein wollte: Schriftsteller. Er wird noch nicht einmal akademischer Lehrer bleiben können; so nachlassend sind seine Kräfte. Doch im Augenblick des Anfangs erscheint er solvent auf die ruhige Art; als steuere noble Zurückhaltung seine Performance. 

Marco Missirolis, „Treue“, aus dem Italienischen von Esther Hansen, Quartbuch, 256 Seiten, 23,-

Zuerst glaube ich, dass der Gegensatz zwischen Schein und Sein die Leserin interessieren soll. Bald finde ich es erheblicher zu bedenken, wie wohl sich Carlo in seiner Struktur fühlt. Offensichtlich hält er eine gute Balance sowohl über dem inneren als auch über dem äußeren Abgrund. 

Carlo hat sich noch nicht abgefunden, ist aber schon bescheidener geworden. 

Das beschreibt ihn. Endlich. Ich habe eine Stunde gebraucht, bis ich auf diesen Trichter kam. Für den Helden sind die Dinge noch an ihrem Platz. Seine Welt ist zwar längst aus dem Lot, aber davon weiß Carlo nichts. Er bedient sich der Gunst der Studierenden Sofia Casadei. Sie schreibt und verbreitet sich über ihre Skrupel.  

Sie steht in der lebhaftesten Auseinandersetzung mit ihrem Alltag und dessen biografischen Bedingungen. Ihre Verfassung erlaubt es ihr Literatur zu schöpfen, in aller dreifach gefilterten Unwillkürlichkeit.

Eines Morgens sieht Sofia auf dem Weg zur Vorlesung Carlos Frau Margherita. Die Gattin erzeugt den harmlosesten Eindruck. Obwohl sie als Verfolgerin mitspielt. Sie saugt an Sofias jugendlicher Unbekümmertheit. Margherita fühlt der Begehrenswerten den Puls und greift ihr kurz an die Gurgel.

Muskulös-mysteriös

Margherita formuliert ihren Herrschaftsanspruch, sie beansprucht Carlo pro forma für sich. Sie belegt gerade ihren eigenen Fremdgängerinnen-Kurs.

Margherita eröffnet eine neue Praxis. Zum Lustlauch bestimmt sie den muskulös-mysteriösen Physiotherapeuten Andrea Manfredi.

Was erzählt Marco Missirolis?

Er variiert die Geschichte vom diskreten Charme der Bourgeoisie - Il fascino discreto della borghesia. Es geht nicht nur um Sex, sondern auch um die Art, mit der eine potente Frau einen Unzulänglichen steuert.   

Eine Tüte voller Enttäuschungen

Ihn schmücken nicht nur die Titel der akademischen Hochform. Carlo Pentecoste trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. In Deutschland würde er als Professor Pfingsten kursieren.

Zu Pfingsten feiert die Christenheit „die Sendung des Geistes Gottes zu den Jüngern Jesu und seine bleibende Gegenwart in der Kirche“ (Wikipedia).

Das Subjekt seines Begehrens, die Studierende Sofia Casadei, schmückt unerhörter Liebreiz. Aber da ist auch noch die Gattin Margherita, die von dem Physiotherapeuten Andrea Manfredi träumt, der ihre Adduktoren-Tendopathie behandelt.

Das ist der Konfliktaufbau im Roman. Marco Missirolis schickt sein Personal auf eine Achterbahnfahrt des Unvorhersehbaren. Sofia reist plötzlich ab, um Carlo Jahre später vollkommen verwandelt zu erscheinen. Carlo selbst steigt ab und entpuppt sich unterwegs als haltlos. Er rutscht überall durch. Alles entgleitet ihm. Er füllt eine Tüte der Enttäuschung. Seine Frau hält den Lebensladen zusammen. Mit Andrea verfehlt Margherita die Erfüllung.

Der Mann mit den goldenen Händen bleibt geheimnisvoll. 

Aus der Ankündigung

Heißt Treue, jeder Versuchung zu widerstehen? Oder, sich selbst zu betrügen? Marco Missirolis internationaler Bestseller: ein emotional erzählter Eheroman aus dem Mailand von heute – schonungslos und sinnlich.

Alles nur ein Missverständnis? Carlo, Dozent für literarisches Schreiben, wurde mit der Studentin Sofia auf der Universitätstoilette gesehen. Ihr sei übel gewesen, er habe ihr nur geholfen, erklärt Carlo dem Rektor, seinen Kollegen und seiner Ehefrau Margherita – und die Studentin bestätigt es.

Margherita, Immobilienmaklerin mit eigener Agentur, und Carlo würden sich glücklich nennen, doch das »Missverständnis« dringt wie schleichendes Gift in die Ehe des Mailänder Paars ein: Für Carlo wird der vermeintliche Seitensprung zur Obsession, zum Inbegriff seines Versagens; für Margherita hingegen zum besten Alibi, ihren eigenen erotischen Phantasien nachzugeben …

Mit großem Gespür für die feinen Unterschiede, für Blicke, Gesten und Berührungen erkundet Marco Missiroli das Leben seiner Protagonisten: ihre unterdrückten Sehnsüchte, ihre kleinen Fluchten, ihre uneingestandenen Ängste, ihre Versuche, den anderen treu zu bleiben – und sich selbst.

Marco Missiroli, 1981 in Rimini geboren, lebt in Mailand und schreibt für den Kulturteil des »Corriere della Sera«. Er ist Verfasser mehrerer Romane wie »Obszönes Verhalten an privaten Orten« (2017), die Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten. Mit »Treue« gewann Missiroli 2019 den Premio Strega Giovani und stand auf der Shortlist des Premio Strega. »Treue« erscheint in über 30 Ländern, eine auf dem Roman basierende Netflix-Serie startet 2021.