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08.01.2021, Jamal Tuschick

Später Erfolg

In einem Brief aus dem Jahr 1953 verschanzt sich Samuel Beckett hinter seinem schlechten Deutsch. Eine Entschuldigung dient ihm zur Wiederholung drastisch gegen Deutschland gerichteter Ansichten. Auch John Boynes Held Erich Ackermann bringt halb entschuldigend ein ungeliebtes Deutsch in Anschlag. Der gebürtige Berliner verbrachte seine Glanzzeit als Hochschullehrer am King‘s College.

Ein in Jahrzehnten erfolgloser Schriftsteller veröffentlicht an der Schwelle zum Pensionsalter einen Kracher. Der späte Erfolg verweist wie zum Hohn auf das Entgangene, nie Gelebte. 

Der Expatriierte schrieb in der Freiheit akademischer Routinen passioniert eine Reihe unbeachteter Romane und setzte dem Schlendrian semi-öffentlichen Privatisierens die Krone einer „unüberlegten Gedichtsammlung“ auf.

Der Ruhm kam wie ein Schlag aus dem Nichts.

Das ist der Romaneinstieg. Wir sehen Ackermann in der Lobby eines Berliner Hotels, dem Literaturhaus in der Fasanenstraße nah.

John Boyne, „Die Geschichte eines Lügners“, auf Deutsch von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg, Piper, 423 Seiten, 24,-

Am Vorabend hatte der Schriftsteller einen Termin an prominenter Stelle. Nun sitzt er beim Qualitätsriesling, der Verlag freut sich, für alle Kosten der Opulenz aufkommen zu dürfen. Für Ackermann ist das eine neue Erfahrung. Er genießt mit Vorsicht, so wie man erst einen Zeh ins kalte Wasser taucht, bevor man einen ganzen Fuß aussetzt. 

Ich habe während des Schreibens wirklich viel über Tom Ripley nachgedacht. Er ist ein amoralischer Typ mit hoffnungslos großen Ambitionen und er glaubt, die Welt hätte ihm nicht die gleichen Chancen gegeben, die andere haben. Und Maurice geht es ganz genauso. Für den Leser ist es spannend zu verfolgen, wie jemand sein Leben auf eine so heimtückische, selbstgerechte Art und Weise leben kann. Man fragt sich ununterbrochen, ob er wohl irgendwann erwischt wird, ob er die Konsequenzen für seine Taten übernehmen muss. Aber häufig wollen wir, dass der Anti-Held möglichst lange durchkommt, einfach weil es sehr unterhaltsam ist. 

Ihr neuer Roman ist die faszinierende Geschichte von Maurice Swift, ein einnehmender junger Mann, Charmeur, Schriftsteller und – ein gewissenloser Hochstapler. Was war Ihre Triebfeder beim Schreiben des Buches?

Ich wollte ein Buch über Ehrgeiz schreiben, eine Eigenschaft, die gut und schlecht sein kann. Die einzige Erfahrung, die ich selbst damit gemacht habe, war in der Welt der Literatur, und in meinen mittlerweile zwanzig Jahren als Schriftsteller habe ich viel darüber gelernt, wie sich Leute verhalten, um ihre Ziele zu erreichen. Die konkrete Idee zum Roman kam mir nach einem persönlichen Erlebnis, das mich ziemlich erschüttert hat. Ein junger Autor hat über ein paar Jahre meine Nähe gesucht und meine Zuneigung zu ihm ausgenutzt, um sich selbst ein Netzwerk aufzubauen. Viele meiner Freunde haben erkannt, was er da tat, sie haben mich auch darauf angesprochen. Aber ich war komplett blind dafür, bis zu dem Tag, als es zu offensichtlich wurde. Ich habe ihn auf sein Verhalten angesprochen, aber er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, es zu leugnen. Das alles hat mich wirklich verletzt und ich habe mich sehr darüber geärgert, dass ich mich so leicht von jemandem habe vereinnahmen lassen, der „einfach abgezockt genug“ war, wie ein Freund es nannte. Aber ein Schriftsteller kann auch der schlechtesten Erfahrung noch eine positive Seite abgewinnen, also wurde er zur Grundlage für Maurice Swift, den amoralischen Protagonisten in der Geschichte eines Lügners.

Es ist ein Roman über das Vertrauen und seine dunklen Seiten. Maurice Swift erinnert an Patricia Highsmiths Mr. Ripley. Was gefällt Ihnen an diesen Figuren?

Ich habe während des Schreibens wirklich viel über Tom Ripley nachgedacht. Er ist ein amoralischer Typ mit hoffnungslos großen Ambitionen und er glaubt, die Welt hätte ihm nicht die gleichen Chancen gegeben, die andere haben. Und Maurice geht es ganz genauso. Für den Leser ist es spannend zu verfolgen, wie jemand sein Leben auf eine so heimtückische, selbstgerechte Art und Weise leben kann. Man fragt sich ununterbrochen, ob er wohl irgendwann erwischt wird, ob er die Konsequenzen für seine Taten übernehmen muss. Aber häufig wollen wir, dass der Anti-Held möglichst lange durchkommt, einfach weil es sehr unterhaltsam ist. 

Die Geschichte eines Lügners spielt in der Welt der Literatur, der Bücher und der Verlage. Auf jeder Seite atmet man die Luft dieser Welt. Wie viel Ihrer eigenen Erfahrung steckt in diesem Roman?

Ich habe das Glück, dass ich seit zwanzig Jahren viel Zeit damit verbringe, auf Literaturfestivals zu fahren, mich mit Schriftstellern und Lektoren zu unterhalten, mit Verlegern und Leuten, wie mir, die eine große Leidenschaft für Bücher haben. Viele dieser Erfahrungen und Erlebnisse haben Eingang in den Roman gefunden. Ich liebe diese Branche, aber sie hat, wie jede Branche, ihre ganz eigenen Probleme. Und ich habe in all den Jahren viele Autoren kennengelernt, deren Verhalten nun in Maurice Swifts Person zusammenläuft. Aber ich verstehe den Roman eher als eine Satire der literarischen Welt als eine Verurteilung.

Aus der Ankündigung
Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff…
Psychologisch raffiniert, hochspannend und mit funkelndem Humor erzählt John Boyne von der verführerischen Macht des Vertrauens und von einem, der für Ruhm alles tut.

John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde.