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09.01.2021, Jamal Tuschick

Aufregendes Schulterzucken

Margherita Pentecoste „liebt die Hände ihres Mannes“, die kräftig und ausgezeichnet sind und zu einem Steinmetz besser passen würden als zu einem akademischen Lehrkörper.

Augensex und Penisaugen

Margherita Pentecoste „liebt die Hände ihres Mannes“, die kräftig und ausgezeichnet sind und zu einem Steinmetz besser passen würden als zu einem akademischen Lehrkörper. Die Maklerin legt Wert auf den ehelichen Sex als Gradmesser der Funktionstüchtigkeit ihres Beziehungskerngeschäfts. Gleichzeitig arrangiert sie sich mit einem Vorgefühl von Carlos Untreue. Mehr noch, Margherita sucht einen Weg, Honig aus dem imaginären Verhältnis ihres Mannes zu saugen. Sie wählt gedankliche und emotionale Umwege der Lustgewinnung, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, lediglich auf bourgeoise Weise originell sein zu wollen. 

Margherita bleibt ansprechbar für das Glück. Sie favorisiert kleine Ladungen im Vorübergehen. Augensex. Ein aufregendes Schulterzucken. Die Berührungen ihres Physiotherapeuten Andrea Manfredi.

Marco Missirolis, „Treue“, aus dem Italienischen von Esther Hansen, Quartbuch, 256 Seiten, 23,-

Sie inspiziert die sozialmediale Performance der Gedankengeliebten ihres Mannes. Sofia Casadei versprüht den Charme studentischer Normalität. Dazu gehört der Job in einer Bar; eine Binnenmigrationsgeschichte mit Ausläufern bis nach Rimini. Ein literarischer Ehrgeiz. Eine unzulängliche (malerisch-dürftige) Unterkunft.

In Momenten verwandelt sich Margherita ihrem Mann an. Dann sieht sie Sofia mit Penisaugen. Sie stellt der jungen Frau nach und stellt sich Gelegenheiten vor. Margheritas Vorstellungskraft macht eine Universitätstoilette zum Schauplatz einer zwielichtigen Erfüllung zwischen Fäkaliengestank und Samenerguss.

Das unterhält die betriebsam-geschäftstüchtige Großstädterin auf dem Weg zur Physiotherapie. Sie malt sich schon einmal Andreas Hände auf ihre Haut. Der Badeanzug für die Therapie ist neu; eine Anschaffung im Rahmen der Vorfreude.

Margherita strebt einem Abenteuer entgegen.

Eingebetteter Medieninhalt

Il fascino discreto della borghesia 

Auf den ersten Blick wirkt auch dieser Blender wie ein Bringer. Carlo Pentecoste unterrichtet Literatur an einer Universität. Dass er von einem einflussreichen Verwandten auf die Kanzel gehievt wurde, unterschlägt die Flüchtigkeit jeder Betrachtung im Vorübergehen. Man sieht einen attraktiven Mann in gehobener Position. Er geht gedanklich fremd, seine Frau folgt ihrem eigenen erotischen Traumpfad in einer sich (wie von selbst) öffnenden Ehe.

Carlo hält nicht, was er verspricht. Sein Hauptziel hat er bereits verfehlt, bevor die Geschichte losgeht. Er ist das nicht geworden, was er ursprünglich sein wollte: Schriftsteller. Er wird noch nicht einmal akademischer Lehrer bleiben können; so nachlassend sind seine Kräfte. Doch im Augenblick des Anfangs erscheint er solvent auf die ruhige Art; als steuere noble Zurückhaltung seine Performance. 

Zuerst glaube ich, dass der Gegensatz zwischen Schein und Sein die Leserin interessieren soll. Bald finde ich es erheblicher zu bedenken, wie wohl sich Carlo in seiner Struktur fühlt. Offensichtlich hält er eine gute Balance sowohl über dem inneren als auch über dem äußeren Abgrund. 

Carlo hat sich noch nicht abgefunden, ist aber schon bescheidener geworden. 

Das beschreibt ihn. Endlich. Ich habe eine Stunde gebraucht, bis ich auf diesen Trichter kam. Für den Helden sind die Dinge noch an ihrem Platz. Seine Welt ist zwar längst aus dem Lot, aber davon weiß Carlo nichts. Er bedient sich der Gunst der Studierenden Sofia Casadei. Sie schreibt und verbreitet sich über ihre Skrupel.  

Sie steht in der lebhaftesten Auseinandersetzung mit ihrem Alltag und dessen biografischen Bedingungen. Ihre Verfassung erlaubt es ihr Literatur zu schöpfen, in aller dreifach gefilterten Unwillkürlichkeit.

Eines Morgens sieht Sofia auf dem Weg zur Vorlesung Carlos Frau Margherita. Die Gattin erzeugt den harmlosesten Eindruck. Obwohl sie als Verfolgerin mitspielt. Sie saugt an Sofias jugendlicher Unbekümmertheit. Margherita fühlt der Begehrenswerten den Puls und greift ihr kurz an die Gurgel.

Muskulös-mysteriös

Margherita formuliert ihren Herrschaftsanspruch, sie beansprucht Carlo pro forma für sich. Sie belegt gerade ihren eigenen Fremdgängerinnen-Kurs.

Margherita eröffnet eine neue Praxis. Zum Lustlauch bestimmt sie den muskulös-mysteriösen Physiotherapeuten Andrea Manfredi.

Was erzählt Marco Missirolis?

Er variiert die Geschichte vom diskreten Charme der Bourgeoisie - Il fascino discreto della borghesia. Es geht nicht nur um Sex, sondern auch um die Art, mit der eine potente Frau einen Unzulänglichen steuert.   

Eine Tüte voller Enttäuschungen

Ihn schmücken nicht nur die Titel der akademischen Hochform. Carlo Pentecoste trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. In Deutschland würde er als Professor Pfingsten kursieren.

Zu Pfingsten feiert die Christenheit „die Sendung des Geistes Gottes zu den Jüngern Jesu und seine bleibende Gegenwart in der Kirche“ (Wikipedia).

Das Subjekt seines Begehrens, die Studierende Sofia Casadei, schmückt unerhörter Liebreiz. Aber da ist auch noch die Gattin Margherita, die von dem Physiotherapeuten Andrea Manfredi träumt, der ihre Adduktoren-Tendopathie behandelt.

Das ist der Konfliktaufbau im Roman. Marco Missirolis schickt sein Personal auf eine Achterbahnfahrt des Unvorhersehbaren. Sofia reist plötzlich ab, um Carlo Jahre später vollkommen verwandelt zu erscheinen. Carlo selbst steigt ab und entpuppt sich unterwegs als haltlos. Er rutscht überall durch. Alles entgleitet ihm. Er füllt eine Tüte der Enttäuschung. Seine Frau hält den Lebensladen zusammen. Mit Andrea verfehlt Margherita die Erfüllung.

Der Mann mit den goldenen Händen bleibt geheimnisvoll.