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11.01.2021, Jamal Tuschick

Sottisen der Empfindsamkeit

Ein in Jahrzehnten erfolgloser Schriftsteller veröffentlicht an der Schwelle zum Pensionsalter einen Kracher. Der späte Erfolg verweist wie zum Hohn auf das Entgangene, nie Gelebte.

Der schreibende Kellner und hemmungslose Plagiator Maurice Swift ködert den alten Schriftsteller Erich Ackermann mit Sottisen der Empfindsamkeit à la „Ich war auf dem Friedhof Père Lachaise“, um Oscar Wilde an seinem Grab zu würdigen.

Eingebetteter Medieninhalt

Zum ersten Mal in Paris war ich im Mai Neunundsechzig. Ich zählte zum Tross einer meiner reichsten Verwandten. Gunther, der Mann einer Schwester meiner Mutter, stach als Erbe einer Pforzheimer Uhrenfabrik die durch die Bank bei Bosch, Porsche so wie beim Daimler beschäftigte und in jedem Fall gut gestellte Onkel- und Großonkelriege aus. Er war der König aller Onkel und sowohl in meiner Kinderphantasie als auch in meiner Erinnerung so ausschweifend wie der Schah von Persien in seiner Glanzzeit. Mit Tante Heidrun und Onkel Gunther war ich im Amphitheater von Verona. In ihrer Gegenwart aß ich zum ersten Mal Prosciutto e Melone. Als Gast in ihrer Villa durfte ich Coca-Cola trinken und in einem Gästezimmer mit eigenem Fernseher übernachten, während meine Eltern noch nicht einmal ein Telefon hatten.

Nun also Paris. Im Schatten von Platanen sitzen wir vor einer Gaststätte. In der allgemeinen Aufregung finde ich angenehm wenig Beachtung. Ich beobachte eine schöne Frau am Nebentisch, die Weißwein aus einem beschlagenen Glas trinkt und eine Zigarette nach der anderen raucht. Da kommt ein Mann mit der Kragenweite eines Marcello Mastroianni. Die Frau erhebt sich, um sich französisch begrüßen zu lassen. Die beiden erscheinen mir aufs Beste verheiratet. 

Sie berühren sich, lachen miteinander, küssen sich auf den Mund. Doch dann streifen sie ihre Eheringe ab und versenken sie in der Neige eines Glases. Sofort erheben sie sich, als gehorchten sie Regieanweisungen. Sie küssen sich noch einmal zum Abschied und berühren sich auch noch einmal an den Händen, bevor jeder in eine andere Richtung strebt. 

Okay, das habe ich nicht erlebt, sondern Erich, der eher trostlose Held in Boynes Lügner-Roman. Der Punkt ist, dass sein Assistent Maurice in der Manier eines Eckermanns, jedoch mit weit eigensüchtigeren Absichten das Erlebnis aufschreibt. Er hat es auf dem Père Lachaise“ versäumt und musste es sich erzählen lassen. 

Maurice reklamiert Erichs mit Schlussfolgerungen angereicherte Beobachtungen für sich. Er beklaut seinen Verehrer hemmungslos.  

John Boyne, „Die Geschichte eines Lügners“, auf Deutsch von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg, Piper, 423 Seiten, 24,-

Ich will mich der Sache noch einmal anders nähern. Erich genießt einen „Rosé im Schatten einer Kastanie vor einer Bar in Montmartre, während (er) die letzten Minuten einer Ehe mitverfolgt. Eine Frau Ende vierzig, sehr attraktiv …“ Den Rest kennen Sie. Maurice kreuzt auf und erzählt sein Friedhofsgedöns. Abends liest Erich an prominenter Stelle. Shakespeare & Company war bereits für James Joyce eine wichtige Adresse. Ich erinnere sogar den Namen der Buchhandlungsgründerin: Sylvia Beach.
Maurice begleitet den Gefeierten nach New York. Die Welttournee des aktuellen Price-Trägers endet in Amsterdam. Erich kehrt zu seinem Lehreralltag in Cambridge zurück. Maurice debütiert mit Erichs Lebensgeschichte. Der Ausschlachtung folgt die Vernichtung. Der Günstling denunziert seinen Mentor.
Über Nacht verliert Erich alles. Die Verfilmung seines Bestsellerromans wird gestoppt. Sein Arbeitgeber kündigt ihm. Sein Verlag trennt sich von ihm. 

Kein Aschenbach unserer Tage

Anders als Thomas Manns Gustav von Aschenbach beschränkt sich der spät berühmt gewordene Schriftsteller Erich Ackermann nicht aufs Schwärmen. Er geht die Risiken sexueller Handfestigkeit mit einem viel jüngeren Mann ein. 

Der schöne Maurice qualifiziert sich als Fan eines durchgreifenden Aschenbachs unserer Tage. Man glaubt, die Geschichte schon hundert Mal gelesen zu haben. Sie behauptet einen Platz im kollektiven Gedächtnis. In einer Vorhölle der Indolenz, die von einem absurd späten Ruhm zusätzlich angeheizt wird, findet sich der halbgreise Erich in einer vertrackten Lage wieder.  Sein sozialer Status als erfolgreicher Schriftsteller macht ihn attraktiv. Seine biologische Situation widerspricht der Ansage.

Maurice begrüßt die Avancen des Solventen. Erich ist aber zu spät an diesem Punkt angelangt. Ihm fehlt die Souveränität jener, die glauben, ihren Erfolg verdient zu haben, weil (so wie sie es sehen) mehr in ihnen steckt als im faden Rest. 

Am besten wäre, Erich hielte die Gunstbeweise des schicken Anfängers für nichts Besonderes. Jeder Könner kriegt einen Bonustrack des Lebens, wenn auch nicht gratis.  

Indem er ihn freihändig zitiert, schmeichelt Maurice dem alten Erich. Der Autor stellt die Peinlichkeit der Szene wie die Vase einer unbeholfenen Freizeittöpferin aus. In der Wiedergabe kriegt Erichs unvollkommene Lyrik den Todes-Peak Richtung Wahnsinn. Die ganze Einsamkeit vergeblicher Kunstanstrengungen spielt sich in der Deklamation auf. Man möchte partout nicht Zeuge solcher Exzesse verfehlten Ehrgeizes werden.   

Erich muss Maurice zu nichts überreden. Der Subalterne nutzt das Interesse des Arrivierten als Brücke zu seiner Beförderung. Erich macht ihn zu seinem Assistenten und lässt sich von ihm auf einer Promotiontour nach Kopenhagen begleiten.

So stellt sich der Auftakt in einem Ausbeutungsverhältnis dar, dessen Intermezzi vor allem Erichs Befangenheit illustrieren. Der von Haus aus Betuliche begibt sich auf lauter Vorsprünge seines in der Stille beheimateten (nun nicht mehr stillen) Seins. 

Maurice täuscht den Eckermann vor. Doch verfolgt er mit seinen Aufzeichnungen einen dunklen Zweck. Der Sohn eines Schweinebauern bemächtigt sich einer tragischen Lebensgeschichte mit lauter empathischen Nachfragen.

„Jetzt sind sie Bauern, Bergleute, Lehrer. Keiner von ihnen ist je verreist, noch nicht mal aus Yorkshire sind sie rausgekommen. Aber mir hat das nie gereicht.“

So redet Maurice über seine Leute. Er denunziert sie. Das heißt, er denunziert jeden.

Erich öffnet sich und tritt über seine Ufer. Er verliert die Kontrolle an sein Begehren. Er lobt dem Skrupellosen ein Stipendium aus und bindet ihn weiter an sich. Zu seinem Nachteil vermutlich.  

John Boynes Held Erich Ackermann verguckt sich im Berliner „Savoy“ in den schreibenden Kellner Maurice Swift.

„Sinnlich vertieft“ und „unter erotischer Spannung“ entstehen nach einem langen produktiven Leben späte Szenen im Rahmen eines verschleppten Höhepunkts. Der von Marcel Reich-Ranicki über dessen Tod hinaus als größter deutscher Gegenwartsautor gefeierte Thomas Mann reagierte zum Schluss noch einmal auf die Erscheinung eines Adoleszenten, so wie er es im „Tod von Venedig“ voraussah. Der unter Altersmelancholie ächzende Autor Aschenbach verzehrt sich in der Novelle nach Tadzios „klassischer Schönheit“ auf die schüchternste Weise. So begegnete Mann, den man vernünftigerweise für einen Vollender des 19. Jahrhunderts hält, selbst dem Kellner Franz Westermeier 1950 in einem Schweizer Hotel. Der „göttliche Knabe“ diente einem Mann im Reinen mit sich selbst als letztes Idol.

„Ich bin eben gnädig geführt worden von einem Schicksal, das es zwar streng, darunter aber immer grund-freundlich mit mir meinte.“  

*

In einem Brief aus dem Jahr 1953 verschanzt sich Samuel Beckett hinter seinem schlechten Deutsch. Eine Entschuldigung dient ihm zur Wiederholung drastisch gegen Deutschland gerichteter Ansichten. Auch John Boynes Held Erich Ackermann bringt halb entschuldigend ein ungeliebtes Deutsch in Anschlag. Der gebürtige Berliner verbrachte seine Glanzzeit als Hochschullehrer am King‘s College.

Ein in Jahrzehnten erfolgloser Schriftsteller veröffentlicht an der Schwelle zum Pensionsalter einen Kracher. Der späte Erfolg verweist wie zum Hohn auf das Entgangene, nie Gelebte. 

Der Expatriierte schrieb in der Freiheit akademischer Routinen passioniert eine Reihe unbeachteter Romane und setzte dem Schlendrian semi-öffentlichen Privatisierens die Krone einer „unüberlegten Gedichtsammlung“ auf.

Der Ruhm kam wie ein Schlag aus dem Nichts.

Das ist der Romaneinstieg. Wir sehen Ackermann in der Lobby eines Berliner Hotels, dem Literaturhaus in der Fasanenstraße nah.

Am Vorabend hatte der Schriftsteller einen Termin an prominenter Stelle. Nun sitzt er beim Qualitätsriesling, der Verlag freut sich, für alle Kosten der Opulenz aufkommen zu dürfen. Für Erich ist das eine neue Erfahrung. Er genießt mit Vorsicht, so wie man erst einen Zeh ins kalte Wasser taucht, bevor man einen ganzen Fuß aussetzt. 

Aus der Ankündigung
Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff…
Psychologisch raffiniert, hochspannend und mit funkelndem Humor erzählt John Boyne von der verführerischen Macht des Vertrauens und von einem, der für Ruhm alles tut.

John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde.