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17.01.2021, Jamal Tuschick

Virtual Highway

Auf dem rauschenden Kasten steht Interface Message Processor. Wir sind im Göttinger Max-Planck-Institut am Faßberg, der blaue Unibus (Universelles Bus-System) daneben ...

Mara Neusel - Sie konnte alles: Russisch, Schießen, Taekwondo, Boxen, Taijiquan, Mathematik, Physik und einen Brennnesselsud für ihre Kräuter brauen. Sie ging nach Texas und war beinah ihr Leben lang Geheimnisträgerin. © Jamal Texas Tuschick

The military and the scientific communities shared one network in the beginning of the Internet.

Eingebetteter Medieninhalt

Auf dem rauschenden Kasten steht Interface Message Processor. Wir sind im Göttinger Max-Planck-Institut am Faßberg, der blaue Unibus (Universelles Bus-System) daneben firmiert unter PDP-16. PdP wie Programmed Data Processor. 16 bezeichnet die Baureihe. Wir wissen alle noch nicht, dass es keinen PDP-17 geben wird. Die Apparate gehören zum Advanced Research Projects Agency Network und bilden in der zeitlichen Perspektive den Anfang der Virtual Highway.  

Mara nennt das Ding The Beast. Wie viele Mathematiker*innen und Physiker*innen neigt sie zu regressiv-formelhaften Namensgebungen. Eine unerschöpfliche Fundgrube für bizarr-alberne Wortschöpfungen ist Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Mara redet mit Ralph in einer Nerdsprache. Ich habe es aufgegeben, aus solchen Gesprächen Begreifliches herauszufiltern. Das ist nicht meine Welt.

Ralph studiert Physik. Einerseits erscheint er schrullig und verschroben in seinem Norwegerpullover. Andererseits fährt er Motorrad, spielt Handball und bewegt sich munter in einem Kreis leidenschaftlicher Holsteiner, für die Göttingen in Süddeutschland liegt.

Mara legt Wert darauf als Mathematikerin Doktor phil. und nicht Doktor rer. nat. zu sein 

Mit Ralph diskutiert Mara, warum Mathematik eine Geistes- und keine Naturwissenschaft ist. In diesem Thema steckt das Potential gewaltiger Grabenbildungen. Mara und Ralph lieben es, sich zu verrennen und dogmatisch Positionen zu behaupten. Rigorismus bereitet ihnen Lust. Sie sind leidenschaftlich anstrengend, und jeder der nicht so penetrant wie sie ist, verblasst in totaler Bedeutungslosigkeit.

Es gibt auch noch Telegrammboten und den Pony Express

Ich muss Ihnen ja wohl nicht sagen, dass ich gerade über zwei Superbegabte rede, die wie Kleinkinder aufeinander losgehen. Jenseits aller Klischees stelle ich fest, dass Mara sowieso alles kann, einschließlich Bogenschießen, und dieser post-hippie‘eske Ralph eine Bundeswehrfunkerausbildung hat und Russisch spricht.

Das Zauberwort im Zusammenhang mit den Großraumrechnern lautet:

Just in time.  

Wir schreiben das Jahr 1980, du schreibst eine Nachricht, die grün über einen Bildschirm flackert, und irgendwo in den Vereinigten Staaten kann das jemand sofort lesen. Für mich ist das surreal. Auch meine Freunde tun nur so, als seien sie so abgebrüht, dass sie die Transfergeschwindigkeit nicht erstaunt. Der Punkt ist, diese verwuschelten Studis arbeiten nicht nur mit jenen US-Militärs zusammen, die über diese neue Datenautobahn herrschen, sie arbeiten auch für das Pentagon.

Schließlich gehören wir zur Nato, und der Warschauer Pakt parkt seine Panzer hinter den Harzhügeln knapp außer Sichtweite.

Die einen protestieren zurzeit gegen die Stationierung von Pershing-Raketen, die anderen helfen bei der Implementierung der Systeme.

Nachtrag

Wie komme ich darauf? Ich wundere mich, wie ältere Leute sich eben wundern, dass ich diesen und jenen Typus nicht mehr dechiffrieren kann. Ich verstehe die Welt immer weniger. Nun fiel mir eben beim netflixen ein, dass man es schon in den frühen Achtzigern mit Akteuren zu tun hatte, die zwar wie Freaks aussahen, aber seltsam-selbstverständlich, wenn auch gewiss nicht ohne innere Widerstände beim militärisch-industriellen Komplex mitspielten. Mara zog nach Amerika. Bis zu ihrem Tod hatte sie eine US-geheimdienstliche Sicherheitseinstufung.