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17.01.2021, Jamal Tuschick

Schweinehirten im Goldrausch

Francisco Pizarros peruanisches Expeditionscorps war ein Familienunternehmen, an dem drei Halbbrüder beteiligt waren

Die alten Eroberer-Erzählungen konstituieren eine von Siegern verfälschte Geschichtsschreibung.

Eingebetteter Medieninhalt

Gewalttätige Träumer

Zwei Namen verbinden sich mit der Verheerung Perus: Francisco Pizarro und Diego de Almagro. Pizarro startet seine Karriere als Schweinehirte in Trujillo. Eines Tages brennt ihm die Herde durch, zu deren Aufsicht er bestimmt ist. Aus Angst vor Schlägen geht er unter die Soldaten. Er macht erst einen Feldzug in Italien mit und gelangt dann im Gefolge von Vasco Núñez de Balboa in die Neue Welt.  

Diego de Almagro el Viejo wird als Ausgestoßener geboren. Seine Mutter ist eine ledige Magd.

Auch Almagro ist von unrühmlicher Herkunft. Ein Niemand, der sich aufgeschwungen hat. Ein gewalttätiger Träumer. Pizarro und Almagro erkunden den Rio de los Mares. Sturm und Regen erschöpfen die Mannschaft. An den Ufern findet man nichts als schwer zugänglichen Urwald und tödlichen Morast.

Franzobel, „Die Eroberung Amerikas“, Roman, Zsolnay, 26,80 Euro 

Der avancierte Schweinehirte Francisco Pizarro betreibt sein Ausbeutungsgeschäft als Familienunternehmen. Drei Halbbrüder dienen ihm. Da geht eine ganze Familie auf Raubzug. Ihr zur Seite steht Hernando de Soto.

Francisco Pizarros peruanisches Expeditionscorps ist ein Familienunternehmen, an dem drei Halbbrüder beteiligt sind. 

In seinem neuen Roman „Die Eroberung Amerikas“ macht Franzobel de Soto (heruntergeputzt zu Ferdinand Desoto)  zu einer zentralen Figur. Als Pizarros Hauptmann erlebt Desoto die Gefangennahme des gottgleichen Inkakaisers Atahualpa. Pizarro schickt seinem Chef Karl V. das „königliche Fünftel“ vom Lösegeld, mit dem Atahualpa seine Freiheit doch nicht erkaufen kann. Dem Inka steht die Hinrichtung bevor, er hat einen hohen Preis dafür bezahlt.

Was für ein Irrsinn. Eine Armee steht zu seiner Befreiung bereit. Die fittesten Typen des Reichs drehen ihre Runden um den Schauplatz königlichen Scheiterns. Atahualpa müsste nur die Hand heben und ein Sturm bräche los. Frauen und Kinder würden die Krieger mit Haushaltsgegenständen unterstützen und Kochtöpfe und Nachtgeschirre als Wurfgeschosse einsetzen.

Aber nichts. Erst lässt der König sein Volk plündern, um sein Leben zu retten, und dann lässt er sich erdrosseln. Dafür erhält Pizarro 57.220 Goldpesos und die Thronplatte. Er wird sich auch noch rührend um Almagro kümmern.

Jeder Reiter kriegt neuntausend Pesos in Gold und dreihundert in Silber, ein Fußknecht die Hälfte.

Ist alles geregelt. Raub und Mord nach Tarif. Auf der Ebene der Hauptleute Hernando de Soto und Fernando Pizarro ist das Blutgeschäft Verhandlungssache, eine Frage des Geschicks. Im Generalstab garantiert die Gier der Hauptleute den vollen Einsatz.

Desoto sieht, wie es geht, und will nun auch einer von den ganz großen Plünderern werden. Er nimmt sich Florida vor, also ein aus europäischer Perspektive unerschlossenes Gebiet an der Peripherie überrannter Reiche. 1538 macht er sich auf den Weg. „Der traditionell angenommene De Soto Trail verläuft westlich-nordwestlich über die heutigen US-Bundesstaaten Mississippi, Arkansas und Oklahoma bis nach Texas.“ Wikipedia

Franzobel unternimmt am Anfang zwei Anläufe, bis er seine Version von einem Endpunkt aufrollt. Den auf der Strecke gebliebenen Desoto überlebt zum Beispiel ein historisch unverbürgter Cord Fenk in den Lumpen eines gerade noch einmal Davongekommenen. 

Aus der Ankündigung

Ein Feuerwerk des Einfallsreichtums: Nach dem Bestseller „Das Floß der Medusa“ begibt sich Franzobel in seinem neuen Roman auf die Spuren eines wilden Eroberers der USA im Jahr 1538.

Ferdinand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner.
Franzobels neuer Roman ist ein Feuerwerk des Einfallsreichtums und ein Gleichnis für die von Gier und Egoismus gesteuerte Gesellschaft, die von eitlen und unfähigen Führern in den Untergang gelenkt wird.

Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis Wiener Wunder (2014) und Groschens Grab (2015) sowie 2017 der Roman Das Floß der Medusa, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien 2019 der Krimi Rechtswalzer.