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19.01.2021, Jamal Tuschick

Pocken gegen Perlen

La fondation de Montréal: une histoire de coureurs des bois

Eingebetteter Medieninhalt

In Montreal steckt der königliche Berg. Als man anfing, den kanadischen Landschaftsmarken europäische Namen zu verpassen, wurden die einen mit den Perlen der anderen reich, während die Perlentaucher an den von Kolonisatoren eingeschleppten Pocken starben. Daran erinnert Frauke Buchholz in ihrem Roman Frostmond. Angesichts der „Schiffe im Vieux-Port de Montreal“ fokussiert eine jähe Rückblende die Keimzeit der Exploitation.

„1611 (wurde) am Fuße des Mont Royal (Real) der erste Handelsposten (errichtet). Damals fuhren sie in hölzernen Kanus stromabwärts, vollbeladen mit den Fellen von Bibern, Silberfüchsen, Mardern, Luchsen und Wölfen.“

 Frauke Buchholz, „Frostmond“, Roman, Pendragon Verlag, 288 Seiten, 18,-

In der Handlungsgegenwart treibt die Leiche der fünfzehnjährigen Jeanette Maskisin zunächst unbemerkt im St. Lawrence Strom. Zu einer anderen Stunde feiert Chris Ballandines seinen letzten Arbeitstag am Strand mit einem Joint. Chris studiert Geschichte und Sozialwissenschaften an der Mac Gill University, wäre aber lieber ein Abenteurer vom Schlag des Jacques Cartier, „der 1535 als erster Weißer …“

Ein Abriss

Sebastian Cabot war bei seinem Vater, dem venezianischen, vielleicht auch genuesischen Navigator Giovanni Caboto aka John Cabot aka Zuan Caboto, in die Lehre gegangen. Caboto hatte sich um 1490 in den englischen Handel mit Island eingeschaltet. Ihm wurde ein portugiesischer Staatsschatz in die Hände gespielt, die Seekarte des João Vaz Corte-Real, dem ersten portugiesischen Statthalter auf den Azoren. Man vermutet, dass der Ritter vor dem Jahr 1450 allgemein unbeachtet Neufundland erreichte. Manche nehmen ihn als den Entdecker der Terra do Bacalhau, einer nach dem Stockfisch benannten Phantominsel, die in Erzählungen des 15. und 16. Jahrhunderts Gestalt annimmt. Den historischen Kern der Sage lokalisieren nüchterne Leute auf einer nordatlantischen Insel, die heute zur kanadischen Provinz Nova Scotia gehört. Eine Weile nannte man sämtliche Inseln des Lorenzgolfes „das Land der Cortereals“ (João Vaz Corte-Real folgten drei Söhne auf See) und auch Bacalhau-Eilande. Französische Fischer gaben den Zuschreibungen mit Île Royale und Île du Cap-Breton ab 1504 eine durchsetzungsfähige Richtung.

1497 landete Coboto an der Küste Neufundlands und nahm die tundrische Natur für Heinrich VII. als Terra de Prima Vista in Besitz. Der englische König wähnte sich bereits von den Spaniern und Portugiesen abgehängt.

Den lateinischen Katholizismus verschrie der englische Volksmund als spanische Seuche. Engländer schmähten ihre Gegner als Hunde der Inquisition.  

Die Unternehmung wurde von Spanien mit Bezug auf die päpstliche Weltaufteilung von 1494 als Eingriff in fremde Hoheitsrechte gerügt. Zu einem besonderen Engagement konnte sich aber niemand entschließen, Eisbären und Inuit stellten keine Verlockungen dar.

1514 führte Sebastian Cabot eine Expedition zur Hudson Bay. Damals unterschied man noch zwischen Kanada, Neu-Wales und Labrador. Doch nannte man alles zusammen bald Cabotia.

Die zweite und dritte Erschließungswelle spülte einige Männer aus Saint-Malo über den Atlantik. Zu denken ist an Jacques Cartier, der den Lorenzstrom beinah prophetisch als großen Abfluss der kanadischen Seen bezeichnete. Cartier konnte die Dimensionen nur ahnen. Im 1535er-Winter verlor er seine Mannschaft an Skorbut, Wahnsinn und Wölfe. Er überlebte in volkstümlicher Obhut und taufte den Schauplatz seiner Kläglichkeit Mont Royal. Daraus wurde Montreal. Das muss man sich immer wieder klarmachen. Da zittert und zagt einer, dem sämtliche Voraussetzungen des Überlebens so wie alle Zähne fehlen, er blüht auf in der Opferrolle, seine Beischlafkompetenz ist bescheiden. Was soll man noch sagen. Den Ort seiner Häufchen nennt er Mont Royal und wir sagen heute noch Montreal, während die Leute, die Cartier unter die Arme griffen, keine freundliche Zukunft hatten.

Frauke Buchholz © Claudia Fahlbusch

Aus der Ankündigung

Seit Jahren verschwinden junge Frauen ­indigener Herkunft spurlos entlang des Transcanada-Highways. Für die Polizei scheinen diese Verbrechen keine Priorität zu haben. Doch als die 15-jährige Jeanette Maskisin in Montreal tot aufgefunden wird und die Medien darüber groß berichten, werden die Ermittler LeRoux und Garner auf den Fall angesetzt. Ihre erste Anlaufstelle ist ein Cree-Reservat im hohen Norden Quebecs, aus dem Jeanette stammt. Dort stoßen die Polizisten auf Ablehnung, denn aus Sicht der First-Nation-Familien hat sich die Polizei nie für die vermissten Frauen interessiert. Die Ermittler kommen immer mehr in Bedrängnis, denn es werden weitere ­Opfer befürchtet und auch der Täter wird zur Zielscheibe – jemand hat blutige Rache geschworen.

Frauke Buchholz wurde 1960 in der Nähe von Düsseldorf geboren. Sie studierte Anglistik und Romanistik und promovierte über ­zeitgenössische indigene Literatur. Sie liebt das Reisen und fremde Kulturen und hat einige Zeit in einem Cree-Reservat in Kanada verbracht. Heute lebt sie in Aachen und schreibt Romane und Kurzgeschichten, die in zahlreichen Anthologien erschienen sind. Ihre Geschichte »Barfly« wurde 2020 mit dem 1. Preis der Gruppe 48 ausgezeichnet.