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19.01.2021, Jamal Tuschick

Aus dem Verlagsangebot

5 Fragen an Franzobel - gestellt von Herbert Ohrlinger

Lieber Franzobel, ein charismatischer Anführer, der durch fragwürdige Geschäfte zu Geld gekommen ist und nicht genug davon kriegen kann, ein dubioser Beraterstab und eine Unternehmung, von der sich alle Beteiligten höchste Gewinne versprechen. Was fällt Ihnen dazu ein?
So könnte man auch Präsidenten oder Wirtschaftsführer zeichnen. In meinem Roman geht es aber um einen Eroberungszug der spanischen Conquista, konkret um Ferdinand Desoto, der bereits vermögend war, als er 1538 aufbrach, Florida zu erobern. Er hoffte auf ein Goldland und Unsterblichkeit – vielleicht ein uralter Menschheitstraum –, brachte aber vor allem Leid und Tod über die indigene Bevölkerung und die meisten seiner Leute.

Wie sind Sie auf diesen spanischen Kleinadeligen gestoßen?
Durch eine Fernsehsendung, bei der der Satz fiel, es handle sich um den erfolglosesten Eroberungszug der spanischen Conquista. Desoto ist nicht so bekannt wie Pizarro, Cortés oder Aguirre, aber nicht minder interessant. Die Expedition stieß in Florida auf einen Spanier, der zwölf Jahre bei Indianern gelebt hatte, weiter gab es eine Frau, die sich verkleidet unter die Soldaten schmuggelte – also genug Stoff für eine spannende Geschichte, die auch als Parabel auf eine gescheiterte Gesellschaft gelesen werden kann.

Bevor Desoto auf neun Schiffen mit achthundert Mann Richtung Florida aufbrach, war er durch eine strenge Schule gegangen. Ursprünglich aber wollte er anders als Pizarro, in dessen Gefolge er die Vernichtung der Inka miterlebt hatte, mit den indigenen Völkern humaner umgehen. Was ist aus diesen Ansätzen geworden?
Bereits bei Desotos Ankunft auf Kuba hat ein ganzes Indianer-Dorf aus Angst vor der Versklavung Selbstmord begangen. Inquisition, grausame Leibstrafen, Hexenverbrennungen … Das 16. Jahrhundert war unermesslich brutal, aber es gab auch Stimmen, die sich für einen menschlichen Umgang mit den Eingeborenen stark machten. Desoto trifft im Roman Las Casas, den humanistischen Bischof von Nicaragua, nimmt aber trotzdem Kampfhunde mit auf seine Expedition. Je länger der Zug unterwegs ist, je verzweifelter die Leute sind, desto unerbittlicher wird auch ihr Umgang mit der einheimischen Bevölkerung. Am Ende geht es nur noch ums nackte Überleben.

Sie schildern den Desoto-Trail so genau, als seien Sie dabei gewesen. Ist die Quellenlage so gut? Wie und wo haben Sie recherchiert?
Lesen, lesen, lesen! Manchmal war mir tatsächlich so, als wäre ich dabei gewesen. Wie beim Floß der Medusa habe ich versucht, wahrhaftig zu erzählen. Die Quellenlage ist gut, es gibt einige Berichte über den Eroberungszug. Daneben habe ich die Schauplätze besucht (Spanien, Panama, Kuba, Florida, Texas, aber auch Algerien), außerdem konnte ich mit Historikern sprechen, die auf die Zeit spezialisiert sind. Irgendwann hat sich die Geschichte dann fast von selbst geschrieben.

Schweinehirten im Goldrausch

Die alten Eroberer-Erzählungen konstituieren eine von Siegern verfälschte Geschichtsschreibung.  

Eingebetteter Medieninhalt

Gewalttätige Träumer

Zwei Namen verbinden sich mit der Verheerung Perus: Francisco Pizarro und Diego de Almagro. Pizarro startet seine Karriere als Schweinehirte in Trujillo. Eines Tages brennt ihm die Herde durch, zu deren Aufsicht er bestimmt ist. Aus Angst vor Schlägen geht er unter die Soldaten. Er macht erst einen Feldzug in Italien mit und gelangt dann im Gefolge von Vasco Núñez de Balboa in die Neue Welt.  

Diego de Almagro el Viejo wird als Ausgestoßener geboren. Seine Mutter ist eine ledige Magd.

Auch Almagro ist von unrühmlicher Herkunft. Ein Niemand, der sich aufgeschwungen hat. Ein gewalttätiger Träumer. Pizarro und Almagro erkunden den Rio de los Mares. Sturm und Regen erschöpfen die Mannschaft. An den Ufern findet man nichts als schwer zugänglichen Urwald und tödlichen Morast.

Der avancierte Schweinehirte Francisco Pizarro betreibt sein Ausbeutungsgeschäft als Familienunternehmen. Drei Halbbrüder dienen ihm. Da geht eine ganze Familie auf Raubzug. Ihr zur Seite steht Hernando de Soto.

Francisco Pizarros peruanisches Expeditionscorps ist ein Familienunternehmen, an dem drei Halbbrüder beteiligt sind. 

In seinem neuen Roman „Die Eroberung Amerikas“ macht Franzobel de Soto (heruntergeputzt zu Ferdinand Desoto)  zu einer zentralen Figur. Als Pizarros Hauptmann erlebt Desoto die Gefangennahme des gottgleichen Inkakaisers Atahualpa. Pizarro schickt seinem Chef Karl V. das „königliche Fünftel“ vom Lösegeld, mit dem Atahualpa seine Freiheit doch nicht erkaufen kann. Dem Inka steht die Hinrichtung bevor, er hat einen hohen Preis dafür bezahlt.

Was für ein Irrsinn. Eine Armee steht zu seiner Befreiung bereit. Die fittesten Typen des Reichs drehen ihre Runden um den Schauplatz königlichen Scheiterns. Atahualpa müsste nur die Hand heben und ein Sturm bräche los. Frauen und Kinder würden die Krieger mit Haushaltsgegenständen unterstützen und Kochtöpfe und Nachtgeschirre als Wurfgeschosse einsetzen.

Aber nichts. Erst lässt der König sein Volk plündern, um sein Leben zu retten, und dann lässt er sich erdrosseln. Dafür erhält Pizarro 57.220 Goldpesos und die Thronplatte. Er wird sich auch noch rührend um Almagro kümmern.

Jeder Reiter kriegt neuntausend Pesos in Gold und dreihundert in Silber, ein Fußknecht die Hälfte.

Ist alles geregelt. Raub und Mord nach Tarif. Auf der Ebene der Hauptleute Hernando de Soto und Fernando Pizarro ist das Blutgeschäft Verhandlungssache, eine Frage des Geschicks. Im Generalstab garantiert die Gier der Hauptleute den vollen Einsatz.

Desoto sieht, wie es geht, und will nun auch einer von den ganz großen Plünderern werden. Er nimmt sich Florida vor, also ein aus europäischer Perspektive unerschlossenes Gebiet an der Peripherie überrannter Reiche. 1538 macht er sich auf den Weg. „Der traditionell angenommene De Soto Trail verläuft westlich-nordwestlich über die heutigen US-Bundesstaaten Mississippi, Arkansas und Oklahoma bis nach Texas.“ Wikipedia

Franzobel unternimmt am Anfang zwei Anläufe, bis er seine Version von einem Endpunkt aufrollt. Den auf der Strecke gebliebenen Desoto überlebt zum Beispiel ein historisch unverbürgter Cord Fenk in den Lumpen eines gerade noch einmal Davongekommenen. 

Delirium der Macht

Sic transit gloria mundi - Das Epitaph steht auf manchem Stein als Monumental Inscription. Hernando de Soto fand einen Weg zum Nachruhm, der nun, im Licht einer fürwahr aufgeklärten Geschichtsschreibung, in ein postumes Verderben führt; durchaus auf der Höhe von de Sotos vermaledeiten Mississippi-Adventures. Franzobel setzt den „Eroberer“ mit einer Verbürgerlichung herab. Im Roman kreuzt de Soto als Ferdinand Desoto auf. In der Gesellschaft von Akteuren, die „so zäh wie ein resistentes Bakterium“ sind, deliriert und spekuliert er so vor sich hin. 

Franzobel„Die Eroberung Amerikas“, Roman, Zsolnay, 26,80 Euro 

Er erinnert sich an die Masche, mit der Pizarro den letzten legitimen Inka-Herrscher hereinzulegen wusste. In der Gegenwart eines heißen Tages im Jahr 1532. 

Ich dichte jetzt kurz mal mit.

Atahualpa trägt ein Scharlachnetz mit zwei stehenden Federn von einem Coraquenque. Kein anderer darf solche Federn tragen oder den Vogel töten. Pizarro will den Kaziken in seine Gewalt bringen, sein Vorbild ist Cortéz, der in Mexiko Aztekenchef Moctezuma zehn Jahre zuvor zum Gefangenen und Spielball seiner Interessen gemacht hat.

Die alten Peruaner fürchten wenig. Jederzeit können sie einer Laune ihres Herrschers zum Opfer fallen. Ihre Kinder haben rechtlich keinen anderen Status als Kriegsgefangene. Im Grunde sind sie alle Gefangene des Königs und seiner von Geschwisterehen degenerierten Sippe. Daran sind sie gewöhnt, darüber reißen sie Witze. Der Spaß hört da auf, wo Pferde ins Spiel kommen. Schilderungen variieren Szenen, in denen eine Handvoll Spanier „auf schnaubenden Rossen in einen Haufen Indianer“ hineinreiten.

Balverde ist naturtrüb bis zur Schlammigkeit. Er stellt sich vor den Kaziken und macht das Kreuzzeichen.

Atahualpa fragt sich vermutlich, was der Scheiß soll. 

Balverde rät ihm, dem Götzendienst zu entsagen. Er gibt den Missionar mit der Brechstange. Er irritiert Atahualpa, so dass der Inka kurzerhand wieder hundert Leute umbringen lässt. Er guckt, wie das ankommt bei den Weißen. Pizarro steht kurz vor einem Anfall, die Verhandlungen gehen ihm zu schleppend über die Bühne. Es ist beklemmend heiß, die vielen Menschen dünsten tüchtig aus. Belverde reicht Atahualpa eine Bibel.

Der Inka hält sich das Buch ans Ohr, er schüttelt es erwartungsvoll. Das Buch macht nix. Enttäuschung zeichnet sich ab. Belverde verlangt von Atahualpa die Anerkennung eines Herrschers. Atahualpa vergleicht den Christengott mit der Sonne. Die Sonne scheint eindrucksvoller. Verächtlich wirft Atahualpa die Bibel zu Boden.

„Das Ding ist dumm“, sagt er. Vielleicht ist das ein Übersetzungsfehler und in Wahrheit sagt Atahualpa: „Das Ding ist stumm.“

Pizarro gibt das Zeichen zum Angriff, er selbst nimmt Atahualpa fest. Die Eroberer überrennen die Verteidiger.

„Der Festgesetzte bewies Gelassenheit“, weiß ein Chronist. „Unsere Reiter setzten den Fliehenden nach, bis die Nacht keine Verfolgung mehr erlaubte. Zweitausend waren tot, doch unter den Toten war keiner von uns.“

Aus der Ankündigung

Ein Feuerwerk des Einfallsreichtums: Nach dem Bestseller „Das Floß der Medusa“ begibt sich Franzobel in seinem neuen Roman auf die Spuren eines wilden Eroberers der USA im Jahr 1538.

Ferdinand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner.
Franzobels neuer Roman ist ein Feuerwerk des Einfallsreichtums und ein Gleichnis für die von Gier und Egoismus gesteuerte Gesellschaft, die von eitlen und unfähigen Führern in den Untergang gelenkt wird.

Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis Wiener Wunder (2014) und Groschens Grab (2015) sowie 2017 der Roman Das Floß der Medusa, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien 2019 der Krimi Rechtswalzer.