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22.01.2021, Jamal Tuschick

Zur Hochzeit ihrer jüngsten Schwester ist Maine aus Maryland angereist. Sie hat ihre Kinder dabei, nicht aber ihren Mann Joe, der in dem Ruf steht, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Dem Vernehmen nach hat Maine in Maryland ihr Glück gefunden, während den in einem Weiler namens Deer Creek Zurückgebliebenen von Anstrengungen zum Erhalt ihres Grundbesitzes alles abverlangt wird. Sie sind arme Reiche - Millionäre ohne Geld - und im Gegensatz zu den irischen Pionieren, die sie nachkommen ließen, haben sie keine Aussicht mehr auf eine Kolonialkarriere. Sie stecken fest in Sackgassen des Stolzes. Ihre Verachtung für die hispanischen Erntehelfer*innen gipfelt in Verdächtigungen.

Charakterwicht

Maines irisch-protestantische Familie zählt zu den ältesten Pferdezüchter-Klans in Arizona. © Jamal Texas Tuschick

Die Geschichte beginnt mit der Evokation einer blutigen Balzszene oder eines Hahnenkampfes. Hingerissen von Sensationen der Zugehörigkeit, fallen sich Verwandte mit gespreiztem Gefieder in die Arme. Ihre frenetischen Begrüßungen ignorieren die Tatsache, dass man sich lange verlustfrei entbehren konnte. Familie bedeutet Scharmützel. Es geht sofort los und weiter.

Zu alten Fehden und Lieben kommen neue Verstrickungen.

Autotüren und Taubenflügel schlagen. Glocken läuten. Motoren laufen.

Zur Hochzeit ihrer jüngsten Schwester ist Maine aus Maryland angereist. Sie hat ihre Kinder dabei, nicht aber ihren Mann Joe, der in dem Ruf steht, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Dem Vernehmen nach hat Maine in Maryland ihr Glück gefunden, während den in einem Weiler namens Deer Creek Zurückgebliebenen von Anstrengungen zum Erhalt ihres Grundbesitzes alles abverlangt wird. Sie sind arme Reiche - Millionäre ohne Geld - und im Gegensatz zu den irischen Pionieren, die sie nachkommen ließen, haben sie keine Aussicht mehr auf eine Kolonialkarriere. Sie stecken fest in Sackgassen des Stolzes. Ihre Verachtung für die hispanischen Erntehelfer*innen gipfelt in Verdächtigungen.

Vor einer Schulklasse zerquetscht ein Mann Trauben über einer Schale. Da steht der Sohn eines Knechts. Paco hat aus sich einen Gutsherrn gemacht und schläft mit der Lehrerin.

Einst kam er günstig zu einem Stück Land mit kargem Boden. Während er Hof hält vor der Klasse, schuften migrantische Arbeitsnomaden auf seiner Ranch. Paco stellt die Saftschale neben eine Weinflasche.

Den Unterschied zwischen Saft und Wein macht die Zeit.

Das Land hat Paco Maines Vater Fred in einer Notlage verkauft, zu einem Freundschaftspreis nach der Devise:

Gib mir, was du hast.

Noch wurde Maines und Pacos Generation nicht von der Zeit untergepflügt. Lauter übermotivierte Körper begegnen sich in der hochamtlich-aufschäumenden Inszenierung des Erfolgs und der guten Laune.  

Wer alt ist, hat nichts zu lachen. Fred geht an Krücken und bewältigt den Abstand zwischen den Etagen in seinem Haus im Sessellift. Der Greis wähnt sich immer noch im Besitz von allem. Für ihn ist Paco ein Knecht geblieben. Seine Enkelin Marina wirbelt auf der Enduro ihres Cousins Staub auf. In einem Glockenturm fordert sie den Knaben heraus. Ihr Temperament gibt zu Gerüchten Anlass. Ihr Mut und ihre Ausgelassenheit erinnern die Leute im Dorf an Paco als jungen Mann. Ja, Paco war Maines Liebhaber, bis Joe kam.

Ein im Regen rauschendes Fest ist die Hochzeit. Plötzlich verdunkelt sich die Szene. Stromausfall. Der tüchtige Paco organisiert einen Generator, das Licht geht wieder an und die Party geht weiter. Marina kippt aus den Latschen und muss ins Bett. Als Maine das nächste Mal nach Marina schaut, findet sie das Bett leer. Eine SMS meldet das Grauen.

Leerlaufende Verbindungen offenbaren sich unter Druck. Joe taucht auf und entpuppt sich als Charakterwicht. Ein spannendes Dreiecksverhältnis baut sich zwischen ihm, Maine und Paco auf. Die Männer überschreiten ihre Grenzen in einem faszinierenden Zusammenhalt.

Ein pensionierter Polizist entstaubt seinen Spürsinn.

Paco begleicht eine alte Rechnung.

Mit den Hufen fest auf der Erde von Arizona © Jamal Texas Tuschick

Weinbau in Arizona

Weltklasse Weine aus Arizona

Eingebetteter Medieninhalt

Zur Arrondierung

Alles begann mit Messwein. Pacos Vorfahren dienten klerikalen Winzern vielleicht schon seit dem 16. Jahrhundert. Vermutlich wirkte der spanische Franziskaner Marcos de Niza als Pionier des Kelterwesens auf dem Territorium des heutigen Arizonas. Er bereiste den amerikanischen Südwesten um 1539 im Auftrag des spanischen Vize-Königs Antonio de Mendoza. 

Und schon sind wir wieder bei des Kaisers sagenhaft wohlhabendem Oberschenk Mendoza.  

„Sein Gruß kam einer Beförderung gleich.“

Mendoza kann eine eigene Flotte auf den Grund des Meeres schicken, ohne Pleite zu gehen. Am 24. August 1534 spuckt er zum letzten Mal in das Hafenbecken von Sevilla. Er startet mit vierzehn „stolzen Gallionen“. Mendoza bringt zweiundsiebzig Pferde, hundertfünfzig Deutsche und Holländer unter dreitausend gemeinen Männern, achtzehn Missionare und die Blüte seines Landes in die Neue Welt. Mit ihm fahren zweiunddreißig Mayorazgo – blanker Uradel. Mendoza hat einen Freibrief. Ihm sind Länder versprochen. Er lebt mit der Aussicht auf eine Prämie für jeden erschlagenen Kaziken.

Ein Sturm zerstreut seine Schiffe. Sein weiches Fleisch verdirbt. Der Flottenführer erschlägt einen Schiffsjungen mit dem beinernen Schuhlöffel. Eine kritische Bemerkung kostet einen Matrosen den Schmerz und die Schmach von fünfzig Hieben. Mendoza lässt Delinquenten zur Abschreckung an Pranger stellen und in den Vorrichtungen verrotten.

Die Flotte findet sich wieder im „süßen Meer“, wie manche den Río de la Plata nennen. Die Strandinder erschreckt „das stolze und gewaltsame Auftreten der Fremden“ so, dass Annäherungen ausbleiben. Keine Pocahontas in Sicht.

Mendozas hochnäsiges Terrorregime reizt seine Leute zu Gewalttaten gegen die Bevölkerung.

„Horden gereizter Guarani kreisten die Entdecker weiträumig ein. Mendoza kannte nur ein Rezept. Der Kriegsherr schickte Fußvolk und Ritterschaft, vierhundert Mann im Ganzen. Die Expedition führte sein Bruder Diego an. Drei Tage später kehrten zwölf Klägliche zurück, alle anderen bereiteten den Geiern ein Fest in der Pampa. Die Guarani hatten einen Sumpf genutzt, eine Engstelle, die dem Korps geringen Spielraum bot. Da entfalteten sich die Nachteile komplizierter Waffen und die Vorteile unterkomplexer Lösungen. Die Pulverpfannen wurden nass, die Musketen versagten. Die dem Zügel auf der Überfahrt entwöhnten Pferde bockten. Umsonst warf sich Diego mit seinen Kavalieren auf den Feind. Mehr als ein altes Geschlecht erlosch an diesem Tag.“

Wie die Germanen kämpfen die Guarani mit ihren Leibern mehr als mit anderen Streitmitteln. Sie zerschellen dann an der Monotonie eines Mannes, der es für seine Aufgabe hält, einen Posten nach dem nächsten in ihrem Gebiet aufzustellen. Es sind Verhungernde, mit denen er Nuestra Senora Santa Maria del Buen Aire gründet. Man sagt, Mendoza habe Fleisch vom Leichnam einer Geliebten nicht verschmäht, so heruntergekommen sei dieser „zum Herrschen geborene“ Kolonist endlich gewesen. Die Guarani rennen gegen den Zaun, den die Neubürger in die Landschaft gepflanzt haben. Sie zerlegen Buenos Aires erst einmal. Die Spanier weichen zurück und gründen Corpus Christi an der Stelle, wo Cabot sein Eldorado direkt vor der Palisade vermutet und deshalb den Solís-Fluss in Rio de la Plata (Silberfluss) umbenannt hatte.  

Von Cabots erster Station ist ein zerfallener Turm übrig. In Erwartung heiterer Stunden nennen ihn die Flüchtlinge Buenas Esperanza.

Mendoza hat zwei Aufgaben. Erstens muss er die staatliche Ordnung gegen Widerstände der ersten Oligarchen installieren. Die zweite Großbaustelle – Mendoza besitzt als Adelantado einen erblichen Landnahme- und Gründungsauftrag, in den er selbst ein Vermögen gesteckt hat. Er kann es keinem recht machen, dem Kaiser so wenig wie den Kolonisten. Knapp gesagt, Mendoza hat ein Vermögen in seinen Ruin gesteckt.

*

Karl V. hatte Mendoza zum Statthalter am Río de la Plata bestimmt. Der schreckliche Irala beerbt den Oberschenk de facto. Für die ursprüngliche Bevölkerung verwandelt er Paraguay in eine Strafkolonie. Er herrscht mal mit und mal ohne Zustimmung der Krone. Ihn unterscheidet von den iberischen Mandarinen, dass er keinen über sich duldet. Die Geschichtsschreibung übergeht diese Variante. Man sagt, nach Mendoza sei Álvar Núnez Cabeza de Vaca Gouverneur von Paraguay geworden, und Irala habe lediglich einen wichtigen Mitarbeiter abgegeben. Ein tüchtiger Menschenschinder zweifellos, darüber hinaus jedoch noch nicht mal kabinetttauglich.

Das stimmt. Irala fehlt die Geschmeidigkeit der Schranze. Er hat keinem König mit einem Parapluie die Sonne vom Leib gehalten und sich von keiner Königin hinter den Paravant ziehen lassen. Irala schmeichelt nicht. Er befiehlt. Joseph Conrad hatte ihn vor Augen, als er Marlow dem weißen Urwaldfürsten Kurtz und dem Grauen am Kongo begegnen ließ.

*

Zurück zum Wein.

Der eher verträumte Álvar Núñez Cabeza de Vaca förderte den Mythos von goldenen Städten, dessen historischer Kern auf Berichten von Reisenden fußt, die in Wahrheit Flüchtlinge waren. Gejagd von Killerkommandos der First Nation stoben Alonso del Castillo, Alonso del Castillo Maldonado, Andrés Dorantes und dessen Sklave Estevanico ...

Halt, wer war nun dieser vor 1528 im marokkanischen Azemmour geborene Estevanico? 

Der Nordafrikaner erlebte unter der Ägide des Andrés Dorantes de Carranza das Schicksal eines Versklavten. Herr und Knecht beteiligten sich an einem Desaster, das wir im Zusammenhang mit dem Franzobel-Roman Die Eroberung Amerikas beinah besprochen hätten. Franzobel bezieht sich zumal auf die Abenteuer von Hernando de Soto. Doch sogar de Soto war bereits ein Nachfolger auf seiner unrühmlichen Florida-Kuba-Expedition. Er folgte den Spuren der Narváez-Mission, so genannt nach dem Konquistador Pánfilo de Narváez. Der gute Mann scheiterte 1528 so gründlich wie kaum ein Zweiter. Seine Leute starben wie die Fliegen. Fast alle wurden von Früh-Texaner*innen umgebracht

Don't mess with Texas, heißt es seither. 

1532 rechneten sich vier Überlebende in einen Bund blühender Trostlosigkeit: Álvar Núñez Cabeza de Vaca, Andrés Dorantes de Carranza, Alonso del Castillo Maldonado und eben der berühmte Estevanico. Sie schlugen sich durch, so gut sie es nur vermochten. Sie streiften den nordamerikanischen Südwesten. Erst im mexikanischen Nordwesten erreichten sie stabil kolonisiertes Gebiet. Im Sommer 1536 trafen sie da andere Spanier. Alvar Núñez Cabeza de Vaca verstieg sich 1542 zu einem Erlebnisbericht, der die Aktivitäten von Marcos de Niza auslöste. 

Wie gesagt, Marcos de Niza könnte der erste Winzer in Arizona gewesen sein. Weil man nun einmal Messwein brauchte. Die Religion war eine praktische Angelegenheit. Alles dreht sich um Gott & Gold. 

Estevanico führte den Pater. Der Scout entdeckte dann die Sieben Städten von Cibola. Das ist eine andere Geschichte; eine Eldorado-Variante; eine Gold-Fata-Morgana mehr in einem Meer von Gold-Phantasmen, denen sich die Energiehypertrophien der Usurpatoren verdankten. Mit Marcos de Niza begann das Bekehrungsunwesen im Südwesten.

„Um über den erforderlichen Messwein zu verfügen, legten die Missionare die ersten Rebflächen in Arizona an.“ Wikipedia