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24.01.2021, Jamal Tuschick

Drucklücke

Ein Riss, der durch die Familie geht, macht die Familie zum Riss. Keine Lektion, die der "Pate" seinen Leser*innen erteilt, ist lehrreicher.

Wir erinnern uns alle an Don Corleones Abneigung gegen den Drogenhandel. Kinder auf dem Schulhof mit Rauschgift zu füttern, erscheint dem antiken Paten ehrlos. Sein wilder Sohn Santino Sonny Corleone widerspricht dem Vater in der Gegenwart des skrupellosen Virgil Sollozzo, der Don Vitos Einfluss, Bullet Influence inklusive, für seine dreckigen Geschäfte nutzen und den Großmeister sizilianischer Partien gleichzeitig als Gegenspieler ausschließen will. Die Folgen von Sonnys vorlauter Einrede gehen weit über das hinaus, was eine konventionelle Rezeption des Paten an universellen Weisheiten listet. Die Intervention zerstört das Imperium. Ein paar unbedachte Worte (eines unbeherrschten Mannes) lösen eine Katastrophe aus.

Ein Riss, der durch die Familie geht, macht die Familie zum Riss. 

Was geschieht in der technischen Betrachtung. Sollozzo, wegen seiner fabelhaften Messerkompetenz der Türke genannt, erkennt in den gegensätzlichen Auffassungen eine Drucklücke. An dieser Stelle versagt der familiäre Schild, der jeden Angreifer automatisch die Schmerzen eines effektiv Angegriffenen fühlen lässt. Sollozzo nutzt den ablandigen Druckpunkt, um sich an dieser Stelle zu etablieren. Das ist der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende die Corleones unter Druck stehen wie nie zuvor. 

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„Er ahnt: diese Ordnung ist nicht so fest, wie sie sich gibt; kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz sind sicher, alles ist in einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen, im Unfesten liegt mehr von der Zukunft als im Festen, und die Gegenwart ist nichts als eine Hypothese, über die man noch nicht hinausgekommen ist.“ Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

*

Die Wahrheit ist, Mannoia lügt ständig

James Comey versäumt es nicht, darauf hinzuweisen, dass die Ehrenmännervereine der Mafia in ihren strukturellen Eigentümlichkeiten zum Verrat verurteilt sind. Das, was ausgeschlossen werden soll, ist eingeschlossen wie das Fossil im Bernstein.

Denken Sie an Francesco Marino Mannoia, den in seinen Kreisen lange hochgeachteten Rauschgiftveredler. Als Chemiker ist er so „wertvoll“, dass man ihn in einem „erbarmungslosen“ Verteilungskampf verschont. Die Bosse reichen sich die Knastklinke in die Hand.

Mannoia sitzt gemütlich in der Zelle, als der weltweit geführte Straßenkrieg seine größte Heftigkeit erreicht.

Was zuvor geschah

Irgendwo in den sizilianischen Bergen. Eine Ehrenmänner-Hochzeit steht an. Das Dorf hat sich herausgeputzt. Rosa, Tochter eines Lokalmatadors der Mafia, ehelicht einen Hoffnungsträger. Mannoia verkörpert die ideale Mischung. Ihm fehlt zum Glück nicht der Verstand. In Mannoia vollendet sich das Schicksal eines von seiner Herkunft beglaubigten Mafioso. Er stammt aus Palermo und assoziierte sich rechtzeitig mit dem von Stefano Bontade geführten Santa Maria di Gesù-Klan. Er erwarb exklusive Kenntnisse in der Heroinherstellung. Mannoia wird die Ermordung seines Chefs Bontade überleben und sich nach dem spurlosen Verschwinden seines Bruders Agostino zu einem Seitenwechsel entschließen. Im Herbst 1989 kontaktiert Mannoias Geliebte eine Antimafia-Einheit ...  

James Comey, „Nichts als die Wahrheit, Der Ex-FBI-Direktor über die Unterwanderung des amerikanischen Justizsystems“, auf Deutsch von Pieke Biermann, Elisabeth Liebl, Karl Heinz Siber, Karsten Singelmann, Dr. Hella Reese, Christiane Bernhardt, Gisela Fichtl, Stephan Kleiner, Monika Köpfer, Droemer-Knaur, 278 Seiten, 20,-

Als sich Mannoia mit Rosa mafiös verbindet, ist er schon beinah sein Leben lang ein Krimineller. Er geht gerade eine Geschäftsbeziehung ein, jedoch keine gewöhnliche. Denn Mannoia gilt in seinen Kreisen als Star. Er muss sich nicht als Capo einer Soldati-Gang bewähren. Vielmehr untersteht er direkt dem gewaltigen Bontate.  

„Doch da stand ein Problem am Rand der Straße, an der der Hochzeitszug vorbeiführte.“

Mannoias hochschwangere Geliebte Rita leidet öffentlich.  

Jahre später begegnet der in den ursprünglichsten Traditionen verwurzelte Ehrenmann als Zeuge der Anklage John Gambino in einem New Yorker Gerichtssaal. Die beiden waren lange geschäftlich verbunden. Das auf den amerikanischen Straßen gehandelte Heroin stammte eben auch aus Mannoias Raffinerie.

Der Pentito plaudert aus dem Nähkästchen. Er erzählt von den beiden Haushalten, die er auf Sizilien unterhielt.

„Ich habe mein Leben für die Liebe riskiert.“

*

Die Wahrheit ist, Mannoia lügt ständig. Er hintergeht jeden, der ihm potent genug für einen Treueschwur erscheint. Die Schuld für diese innere Lappenhaftigkeit gibt Mannoia weiblicher Verführungskraft. In den Verlängerungen eines schwach gezügelten Lebensstils sterben seine Mutter, eine Tante und eine Schwester. Ihre Ermordung will die Cosa Nostra als Zeichen der Empörung verstanden wissen.

Mannoia ist nicht der einzige Wanderer zwischen der Alten und der Neuen Welt. Ihn übertrifft ein Bankier, der das Vertrauen der Gambino-Familie genießt. Michele Sindona wäscht in seiner Banca Privata Finanziari und in ihren transkontinentalen Ablegern Geld. Gleichzeitig amtiert er als Finanzberater des Vatikans. Es kursiert der unglückliche Vergleich, Sindona sei der „erfolgreichste Italiener seit Mussolini“. Er legt dann eine Pleite auf der ganzen Linie hin. Einen Insolvenzverwalter namens Giorgio Ambrosoli lässt er ermorden.

Reservoir of Trust

Hoffentlich ist allen klar, dass Comey mit seinen Schoten die Schwarte streckt. Das ist noch nicht mal alter Wein in neuen Schläuchen. Gleichviel. Ab und zu sagt der Autor etwas Interessantes.

Die Ermordung eines der mächtigsten Verbrecher Siziliens folgt Exekutionsroutinen.

Gemeinsam mit Bontate sterben „weltweit Hunderte Ehrenmänner“ in einem Verteilungskampf. Mannnoia überlebt, „weil seine Fähigkeiten als Chemiker so wertvoll“ sind. Darauf will ich hinaus: Macht ist keine Qualifikation. Es sterben Mächtige und weniger Mächtige in diesem Krieg. Nicht auf der Strecke bleiben Spezialisten, die mehr können als einschüchtern, draufschlagen und abdrücken.  

*

Lieber Cop als so ein krimineller Pippijunge, der sich auf die taffe Nachbarschaft seiner Kindheit was einbildet. Das sagt sich James Comey. Noch ist er jung und seine Verhältnisse sind dürftig. Er engagiert sich auf dem Parkett der Untouchables im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. 

“He pulls a knife, you pull a gun: that’s the Chicago Way”

Eingebetteter Medieninhalt

Es gibt keine funktionierende Demokratie ohne einen mehrheitsfähigen Wahrheitsstandard. Wir brauchen ein Reservoir des Vertrauens in unsere Institutionen. “You can’t have a working democracy without an agreed-upon standard of truth. You need a reservoir of trust in our institutions if the government’s truth-work is to proceed.”

Vor allem darf die Macht nicht das Recht okkupieren.

*

Irgendwo bemerkt Comey, wie viel Zeit Mobster alter Schule haben. Die Spielfiguren der Mafia gliedern sich vor den Hauptmarken ihrer Territorien zu Ensembles der Macht. Sie stellen Langeweile aus und verachten so nebenbei die Müsamen und Beladenen. Sie schauen auf jene herab, die sich bewegen müssen, um ihre Familien in Gang zu halten.  

Verbrecher flüstern viel im Freien. Sie hängen auch gern am Festnetz, einer Einrichtung, die sich in der Gangster-Ästhetik bald überlebt haben wird. Noch ist das stationäre Telefon ein Dreh- und Angelpunkt kriminellen Engagements. 

„Die Erlaubnis, jemandes Telefon abzuhören oder eine Wanze in seinem Auto, Haus oder Büro zu verstecken, ist sehr schwer zu bekommen.“

Comey findet die hohe Hürde richtig. Er dient zwar als Staatsanwalt an einem New Yorker Bezirksgericht dem Recht auf die harte Tour, doch bleibt er auch an der Front ein Mann der Verfassung, deren Garantien sich in der Smartphone- und Facebook-Ära wie von selbst auflösen werden. Heute installiert die Verbraucherin selbst die Spy-Ware, mit der sie als Consumer Target ausgespäht wird. Mehr Virulenz steckt ohnehin nicht in ihr. Wir hängen alle so ein bisschen wie Würste in der Luft.

Aber in den Achtzigern weiß noch jeder, wo die Grenzen verlaufen. Vor allem wissen es die Mafiosi. Sie pochen auf ihre Rechte und sind auch sonst im Vorteil.

Will Comey einem Gangster ans Leder, muss er „im Rahmen einer längeren Aussage unter Eid glaubhaft machen, dass hinreichend Verdacht besteht, die potentielle Zielperson könne … schwere Straftaten begehen und sich dabei“ – jetzt kommt es und wie kurios erscheint es uns – „eines bestimmten Telefonapparats bedienen“.

Unter Brüdern heißt sans papiers, keinen Einfall auf Papier zu bringen. Beim Abhören dürfen nur die ersten Sekunden eines Gesprächs aufgezeichnet werden, es sei denn, die Ermittler kommen zu dem Schluss, „dass das Gespräch relevant, also wahrscheinlich kriminellen Inhalts … (ist)“.

Gespräche mit „Priestern, Rechtsbeiständen, Kindern und Golfpartnern (dürfen) nicht mitgehört werden“.

Die Investigativen arbeiten unter enervierenden Bedingungen. John Gotti, Boss der Gambino-Familie, kennt die Schwierigkeiten seiner Feinde. Sein Regierungssitz ist der Ravenite Social Club.

“On first glance, 247 Mulberry Street looks like nothing more than another high-end boutique in NoLita, but the cracked tiled floors of the CYDWOQ shoe store offers a glimpse back to the days when the mob ruled New York. Once a mafia nerve center entrenched in the core of Little Italy, the Ravenite Social Club hosted the Anastasia and later Gambino Crime Family for 66 years.” Quelle Hezakya Newz & Films

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Gotti dreht „Rederunden” im Andenken an den verblichenen Paten Carlo Gambino, „der angeblich als freier Mann“ einen natürlichen Tod starb, „weil er nur mit einer Handvoll vertrauenswürdiger Untergebener über Familienangelegenheiten sprach und auch das nur flüsternd unter freiem Himmel“.  

Wie alle Nachkommenen achtet Gotti die Regeln der Altvorderen nur, um sie an der falschen Stelle zu übertreten. Gemeinsam mit ‚Sammy the Bull‘ Gravano gibt der Boss immer wieder der eigenen Bequemlichkeit nach. Die Ehrenmänner nutzen eine Wohnung im Clubhaus. Die achtzigjährige Witwe eines bewährten Mannes stellt sie zur Verfügung. Das FBI verwanzt die Bude.   

Ich mache an anderer Stelle weiter. 1957 schloss die amerikanische Mafia die Bücher. Das ist eine klassische Formulierung. Die Familien stellten die Rekrutierungen ein. 1975 wird der Beschluss aufgehoben. Die Cosa Nostra gestattet sich personelle Erweiterungen, die in ihren Einzelheiten allen Paten der Big Five zur Kenntnis gebracht werden müssen.

Die Vorstände informieren sich gegenseitig. Den nächsten Aufnahmestopp perforiert allein die Vorgabe, für verstorbene Soldaten Ersatzmänner zu inkorporieren.

„Da es sich um die Mafia handelt, betrügen die Familien natürlich und verwenden regelmäßig die Namen Verstorbener wieder.“

„Doch man muss aufpassen, dass man nicht denselben Toten zwei Jahre in Folge verwendet.“

Das FBI hört, wie Gotti seine Unterführer instruiert. Es bekommt Kenntnis von Mordaufträgen. Ein Mann soll sterben, weil er „nicht den notwendigen Respekt an den Tag gelegt hat“.

Godfather Gotti: „Er wird sterben, weil er nicht kommen wollte, als ich ihn gerufen habe.“

*

“It was Comey’s epic mishandling of the Hillary Clinton email case in 2016 that, arguably, gave Donald Trump the presidency.” New York Times 

“James Comey Still Feels The Pain Of The Clinton Email Decision” 

In einem Gespräch mit Stephen Colbert zitiert Comey aus dem Ulysses ... „history is a nightmare from which I'm trying to awake“, um dann doch nicht zu finden, dass seine Einschätzungen im Hillary Clinton Case so gravierend neben der Realität lagen. Joyce hätte auch an dieser Stelle etwas für den Juristen gehabt: „I fear all those big words which make us so unhappy“. 

Hillary Clinton email controversy

Zwar wurde Comey vor Vorwurf einer politischen Justizhandhabung freigesprochen. Trotzdem bleibt eine Ungeheuerlichkeit im Raum stehen. 

Eingebetteter Medieninhalt

*

“By the end of President Donald Trump’s crusade against American democracy ... a single word sufficed to nudge his most fanatical supporters into open insurrection. … Then he summarized the supposed crimes, simply, as bullshit.” The New Yorker

“The Department of Justice could not accept anything short of the whole truth and nothing but the truth.” J.C.

“James Comey’s view of justice - both the concept and the department - is ecclesiastical.” New York Times

Eingebetteter Medieninhalt

Trump verlangt von seinen Leuten Loyalität. Er siedelt Loyalität über Ehrlichkeit an. Er korrumpiert das System und stört das Gefüge von Checks & Balances.

“The national descent from strict, fact-based truth into a feckless mirage of truthiness, to use Stephen Colbert’s brilliant formulation.” New York Times

Es gibt keine funktionierende Demokratie ohne einen mehrheitsfähigen Wahrheitsstandard. Wir brauchen ein Reservoir des Vertrauens in unsere Institutionen. Im Original: “You can’t have a working democracy without an agreed-upon standard of truth. You need a reservoir of trust in our institutions if the government’s truth-work is to proceed.”

Vor allem darf die Macht nicht das Recht okkupieren.

*

Sie lernen sich beim Studium in Virginia kennen. Gemeinsam malen Patrice und James sich eine Zukunft aus, in der New York nicht vorkommt. Aber dann wird die Metropole am Atlantik doch zum Generalschauplatz einer steilen Laufbahn. James Comey reüssiert zuerst am Bezirksgericht von Manhattan.

Das Paar bezieht eine schnucklige Wohnung über einem Fahrradladen in Hoboken, New Jersey. Der Hudson fließt vor der Haustür. Man nimmt den Bus oder die U-Bahn und ist überhaupt nicht abgehoben.

Rudy Giuliani steht an der Spitze aller Kratzer und dröhnt als Galionsfigur einer Egoshooter-Convention von einer Kanzel, die allein auf seine Person zugeschnitten wurde. Gleichzeitig listet man 1842 Morde in Rudys Stadt, ein lediglich vorläufiger Rekord im Jahr 1988.  

*

„Je klüger der Mensch, desto weniger ist er darauf gefasst, dass eine simple Kleinigkeit ihm zum Verhängnis wird.“ Dostojewski

*

Notdürftig abgedeckte russische Regierungsstellen bringen via Facebook in Erfahrung, was Leute in Ohio oder Indiana von Putin halten. Jedes Dorf wird global gedacht. Wir entdecken pro-russische Hillbilly-Nester, denken Sie an Deer Hunter, und so abgesunkene Migrationsgeschichten ...

Eingebetteter Medieninhalt 

Ex-FBI-Direktor James Comey erzählt, wie er zum ersten Mal Trump am Resolute Desk im Oval Office wahrnimmt. Der frisch Inthronisierte lässt seinem Hass auf Obama freien Lauf. Er steht im Begriff die persönliche Note des Vorgängers zu killen. Comey sitzt ihm gegenüber und hört sich an, wie Trump in Erinnerungen an Putin schwelgt, der angeblich mit ihm auch über Sexarbeiterinnen sprach.

„Wir haben ein paar der schönsten Huren der Welt“, soll Putin zu Trump gesagt haben.

Wen interessiert das. Entscheidend bleibt, dass Putin dazu beitrug, Trump an die Macht zu bringen. „Ein aggressives Russland“ installierte ein politisches Irrlicht auf dem amerikanischen Thron mit den Methoden von Cambridge Analytica (CA)

Christopher Wylie, der CA als sein Baby empfand, erklärt:

„Um eine nicht-kinetische Waffe zur … Dekonstruktion einer allgemeinen Wahrnehmung zu entwickeln, muss man zuerst genau wissen, was Menschen motiviert.“

Wylie unterscheidet die Nutzlast von Träger- und Targeting-Systemen. Im Informationskrieg ist die Nutzlast nicht kinetisch wie etwa der Sprengstoff einer Rakete. Sie kann ein Gerücht sein, das mit einem mehrheitsfähigen Narrativ koinzidiert. Jemanden unanständig, zynisch, misogyn und/oder homophob zu nennen, entspricht dieser Kombination von Mutmaßung und Kultur. Optimierung bedeutet, jenen Text zu destillieren, der die größte Sprengwirkung erzielt.

„Ich denke, es ist immer noch das Beste für das Land, Donald Trump nicht jeden Tag für die nächsten drei oder vier Jahre auf unseren Fernsehbildschirmen zu haben.“ J.C.  

Reservoir of Trust

Lieber Cop als so ein krimineller Pippijunge, der sich auf die taffe Nachbarschaft seiner Kindheit was einbildet. Das sagt sich James Comey. Noch ist er jung und seine Verhältnisse sind dürftig. Er engagiert sich auf dem Parkett der Untouchables im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. 

“He pulls a knife, you pull a gun: that’s the Chicago Way”

Eingebetteter Medieninhalt

Es gibt keine funktionierende Demokratie ohne einen mehrheitsfähigen Wahrheitsstandard. Wir brauchen ein Reservoir des Vertrauens in unsere Institutionen. “You can’t have a working democracy without an agreed-upon standard of truth. You need a reservoir of trust in our institutions if the government’s truth-work is to proceed.”

Vor allem darf die Macht nicht das Recht okkupieren.

*

Irgendwo bemerkt Comey, wie viel Zeit Mobster alter Schule haben. Die Spielfiguren der Mafia gliedern sich vor den Hauptmarken ihrer Territorien zu Ensembles der Macht. Sie stellen Langeweile aus und verachten so nebenbei die Müsamen und Beladenen. Sie schauen auf jene herab, die sich bewegen müssen, um ihre Familien in Gang zu halten.  

Verbrecher flüstern viel im Freien. Sie hängen auch gern am Festnetz, einer Einrichtung, die sich in der Gangster-Ästhetik bald überlebt haben wird. Noch ist das stationäre Telefon ein Dreh- und Angelpunkt kriminellen Engagements. 

„Die Erlaubnis, jemandes Telefon abzuhören oder eine Wanze in seinem Auto, Haus oder Büro zu verstecken, ist sehr schwer zu bekommen.“

Comey findet die hohe Hürde richtig. Er dient zwar als Staatsanwalt an einem New Yorker Bezirksgericht dem Recht auf die harte Tour, doch bleibt er auch an der Front ein Mann der Verfassung, deren Garantien sich in der Smartphone- und Facebook-Ära wie von selbst auflösen werden. Heute installiert die Verbraucherin selbst die Spy-Ware, mit der sie als Consumer Target ausgespäht wird. Mehr Virulenz steckt ohnehin nicht in ihr. Wir hängen alle so ein bisschen wie Würste in der Luft.

Aber in den Achtzigern weiß noch jeder, wo die Grenzen verlaufen. Vor allem wissen es die Mafiosi. Sie pochen auf ihre Rechte und sind auch sonst im Vorteil.

Will Comey einem Gangster ans Leder, muss er „im Rahmen einer längeren Aussage unter Eid glaubhaft machen, dass hinreichend Verdacht besteht, die potentielle Zielperson könne … schwere Straftaten begehen und sich dabei“ – jetzt kommt es und wie kurios erscheint es uns – „eines bestimmten Telefonapparats bedienen“.

Unter Brüdern heißt sans papiers, keinen Einfall auf Papier zu bringen. Beim Abhören dürfen nur die ersten Sekunden eines Gesprächs aufgezeichnet werden, es sei denn, die Ermittler kommen zu dem Schluss, „dass das Gespräch relevant, also wahrscheinlich kriminellen Inhalts … (ist)“.

Gespräche mit „Priestern, Rechtsbeiständen, Kindern und Golfpartnern (dürfen) nicht mitgehört werden“.

Die Investigativen arbeiten unter enervierenden Bedingungen. John Gotti, Boss der Gambino-Familie, kennt die Schwierigkeiten seiner Feinde. Sein Regierungssitz ist der Ravenite Social Club.

“On first glance, 247 Mulberry Street looks like nothing more than another high-end boutique in NoLita, but the cracked tiled floors of the CYDWOQ shoe store offers a glimpse back to the days when the mob ruled New York. Once a mafia nerve center entrenched in the core of Little Italy, the Ravenite Social Club hosted the Anastasia and later Gambino Crime Family for 66 years.” Quelle Hezakya Newz & Films

Eingebetteter Medieninhalt

Gotti dreht „Rederunden” im Andenken an den verblichenen Paten Carlo Gambino, „der angeblich als freier Mann“ einen natürlichen Tod starb, „weil er nur mit einer Handvoll vertrauenswürdiger Untergebener über Familienangelegenheiten sprach und auch das nur flüsternd unter freiem Himmel“.  

Wie alle Nachkommenen achtet Gotti die Regeln der Altvorderen nur, um sie an der falschen Stelle zu übertreten. Gemeinsam mit ‚Sammy the Bull‘ Gravano gibt der Boss immer wieder der eigenen Bequemlichkeit nach. Die Ehrenmänner nutzen eine Wohnung im Clubhaus. Die achtzigjährige Witwe eines bewährten Mannes stellt sie zur Verfügung. Das FBI verwanzt die Bude.   

Ich mache an anderer Stelle weiter. 1957 schloss die amerikanische Mafia die Bücher. Das ist eine klassische Formulierung. Die Familien stellten die Rekrutierungen ein. 1975 wird der Beschluss aufgehoben. Die Cosa Nostra gestattet sich personelle Erweiterungen, die in ihren Einzelheiten allen Paten der Big Five zur Kenntnis gebracht werden müssen.

Die Vorstände informieren sich gegenseitig. Den nächsten Aufnahmestopp perforiert allein die Vorgabe, für verstorbene Soldaten Ersatzmänner zu inkorporieren.

„Da es sich um die Mafia handelt, betrügen die Familien natürlich und verwenden regelmäßig die Namen Verstorbener wieder.“

„Doch man muss aufpassen, dass man nicht denselben Toten zwei Jahre in Folge verwendet.“

Das FBI hört, wie Gotti seine Unterführer instruiert. Es bekommt Kenntnis von Mordaufträgen. Ein Mann soll sterben, weil er „nicht den notwendigen Respekt an den Tag gelegt hat“.

Godfather Gotti: „Er wird sterben, weil er nicht kommen wollte, als ich ihn gerufen habe.“

*

“It was Comey’s epic mishandling of the Hillary Clinton email case in 2016 that, arguably, gave Donald Trump the presidency.” New York Times 

“James Comey Still Feels The Pain Of The Clinton Email Decision” 

In einem Gespräch mit Stephen Colbert zitiert Comey aus dem Ulysses ... „history is a nightmare from which I'm trying to awake“, um dann doch nicht zu finden, dass seine Einschätzungen im Hillary Clinton Case so gravierend neben der Realität lagen. Joyce hätte auch an dieser Stelle etwas für den Juristen gehabt: „I fear all those big words which make us so unhappy“. 

Hillary Clinton email controversy

Zwar wurde Comey vor Vorwurf einer politischen Justizhandhabung freigesprochen. Trotzdem bleibt eine Ungeheuerlichkeit im Raum stehen. 

Eingebetteter Medieninhalt

*

“By the end of President Donald Trump’s crusade against American democracy ... a single word sufficed to nudge his most fanatical supporters into open insurrection. … Then he summarized the supposed crimes, simply, as bullshit.” The New Yorker

“The Department of Justice could not accept anything short of the whole truth and nothing but the truth.” J.C.

“James Comey’s view of justice - both the concept and the department - is ecclesiastical.” New York Times

Eingebetteter Medieninhalt

Trump verlangt von seinen Leuten Loyalität. Er siedelt Loyalität über Ehrlichkeit an. Er korrumpiert das System und stört das Gefüge von Checks & Balances.

“The national descent from strict, fact-based truth into a feckless mirage of truthiness, to use Stephen Colbert’s brilliant formulation.” New York Times

Es gibt keine funktionierende Demokratie ohne einen mehrheitsfähigen Wahrheitsstandard. Wir brauchen ein Reservoir des Vertrauens in unsere Institutionen. Im Original: “You can’t have a working democracy without an agreed-upon standard of truth. You need a reservoir of trust in our institutions if the government’s truth-work is to proceed.”

Vor allem darf die Macht nicht das Recht okkupieren.

*

Sie lernen sich beim Studium in Virginia kennen. Gemeinsam malen Patrice und James sich eine Zukunft aus, in der New York nicht vorkommt. Aber dann wird die Metropole am Atlantik doch zum Generalschauplatz einer steilen Laufbahn. James Comey reüssiert zuerst am Bezirksgericht von Manhattan.

Das Paar bezieht eine schnucklige Wohnung über einem Fahrradladen in Hoboken, New Jersey. Der Hudson fließt vor der Haustür. Man nimmt den Bus oder die U-Bahn und ist überhaupt nicht abgehoben.

Rudy Giuliani steht an der Spitze aller Kratzer und dröhnt als Galionsfigur einer Egoshooter-Convention von einer Kanzel, die allein auf seine Person zugeschnitten wurde. Gleichzeitig listet man 1842 Morde in Rudys Stadt, ein lediglich vorläufiger Rekord im Jahr 1988.  

*

„Je klüger der Mensch, desto weniger ist er darauf gefasst, dass eine simple Kleinigkeit ihm zum Verhängnis wird.“ Dostojewski

*

Notdürftig abgedeckte russische Regierungsstellen bringen via Facebook in Erfahrung, was Leute in Ohio oder Indiana von Putin halten. Jedes Dorf wird global gedacht. Wir entdecken pro-russische Hillbilly-Nester, denken Sie an Deer Hunter, und so abgesunkene Migrationsgeschichten ...

Eingebetteter Medieninhalt 

Ex-FBI-Direktor James Comey erzählt, wie er zum ersten Mal Trump am Resolute Desk im Oval Office wahrnimmt. Der frisch Inthronisierte lässt seinem Hass auf Obama freien Lauf. Er steht im Begriff die persönliche Note des Vorgängers zu killen. Comey sitzt ihm gegenüber und hört sich an, wie Trump in Erinnerungen an Putin schwelgt, der angeblich mit ihm auch über Sexarbeiterinnen sprach.

„Wir haben ein paar der schönsten Huren der Welt“, soll Putin zu Trump gesagt haben.

Wen interessiert das. Entscheidend bleibt, dass Putin dazu beitrug, Trump an die Macht zu bringen. „Ein aggressives Russland“ installierte ein politisches Irrlicht auf dem amerikanischen Thron mit den Methoden von Cambridge Analytica (CA)

Christopher Wylie, der CA als sein Baby empfand, erklärt:

„Um eine nicht-kinetische Waffe zur … Dekonstruktion einer allgemeinen Wahrnehmung zu entwickeln, muss man zuerst genau wissen, was Menschen motiviert.“

Wylie unterscheidet die Nutzlast von Träger- und Targeting-Systemen. Im Informationskrieg ist die Nutzlast nicht kinetisch wie etwa der Sprengstoff einer Rakete. Sie kann ein Gerücht sein, das mit einem mehrheitsfähigen Narrativ koinzidiert. Jemanden unanständig, zynisch, misogyn und/oder homophob zu nennen, entspricht dieser Kombination von Mutmaßung und Kultur. Optimierung bedeutet, jenen Text zu destillieren, der die größte Sprengwirkung erzielt.

„Ich denke, es ist immer noch das Beste für das Land, Donald Trump nicht jeden Tag für die nächsten drei oder vier Jahre auf unseren Fernsehbildschirmen zu haben.“ J.C.  

Aus der Ankündigung

Nichts als die Wahrheit - Der Ex-FBI-Direktor über die Unterwanderung des amerikanischen Justizsystems - Trump-Kritiker Nummer Eins über Recht und Gerechtigkeit in Amerika - Der amerikanische Rechtsstaat ist nach vier Jahren Donald Trump am Abgrund. Jetzt zeigt der Ex-FBI-Direktor James Comey, wie eine gerechte Justiz funktionieren muss. Egal, ob der Gegner die Mafia, Drogendealer oder die Führungszirkel im Staatsapparat sind: Nur die Wahrheit kann die USA noch retten. Beeindruckende Fälle aus der Laufbahn des großen Juristen und Kriminalisten James Comey. 

Die Rechtsstaatlichkeit ist das Fundament der Demokratie, sie schützt ihre Bürger. Doch nach vier Jahren Trump hat dieses Fundament tiefe Risse - der Rechtsstaat steht auf dem Spiel. James Comey, Ex-Direktor des FBI und einer der bekanntesten Kritiker des US-Präsidenten Donald Trump, ist überzeugt: Nur der unbedingte Wille zur Wahrheit und Transparenz kann das Land nach den Trump-Jahren noch retten. So zeigt James Comey anhand seiner spektakulärsten Fälle als Staatsanwalt und FBI-Chef ganz konkret, wie Ermittlungsbehörden, Strafverteidiger, Richter und Jurys in den USA gemeinsam für Gerechtigkeit kämpfen. Zugleich legt er offen, wie die Trump-Administration dieses Justiz-System angreift und die Wahrheit bekämpft - mit undurchsichtigen Manövern, alternativen Fakten und Hinterzimmer-Deals. Comeys Buch ist nicht nur eine mitreißende Darstellung von Kriminalfällen, sondern ein leidenschaftlicher Appell gegen die Rechtsbeugung und die Unterwanderung der Justiz: das Vertrauen in das Recht muss nach Trump wieder zum Fixstern allen staatlichen Handelns werden.

“Dieses Buch ist der Versuch, uns daran zu erinnern, wie unsere Justiz funktionieren sollte und wie sich die führenden Köpfe verhalten müssen.” - James Comey

James B. Comey, geboren 1960, arbeitete nach seinem Jurastudium bei der New Yorker Staatsanwaltschaft. 2003 stieg er zum stellvertretenden Justizminister auf, 2013 wechselte als Direktor zum FBI. 2017 feuerte Trump ihn, weil Comey nicht bereit war, die Russland-Ermittlungen gegen Trumps Mitarbeiter einzustellen. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder, sein erstes Buch »Größer als das Amt« war ein weltweiter Bestseller.