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27.01.2021, Jamal Tuschick

Andrea Pürckhauer sprach mit der Sozialanthropologin Anne-Kathrin Will

Wird der Migrationshintergrund jetzt abgeschafft?

Der "Migrationshintergrund" steht schon lange in der Kritik. Die Fachkommission Integrationsfähigkeit empfiehlt der Bundesregierung nun, den Begriff nicht mehr zu verwenden. Ein Gespräch mit der Sozialanthropologin Anne-Kathrin Will darüber, was das bedeutet.

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Das Interview erschien zuerst hier/Mediendienst Integration

MEDIENDIENST: Die Kommission schlägt vor, "Personen mit Migrationshintergrund" nicht mehr zu verwenden. In Zukunft sollen in Statistiken "Eingewanderte und ihre (direkten) Nachkommen" erfasst werden. Ist die Zeit des Migrationshintergrunds jetzt abgelaufen?

Anne-Kathrin Will: Es ist ein klares Statement gegen den Migrationshintergrund. Das ist schon bemerkenswert. Eine sofortige Änderung in der Statistik erwarte ich aber nicht. Das wird jetzt vor allem erstmal eine Diskussion lostreten.

Der Migrationshintergrund erfasst bisher, ob Personen oder ihre Eltern nicht mit der deutschen Staatsbürgerschaft geboren wurden. Jetzt soll erfasst werden, ob Personen oder ihre Eltern beide selbst eingewandert sind. Was sind die Vorteile der neuen Variante?

Sie ist viel konkreter. "Migrationshintergrund" wabert herum: Mal geht es um den Pass der Eltern, mal um die Familiensprache. In Statistiken wird er unterschiedlich verwendet – etwa in den einzelnen Schulstatistiken der Bundesländer. Das macht einen Vergleich unmöglich. Und vor allem erfasst er nicht immer das, um was es eigentlich gehen soll: Migration. Das ist bei "Eingewanderte und ihre Nachkommen" der Fall.

Wer wird denn dann nicht mehr mitgezählt, wer dazugezählt?

Zum Beispiel fallen alle aus der Statistik raus, bei denen nur ein Elternteil eingewandert ist. Etwa der Fußballprofi Jérôme Boateng oder der Satiriker Jan Böhmermann. Ursula von der Leyen würde hingegen dazugezählt werden, da sie zwar mit deutscher Staatsangehörigkeit, aber nicht in Deutschland geboren wurde. Auch der neue Vorschlag wird das Problem nicht auflösen, dass Personen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen zu einer Gruppe gezählt werden. Aber es ist leichter, Einwanderung abzubilden. Und es ist gut, die Kategorie zu verengen auf Personen, bei denen beide Eltern eingewandert sind. Denn sie machen andere Erfahrungen als Menschen, bei denen etwa die Mutter oder der Vater in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.

Der "Migrationshintergrund" wurde ja eingeführt, um die Erfahrungen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte in der Statistik sichtbar zu machen, etwa wenn es um Ungleichheit geht. Nimmt der Vorschlag nicht die Möglichkeit, das abzubilden?

Nein. Die neue Definition ist da sehr viel konkreter. Unter "Personen mit Migrationshintergrund" fallen derzeit viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Menschen, die gerade eingewandert sind, werden vermischt mit Menschen, bei denen ein Teil ihrer Vorfahren nach Deutschland kam. Wenn man darüber sprechen will, welche Erfahrungen eingewanderte Menschen machen, sollten man sich nur Personen ansehen, die selbst eingewandert sind. Für andere Fragen braucht man dann andere Statistiken.

Dr. ANNE-KATHRIN WILL ist Sozialanthropologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie forscht seit mehreren Jahren über die Kategorie "Migrationshintergrund", derzeit im Projekt "Der Migrationshintergrund: Herstellung und gesellschaftliche Realität einer wissenschaftlichen Kategorie" (LINK).

Der "Migrationshintergrund" steht schon lange in der Kritik. Viele empfinden ihn als stigmatisierend, da er einen Integrationsbedarf unterstellt. Wird jetzt nicht einfach eine neue Gruppe ausgegrenzt?

Der "Migrationshintergrund" sollte unter anderem vom stigmatisierenden Begriff "Ausländer" wegführen. Das hat für eine Weile funktioniert, aber jetzt wird "Migrationshintergrund" mit Problemen in Verbindung gebracht. Das zeigen auch Befragungen, die ich gerade führe. "Eingewanderte und ihre Nachkommen" wird das vielleicht für eine Zeit auflösen, aber vermutlich wird es wieder ähnliche Debatten und neue Vorschläge geben. Aber: "Eingewanderte" macht deutlich: die Leute sind jetzt hier und gehören zur Gesellschaft. Ich sehe das als Beginn einer neuen Diskussion um Zugehörigkeit.

Wenn man eine neue Statistik einführt: Sind die Zahlen dann vergleichbar?

Für den Mikrozensus liegen die Daten vor, das könnte man rückwirkend ausrechnen. Und in Zukunft wäre die Erfassung viel unkomplizierter.

Wie viele Menschen sind denn die "Eingewanderten und ihre Nachkommen"?

Der Mikrozensus zählte 2018 rund 20,8 Millionen Menschen mit "Migrationshintergrund". Rechnet man die 2,99 Millionen Personen heraus, die nur einen eingewanderten Elternteil haben und die 119.000 Personen dazu, die mit deutschem Pass im Ausland geboren sind, kommt man auf 18,1 Millionen Eingewanderte und ihre Nachkommen.