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28.01.2021, Jamal Tuschick

Wenn dich nur noch die Durchgewunkenen grüßen

»Zwischen Leben und Tod liegt eine Bibliothek«, sagte sie. »Und diese Bibliothek besteht aus endlosen Regalen. Jedes Buch bietet dir die Chance, ein anderes Leben auszuprobieren, das dir offengestanden hätte. Jedes Buch bietet dir die Chance, zu sehen, wie alles gekommen wäre, wenn du andere Entscheidungen getroffen hättest … Hättest du irgendetwas anders gemacht, wenn sich ungeschehen machen ließe, was du heute bereust?« 

Was zuvor geschah

Ash kommt mit der schlechten Nachricht. Er trägt noch seine Trainingssachen und dampft im Ausklang eines Runner‘s High. Nora hat eine Vergangenheit als Supersportlerin, super zumindest nach den Maßstäben ihrer Provinzhochburg Bedford. Aber jetzt geht es leider nur noch darum, dass ihr Kater tot aufgefunden wurde; als Opfer irgendwelcher Straßenrandereignisse.

Matt Haig, „Die Mitternachtsbibliothek“, Roman, aus dem Englischen von Sabine Hübner, Droemer-Knaur, 20,-

Tut mir leid, sagt Ash in einem umfassenden, Noras Leben in der Totale aufnehmenden Sinn.

Was hätte sie nicht alles sein und werden können: Olympiasiegerin (über hundert Meter Brust). Musikerin (weltberühmt). Philosophin (international anerkannt und fest angestellt in Academia). Gattin (von Dan, den sie zwei Tage vor der Hochzeit sitzen ließ). Weltreisende (…). Gletscherforscherin (…). Nora kursierte als Superbrain, solange sie ein Teenager war. Doch sobald das Leben die Ärmel hochkrempelte, war sie nur noch eine Fluse im Abflusssieb.

In der Romangegenwart grüßen die Durchgewunkenen Nora als eine Ihresgleichen. 

Sie erzählen den Rotz von Wenn & Hätte. Es gäbe überhaupt keine zivilen Dramen, ohne das verf...te beinah. Beinah das Tor getroffen. Beinah nicht zu spät gekommen. Beinah den Vorsitz übernommen. Beinah gesund geblieben oder schwanger geworden. 

Heimlich scheitern

Die gegenwärtigste Literatur bestimmt ein unversöhnlicher Blick auf das Scheitern. Man lehnt sich nicht mehr entspannt zurück, so wie die Held*innen meiner Ära, sondern hadert und krampft. Katastrophenkasper*innen und What-ever-it-takes-Fanatiker*innen errichten ein Regime, in dem man nicht mehr schulterzuckend in die Forever-Ferien geht. Kann man natürlich weiterhin vor einer Kulisse aus Samisdat-Sensationen.

Die Greenhornies kennen alle nicht mehr Becketts Mantra:

“Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.”

Die Tristesse wahrgewordener Träume

Nora sucht schließlich nur noch den Tod. Doch sogar der Retter aller auf den Resterampen dieser Welt restlos Verdrossenen verweigert der Verliererin das Recht, sich selbst aus der Partie zu nehmen. Er transferiert Nora in einen seiner Vororte, wo Mrs Elm ewig ihr Amt als Hausherrin der titelstiftenden „Mitternachtsbibliothek“ versieht.

Die Debütantin auf dem Todesball verlegt sich aufs Bedauern. Im Zuge einer Talfahrt der Erinnerung vergegenwärtigt sie sich ihren Anfang mit Dan.

In der Gegenwart von Damals:

Der Kunsthistoriker Dan arbeitet in der Werbung, sieht aus wie ein TV-Tierarzt und träumt von einem eigenen Pub auf dem Land. In der Geisterbahn, die Nora eben bestiegen hat, vergehen mal eben zehn Jahre. Nun erscheint Dan zermürbt und geradezu überfordert in seiner Wunschrolle als Wirt. Nora begegnet ihm als Ehefrau; sie gleitet über die Schienen einer nicht realisierten Variante.

Haig baut das aus. Die zusammengetragenen Elemente taugen höchstens für eine traurige Bretterbude. Nora wäre auch als Dans Gattin seelisch verunglückt. In der kürzesten Kurzfassung verkrätzen Noras intellektuelle Vorsprünge den passionierten Aus- und Einschenker.    

Nora & Dan betreiben das Three Horseshoes in der Klischeeversion des trinkenden, alle Kreditlinien überziehenden Wirts und seiner allezeit besorgten Ehe-Magd aka erheirateten Putzfrau.

Dan lebt für den Sprit und schätzt sich glücklich an der Quelle. 

Keine Dystopie in der Pandemie

Mrs Elm leitet die Bibliothek der Hazeldene School in Bedford. Nora Seed spielt gegen sie Schach.

Die alte Elm hasst Kälte und Nässe, und das auf dem Mutterkutter des Vereinigten Königreichs. Da, wo der Regen wohnt, und naßkalt - dank ein Kosewort ist. 

Für Nora ist „die Bibliothek ... eine kleine Oase der Zivilisation“.

Neunzehn Jahre später

Ash trainiert für den Bedford Spring Half Marathon. Er besucht unangemeldet (und noch im Sportzeug dampfend und triefend) Nora, die seit der Schachpartie mit der Bibliothekarin an allen Fronten stark gelitten ist. Haig verortet seine Heldin kurz vor dem Ableben, während die Leserin Nora doch gerade erst kennenlernt. Sie ist sofort angetan von dieser (in sich offensichtlich nicht richtig aufgehobenen) Person.

Seit ihrer Jugend jobbt Nora in einem Plattenladen. Das abgeschlossene Philosophiestudium und ein überbordendes Kreuzworträtselwissen haben sie nicht von einer prekären Existenz im Darkroom der Depression bewahrt.

Schön finde ich das falsche Bild, das Noras Chef Neil zum Trost seiner überqualifizierten Angestellten malt, als sie ihm von dem Druck berichtet, dem sie sich ausgesetzt sieht:

„Aber Druck formt uns. Wir beginnen als Kohle, und der Druck presst uns zu Diamanten.“ 

Kohle bleibt Kohle. Druck macht aus Kohle Staub.

Der Autor fährt negative Koordinaten hoch.

„Neun Stunden bevor sie beschloss zu sterben, irrte Nora ziellos durch Bedford. Die Stadt war ein Fließband der Verzweiflung. Das mit Rauputz versehene Sportzentrum, wo ihr verstorbener Vater einst zugesehen hatte, wie sie im Schwimmbecken …“

Ich sehe eine Kleinstadtbeschaulichkeit nach meinem Herzen. Nora blickt auf eine Jugend als beste Brustschwimmerin weit und breit zurück. Sie war der Star in einer Band mit Zukunft - The Labyrinths. Ihr Bruder Joe spielte Gitarre. Sie warf dann alles hin, Panikattacken vorschützend.

Nora trifft den Schlagzeuger, der nun in einer Covertristesse namens Slaughterhouse Four mitmischt. Ravi wirft ihr vor, eine Weltkarriere in den Wind geschlagen zu haben.

„Wir hatten einen Vertrag mit Universal. Direkt vor unserer Nase.“

Sie hatten den Vertrag so gut wie in der Tasche, nur in der Tasche hatten sie ihn noch nicht. Knapp vorbei ist auch daneben. Und Schuld sind immer die anderen. 

Aus der Ankündigung
Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gesäumt mit all den Leben, die du hättest führen können. Buch für Buch gefüllt mit den Wegen, die deiner hätten sein können.
Hier findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, eröffnet sich für Nora plötzlich die Möglichkeit herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Jedes Buch in der Mitternachtsbibliothek bringt sie in ein anderes Leben, in eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?
Matt Haig ist ein zauberhafter Roman darüber gelungen, dass uns all die Entscheidungen, die wir bereuen, doch erst zu dem Menschen machen, der wir sind. Eine Hymne auf das Leben – auch auf das, das zwickt, das uns verzweifeln lässt und das doch das einzige ist, das zu uns gehört.

Matt Haig, Jahrgang 1975, ist ein britischer Autor. Seine eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen sind auch stets ein zentrales Thema in seinen Büchern. Bei dtv sind von ihm zuletzt die Romane "Ich und die Menschen" (2014) und "Wie man die Zeit anhält" (2018), sowie die Sachbücher "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" (2016) und "Mach mal halblang" (2019) erschienen. Matt Haig lebt mit seiner Familie in Brighton.