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29.01.2021, Jamal Tuschick

Georgien in den Neunzigern, die sowjetischen Nachbilder sind verblasst. Der Republik droht mehr als ein Kollaps. Zwischen Aufbruch, Putsch, Gegenputsch, Separation und Annexionsversuchen verflüchtigt sich das staatliche Interesse an den Zöglingen in einem Internat für Aufgegabelte. Vereinzelt machen sich die Kinder als Bettler*innen und Prostituierte auf den Bahnhöfen von Tbilissi selbständig.

Internat für Aufgegabelte

© Jamal Texas Tuschick

Körperliche Gewalt und geistige Armut

Georgien in den Neunzigern, die sowjetischen Nachbilder sind verblasst. Der Republik droht mehr als ein Kollaps. Zwischen Aufbruch, Putsch, Gegenputsch, Separation und Annexionsversuchen verflüchtigt sich das staatliche Interesse an den Zöglingen in einem Internat für Aufgegabelte. Vereinzelt machen sich die Kinder als Bettler*innen und Prostituierte auf den Bahnhöfen von Tbilissi selbständig.

Inga verharrt rauchend hinter den Gittern ihrer Kindheit. Sie managt die Vergessenen und Verwaisten. Sie bewahrt Erinnerungen an heldenhafte Vorgänger*innen – an Entlassene mit phantastischen Biografien und unklaren Diagnosen, die zu den Beeinträchtigten gesteckt worden waren vielleicht nur infolge elternhäuslicher Miseren.  

Die Verwahrten zeigen allenfalls abweichendes Verhalten. Schwachsinnig sind sie nicht. Sie verstehen sich auf Verbesserungen ihrer Lage mit ausgeklügelter Kommunikation. Sie bilden Mannschaften und finden Gegner*innen unter Normalen.

Inga erfüllt die Mutterrolle bei einem von seiner Mutter vernachlässigten Jungen. Ihr explosives Wesen verbindet zarte Regungen mit Ruppigkeit. Sie erträgt kaum, wie Georg unter der Liebesverweigerung leidet. Sie selbst wurde von ihrem Stiefvater missbraucht. Er vergreist in der Handlungsgegenwart. Hasserfüllt lässt Inga ihn verrotten. Sie greift ihn aber nicht an.

Warum nicht? Jetzt könnte sie den Verbrecher zur Rechenschaft ziehen. 

„Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muß sich alles ändern.“ Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Bleiernde Leichtigkeit

Die georische Zöglingsgeschichte stammt aus Aufzeichnungen der Schriftstellerin Tallulah Yona. 

„Literatur war in der arabischen Welt lange eine Gefangene der Politik“, sagt Yona in einem Gespräch, das wir in ihrer Küche führen. Sie wuchs in Aleppo auf, hat an der Sorbonne studiert und lebt seit 2017 in London. Ihre ersten Erzählungen kündigten bereits 2007 die syrische Revolution von 2011 an. Yona schildert am liebsten Diktaturgeschädigte in allen Schattierungen der Anpassung. (Das erklärt auch den georgischen Abstecher.) Sie beschreibt  Spielarten des vorauseilenden Gehorsams von Schranzen in einer paranoiden Günstlingswirtschaft. Überall lauern Spitzel. Auch Assads alawitische Adlaten sind Gefangene einer kollektiven Depression.

Dann kam die Revolution und zerstörte, so sagt es Yona, Familien und Freundschaften. Die gesellschaftlichen Risse gingen durch die Decken der Häuslichkeit und zerfetzten die letzten Abschirmungen. Yonas Familie gehörte zu der Schicht, die das Sagen hatte – zu jenen Alawiten (nicht Aleviten), die den engsten Ring um den Assad Klan bildeten. Alawiten bilden einen Mysterienkult, also eine Geheimgesellschaft. In Syrien kassierte ein Staat im Staat den Staat. Das konnte gelingen, weil Alawiten in der französischen Kolonialarmee, zunächst in der Légion syrienne und ab 1925 in den Troupes spéciales du Levant privilegiert wurden: im Gegenzug für die Bereitschaft, gegen die sunnitische Mehrheit vorzugehen. Vielleicht erklärt das Assads indifferentes Blutvergießen. Die syrische Mehrheit steckt nicht in der alawitischen Matrix. Das sind nicht seine Leute. Yona stellt fest: In Syrien tobt kein Bürgerkrieg. Da lässt die Regierung das Volk zusammenschießen.  

Plötzlich drehten sich auch die Gespräche der Auserwählten um Kontrollpunkte und steigende Lebensmittelpreise. Die Nähe zur Macht verschonte die Yonas nicht von alltäglicher Not. Mit Freunden und Bekannten traf man sich nur noch, um festzustellen, wie fremd man sich geworden war. Das ist der Ausgangspunkt in Yonas jüngstem Roman. Dazu bald mehr.