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01.02.2021, Jamal Tuschick

Prinzessin Gonpo greift nach den Sternen

War er Oberst? Jedenfalls hieß er Younghusband*. 1903 expandierte er über die nordindische Grenze und überzog Tibet mit dem Schrecken, den koloniale Expeditionscorps weltweit verbreiteten. Younghusband scheiterte als Eroberer. Die Intervention erinnerte das erschlaffte chinesische Imperium an seine tibetischen Interessen. Die militärisch ausgebrannte Qing-Dynastie sah sich gerade noch zu einer Invasion in der Lage, die dem hochländischen Mündelstaat die letzten Freiheiten raubte. Man bestellte Zhao Erfeng zum Kommandanten. Dessen Soldaten legten eine Brandspur. Sie verheerten Klöster und Schreine. Der Dalai Lama installierte sich einmal wieder im System, übrigens in der ratgebenden Gegenwart von Sven Hedin, der als tibetischer Hirte auftrat. In einem Interview erklärte der schwedische Weltmann: „Derzeit befindet sich Tibet in den krampfartigen Händen der chinesischen Regierung.“ Es gab ein Hin und Her, am Ende enthaupteten Marodeure aus den Reihen der Besatzungsarmee ihren Oberbefehlshaber Zhao. So endete vorübergehend die chinesische Herrschaft in Tibet. Ziemlich genau ein halbes Jahrhundert später erlebt Prinzessin Gonpa im zarten Alter von sieben Jahren ein Usurpationsremake.    

*Sir Francis Edward Younghusband (* 31. Mai 1863 in Murree, Indien; † 31. Juli 1942 in Lytchett Minster, Dorset, Vereinigtes Königreich) war ein britischer Forschungsreisender, Offizier, Religionsphilosoph und Sachbuchautor. Wikipedia

Prinzessin Gonpo trägt Perlen so groß wie Trauben. Zuhause ist sie in einem Lehmziegelschloss, dessen Foyer tausend Mönchen Platz gibt - bei Zeremonien zu Ehren ihres königlichen Vaters.

Palgon Rapten Tinley herrscht über das Volk der Mei im tibetischen Hochland.  

In einer berittenen Nacht des Jahres 1958 kehrt die Aristokratin von einer Reise heim, um indigniert vor ihrem Schloss Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee zur Kenntnis nehmen zu müssen. Stellen Sie sich das einmal vor. Sie als Prinzessin kommen von einem langen Ritt heim und auf dem Hof lärmen lauter Anti-Tibeter*innen.

Prinzessin Gonpo erleidet das Schicksal einer Deportierten und Degradierten. Man isoliert sie in den entlegensten Winkeln und zwingt sie zu den schwersten und niedrigsten Arbeiten. In einem Weiler an der Grenze zur Sowjetunion erfriert sie beinah.  

Die Bohnengang

Schon als Baby beweist Prinzessin Gonpo ein starkes Autonomiebestreben. Sie robbt bei jeder Gelegenheit davon. Die Kinderfrau bindet dem herrschaftlichen Nachwuchs eine Glocke um, dass ihr die Kostbare nicht abhandenkommt. Sonst wäre sie wohl vom König eigenhändig geköpft worden. Wir schreiben das Jahr 1958, man ist noch sehr mittelalterlich im Hochland von Tibet. Später führt Prinzessin Gonpo eine Gang von Halbwüchsigen an, die im königlichen Garten widerrechtlich Bohnen erntet. Geleitet von einem starken demokratischen Impetus, gräbt Gonpo ihrem Überfluss einen Kanal hin zu den Armen. 

Prinzessin Gonpo kennt keinen Dünkel und erscheint trotzdem erhaben. 

Sie spielt Fußball mit Mönchen, auch mit solchen, die man für reinkarnierte Superspreader der Spiritualität hält. Besonders gern mag sie einen, der „als Tulku, als Wiedergeburt eines Lamas“ gilt. Erwachsene behandeln ihn „mit großem Respekt“, das dynastische Superbewegungstalent kennt keine Scheu. 

Barbara Demick, „Buddhas vergessene Kinder. Geschichten aus einer tibetischen Stadt“, Droemer-Knaur, 22,-

Einsiedlerkönigreich

Lange war Tibet das heimlichste Land der Welt. Es existierte im mythischen Abschluss in einer exemplarischen Landschaft von erdgeschichtlicher Wucht. 

„Über Jahrhunderte hinweg wurde Tibet als ein Einsiedlerkönigreich bezeichnet, als ein Land, dessen Wunder ...“ So eröffnet Barbara Demick ihren wunderbaren Reportage-Reigen. Doch gleich darauf stellt sie fest: In Ngaba, einer tibetischen Stadt mit 15 000 Einwohnern und einem von ungefähr 73 000 Bürger*innen bevölkerten Landkreis, halten die chinesischen Streitkräfte fünfzigtausend Soldat*innen in Bereitschaft.  

Ngaba liegt 3300 Meter über dem Meeresspiegel. „Das Zentrum besteht lediglich aus einer schmalen, städtisch angehauchten Schneise durch endloses Grasland.“ Chinesische „Fortschrittshörigkeit“ stempelt Ngaba.

Demick berichtet, wie sie die Himalaya-Perle zum ersten Mal in räumlicher Ferne wahrnimmt. Im nächsten Augenblick fokussiert sie eine Szene in historischer Ferne. Die Journalistin erzählt von der tibetischen Prinzessin Gonpo, die 1958, kaum siebenjährig, auf Marken der Fremdherrschaft stößt. Neun Jahre nach Mao Tse-tungs Durchmarsch sind Feldlager der Volksbefreiungsarmee keine Seltenheit im Hochland.

Prinzessin Gonpo ist die Tochter eines Mannes, der in seiner Gesellschaft die Rolle des „ehrwürdig-unerschütterlichen Erleuchteten“ spielen sollte. Ihre Familie stellte in vierzehn Generationen den Regenten von Ngaba im Königreich Mei. Dynastisch erkaltet, gehört die theokratische Einheit nun der volksrepublikanischen Provinz Sichuan an. Die Okkupanten machen sich sogar auf dem Anwesen der Aristokraten breit.    

Gonpo wächst nicht in einem Palast auf, sondern in einer Festung; „in Bodenhöhe (sind) die Wände bis zu drei Meter dick und (verjüngen) sich im Innern zum Dach hin, damit sie im Fall eines Erdbebens besser (standhalten).“ Die Prinzessin trägt das Gebaren eines unbändigen Jungen zur Schau. Man rasiert ihr beinah den Schädel, während die Frisur ihrer Mutter ein Kunstwerk ist, an dem Bedienstete zwei Tage arbeiten.

Gonpo reitet selbstständig von Geburt an. Sie hat selbstverständlich ihr eigenes Pferd. Wie angegossen sitzt sie im Sattel; vielleicht sogar ein bisschen hochmütig. Wer will es ihr verdenken: bei der Herkunft.

Gonpos königlichem Vater spielen die Chinesen übel mit. Maos Soldaten schwärmen auf tibetischem Territorium aus. 

Ankündigung

Die preisgekrönte Journalistin und China-Kennerin Barbara Demick erzählt von Tibets Schicksal unter der chinesischen Herrschaft. Sie gibt ergreifende wie verstörende Einblicke in das Alltagsleben von acht Menschen, deren Leben die Geschichte eines ganzen Volkes und dessen Wunsch nach Freiheit widerspiegeln.  Sich selbst verbrennen oder nicht? Der Junge hadert. Sein bester Freund hat es bereits getan – aus Protest gegen die chinesische Regierung, die Tibetern jeglichen gesellschaftlichen Aufstieg verwehrt, ihre Freiheit beschneidet und ihre Kultur zerstört. Barbara Demick schildert in ihrer bewegenden Reportage das Schicksal von acht Menschen, die in der ost-tibetischen Stadt Ngaba leben – einer Stadt, die als Zelle des Widerstands gilt und nicht zuletzt wegen der vielen Selbstverbrennungen besonders unter chinesischen Repressalien leidet.  Die berührenden Lebensgeschichten geben tiefe Einblicke in den tibetischen Alltag abseits der touristischen Sehnsuchtsorte. Es ist ein Alltag, der geprägt ist vom Kampf zweier Kulturen, vom Ringen Tibets um politische Selbstbestimmung und kulturelle Identität, von Unterdrückung und Gewalt, von verborgenem Leid und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Eine eindrückliche Hommage an die Menschen in Tibet.

Barbara Demick ist eine renommierte amerikanische Journalistin, die ab 1986 für "The Philadephia Inquirer" tätig war, unter anderem als Korrespondentin im Nahen Osten. 2001 ging sie für die "Los Angeles Times" nach Seoul, von 2007 bis 2016 arbeitete sie als Korrespondentin in Peking. "Im Land des Flüsterns" wurde mit dem Human Rights Book Award ausgezeichnet. Bei Droemer ist von Demick zudem das aufrüttelnde Buch "Die Rosen von Sarajevo" erschienen.