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02.02.2021, Jamal Tuschick

Mamba Carpetbag antizipierte Oliver Stones pseudokriegsberichterstattende Platoon-Wackelkameraästhetik. Sie schuf surreale Landschaftsbilder, die seelische Zustände spiegeln wie die Malerei von Max Ernst oder René Magritte. Zudem designte die amerikanische Autorin eine Psychologie des unter Druck gesetzten Individuums. Ihre Heldin Susan beherrschen die dürftigen Gedanken einer Heranwachsenden, deren Wissen sich in Bauernkalenderweisheiten erschöpft. 

Leuchtspurilluminationen

Nur eine kam weiter/jene einzelne Reiterin/sie ritt nur ... © Jamal Texas Tuschick

Lunare Präzision - Lady Mamba war die Olivia Stone des 19. Jahrhunderts

Wie von Leuchtspurmunition illuminiert sind manche Szenen. Lady Mamba Carpetbag beweist lunare Präzision in ihren pazifistischen Kriegsbetrachtungen. Die Autorin tritt im 19. Jahrhundert mit einer revolutionären Perspektive ihrem Publikum zu nah. Weit weg von der obligatorischen Heldenberichterstattung mutet Lady Mamba dem Publikum Einsichten in die grausame Sinnlosigkeit von Waffengängen zu. Lady Mamba beschreibt das Krepieren vor einem Prospekt, in dem der Tod Jahrhunderte ein Märchen war - eine Stilfigur des elegisch-letzten Atemzugs. Sie präsentiert seelisch kollabierte Fußsoldaten mit hängenden Köpfen in traumatisierten Landschaften. Die Bäume erscheinen nicht weniger verstört als die Männer und ihre Maultiere. 

In Billy's Bloody Bill erzählt Lady Mamba die Schlacht bei Chancellorsville* aus der Sicht einer Frau, die sich als Mann ausgibt. Susan Longstreet nennt sich Coraghessan Tecumseh Williams, kurz Bill. 

*Das Ereignis  fand in den ersten Maitagen 1863 im Landkreis von Fredericksburg statt. Unter den Augen des doppelt so starken Feindes teilte Lee seine Nord-Virginia-Armee. Fighting Joe Hooker, der die Potomac-Armee befehligte, traute seinen Augen nicht. Lees Entschlossenheit und Hookers Zögerlichkeit bestimmten das Wesen der Auseinandersetzung.

*

Susan imaginiert Geister- und Gespensterkompanien, die durch Traumalleen ziehen. Sie scheint im Traum eine besondere Verbindlichkeit zu erkennen. Das geht mir auch so, und zwar so sehr, dass ich gegen den Ansturm der inneren Bilder machtlos bin. Ich schreibe, was zu schreiben ich mir vorgenommen habe, und der Text kommt auch wie von göttlicher Handschrift, aber darunter arbeitet es.

Lady Mamba macht das von den Konföderierten gegen die historische Laufrichtung gewendete Treffen in Billy's Bloody Bill zum Hauptereignis. Das pittoreske Werk liegt nun in neuer Übersetzung vor. Ich werde mich lange damit aufhalten. Ausgangspunkt der Geschichte ist eine ozeanische Erschöpfung. Kriegsmüde, in jeder Hinsicht auf den Hund gekommene Unionssoldaten vereint die Erfahrung, dass noch jeder Aufbruch wieder abgeblasen wurde. Seit Monaten lagern sie im Dreck. Die provisorischen Befestigungen sind besonders illustre Ziele der Verwitterung. Der gemeine Mann löst sich förmlich auf. Ihn zerreibt die Gleichgültigkeit der Verhältnisse. Die Verhältnisse ergeben sich in einer Mischung aus unschönen Witterungsphänomenen und unbequemen Befehlen. Eines Tages behauptet ein merkwürdig uninspiriert charakterisierter Soldat, dass ein Marschbefehl des Schicksals dem moribunden Schlendrian bald ein Ende machen würde. Die Scheißhausparole löst Verwunderung und Unmut bei den festgefahrenen Infanteristen aus.

Susan hat am Romananfang noch keine Kampferfahrung. Sie befragt sich. Wieder und wieder fragt sie sich, wie sie sich wohl halten wird, wenn der innere Alarm zur Flucht aufruft. Bereits im amerikanischen Sezessionskrieg (1861 – 1865) wurde der Begegnungsstress unter Gefechtsbedingungen untersucht. Man beobachtete, dass nicht wenige Soldaten ihre Vorderlader mehrfach luden, ohne einmal zu schießen. In den Läufen verkeilte das Blei. Die Probanden hatten zwar den Ladevorgang internalisiert, so dass sie diese Bewegungen unter Umgehung des Bewusstseins ausführten. Der nächste Schritt war aber nicht verinnerlicht worden.   

Wenn Sie in Spielfilmen, die den Bürgerkrieg atmosphärisch plündern, Männer mit viel Eisen im Gürtel sehen, zeigt das die Realität jener Zeit, in der Messer und Säbel noch zu ihrem Recht kamen. Zwar begann die Samuel Colt-Ära bereits 1837, doch waren die Perkussionsrevolver nicht einfach zu laden. Kurz gesagt, Kandidaten wie Henry Fleming waren mitunter kaum moderner bewaffnet als der 1734 geborene Daniel Boone mit seiner Kentucky Rifle.

Zunächst erscheint Vieles heiter bis wolkig. Wohlhabende Bürger statteten Regimenter aus, die mitunter nach ihnen benannt wurden. Eine Freiwilligenvereinigung hieß nach ihrem Gönner Terry’s Texas Rangers (8. Texas Cavalry). Jeder Ranger erhielt ein Gewehr, einen Colt, ein Bowie Messer und einen Sattel. Terry unterstützte den Kongressabgeordneten, Publizisten, Verleger, Anwalt, Arzt und Colonel der Konföderation John Salmon Ford. Gemeinsam mit Ford und Gouverneur Thomas Saltus Lubbock (1817 – 1862) schiffte sich Terry im Hafen von Matamoros ein. Via Galveston segelten die Sezessionisten nach New Orleans. Da nahmen sie den Zug nach Richmond, Virgina, um sich General James Longstreet zu unterstellen. Ihren Aufrufen folgten insgesamt 1170 Texaner. Terry führte seine Ranger von Virginia nach Nashville, Tennessee, und weiter nach Bowling Green, Kentucky. Terry fiel vor Woodsonville, Kentucky. Lubbock sagte auf der Beerdigung: No braver man ever lived. 

Lady Mamba war die Olivia Stone des 19. Jahrhunderts

Lady Mamba antizipiert Oliver Stones pseudokriegsberichterstattende Platoon-Wackelkameraästhetik. Sie schafft surreale Landschaftsbilder, die seelische Zustände spiegeln wie die Malerei von Max Ernst oder René Magritte. Zudem designt sie eine Psychologie des unter Druck gesetzten Individuums. Ihre Heldin beherrschen die dürftigen Gedanken einer Heranwachsenden, deren Wissen sich in Bauernkalenderweisheiten erschöpft.