MenuMENU

zurück zu Main Labor

04.02.2021, Jamal Tuschick

Charmante Diversität

Ausflüge ins nachbarschaftlich Ungefähre stärken die Corporate Identity der Gemeinde. Frau Takahashi kann gar nicht genug Aufmerksamkeit kriegen in Anbetracht des Abwesenheitspensums ihres Mannes ...

Balkenried am Nachmittag © Jamal Texas Tuschick

Balkenried soll nicht nur schöner werden, die Gemeinde muss sich auch dem globalen Wettbewerb gewachsen zeigen. Ein Gespräch über den Zaun dreht sich wieder einmal um den Glücksfall der günstigen Lage und die guten Verbindungen auf der Nord-Süd-Achse. Es wird nicht mehr geraucht. Das bestätigt Frau Takahashi als Ausnahme von der Regel. Sie tritt im schimmernden Hosenanzug auf, Farbton Aubergine.

Nach Jahrzehnten des Verdämmerns, wenn nicht des Verendens steht Balkenried (übrigens so genannt zumindest teilweise nach einem Visionär der Landwirtschaft, dem Agrarökonom Franz Balken) nun in einer jede Ortschaft im Landkreis trimmende Infrastrukturkonkurrenz. Die Gemeinde punktet bei Neubürgern sowie als Standort für neue Arbeitsplätze mit zukunftsweisend ausgebauter Verkehrsanbindung. Ich führe nicht nur aus Höflichkeit Gespräche. Ich knete den Willen zur Gemeinschaft wie eine Physiotherapeutin die verhärtete Fußballerinnenwade. Ansprache hält fit. Es kommt auf jede an.

Der multikulturelle Faktor ist garantiert. Frau Takahashi legt Wert auf ständigen Umgang mit dem „türkischen“ Unternehmer Amiran Vanilisi, andere würden an ihrer Stelle von dem „türkischen Schuhbodenheini“ oder vom „türkischen Sohlenfritz“ reden. Was aber an dem Mann türkisch sein soll, bleibt ein Rätsel. Seine Ahnen kamen gleich nach dem Krieg zu uns. Die meisten Kommunalaktivist*innen sind nach den Vanilisis in Balkenried ansässig geworden. 

Ausflüge ins nachbarschaftlich Ungefähre stärken die Corporate Identity der Gemeinde. Frau Takahashi kann gar nicht genug Aufmerksamkeit kriegen in Anbetracht des Abwesenheitspensums ihres Mannes, der nach Frankfurt pendelt und selten vor spät nach Hause kommt. Sie bittet mich, ihr bei einer Tasse Kaffee Gesellschaft zu leisten.

Von Balkenrieds achttausend Einwohnern pendelt die Hälfte, davon viele nach Frankfurt und Gießen in bleierne Welten. Ihre Fahrten vollziehen sie in den Verkleidungen der Pflicht. Was fern des Eigenheims Spaß macht, Freiheit und Lust bedeutet, behält jeder für sich. Einer verheimlichten Neigung im Schutzraum urbaner Anonymität nachzugeben, erzeugt das Dammbruchgefühl.

Die aufgesetzte Harmlosigkeit, mit der Frau Takahashi inzwischen über Ergebnisse der Stiftung Warentest redet, langweilt die Türsteherin vor meiner Gefühlsdisko. Auch eine Einladung zum Kaffeekranz wird abgelehnt.

Charmante Diversität

Unterbrochen von Grünstreifen, Waldinseln und Bächen, die zu Hochwasserzeiten aufrauschen, erreichen strotzende Nutzflächen die Stadt. Balkenried versorgte in der fränkischen Reichsfrühzeit einen Königshof. In einer Schreibstube der Merowinger setzte ein Mönch den Ortsnamen auf eine Urkunde, als erste überlieferte Erwähnung einer Siedlung, die damals schon lange bestand. Im 9. Jahrhundert fiel sie im Rahmen einer Schenkung an das Kloster Fulda. Das hätte tausend Jahre ihr Schicksal sein können. Doch ordnete man Finkenherd zurzeit der ersten christlichen Jahrtausendwende Kurmainz zu. Es gab ein Würzburger Interesse. Der erste Würzbürger Bischof war ein Ire.

Wir leben seit Jahrtausenden in einer Völkerwanderung. Mir gefällt das.