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06.02.2021, Jamal Tuschick

Krabbengold

Im Frühjahr verwandelt sich der Sound in eine grüne Hölle. Dann dürfen nur noch zertifizierte Waldläufer*innen in diesen Raum, der überall sonst längst ausgestorbenen Tierarten ein letztes Refugium bietet. © Jamal Texas Tuschick

Chenoa war sechs, als sie ihre Familie verlor. Zuerst demissionierte die Mutter. Ihr folgten die Geschwister. Zurück blieb der Vater, ein Marschmensch wie aus dem Bilderbuch. Bald wird auch er verschwunden sein.

Ein Marschmensch wie aus dem Bilderbuch

Die atlantische Küstenlinie von North Carolina spannt einen Bogen vor den Outer Banks. Wo die Inselkette das Weichbild prägt, herrschte in den fünfhundert neuzeitlichen Jahren der Segelschifffahrt Argonautenalarm. Zahlreicher Havarien wegen heißt das Gebiet noch immer „Friedhof des Atlantiks“. Gestrandete des 16. Jahrhunderts avancierten zu Gründervätern einer Stammesgesellschaft, die sich konsequent der Zivilisation verweigerte. Im Sumpf gediehen außerdem alle möglichen Subkulturen. Maroons formierten sich zu Trutzgemeinschaften. Briganten erholten sich zwischen Echsen und Eichen, Platanen, Palmen, Zypressen, Glyzinien, Myrte, Riedgras und Biberburgen von ihren Seegängen. Strauchdiebe suchten Zuflucht an arkadischen Lagunenufern. Alle vernahmen den Flügelschlag der Fischreiher.

In einem sich der Kolonisation verweigernden Marschland frönen krasse Außenseiter*innen der Gesetzlosigkeit nach steinzeitlich-elementaren Regeln noch in der furiosen Gegenwart. In der skizzierten Ursprünglichkeit wächst Chenoa beinah ohne Fürsorge auf. Sie fahndet nach Borkenkäfern in Rindenkanälen. Sie unterhält sich mit Waschbären, Krebsen, Schnecken und Muscheln. Besonders akkurat spricht Chenoa zu Vögeln, während der Ozean nur für sie singt. Schon mit sieben kann die Tochter eines versehrten Veterans Fallen stellen, Fährten lesen und falsche Spuren legen. Obwohl sie so verlassen lebt, wie kaum ein anderes Kind, spielt sie doch wie jedes Kind. Ihre Schule ist die Natur.

Der vietnamgeschädigte Vater stinkt. Er verkörpert den lieblosen Patron, bis er sich eines Tages (wenn auch nur vorübergehend) bekehrt zeigt. Der vergammelte Archaiker ist kein letzter Morast-Mohikaner einer anachronistischen Gesellschaftsform. Die Familie kam erst in der Generation seiner Eltern auf den Hund. Das heißt, er hat einen Zivilisationshintergrund, der seiner wild aufwachsenden Tochter abgeht.

Chenoa hat sich selbst von der Schulpflicht befreit. Man kann nicht behaupten, dass sich irgendwer auch nur im Rahmen dienstlicher Obliegenheiten um das Wohl des Kindes kümmert.

Chenoa Vorstellungen von einem anderen Leben gewinnen Anschaulichkeit allein im Alltag von Blackstone Bluewater, einer Gemeinde mit manisch-bigotter Bürgerschaft. Es herrscht Segregation und noch viel mehr Diskriminierung. Der Sprengel hält größtmöglichen Abstand zu seinen Sumpfschraten.

Die Leute von Blackstone Bluewater ächten aber nicht nur die abwegige Nachbarschaft. Sie fürchten sie auch und lesen sie als Unheilbringer*innen. Stichwort Othering.

Chenoa leidet unter der Spurlosigkeit des Verschwindens ihrer Mutter. Erst flambiert der verlassene Mann die ehelichen Rückstände. Dann verbrennt er das einzige Lebenszeichen der vom Familienelendszug Abgesprungenen. Chenoa hätte den Brief eh nicht lesen können. Sie sammelt seine Asche ein und verwahrt sie devotional.

Chenoa verdient ihr erstes eigenes Geld mit Krabbenfängen und nennt es Krabbengold.  

Gewöhnt an lange Absenzen, realisiert Chenoa spät, dass endlich auch der Vater in keiner Weise mehr zur Verfügung steht. Sie meistert auch diese Verschlechterung in einer verlockenden Weise. Chenoas Widerständigkeit entwickelt Solosogmagie. Faszinierend ist auch ihr Zeitbegriff. Etwas, dass vor drei Jahren jemand zu ihr gesagt hat, hallt in einem inneren Resonanzraum weiter/wider; so weit weg lebt Chenoa von jeder Reizüberflutung.