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07.02.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Salisbury

Mylla zieht eine Platte von Uriah Heep aus dem Schleiflackscheibenschrank. Das Cover zeigt einen Panzer als Hommage an den Truppenübungsplatz bei Salisbury. Im Haus ihrer Pfarrerin hört Andriana zum ersten Mal Salisbury.

Eingebetteter Medieninhalt 

Das Küchenmädchen Salis Ellis sticht einem im Zivilleben ergrauten Dragoner ins Auge. Gerade hat die Belle Époque ihren Geist aufgegeben, der Dragoner ist ein Bauernkrieger. Er zieht nicht nur ins Feld. Er kommt auch vom Feld. Als es an ihm ist, sich um den trommelnden Tod herumzudrücken, ist die Magd in anderen Umständen. Vier Jahre später macht sich Salis Ellis auf den Weg nach Salisbury in der englischen Grafschaft Wiltshire. Zwei Flüsse kommen da zusammen. Den Vater ihrer Tochter findet Salis Ellis in Salisbury auf einem Feld.

John John Poors* weist Salis Ellis ab. Die Düpierte beginnt eine Belagerung. Sie quartiert sich in der Nähe von JJP ein und lässt es darauf ankommen, bis für den Mann die Schande zur Not wird. Als Bäuerin auf einem Hof ohne Liebe fristet Salis Ellis ein graues Dasein. Sie bleibt die Fremde aus Winchester; eine Frau, der Sprachen zur Verfügung stehen, die sonst keiner spricht in der Gegend ihres Alterns und Vergehens. Sie kennt Gedichte; ihre Tochter Avon lehrt sie Reime. Avon lernt, dass der Reim dem Gedächtnis hilft und gibt die Information weiter. 

*JJ Poors glaubt, ein Nachkomme jenes Richard Poore von Sarum zu sein, der als Bischof 1220 den Bau einer Kathedrale veranlasste, deren Ausstrahlung Salisbury schließlich zu Stadtrechten verhalf und eine antike, auch historisch befestigte Siedlung in ihrem Schatten auslöschte.  

Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will. Cees Nooteboom

Als Großmutter spricht Avon in die Unbefangenheit ihrer Enkelin Andriana hinein. Andriana strahlt Avon an. Ich stelle mir vor, dass sie füreinander Sonnen sind. Die Lebensgeschichten türmen sich wie kollidierendes Treibeis hochfahrend-splitternd. Mancher Einfall hängt verborgen wie ein Nest unter der Traufe.

Andriana wächst in einem Milieu auf, dem alles Akademische so fern liegt wie Afrika. Jede hat solche Verwandten, die nach der Devise:

Lieber ein Schwein schlachten als ein Buch lesen

den Geltungsdrang des Höheren verhöhnen. Jede hat so eine bramarbasierende Schlachterin zur Verfügung, die als Tante oder Großnichte das Recht besitzt, an einer langen Sonntagstafel die Blutsäuferin zu spielen.

Die Luftnummer als Lichtgestalt

Nicht eine Studierende kann das Dorf aufbieten, in dem Andriana (nahe Salisbury und halbwegs auf einem Truppenübungsplatz) heranwächst. Wie viele angehende Schriftstellerinnen gerät die Heranwachsende an eine Geistliche, die Andriana als Lichtgestalt (gemessen am örtlichen Angebot) verehrt. Wer in Berufungskategorien fühlt und sich von schnöder Erwerbstätigkeit ausgenommen weiß, riecht nach Seelsorgerin; nach einer, die nie richtig gearbeitet und natürlich auch nicht bei der freiwilligen Feuerwehr mitgemacht hat.

Ein böses Versäumnis. Es holt jede ein. So weit weg kann man gar nicht laufen, als dass man den Folgen verweigerter Verpflichtungen entkäme. 

Mylla Wylye zieht eine Platte von Uriah Heep aus dem Schleiflackscheibenschrank. Das Cover zeigt einen Panzer als Hommage an den Truppenübungsplatz bei Salisbury. Im Haus ihrer Pfarrerin hört Andriana zum ersten Mal Salisbury. Die Seelsorgerin und das Lamm landen ohne seelischen Aderlass auf einem Bärenfell vor dem knisternden Kamin.