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08.02.2021, Jamal Tuschick

Verwaschenes Blau

Der Himmel über Colorado © Jamal Texas Tuschick

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Colorado der Staat der Geisterstädte

In der Ländlichkeit hebt sich alles scharf und kantig konturiert von einem harten Himmel ab. Abgesehen von den verschlissenen Arbeitshosen an den Leinen der Waschtage bietet die Generalkulisse kein verwaschenes Blau auf. Die Natur erscheint auch jenen abenteuerlich schön, die sich in und mit ihr abplagen müssen. Die Verwegene lässt Bäume Früchte tragen, die so hart wie Golfbälle sind. Sie bringt Personen mit dem Repertoire tauber Nüsse hervor.

Das Territorium des spät dazugekommenen Bundesstaates Colorado war lange eine spanische Domäne. Bis in die 1860er Jahre trugen die Weiler überwiegend spanische Namen. Die angloamerikanische Präsenz kam erst mit einem Gold- und dann mit einem Silberrausch. Dem kam nichts hinterher. Im frühen 20. Jahrhundert klapperten in Colorado die Saloon-Schwingtüren in Geisterstädten.

Florence Floyd-Patterson fehlt jede Ahnung vom Landleben. Sie macht ihre Erfahrungen in der atlantischen Pissnelkensphäre von Das-tut-man-nicht, bis ihre Eltern einen Unfall nicht überleben, und die Waise einer Schwester ihrer Mutter anvertraut wird. Die Hirten auf Tante Claires Ranch betrinken sich samstags genretypisch. Florence kann keinen Unterschied zu TV-Westerngelagen erkennen. Die Cowboys jagen zu jeder Jahreszeit, bloß nicht während der Saison, weil es dann wegen der städtischen Sonntagsschützen zu riskant ist, sich im Feld zu bewegen. 

In Colorado werden keine Shetlandponys geritten.

Auf der Ranch gewinnt Florence eine Freiheit, die sie ihre Fassung verlieren lässt. Es fehlt der Nippes von Zuhause, die Körbchen, Schälchen und Deckchen, die stellvertretend auf einen lediglich behaupteten Bildungsstand und eine unerreichte Klasse hinweisen. In Claires Welt spielt der Anschein keine Rolle. Stattdessen spricht der Dung eine deutliche Sprache. Jeder Sonnenuntergang singt sein Prärielied.

Florences Sinne knospen. Sie erfährt: Hörner sind Warnzeichen für Artgenossen. Sie laden dazu ein, gewisse Distanzerwartungen nicht zu enttäuschen. 

Winter- und Pferdeäpfel tragen zu den Gerüchen im Herrenhaus bei. Die frische Luft lässt sich kaum je vertreiben. Auch andere Emanationen des Draußen haben ständige Vertretungen oder zumindest lauschige Nester zwischen Natursteinmauern.

Forcierte Vorwegnahme

In ihrem Kreis spielt die heimlich kelternde, einen derben, wie Schnaps wirkenden Rotwein herstellende Claire Patterson, die gleiche Rolle wie Florences mächtigsten Verwandten in Washington. In Claires Schatten genießt Florence weiße Privilegien noch einmal ganz anders als an der städtischen Ostküste.

„Ab August brannte ein Feuer im Kamin.“

Das ist der Ton, den Florence in ihren Aufzeichnungen anschlägt. Der Ton klingt nach Idylle, aber so ist das nicht. Die Adoleszentin idealisiert nicht. Sie memoriert lauter Verluste. Florence verliert ihre unbefangene Zeugenfreude am kalben & fohlen, dem dramatischen Geburtsgewitter auf einem großen Hof, während sie das (auf die Debütantin verdeckt gerichtete) Begehren der Angestellten irritiert. Flöten geht jenes großartige Selbstbewusstsein, das Florence als Enkelin und Nichte von Staatsmännern in die Pubertät geführt hat.

Es kommt der Tag, da beginnt Florence ihrer Tante auszuweichen und die familiären Lockrufe zu überhören. Sie verweigert die besondere Vertraulichkeit beim Fischen vor Tagesanbruch. Florence gibt nicht mehr die Ersatzstammhalterin und Juniorchefin, wenn Tagelöhner*innen angeworben werden. Sie beweist ihre Geschicklichkeit nicht länger beim Ausbessern der Zähne.