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10.02.2021, Jamal Tuschick

„Christiania habe ich als Touristin entdeckt. Ich hatte eine romantische Reiseführer-Vorstellung davon und brauchte eine ganze Weile, bis die Realität durch meine verkitschte Sichtweise drang: Hinter den bunten Fahnen und den Wolken von Marihuana-Nebel traten auch Verzweiflung und Armut zutage. Der Ort in seiner Ambivalenz hat mich fasziniert, und ich habe mich gefragt, wie es jemanden prägen würde, dort aufzuwachsen. Deshalb kommt Mara, die geheimnisvolle Fremde in meinem Roman, aus Christiania. Ich selbst würde nicht in einer autonomen Gemeinde leben wollen. Auch da braucht es Regeln des Zusammenlebens, und mir wäre es zu anstrengend, diese mitzugestalten und ständig neu ausfechten zu müssen.“ 

Die fremde Tochter

Niemand weiß, wie viel Energie manche Leute investieren, nur um normal zu sein. Albert Camus

In wendländischer Elbauenidylle teilen sich zwei Paare einen restaurierten Gutsbesitz mit elegisch anmutender Scheunenkulisse und Kräutergarten. Ihre Freundschaft hat eine Katastrophe nicht überlebt. Sophie und Thies trauern um ihren Sohn Aaron, „der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück mit ansehen. Bis ein Jahr nach Aarons Tod eine Fremde in den Ort kommt und ans Licht bringt, was die vier Freunde lieber verschwiegen hätten“.

Kristina Hauff, „Unter Wasser Nacht“, Roman, hanserblau, 286 Seiten, 20,-

Die Fremde heißt Mara, aber ich möchte lieber sagen, die Fremde ist Mara. Der Name repräsentiert eine Verfassung. Mara gleicht einer Erscheinung viel mehr als einer Person. Ihre Herkunft schillert in den Farben von Christiania. 

„Christiania habe ich als Touristin entdeckt. Ich hatte eine romantische Reiseführer-Vorstellung davon und brauchte eine ganze Weile, bis die Realität durch meine verkitschte Sichtweise drang: Hinter den bunten Fahnen und den Wolken von Marihuana-Nebel traten auch Verzweiflung und Armut zutage. Der Ort in seiner Ambivalenz hat mich fasziniert, und ich habe mich gefragt, wie es jemanden prägen würde, dort aufzuwachsen. Deshalb kommt Mara, die geheimnisvolle Fremde in meinem Roman, aus Christiania. Ich selbst würde nicht in einer autonomen Gemeinde leben wollen. Auch da braucht es Regeln des Zusammenlebens, und mir wäre es zu anstrengend, diese mitzugestalten und ständig neu ausfechten zu müssen.“

Jemand sagt Freistaat. Mara korrigiert ihn. Das Kopenhagener Labor für alternative Lebensformen heißt Freistadt ChristianiaMara erscheint als gelungenes Produkt sozialer Experimente. Sie verkörpert skandinavisches Laissez-faire in einem neo-postbürgerlichen Milieu. Dessen Akteure gewannen ihren Glücksbegriff im politischen Kampf. Sie sind Aushandlungssieger*innen auf einer Außenbahn.  

Sommerferien in Christiania

In meiner Generation hat jeder seine Christiania-Geschichte. Als ich aufs Gymnasium wechselte, baute sich zuerst Sina vor mir auf, um mir die undogmatische Haus- und Schulordnung zu geben. Sina war klein, quirlig und zur Herrschaft geboren. Ihre große Schwester hatte mit sechzehn das bestmögliche Abitur abgelegt und dann eine Lehre zur Schreinerin absolviert, bevor sie eine Fabrik aufzog, in der ein innovativer Dämmstoff hergestellt wurde. Das Startkapital lieferten Sylke hingerissene Eltern. Sie bekamen dafür handgeschriebene Anteilscheine. Nebenbei renovierte Sylke und ihre Gang ein antikes Bauernhaus, das im Kasseler Volksmund als die Burg kursierte. Ewig war das eine gefährliche Baustelle. Man balancierte stoned wie eine Nachteule auf Balken über verdunkelten Abgründen. Jedenfalls kam Sina gerade aus Christiania. Sie war, vierzehnjährig, allein und barfuß dahin und zurück getrampt. So barfuß stand sie vor mir und nahm Maß. Ihre Ansage lautete: Ich mache alles richtig. Ich bin richtig, habe die richtige Schwester, die richtige Mutter (Pädagogik-Professorin) und die richtigen Freundinnen. Jetzt habe ich auch noch Christiania gecheckt. Vielleicht würde sie heute gehackt sagen. 

Haderverhältnisse

Mara ist keine andere Sina; so somnambul dominant und nur angeblich frei und für sich, während sie in Wahrheit der Radarblick aller Sozialkontrolleurinnen leitet. „Die Fremde“ inspiziert fast scheu eine Front verkrusteter Haderverhältnisse. Die alten Aktivist*innen betrachten einander scheeläugig. Jede trägt jeder das eigene Versagen nach. Der historische Anti-AKW-Elan ist so was von perdu. Die abgelebten Überzeugungen stinken zum Himmel. Die Leichen steigen aus den Kellern. 

Was will Mara im Kreis der Versprengten?

Unter den vormals Fidelen befindet sich ihr (nun todkranker) Vater. Mara ist das Resultat einer Stopover-Begegnung - ein Produkt des empowerten Daseins; entstanden auf einem Protestparcours im Zuge der radikalen Solidarisierung einer Christiania-Aktivistin mit einem Wendland-Aktivisten. 

Der handfeste Ulrich, genannt Richie, ein geborener Grillmeister, gab sich beim Zeugungsakt freier als er war. Er hatte schon Familie, als er Maras Mutter schwängerte. Die Spekulationen der Geschwängerten passten nicht zu seinem Lebensplan. 

Kristina Hauff © Bartholot - Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

5 Fragen an die Autorin

Frau Hauff, worum geht es in Ihrem Roman?
In Unter Wasser Nacht geht es um die Frage, wie man nach dem Zerbrechen der eigenen Lebensträume weiterleben und neue Hoffnung finden kann.

Man bekommt den Eindruck, dass Setting und Handlung eine atmosphärische Verbindung eingehen. Was macht das Wendland als Schauplatz so reizvoll?
Gereizt hat mich der Gegensatz im Wendland: dünn besiedelt, aber schwer was los. Man findet Idylle, Landwirtschaft, Dörfer, doch die Benennung von Gorleben als Standort für ein „Nukleares Entsorgungszentrum“ hat die Idylle aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen. Seitdem brodelte es. Ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen haben sich im Kampf gegen das Endlager vernetzt, Landwirte demonstrieren mit AKW-Gegnern, für Künstler wurde es ein attraktiver Ort. Diese bunte, kreative Mischung spiegelt sich in der Romanwelt wider: Drei meiner Hauptfiguren stammen aus dem Wendland, sie wuchsen mit dem Protest auf und sind durch ihn geprägt.

Der Fluss, konkret die Elbe, spielt eine zentrale Rolle im Roman. Warum?
Die Idee, einen Fluss eine zentrale Rolle einnehmen zu lassen, hatte ich gleich zu Beginn meiner Arbeit. Es musste ein größerer Fluss sein, idyllisch und bedrohlich zugleich, so kam ich auf die Elbe. Wenn das eigene Kind darin ertrinkt, ist das definitiv das Ende jeder Idylle. Und Thies und Sophie, die trauernden Eltern, leben direkt am Fluss und sind täglich mit ihm konfrontiert. Thies sitzt am Ufer und hofft auf Antworten, Sophie wertet im Labor Messdaten zur Wasserqualität aus, wühlt Sedimente auf, gräbt tief im Gedächtnis des Flusses und glaubt, so ein Stück Kontrolle über ihn, über ihr Leben zurückgewinnen zu können. Gleichzeitig steht der Fluss sinnbildlich für Veränderung, für Trost. Er fließt dahin wie die Zeit, er kann die Geschehnisse davontragen.

Die dänische Freistadt Christiania taucht in dem Roman auf. Haben Sie selbst schon mal mit dem Gedanken gespielt, in eine autonome Gemeinde zu ziehen?
Christiania habe ich als Touristin entdeckt. Ich hatte eine romantische Reiseführer-Vorstellung davon und brauchte eine ganze Weile, bis die Realität durch meine verkitschte Sichtweise drang: Hinter den bunten Fahnen und den Wolken von Marihuana-Nebel traten auch Verzweiflung und Armut zutage. Der Ort in seiner Ambivalenz hat mich fasziniert, und ich habe mich gefragt, wie es jemanden prägen würde, dort aufzuwachsen. Deshalb kommt Mara, die geheimnisvolle Fremde in meinem Roman, aus Christiania. Ich selbst würde nicht in einer autonomen Gemeinde leben wollen. Auch da braucht es Regeln des Zusammenlebens, und mir wäre es zu anstrengend, diese mitzugestalten und ständig neu ausfechten zu müssen.

Unter Wasser Nacht erscheint unter einem Pseudonym. Als Susanne Kliem haben Sie bereits erfolgreiche Spannungsromane veröffentlicht. Was unterscheidet diesen Roman von Ihren bisherigen Veröffentlichungen?
Innerhalb des Krimigenres zu schreiben bedeutet, eine Vielzahl an Schreibregeln und Konventionen einhalten zu müssen. Ich habe mir – nach sechs Romanen aus den Genres Krimi, Psychothriller und Psychologischer Spannungsroman – mehr Freiheit beim Schreiben gewünscht, und dieser Roman hat sie mir geboten. In Unter Wasser Nacht konnte ich den Figuren, ihren Beziehungen zueinander, ihren Hoffnungen und Abgründen größeren Raum geben.

Aus der Ankündigung

Wie lebt man weiter nach einem großen, unerklärlichen Verlust? Mit psychologischem Gespür erzählt Kristina Hauff eine Geschichte voller Hoffnung und Trauer und vom Wert der Freundschaft

In den idyllischen Elbauen im Wendland teilen zwei Paare Hof, Scheune und Kräutergarten - doch ihre einst enge Freundschaft ist zerbrochen. Thies und Sophie trauern um ihren Sohn Aaron, der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück mit ansehen. Bis ein Jahr nach Aarons Tod eine Fremde in den Ort kommt und ans Licht bringt, was die vier Freunde lieber verschwiegen hätten.

Atmosphärisch und feinfühlig schreibt Kristina Hauff von tiefer Verbundenheit, von schamvollen Geheimnissen und von Schmerz, aus dem neue Hoffnung wächst. 

Kristina Hauff über ihren Roman

»In Unter Wasser Nacht geht es um die Frage, wie man nach dem Zerbrechen der eigenen Lebensträume weiterleben und neue Hoffnung finden kann.«

Zentrales  Moment  im  Roman  ist  der  Tod  eines  Kindes,  der das Leben von zwei Familien erschüttert. Wie schwer war es, so tief in die Seelen der Figuren zu blicken?

Ich habe selbst einen Sohn, deshalb war es für mich sehr  quälend,  diesen  Verlust  mit  den  Figuren  zu  erleben. Ich musste ihnen viel Raum geben, sich damit auseinanderzusetzen. Beim Schreiben dieser Szenen habe ich mitgelitten. Im   Roman   werden   auch   schwierige   Eltern-Kind-Beziehungen  thematisiert. 

Wie  gehen  Ihre  Figuren  mit Schuld um?

Aaron,  der  ertrunkene  Sohn,  war  ein  Wunschkind,  das jedoch nie so war, wie ein Wunschkind sein sollte. Er brachte seine Eltern an ihre Grenzen, und in heim-lichen Momenten haben sich beide vorgestellt, er sei nicht mehr da. Dann wird der Gedanke zur Realität. Thies  und  Sophie  sind  gelähmt  von  Schuldgefühlen,  sie  können  nicht  darüber  sprechen,  auch  nicht  mit  ihren einstmals engen Freunden, den Nachbarn Inga und  Bodo,  deren  scheinbar  perfektes  Familienglück  sie  jeden  Tag  mit  ansehen  müssen.  Doch  was  sie  nicht  wissen:  Auch  Inga  und  Bodo  haben  etwas  zu  verbergen und wollen sich ihrem Anteil an der Tragö-die lange nicht stellen. Wie  vieles  verändern  sich  auch  Freundschaften  im  Laufe  unseres  Lebens.  Was  hat  Sie  an  den  Freund-schaften der Figuren im Buch fasziniert?Die beiden Paare kennen sich ihr halbes Leben lang. Sie  lebten  während  des  Studiums  in  einer  gemein-samen WG, halfen sich gegenseitig aus, wenn jemand pleite war, kämpften Seite an Seite gegen die Castor-transporte. Man könnte meinen, so eine Freundschaft ließe  sich  durch  nichts  zerstören.  Doch  schon  weit  vor Aarons Tod begann die Krise. Sophie und Thies,

Unter Wasser Nacht erscheint am 15. Februar 2021 bei hanserblau. 

Die  mit  ihrem  Sohn  nicht  zurechtkamen,  konnten  die mitleidigen Blicke, die wohlmeinenden Ratschläge  der  vermeintlich  perfekten  Eltern  Inga  und  Bodo  nicht  mehr  ertragen.  Wie  soll  man  damit  umgehen,  dass die anderen das Glück gepachtet haben und man selbst  das  Unglück?  Neid,  Misstrauen  und  ganz  viel  Unausgesprochenes zersetzen die Beziehungen. Und doch wollen alle vier die Freundschaft retten.

Harlingerwedel  existiert  nicht  wirklich.  Verraten  Sie  uns, ob es eine reale Vorlage gibt?

Ja,  das  wunderschöne  Städtchen  Hitzacker  an  der  Elbe  mit  seinen  schmucken  Fachwerkhäusern.  Ich  suche  mir  beim  Schreiben  immer  einen  realen  Ort  zur Inspiration. Ich muss mit der echten Fähre über die Elbe fahren, muss durch die Gassen schlendern, muss sehen, riechen, spüren. Wenn die Geschichte es erfordert, weiche ich vom Original aber schamlos ab, lasse Dinge weg, erfinde Neues hinzu.

Die dänische Freistadt Christiania taucht in dem  Roman auf. Haben Sie selbst schon mal mit dem Gedanken ge-spielt, in eine autonome Gemeinde zu ziehen?

Christiania habe ich als Touristin entdeckt. Ich hatte eine romantische Reiseführer-Vorstellung davon und brauchte eine ganze Weile, bis die Realität durch meine  verkitschte  Sichtweise  drang:  Hinter  den  bunten  Fahnen  und  den  Wolken  von  Marihuana-Nebel  traten auch Verzweiflung und Armut zutage. Der Ort in seiner Ambivalenz hat mich fasziniert, und ich habe mich  gefragt,  wie  es  jemanden  prägen  würde,  dort  aufzuwachsen.  Deshalb  kommt  Mara,  die  geheimnisvolle  Fremde  in  meinem  Roman,  aus  Christiania.  Ich  selbst  würde  nicht  in  einer  autonomen  Gemeinde  leben  wollen.  Auch  da  braucht  es  Regeln  des  Zusammenlebens,  und  mir  wäre  es  zu  anstrengend,  diese  mitzugestalten  und  ständig  neu  ausfechten  zu   müssen.

Schreiben  Sie  selbst  gerne  in  der  Natur  oder  wo  stünde Ihr Schreibtisch, wenn Sie es sich aussuchen könnten?

Normalerweise  steht  mein  Tisch  in  der  Staatsbibliothek in Berlin. Ich liebe es, dort unter vielen anderen Menschen  still  und  konzentriert  zu  arbeiten.  Diese  Schreibroutine  und  mein  Familienleben  geben  mir  Struktur.  Ab  und  zu  breche  ich  aber  aus  und  gehe  irgendwo  in  der  Natur  für  ein  paar  Tage  in  Klausur.  Dabei geht es mir weniger um die Konzentration als mehr um das Selbstbestimmt-Sein, um meinen eige-nen  Rhythmus,  der  im  Familienalltag  meist  nicht  möglich  ist:  Essen  und  Trinken,  was  und  wann  ich  will,  Schlafen  und  Schreiben,  wenn  es  mich  über-kommt.  Ich  brauche  aber  definitiv  beides:  äußere  Struktur und innere Freiheit. Unter  Wasser  Nacht  erscheint  unter  Pseudonym.  Als  Susanne  Kliem  haben  Sie  bereits  erfolgreiche  Spannungsromane  veröffentlicht. 

Was  unterscheidet  diesen Roman von Ihren bisherigen Veröffentlichungen?

Innerhalb  des  Krimigenres  zu  schreiben  bedeutet,  eine  Vielzahl  an  Schreibregeln  und  Konventionen  einhalten zu müssen. Ich habe mir – nach sechs Romanen  aus  den  Genres  Krimi,  Psychothriller  und  Psychologischer  Spannungsroman  –  mehr  Freiheit  beim Schreiben gewünscht, und dieser Roman hat sie mir  geboten.  In  Unter  Wasser  Nacht  konnte  ich  den  Figuren,  ihren  Beziehungen  zueinander,  ihren  Hoffnungen und Abgründen größeren Raum geben. 

Kristina Hauff wurde am Niederrhein geboren. Sie arbeitete als Pressereferentin für Fernsehserien von ARD und ZDF und am Theater. Unter ihrem echten Namen Susanne Kliem schreibt sie erfolgreiche Kriminalromane. Für „ Unter Wasser Nacht“ verbrachte sie längere Zeit im Wendland und recherchierte in Archiven. Kristina Hauff lebt mit ihrer Familie in Berlin.