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10.02.2021, Jamal Tuschick

Ende Gelände bis Neunundachtzig

Vermutlich herrschte in dem Dorf nahe dem Tegeler Fließ damals schon die Stille, die ich bei meinen Ermittlungen im Reiterhofmord-Fall vernahm.

© Jamal Texas Tuschick

Walter Höllerer zu Heißenbüttel (1962): „Sie haben da doch ein Gedicht mit Möwen und Schwänen.“
Heißenbüttel: „Tauben kommen auch vor.“
*
In jeder Zeit entstehen wie aus dem Nichts gegriffene Bilder vom Untergang einer Zivilisation im Ansturm der Barbaren. Die Bilder behaupten ihre apokalyptische Dimension gegen die triviale Tatsache, dass sie ohne Ausnahme aus dem Fundus eines Stereotyps stammen. Stets zeigen sie den Anderen in der Rolle des Aggressors und das gefährdete Selbst im Schaumbad der Hilflosigkeit.  

„Von Zeit zu Zeit sucht man sich … (eine) Notlage.“ Alessandro Baricco

Oft geht die Angst vor dem Invasiv-Fremden in einem Gegensatzpaar ihren Weg zum Herzen der Mutlosen. Sie assoziieren Garten (Garten und Stadt - Gorod - haben denselben Wortstamm) mit Steppe. Darin stecken zwei Erwartungen. Der Feind kommt aus der Steppe, und, der Feind verwandelt den Garten in eine Steppe. Baricco beweist seine Klasse mit der einfachen Frage: Was, wenn Invasoren angemessen angezogen in Erscheinung treten. Er erzählt am Rand der Hauptstrecke, dass Beethoven die Premiere der Neunten im grünen Frack absolvierte, geplagt von der Furcht, in dem Stück durchzufallen. Sein Sekretär hatte ihn mit einem Hinweis auf das Schurkenlicht im Konzerthaus vorausschauend beruhigt. Niemand würde die Frackfarbe erkennen. So wie niemand die Bedeutung der Sinfonie erkennen würde. Beethoven könne weder mit noch in dem unkonventionellen Stück durchfallen.

Heute nehmen die Verfechter harter Grenz-Regimes Beethovens Neunte zum Beweis ihrer persönlichen Überlegenheit als Angehörige einer Kulturnation.

Baricco zitiert Walter Benjamin:

„In (Walt Disneys) Filmen bereitet sich die Menschheit darauf vor, die Zivilisation zu überleben.“  

Disney als Barbar ist natürlich noch nicht mal auf den ersten Blick originell. Das bleibt ein Klischee (vom Untergang des Abendlandes in Hollywood).  

Wein

Bis vor ein paar Jahrzehnten wurde Wein vor allem auf dem Grund seiner größten Gewächse getrunken. Der Rest der Welt war ausgeschlossen. Heute trinken Leute rund um den Globus Weine, deren Existenz auf lokale Kulturen und Ideen zurückgehen; auf Phänomene, deren Universalisierung witzlos erscheinen würde, wären sie bloße Erörterungsgegenstände. Doch sind sie längst Realität. Sie widerlegen jene Erfahrungen, die Jahrhunderte jeden Kenner und Künstler dazu veranlasst hätten, von einem Export der Patente abzuraten. Das hat Benjamin vorausgesehen.

Disneys „Filme desavouieren … alle Erfahrung. Es lohnt sich in einer solchen Welt nicht, Erfahrungen zu haben.“

Ein in den Erfahrungen geronnener (europäischer) Kulturschatz wurde von amerikanischen Soldaten geplündert, die als Besatzer in Italien auf den Geschmack von Wein gekommen - und nach ihrer Rückkehr in Kalifornien Weinbauern geworden waren. Sie veränderten das Antlitz der Welt. Zu Lasten der Qualität.

Das ist Barbarei im Geist allen Post-Römischen. Die barbarischen Überwinder*innen des Imperiums begriffen zwar noch das imperiale Herrschaftskonzept, wussten aber nicht mehr, wie man Fußbodenheizungen baut. Amerikanische Winzer widerlegen in ihrer Praxis den Mythos von der einmaligen Großartigkeit romanischer Böden. Geeignete Böden gibt es überall. Der heikle Punkt ist die Gärung. Die Plünderer*innen kompensieren ein klimatisches Manko mit klimaanlagentechnisch-kontrollierter Gärung.

„Eine technologische Revolution beseitigt urplötzlich die Privilegien der Kaste, die die Vormachtstellung in der Kunst innehatte.“ Baricco

...

Ich sah in Pankow und im Wedding ein halbes Dutzend musealer Friseurläden sich zehn, fünfzehn Jahre auf einer Kante halten. Sehr verschieden geprägte Berliner*innen erzählten ihre Geschichten zwischen den Türen und Angeln semi-prekärer Normalität. Die Schoten und Riemen handelten stets von steigenden Kosten, Gentrifizierung, sozialer Atemnot und anderen geschäftsschädigenden Umständen. Irgendwann kam ich wieder mal vorbei und fand wieder einen Laden geschlossen. Die unspektakuläre Bedarfsdeckung ernährte offensichtlich keine eingesessene Friseurin mehr; obwohl in der Gegend noch genug Leute lebten, die keinen Cent für Fassade und Aufputz (die Täuschungen des Designs) übrig hatten. Gleichzeitig eröffneten in der Nähe der aufgegebenen Geschäfte migrantische Friseure Läden von dem skizzierten Zuschnitt.

Auf welchen Markt spekulieren die Neuen? Was unterscheidet die Einsteiger von den Resignierten? 

Um an anderer Stelle weiterzumachen. In Lübars war bis Neunundachtzig Ende Gelände. Vermutlich herrschte in dem Dorf nahe dem Tegeler Fließ damals schon die Stille, die ich bei meinen Ermittlungen im Reiterhofmord-Fall vernahm. Den von Kiefern gesäumten Flecken im märkischen Sand an der nordöstlichen Stadtgrenze von Berlin lernte ich gründlich kennen. 

Zwischen Luxusdiät und Pferdeapfelkompott

Anders als meine Kollegin Shark Westmoreland betrachtete ich die lübar'sche Ländlichkeit nicht mit urbaner Skepsis. Stundenlang könnte ich die Stimmungen und das Auf und Ab zwischen Feldern, Hainen und Mooren, inklusive einer illegalen, anscheinend gewohnheitsrechtlich geduldeten Motocross-Strecke, referieren. Ich muss jetzt aber weiterermitteln. Melde mich wieder soon or later.