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11.02.2021, Jamal Tuschick

Close Range - Auf kurze Distanz

Unser Vater ist ein Mann der Stadtreinigung, ein leidenschaftlicher finnischer Feger. Heftige Schneefälle machen ihn glücklich. Sie stimmen den Bassbariton auf seinen hellsten Ton. Paps bringt den Töchtern eine Torte mit. Auch so kann ein Dankeschön aussehen, sagt unser größter Verehrer stolz vor versammelter Mannschaft. Ein Konditor hat ihm die Torte geschenkt. Mein Vater hat die Konditorkarosse unter abenteuerlichen Umständen losgeeist und aus einer Wehe gezupft. Ich erzähle jetzt nicht die Einzelheiten. Es ist schon boring genug, sich das anhören zu müssen. Aber Juchhu wegen der Torte. Ein Hoch auf den Erzeuger. © Jamal Texas Tuschick

Die Bettwäsche im gerade vom Kinder- zum Jugendzimmer aufgestockten Labor riecht nach Weichspüler. Der Lavendelduft meldet eine mütterliche Intervention, vielleicht sogar ein Veto. Jahre werden ins vertraute Land der Liebe gehen, bis ich das wieder habe; da ich es mir selbst gebe: die sich im Geruch aussprechende häusliche Sorgfalt.

Ich weiß noch gar nichts. Ein Fixpunkt meiner Orientierungslosigkeit ist der Erfahrungsvorsprung meiner Schwester Tiikeri. Die Tigerin beschreibt ihre Gefühle wie eine Ingenieurin das Viaduktprinzip. Wir machen beide Gong-fu und lieben es, unseren Alltag in Kategorien des Close Range Combat zu erfassen. 

Ist nicht alles Wu Sao/Man Sao. Eine Hand fühlt, die andere schützt. Man spricht auch von der neugierigen Hand - Curious Hand. Ist das nicht schön?

Tiikeri und ich leben die totale Gegenwärtigkeit unter elternhäuslichen Idealbedingungen. Wir wissen, dass man auf Hartes mit Weichem schlagen muss. Unsere Verehrer*innen kriegen das zu spüren. Tiikeri und ich sind nicht geschlechtsdogmatisch. Deshalb haben wir schon herausgefunden, wie weiblich Jungen sein können. Ich haue das absichtlich so ins Holz. Denn auch darum geht es auf dem Markt, den man im Verlauf der Pubertät als Umschlagplatz jedweder Relevanz zu begreifen lernt. Wo man lernt, an einer Lüge vorbei zu schrammen, indem man jemanden noch schnell den Laufpass gibt, für den es wichtig ist, nicht einfach ausgetauscht worden zu sein. Zwischen der Liebeskündigung und dem nächsten heißen Versprechen liegen vielleicht nur Stunden voller Sehnsucht, aber man ist doch bei der schonenden Wahrheit geblieben.

Was außerordentlich kränkend sein könnte, nämlich sich im Dutzend billiger zu finden, kommt im adoleszenten Erkundungskorridor eigenen Vorbehalten sogar entgegen. Die Kandidatin wird sowieso nicht kleben bleiben, aber ich werde mich immer wieder an den barocken Billardtisch in Kerstin-Athosas Zimmer erinnern.

Ich führe Gaffer Tape Gespräche und beteilige mich am Skilauf der auf- und abgleitenden Blicke. Ich kenne nun Theatertechnikerinnen, für die Gaffer Tape so etwas wie The Basement Tapes der ultimativen Kompetenz ist. Die sorgfältig ausrasierten Achselhöhlen strafen Attitüden der gesellenhaften Berufsausübung Lügen.

Stahlflummi

Ich verwende das Powerpräsens von Damals und das Postpowerpräsens von Heute in einem Atemzug. 

Jetzt ist immer.

Immer noch lebe ich die totale Gegenwärtigkeit mit täglichem Sonnengruß. Ich moussiere im milden Nachmittagslicht der zweiten Lebenshälfte nicht schlechter als ich einst in der Verfassung eines Stahlflummis fluoreszierte. Ich erinnere mich von der Warte eines überschrittenen Höchststandes. Ich vermute Unregelmäßigkeiten im Gedächtnisbetrieb. Ich habe nicht mehr alles parat. In zufälligen Überblendungen werden Bilder zu vergänglichen Kunstwerken. Natürlich entgeht mir nicht, wie sich die Gerüche ändern. Wasser und Seife reichen nicht mehr. Ich trage Deo und Parfüm in verräterischen Mengen auf.