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16.02.2021, Jamal Tuschick

Bordrituale

© Jamal Texas Tuschick

Als Kind wollte Charmaine-Sigiriya Pourattù auf den Mond fliegen, jetzt steigt sie noch nicht einmal mehr in ein Flugzeug. Wer je in seinem Leben eine lange Reise bei guter Gesundheit unternommen hat, kann Feststellungen der zweiunddreißigjährigen Britin (mit isländischem Vater und anglo-indischer Mutter) bestätigen. Charmaine-Sigiriya befährt den Atlantik auf einem Frachter. Unterwegs erfindet sie Bordritualen. Sie entwickelt ein ethnologisches Interesse an haarsträubenden Gepflogenheiten. Dem internationalen Ensemble, das die Besatzung verkörpert, begegnet Charmaine-Sigiriya wie einem steinzeitlich wirtschaftenden Stamm.  

Charmaine-Sigiriya geht in Oslo an Land und quartiert sich bei der Backpacker-Bekannten Raxi Møller ein. Raxi (dreiunddreißig, ledig, arbeitslos) erlebt den norwegischen Sozialstaat als gleichgültigen Griesgram. Die Preise gehen überall durch die Decke. Raxi trainiert ihre Bedürfnislosigkeit. Charmaine-Sigiriya steigt ein: in einer Gesellschaft, die von Verliererinnen nichts wissen will, sobald sie die Rollen von regressiv gedimmten, mit Bauklötzen spielenden Stuhlkreisexpertinnen verweigern. Raxis abschüssige Karriere spiegelt ein von den eigenen Ansprüchen überfordertes, an die Forderungen der akuten Gegenwart schlecht angepasstes Gemeinwesen. Raxis persönliche Krisen, sie weiß, Krise heißt Entschluss, folgen gesellschaftlichen Krisen.

Charmaine-Sigiriya genießt den verschatteten Alltag. Sie versucht sich an einer kleinen Arbeit über den Humanisten Erasmus von Rotterdam. Die Seelenruhe der Mitbewohnerin zieht Raxi allmählich aus ihrer Depression. Gemeinsam erkunden die Frauen Chancen zur Vergrößerung ihrer Reichweiten. Sie rasieren sich die Augenbrauen ab, um Aufmerksamkeit zu ernten und engagieren sich in einer Basisbewegung, die unter dem Banner Respect, Empower, Include Unterschriften für ein autonomes Frauenzentrum sammelt.

Plötzlich kehrt die Kraft wieder in Raxi ein. Sie avanciert zur Projektsprecherin. Man sucht ihren Rat und schließt sich ihr an. Raxi gewinnt Führungsstatur. Nun sieht sich Charmaine-Sigiriya mit Konkurrenz konfrontiert, wenn es um Raxis Gunst geht. Ab und zu fühlt sich die Britin schon übergangen.