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20.02.2021, Jamal Tuschick

„Now we get ready to rumble.“ Kimberlé Crenshaw - „To choose to write is to reject silence.“ Chimimanda Ngozi Adichie

Behütete Kindheit

Es geht darum, „Unterdrückung sichtbar zu machen“. Mit diesem Flammenschwert von einer Feststellung kommt Emilia Roig in die Arena.

Die Autorin erzählt von einer behüteten Kindheit. Pariser Vorortgepflogenheiten der gehobenen Art arrondieren das Geschehen. 

„Wir lebten in einem Haus mit Garten.“

Emilia Roig absolviert den Parcours für höhere Töchter in einer französischen Spielweise. Trotzdem ist sie gleichsam von Geburt eine Social Justice Warrior* par excellence.

„Seit meiner Kindheit haben mich Armut und soziale Ungleichheit beschäftigt.“

Der Gerechtigkeitssinn bezieht Nahrung und Unterstützung aus den Erzählungen, der mit harten Bandagen auf Martinique sozialisierten Mutter. Mangel regierte den Alltag. Rachitis und Wachstumsverzögerungen waren Folgen der Unterversorgung. In Frankreich erlebte die Familie „extrem viel Rassismus“ und zwar in jedem gesellschaftlichen Sektor.

Emilia Roig, „Why we matter. Das Ende der Unterdrückung“, Aufbau Verlag, 397 Seiten, 22,-

Die Tochter reagiert auf die Leiderfahrungen mit Schuldgefühlen. Sie stellt ihr Glück in Frage und hält es für unverdient.

Heute weiß die Expertin, in welchem Ausmaß wir in einem Regime der Fremdzuschreibungen existieren. Andere definieren unseren Radius mit ihren Vorstellungen von uns. Das muss aufhören. Wir brauchen nicht nur einen Klimawandel, sondern auch einen Shift in Consciousness.

„Die Ungerechtigkeit wirkt manchmal überwältigend.“

Die Varianten der Diskriminierung schaukeln sich wie Wellen auf und erzeugen ein sich selbst verstärkendes System.

Die Schwarze Kriegerin

Nicht nur die weiße Geschichtsschreibung unterschlägt den Widerstand Schwarzer Frauen in der US-amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft. Das erläutert Angela Davis in dem 1971 unter Haftbedingungen entstandenen Aufsatz „Reflexionen über die Rolle der Schwarzen Frau* in der versklavten Community“. Davis leuchtet kurz in das Verhältnis von Herrschaft und Deutungshoheit. Sie verzichtet darauf, die genretypischen Darstellungen verschleppter und versklavter Frauen als schicksalsergebene Trägerinnen enormer Lasten, als Duldungsmaschinen und Muttertiere zu decouvrieren. Davis zitiert kaum aus den Poesiealben des Terrors unter den Vorzeichen fatalistischer Geschichtsbegriffe. Knapp bestimmt sie die Grundfläche jener Arena, in der sich die Entrechtung im Geleit psychologischer und physischer Zersetzungsmethoden vollzog. 

In der alten pyramidalen Unterwerfungsarchitektur, die kaum je ein archäologisches Interesse fand, sank die versklavte Frau unter den versklavten Mann und wurde von einer sadistischen Freiheit verschlungen. Sie suchte Zuflucht bei Jesus und verlegte ihre Interessen ins Jenseits. Solche Deutungen entsprachen Ermordungen auf dem Papier – Vernichtungen eines wahrhaftigen Andenkens im römischen Geist der Damnatio memoriae. Davis setzt sie keiner Kritik aus, sie übergeht den Herrschaftstext. Ihre postumen Heroisierungen fallen dezent aus. Im Grunde geht es ihr nur darum, die offizielle Lesart und Schreibweise facettenreicher zu gestalten, um dem Stolz nachkommender Aktivistinnen Motive zu liefern.

Die in Ketten der Fremdbestimmung geschlagene Revolutionärin schafft das Narrativ der Schwarzen Kriegerin. Sie schildert ihre Ahninnen als Garantinnen des Partisanenmuts in prekären Maroon-Gemeinschaften, die sich mitunter jahrelang gegen eine Übermacht hielten und sich schließlich lieber bis auf die letzte Frau niedermachen ließen als sich für einen Galgentod zu ergeben. Diese Neubeschriftungen alter Flächen gipfeln in mythischen Geflüchteten-Republiken, deren Bürger*innen (am besten auf einer Insel) eine freundliche Zukunft politisch unglaublich einsichtig vorwegnehmen.

Davis beschreibt Folgen der Leugnung Schwarzer Tapferkeit. Eine falsche Berichterstattung hilft Herrschenden die Mutlosigkeit jener zu fördern, die sie zu fürchten haben. Vor allem jedoch korrigiert Davis das Bild von der Schwarzen Frau auf der letzten Hierarchiestufe. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen bewirkten eine negative Gleichstellung der Versklavten. In vielen Gemeinschaften ließ sich weibliche Dominanz beobachten. Die Matriarchin war eine bestimmende Figur.

Davis betreibt im Verein mit anderen Aktivistinnen eine Dekonstruktion der Matriarchin, die ihre Position einer Mitwirkung an der eigenen Unterdrückung verdankte.

Ich setze an einer anderen Stelle an.

Brillante Perlen

Was man verinnerlicht hat, weiß man überhaupt erst, wenn man es veräußerlicht hat. Ein Merkmal der Absonderung ist Genauigkeit. Außenseiter*innen überleben ihre Gefährdungen als Beobachter*innen. Audre Lorde schreibt:

„Eine Überlebensstrategie für diejenigen von uns, für die Unterdrückungserfahrungen so US-amerikanisch sind wie Apfelkuchen, bestand darin, stets Beobachtende zu sein.“

Diese Position ergibt sich in einer Anspannung, die in Patricia Hill Collins‘ Aufsatz „Die Kraft der Selbstbestimmung“ zum Gegenstand wird. Schwarze Frauen bedienen sich „der Sprache und den Sitten der Täter*innen“ wie Hüllen, die sie verbergen sollen. Sie verwenden die Kodes ihrer Vorgesetzten, um etwas vorzutäuschen, dass abschirmend wirkt. Sie begreifen die Schliche der Anpassung als Schauspielerei.

„Wir sind die besten Schauspielerinnen der Welt.“

Collins bemerkt bei Schwarzen Hausangestellten ein „beeindruckendes Selbstbewusstsein“. Die Autorin exponiert „Geschicklichkeit“ in der Abwehr von Herabsetzungen und bei der Kreation „stärkender Identitäten“. – Dies in einem historischen Rückblick, der afroamerikanische Frauen an der Schwelle zum XX. Jahrhundert als „willensstarke Widerständige“ zeigt. Sie leb(t)en ihrer Gemeinde „etwas Wertvolles und Verdienstreiches“ vor. In der Idealisierung der mehrfach diskriminierten, gleichwohl haltungsstarken Arbeiterin stecken Ideen, über die zu sprechen sein wird.

Emilia Roig © Jamal Texas Tuschick

Black Backtalk

Worum geht es?

Es geht darum, „Unterdrückung sichtbar zu machen“.

Mit diesem Flammenschwert von einer Feststellung kommt Emilia Roig in die Arena. Sie startet mit der Aufforderung, sich den vielen Formen der Gewalt mit Sichtbarkeit entgegenzustemmen. Emilia Roig zählt zu den Siegelbewahrerinnen der Intersektionalität-Ikone Kimberlé Crenshaw. 

Eingebetteter Medieninhalt

Erinnert Ihr euch, wie uns Mayowa Osinubi zurief: „Lasst euch nicht abriegeln und runterregulieren. Geht aus euch heraus, wenn ihr das wollt, auch in der Öffentlichkeit.“ - Stay tough und tragt den Spirit so weiter, wie es Kimberlé Crenshaw vorlebt. Aus dem Katalog ihrer Devisen:

„Intersektionalität ist kein Universitätssport, sondern eine Handlungsanleitung für soziale Gerechtigkeit.“

„Now we get ready to rumble.“  

„Wenn Leute behaupten, ich wirke spaltend, entgegne ich: Was ich zu tun versuche, ist sicherzustellen, dass die Spaltungen, die es gibt, uns nicht davon abhalten, eine bessere Welt zu erschaffen.“

Es gibt keinen Feminismus, der Rassismus ausklammert. Kurz gesagt, war das eine wiederholte Feststellung der Galarednerinnen. Intersektionalität sei „a way of seeing“; „ein Depot voller ungehörter Geschichten“; eine Kraftquelle und ein Fundus der Gegenrede – backtalk.

„Die Widerrede hat mich zu einer politischen Person gemacht.“

Vor dreißig Jahren prägte Kimberlé Crenshaw den Begriff „Intersektionalität“, um das Zusammenspiel von unterschiedlichen Unterdrückungsformen zu beschreiben. Seitdem arbeitet die US-amerikanische Juraprofessorin und Aktivistin unermüdlich daran, unsichtbar gemachte Bevölkerungsgruppen, allen voran Schwarze Frauen, in ihren komplexen Lebenswirklichkeiten sichtbar zu machen. Intersektionalität erlaubt, so ihre Überzeugung, inklusiv politisch zu arbeiten und tatsächlich alle Menschen zu erreichen. Crenshaw hat bereits unzählige Menschen inspiriert und in ihrem Kampf um Gerechtigkeit unterstützt und gestärkt.

Gleitender Signifikant

„Das Ende der Unterdrückung ... ist nichts anderes als ein Bewusstseinswandel.“ 

„Unterdrückungssysteme beruhen auf sozialen Kategorien.“

Hierarchische Differenzbehauptungen werden mit unhaltbar-biologistischen Begründungen perpetuiert. Nichts beweist eine größere Resistenz gegen Erkenntnisse als das biologische Ressentiment. Das Vorurteil verortet alles Mögliche in den Genen. Gene sind für Rassist*innen wahre Wundertüten. Ich sondiere noch ein bisschen das Gelände, bevor ich Emilia Roigs Werk vorstelle.  

Die weiße Welt kommt aus dem Geist pflügender Pioniere - macht euch die Erde untertan. Wo immer sie Neuland entdeckten, war es ihr Land und die Leute, die sie antrafen, sahen ihnen höchstens ähnlich. Sie unterschieden zwischen wilden und zahmen Wilden, in Lateinamerika unterschieden sie den Indio manso vom Indio salvajes. In ihrem Begreifen sympathisierte jeder Kulturfolger, so wie Silberfische und Wanderratten, erfolgreicher mit den Zivilisationsgesandten als die Indigenen. Die katholische Kirche bewahrte dem „Indio manso“ ein Daseinsrecht in seiner Verniedlichung. Sie stellte ihn als Kind der Wildnis hin. Den Mut, die Sache blutig zu Ende zu bringen, forderten andere. Sie nannten es Feigheit, den aus dem Kuckucksnest der Steinzeit gefallenen Wilden im Elend zu lassen, wo er doch nichts anderes als das Elend vererben konnte.

Die kolonial-rassistischen Muster haben ihren Ursprung in schockhaft-traumatischen Begegnungen neuzeitlicher Typen mit altzeitlichen Exoten. Bis dahin war all das, was es zum Beispiel auf der seit der Antike gedachten Terra Australis tatsächlich gab, nur geträumt worden. Das kollektive Unbewusste Europas fand in Amerika, Afrika und Australien seine stärksten Bilder der Andersartigkeit. Das Andere (der Fremde in seiner natürlichen Umgebung) wurde der Natur (Barbarei) zugeordnet, während sich die Raumfahrer des Mittelalters distanzierten. Aus ihren Albträumen sind rassistische Ressentiments gemacht.

Nichts beweist eine größere Resistenz gegen Erkenntnisse als das Ressentiment. Wir sind darauf angewiesen, schnell zu urteilen, und da hilft das Vorurteil. Das erklärt im Verein mit den Machtverhältnissen, warum Menschen nicht aufhören, etwas für biologisch zu halten, was nur einer Konvention entspricht, oder um Hall zu zitieren, „Rasse ist ein gleitender Signifikant“. Der in seinen besten Zeiten zwischen Oxford und Harvard pendelnde Kulturwissenschaftler zieht „Rasse“ oft, aber nicht immer aus dem Rahmen der Markierung eines kontaminierten Begriffs.  

Halls Einfälle drehen sich um Kulturbefehle, die Hierarchien dann noch garantieren, wenn jemand Ethnie oder Kultur statt „Rasse“ sagt. Vermutlich ist es noch nicht mal wichtig, ob in der Verwendung dieser Wörter eine Überzeugung veröffentlicht wird oder ob jemand gerade Kreide frisst.

Hall bezeichnet „Rasse“ als eine „Meisteridee der Klassifizierung“ und als „Herzstück“ einer Herrschaft, die Differenz zu ihrem Vorteil produziert. Jede Gegenformel beweist die Kraft des Rassismus.

Hall zeigt, warum „Rasse“ sich als konfrontative Kategorie nicht einfach selbst in der Ethnizität zum Verschwinden bringt. Er macht klar, wie tradierte Erwartungen (etwa einer geringeren Intelligenz bei Schwarzen) als Barrieren noch in den Überwindungen rassistischer Denk- und Sprechweisen Standfestigkeit beweisen. Hall bleibt da nicht stehen. Er entwickelt einen diasporisch-pluralen Begriff von Identität. Er trifft sich mit Patrick Chamoiseau in der Einschätzung von Folgen im Kolonialstil vernichteter indigener Ökonomien. Es sind die Elendsverweigerer, die den Druck an Europas Schmerzgrenzen aufbauen.

Aus der Ankündigung

Wir kennen Rassismus, Homophobie, Behindertenfeindlichkeit, Transfeidlichkeit und vieles andere mehr – und viele von uns empfinden darüber eine manchmal hilflose Wut, denn gerade aktuell scheinen die Gräben durch die Gesellschaft tief, unsere Welt so polarisiert wie nie und die Überwindung dieser Gräben in weiter Ferne. Die einen halten erbittert an etablierten Machtstrukturen fest, die anderen kämpfen in einem immer sichtbarer werdenden Widerstand dagegen an. Die Autorin und Gründerin und Direktorin des Center for Intersectional Justice (CIJ) Emilia Roig untersucht in ihrem neuen Buch „Why we matter. Das Ende der Unterdrückung“ die angesprochenen Konfliktlinien und zeigt auf, dass der für uns alle nötige Transformationsprozess nur durch eines herbeigeführt werden kann: durch eine radikale Solidarität und Gleichberechtigung aller.

Wie erkennen wir unsere Privilegien? Wie können Weiße die Realität von Schwarzen sehen? Männliche Muslime die von weißen Frauen? Und weiße Frauen die von männlichen Muslimen? Die Aktivistin und Politologin Emilia Roig zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie, in der wie unter einem Brennglas Rassismus und Black Pride, Antisemitismus und Ausschwitz, Homophobie und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen –, wie sich Rassismus im Alltag mit anderen Arten der Diskriminierung überschneidet. Ob auf der Straße, an der Uni oder im Gerichtssaal: Roig schafft ein neues Bewusstsein dafür, wie Zustände, die wir für „normal“ halten – die Bevorzugung der Ehe, des männlichen Körpers in der Medizin oder den Kanon klassischer Kultur – historisch gewachsen sind. Und dass unsere Welt eine ganzandere sein könnte. So wagt sich Roig mit ihrem Buch an die wichtigsten und größten Fragen unserer Zeit, schärft den Blick der Leser*innen und zeigt Wege, Alltagsdiskriminierung zu überwinden.

Emilia Zenzile Roig (*1983) ist Gründerin und Direktorin des Center for Intersectional Justice (CIJ) in Berlin. Sie promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Science Po Lyon. Emilia Roig lehrte in Deutschland, Frankreich und den USA Intersektionalität, Critical Race Theory und Postkoloniale Studien sowie Völkerrecht und Europarecht. Sie hält europaweit Keynotes und Vorträge zu den Themen Intersektionalität, Feminismus, Rassismus, Diskriminierung, Vielfalt und Inklusion und ist Autorin zahlreicher Publikationen auf Deutsch, Englisch und Französisch. Sie ist Interviewpartnerin in Sibylle Bergs Bestseller „Nerds retten die Welt“ und war Mitglied der Jury des Deutschen Sachbuchpreises 2020.