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24.02.2021, Jamal Tuschick

Er las immer Agamemnon statt angenommen, so sehr hatte er den Homer gelesen. Lichtenberg

Vergessen, Versprechen, Vergreifen

Geografie ist Schicksal, soll Napoleon gesagt haben. Wie viel mehr gilt das für Topografie. Im Verliererinnenviertel wird immer weiter verloren.

© Jamal Texas Tuschick

Man will nicht so heißen wie ein anderer, da man einen eigenen Namen braucht.

Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll, dass niemand weiß, wie er ihn meiden soll. Das faustische Motto stellt Sigmund Freud einer erstmals 1904 erschienenen Betrachtung der Alltagspathologie voran. In frühen Ausgaben lautet der Untertitel Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. Freud beginnt mit dem Vergessen von Eigennamen. Einem Hochzeitsreisenden, der in Venedig seiner Frau einen Bekannten vorstellen muss, fällt dessen Name nicht ein. Er hilft sich mit einer theatralischen Überbrückung, die ihn wenig zufrieden stellt. Bei der nächsten Gelegenheit bittet er den anderen ihm aus der Verlegenheit zu helfen. Der Angesprochene reagiert verständnisvoll. Er heiße so wie der Hochzeiter. 

„Ich heiße wie Sie.“

Freud bilanziert:

„Man kann sich einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn man seinen eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet.“  

Davon kann ich ein Lied singen. Es gibt Tausende Tuschicks. Mit allen bin ich verwandt, doch mit keinem entfernt verwandten Tuschick ergab sich ein stabiler Kontakt. Fürwahr will man nichts voneinander wissen. Darüber rede ich mit der Therapeutin Brain (nicht Brian) Annabelle Texas Thundergod*. 

Ich schlage jetzt einen Bogen zu meinem Vergnügen. Mitte des 19. Jahrhunderts ergibt sich in den provenzalischen Alpen ein sozialer Sonderfall. Im Zuge eines Staatsstreichs werden die Männer eines republikanischen Dorfes ermordet oder abgeführt. Während sich Präsident Louis Napoléon Bonaparte (1808 bis 1873) zum französischen Kaiser aufschwingt und das Parlament entmachtet, verliert der Alltag der Zurückgelassenen seine überkommene Struktur. Das Dorf wird zum Labor und das Soziale zum Experiment.  

*

Geografie ist Schicksal, soll Napoleon gesagt haben. Wie viel mehr gilt das für Topografie. Im Verliererinnenviertel wird immer weiter verloren. Ein paar Frauen vertreten das Faustrecht in Eckensteherinnenpittoresken. Der Rest duckt sich unter die Kotrinne. Für Alternativen fehlt das Vokabular. Auch ich beschränke mich auf die Valeurs der Selbstsicht meiner Protagonistinnen. Ich nenne Vanessa ohne jede Verlegenheit. Die anderen Namen fallen mir aber nicht ein. Drei Generationen arrangieren sich. Alle ziehen am Strang der Notwendigkeiten, die das Überleben unter verschärften Bedingungen dikiert. Wo Raum zum Träumen bleibt, träumen die Jungen von eigenen Familien. Wenigstens Kinder wollen sie, um ihrem Dasein eine Bedeutung zu geben.  

„Warum wohl fallen Ihnen die Namen der anderen Frauen nicht ein?“ fragt Professor Brain. 

Sollten sie mit mir verwandt sein? Ich meine Vanessa und diese Leute. War ich in einem früheren Leben an Vanessa interessiert? Ich wäre schließlich der Frauengesellschaft konkurrenzlos erschienen. Vielleicht ritt ich eines Tages in jene Gegend. Jedenfalls berichtet Freud von einem Herrn, dem einer die Verlobte ausspannte. Obwohl er mit dem Rivalen schon lange ständig korrespondierte, entfiel ihm im Weiteren oft der Name des Glücklichen.