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26.02.2021, Jamal Tuschick

Sexuelle Störungen

Bärbel Reetz über sexuelle Störungen und ihre Ursachen am Beispiel des Lieblingsdichters von Siegfried Unseld

„Drei Frauen“ heißt ein Band von Robert Musil. Drei Frauen brachten es fertig, mit Hermann Hesse verheiratet zu sein. Ihnen widmet sich Bärbel Reetz in biografischen Annäherungen. Unter dem Titel „Hesses Frauen“ erschienen diese Intimitäten im Insel Verlag. Hesse war privat gern ein unangenehmer Patron - und nicht nur „der arme Irre“, so wie in einer Selbstbeschreibung, die vollständig nicht sein könnte, ohne den nachträglich-pompösen Hinweis auf sein Geistesfürstentum. Bärbel Reetz ist durch die Dachböden privater Umstände gestiegen, die Germanistin konnte mit Nachfahren des „Wortzauberers“ reden, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Das kam zu Archivfunden und ergibt im Ganzen eine entzaubernde Lektüre. Der hohe Ton, das George'ische Gebimmel bleibt ausgeschlossen, wie angenehm.

Hesse heiratet 1904 die in Berlin ausgebildete Kunstfotografin Maria „Mia“ Bernoulli. Bernoulli ist ein Name mit Klang in der Gelehrtenwelt. Mias Baseler Vater erkennt in seinem Schwiegersohn keinen Ebenbürtigen. Das wird heraus gespielt in Bärbel Reetz´ Würdigung einer Frau, die – gemeinsam mit der Schwester – in ihrem Beruf die Erste war und gleich mal das gestellte Bild reformierte. Die Mutter sämtlicher drei Söhne, die dem Dichter nachkamen, ging in der Vergangenheit als Fußnote durch, schreibt Bärbel Reetz, um das zu ändern. „Das späte Mädchen“ Mia, neun Jahre älter als ihr Debütant, sucht allein eine Wohnung für das Paar, immer à pied und unter den „mächtigen“ Linden südbadischer Weiler. Sie ist die Patente, der Gatte kommt erst nach der Hochzeit zur Besichtigung seiner akuten Häuslichkeit. Depressiv ungeschickt zeigt er sich, „jede Geste bekommt eine Zentnerlast“. Er habe von daheim nicht viel Leichtes mitgekriegt, meint Bärbel Reetz. Väterliche Strenge und Choräle: so sei das Programm gewesen. Hesse bleibt hölzern im Familiären, schwerer als die Hochzeit wiegen die Möbel, die rechtzeitig nicht geliefert … in eine primitive, von allereinfachster Landwirtschaftlichkeit geprägte Umgebung. Es erscheint „Unterm Rad“, der Dichter besteht bei seiner Frau auf mütterliche Fürsorge. Er macht später sexuelle Störungen geltend, Bärbel Reetz deutet die Abwehr an, den Ausschluss der Welt nicht nur in Gaienhofen. Hesse trennt seine Familie auch räumlich von sich, in einem schicklichen Rahmen. Seine Selbstzweifel gäben die höchsten Gebote ab, wäre da nicht noch die Eitelkeit. So hat man ihn sich noch nicht vorgestellt. Psychische Krisen sind auf Mias Seite eine Antwort. Die Scheidung folgt 1923.

Vier Jahre zuvor entsteht die Italienflucht „Klein und Wagner“. Da lebt Hesse für sich in Montagnola, in einem wie aus der Zeit gerückten Tessin. Es wird gespindelt „wie in Dornröschen“, schreibt Bärbel Reetz und trägt das auch so vor, dass man die Bluttropfen förmlich auf etwas Weißem sich ausbreiten sieht. Verliebt in Hesses Verse (Achillesferse geht so schön mit im Assoziativen) ist die viel jüngere Ruth Wenger. Die Braut träumt von Schicksal. „Unverstellt erwartungsvoll“ nennt sie die Autorin. Ein Reh ist Ruth, es verspricht dem Meister eine leichtfüßige Existenz … und wird dafür in der Casa Camuzzi zur „Königin der Gebirge“ erklärt.

Die Väter sind nie einverstanden mit Hesse, Ruths Vater, Schriftsteller auch er und so vergessen wie viele, besteht auf Formalität. Schon fängt Ruth an unter Hesse zu leiden, nie sollte man von Worten auf einen Menschen schließen. Hesse besteht auf schriftliche Anfragen der Geliebten, die dann zur ehrlichen Frau gemacht wird. Der Analytiker ist stets zugegen, „vergiss bitte nicht, dass ich nur ein armer Schizophrener bin“, bitte Hesse seine Frau ihn zu verstehen. Sie bittet um Scheidung, so geschieht es 1927. Ninon Dolbin geb. Ausländer tröstet den Verzweifelten, kurz vor Steppenwolf, „zwischen vollen Aschenbechern und leeren Weinflaschen“. Sie kennt Hesse beinah von jeher und so als ungleiche Brieffreundin. „Er ist ihr Gott“, so Bärbel Reetz, mal mehr und mal weniger heidnisch. Ninon schwankt zwischen Zeus und dem heiligen Franziskus. Für ihn will sie „duften“. Im November 1931 wird sie die dritte Frau, das quittiert Hesse so: „Heute muss ich mir wieder den Ring durch die Nase ziehen lassen“.

Katja Mann rät der zur Selbstaufgabe entschlossenen Ninon: „Paß auf, daß Du auch immer noch Dein Eigenes hast“.