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01.03.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Eine Schublade für Maurer

Von jeher arm war die Gegend; ursprünglich eine Schublade für Vogtländer Maurer. Im Sommer zogen die von Friedrich II. nach Berlin geholten Arbeiter:innen Überwältigungsarchitektur an der nördlichen Stadtgrenze hoch. Im Winter brachten sie sich an Spinnrädern über die Runden. Das Neu-Vogtland an der Linienstraße war verrufen; eine Brutstätte „der Armut und des Elends“, wie Ulrich Gutmair in seinem Post-Coldbellum-Berlinbuch „Die ersten Tage von Berlin“ schreibt.

Aus der Vorstadt am Rosenthaler Tor kam nichts Gutes in der bürgerlichen Betrachtung. Ringvereine entstanden außerhalb der Ringmauer. Bald nach Neunundachtzig wurde das angestammte „Hauptquartier des Pöbels“ schick in einer überraschenden Wende nach der Wende. Die Gentrifizierung schob das Rotlichtmilieu vor sich her. Die Flurbereinigung erfolgte nach Schema F.

Verstolperte Anfänge

Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg gewinnt Berlin das Renommee eines literarischen Reiseziels. Von da an prägt sich das Berliner Weichbild als Brandenburger Wahrzeichen dem Selbstverständnis ein, mit dem über deutsche Fürstentümer gesprochen wird. Die Stadtsoziologin Annabelle Brain bemerkt in ihren Aufzeichnungen Genese einer Kapitale verstolperte Anfänge und eine verschleppte Adoleszenz. Die Doppelstadt blieb Jahrhunderte ihren Jugendstilen verhaftet. Solange war sie weit davon entfernt, neben Paris und London Geltung zu beanspruchen. Ihre Mutterstadt war Brandenburg (Stadt), ihre Schwesterstadt war Frankfurt/Oder. Geht man von der Referenzdynamik aus, erkennt man leicht, wie wenig prädestiniert Berlin für eine große Rolle war.

Die Mark existierte lange ohne Zentrum. Brandenburger Kurfürsten arrangierten sich. In ihren Augen hatte Berlin keinen Vorrang. Die Stadt entwickelte sich in der Abwehr fürstlicher und geistlicher Ansprüche. Sie erwarb die Gewalt, durchfahrenden Kaufleuten eine Gebühr aufzudrücken. Sie stützte das Innungswesen. Schuster und Bäcker genossen das höchste Ansehen. Ein gemeinsamer Rat beider Städte legte dem urbanen Kern einen Speckgürtel an. Man kaufte Rixdorf und Marienfelde.

Verstimmter Haudegen

Professor* Brain leuchtet eine Zukunft aus, die Berlin im Mittelalter hätte haben können: eine größere Einigkeit der Bestimmer vorausgesetzt. Der ratsherrliche Zwist schlug eine Bresche, durch die ein Kurfürst eindrang, den man „Eisenzahn“ nannte. Brain doziert über die Interventionen eines Brandenburger Friedrichs, dessen Stehvermögen melancholisch gesockelt war. Seine polnische Braut war so hold verschieden, dass der Fürst keinen Trost mehr in der Ernüchterung fand.

Friedrich fand es angebracht, den Berliner seinen größten Stempel einzuprägen. Er verlangte ein Schloss in Cölln und dealte zum Behuf der Durchsetzung fürstlicher Interessen mit den Geringsten auf dem Platz. Das waren von der „patrizischen Obrigkeit“ hart gekeilte, zur „Meinheit“ niedrig gerechnete Handwerker.

Dies als Beispiel für überraschende Allianzen.  

Zum Schluss eine Weisheit von Miyamoto Musashi:

„Es gibt nichts außerhalb von dir, dass dich dazu bemächtigt, stärker, reicher, schneller oder klüger zu werden. Alles ist in dir. Alles existiert. Suche nichts außerhalb von dir selbst.“