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02.03.2021, Jamal Tuschick

Ein Abend mit Wolf Biermann in graupräpandemischer Vorzeit; betäubt von den Parfümangriffen ihrer Nachbarinnen, sackt Billie Ørstavik in der Zuschauer:innenzone zusammen.  

© Jamal Texas Tuschick

Parfümangriffe

Es sollte nie einer erfahren

Es sollte nie einer von der Rücknahme erfahren. Unter dieser Bedingung erklärte sich Heiner Müller der Stasi gegenüber bereit, zu widerrufen. Siehe Brechts „Leben des Galilei“.

Man habe sich nach Neunundachtzig auf einer Frankfurter Messe zufällig getroffen, noch im Einzugsbereich von Stasi-Tiefausläufern, und alle „Probleme endgültig beschwiegen“. Schließlich habe Müller, seine vernuckelte Zigarre im Anschlag, die Distanz zu Biermann verkürzt und mit einer vom Nikotinatem verseuchten und vom Rauchen brüchigen Stimme gemunkelt:

„Wolf, es gibt auch ein Menschenrecht auf Feigheit.“

*

Ein Abend mit Wolf Biermann in graupräpandemischer Vorzeit; betäubt von den Parfümangriffen ihrer Nachbarinnen, sackt Billie Ørstavik in der Zuschauer:innenzone zusammen. Ihr fällt ein, dass ein Poster von Tom Jones zur Freude ihrer Mutter im Hobbykeller am Mauerwerk klebte, so dass der Waliser mit dem Testosterontenor wie ein Schiedsrichter über die zahllosen Tischtennismatches zu wachen schien, die Billies Mutter, einst Kanadische Meisterin, bis ins hohe Alter stets gewann.  

Wolf Biermann erfüllte Aufgaben in der DDR, „als die Baracke noch fröhlich war“ (Manfred Krug), die im Westen Tom Jones erledigte. Biermann verkörperte den Künstler in viril. Interessant findet Billie, dass sich der alte Barde, den neuen Spielregeln zum Trotz, als Hecht im Karpfenteich weithin zu erkennen gibt und seine Eroberungen im Safaristil schildert.   

Während er mit Brigitte Soubeyran „wie verheiratet“ zusammenlebt, beschleicht den noch unbekannten Dichter (nach einer krankheitsbedingten Phase monogamer Enthaltsamkeit) das Verlangen, einer Krankenschwester nahezukommen, halb fatalistisch der Gier ergeben, halb scheusalisch die Gunst einer Stunde nutzend.

Auf der letzten Zielgeraden muffen auch Erinnerungen an die vitale Liebe wenigstens wie mit Mottenpulver imprägniertes Zeug. Da hilft kein Baudelaire und nicht das Aufsagen französischer Verse. Es hilft kein kalauern. Heine in Paris als Steigerung zu Gott in Frankreich. Die Matratzengruft als Olymp. Jeder weiß, wo Biermann seinen lyrischen Vogel, diesen greisen Geier, herhat. Gleichwohl wundert es Billie, sich denken zu hören, dass sich Biermann im Vergleich mit den verbliebenen Granden seiner Generation am besten schlägt. Sie sieht den Tölpel vor dem Thron der Jahre. Der Künstler als junger Mann idealisiert die reizende, von dem Ganeff Lacenaire, dem Pantomimen Debureau, dem Schauspieler Frederic und dem Adeligen de Monteray verehrte Garance in „Kinder des Olymp“. Die Szenen des Glücks im hauptstädtischen Winkel der Deutschen Demokratischen Republik erreichen die cineastische Grazie des Films von Marcel Carné.

„Diese Frau war einfach der saftigste Pfirsich, den ich je gepflügt hatte … Ich zappelte als Fisch in ihrer Reuse.“

Die Segensreiche überflügelt ihre Konkurrenz in der Annäherung an das Ideal, so dass sie sich den Beinamen Garance verdient. Sie wird von der Stasi zum Einsatz frauenspezifischer Methoden (Stasijargon) angehalten und in Westberlin auf den Strich geschickt.  

Das streift einen unrasierten Rand. Sogar Biermann will nicht so sehr Gaukler auf dem Jahrmarkt sein, dass er die Lust von früher noch irgendwie zu spüren vorgäbe. Man wird wieder keusch, natürlich auf eine ranzige Weise. Das Agens der späten Produktion erschöpft sich in der Liebe zu Einer und in Erinnerungen an Kämpfe, die man zu überleben wusste. Ist alles Kopfsache. Die, die Biermann übelwollten, sind tot. Er hat ihre Leichen im Fluss der Zeit vorbeischwimmen sehen. Er hat den Angriff eines Staates auf seine Person überstanden.

Der Poet bringt peinlich mit Pein in Verbindung. Er deklariert die Episoden als Novellen. Der Autor tritt an den Erzähler ab, was er dem Leser nicht anders verraten will. Das ist ein Vexierspiel, in dem immer noch Vorsicht walten könnte. So als käme es jetzt noch darauf an.

„Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“

So auf den Punkt brachte Goethe die Novelle in einer von Eckermann 1827 festgehaltenen Bemerkung. Wie Biermann über Ruth Berlau spricht, die er erst trifft, als sie „schon ein alkoholisiertes Wrack“ ist, erfüllt die Bedingung schicksalhafter Bedeutung.

„Brecht starb, um sich nicht länger verhalten zu müssen.“ Heiner Müller

„Die alte Frau“ (ist) knapp über fünfzig.“ Vor ihrem Fenster steht auf dem Karlsplatz eine von Brecht in die Lyrik gebrachte Pappel. „Der große Lehrer“ hatte Berlau ausgemustert, als er zum Schreiben seiner Stücke keine Zuarbeiterin mehr brauchte, weil er keine Stücke mehr schrieb. Nun ist Brecht tot und Berlau versucht so ein bisschen brechtig Biermann zu ihrem Adlatus zu machen. Biermann erlebt die Zeit am Berliner Ensemble als „rationalen Rausch“.