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03.03.2021, Jamal Tuschick

London 1754 - Bess Bright, Tochter eines erbärmlichen Krabbenfischers, aufgewachsen in der Hafengosse, findet sich von einem Moment zum anderen in einem Alptraum wieder, der noch viel grauenhafter ist als das vertraute Grauen von Geburt an.

Die Kapitale steckt voller Punks. Armut grassiert wie ein tödliches Fieber. Die Prekären leben mehr oder weniger auf der Straße und vermehren sich da in dürftig arrondierten Arrangements. Stacey Halls schildert die erschütternde Alltäglichkeit von Notzucht und Liebe. Der Straßenkot empfiehlt, jedes Geschäft im Stehen zu verrichten. In allen Winkeln finden Stoffwechselprozesse statt. Ein Stutzer nimmt die Tochter eines Krabbenhändlers für sich ein. So kommt Bess Bright zu einer Tochter, die sie Clara nennt. Noch am Tag der Geburt überlässt die von tausend Nöten zerrissene Mutter Clara der karitativen Obhut im Foundling Hospital.

Dürftig arrondiert

London 1754 - Bess Bright, Tochter eines erbärmlichen Krabbenfischers, aufgewachsen in der Hafengosse, findet sich von einem Moment zum anderen in einem Alptraum wieder, der noch viel grauenhafter ist als das vertraute Grauen von Geburt an. © Jamal Texas Tuschick

Leseprobe zu „Die Verlorenen“

Die Babys waren eingepackt wie Geschenke. Manche trugen hübsche Kleidung – ganz im Gegensatz zu ihren Müttern –, winzige, bestickte Hemdchen und dicke Schals, denn es war Winter geworden und der Abend schneidend kalt. Ich hatte Clara in eine alte Decke gewickelt, die schon seit Jahren hätte geflickt werden müssen, was aber nun niemals geschehen würde. Eng aneinandergedrängt standen wir um den Säuleneingang herum, wie Motten unter den Fackeln, die in ihren Halterungen brannten. Etwa dreißig von uns hatten sich hier versammelt, und unsere Herzen flatterten wie papierzarte Flügel. Ich hatte nicht erwartet, dass ein Heim für ausgesetzte Kinder so ein Palast sein würde, mit Hunderten in der Dunkelheit leuchtenden Fenstern und einem Wendeplatz für Kutschen. Der Innenhof wurde von zwei lang gestreckten, beeindruckenden Gebäuden sowie einer Kapelle an der Kopfseite eingerahmt. Am nördlichen Ende des Westflügels fiel Licht aus der offenen Tür auf die Pflastersteine. Die Eingangstore schienen weit hinter uns zu liegen. Einige von uns würden diesen Ort mit leeren Armen verlassen, andere ihre Kinder wieder in die Kälte hinaustragen. Aus diesem Grund konnten wir einander nicht in die Augen schauen und hielten unsere Blicke zu Boden gesenkt.

Clara umklammerte meinen Finger, der perfekt in ihre winzige Faust passte, wie ein Schlüssel ins Schloss. Ich dachte daran, wie sie später ins Leere greifen würde, und drückte sie fester an mich. Mein Vater, den Ned und ich Abe nannten, weil auch unsere Mutter das früher getan hatte, stand schräg hinter mir, das Gesicht im Schatten. Er hatte das Baby nicht einmal auf den Arm genommen. Die Hebamme – eine ausladende Frau aus der Nachbarschaft, die so günstig wie verschwiegen war – hatte ihm Clara hingehalten, als ich nach der Geburt erschöpft im Bett lag, mein ganzer Körper ein einziger Schmerz, und Abe hatte den Kopf geschüttelt, als wäre sie eine Straßenverkäuferin, die ihm einen Pfirsich feilbot.

Ein schmächtiger Mann mit Perücke und dürren Beinen brachte uns hinein. Wir gingen durch eine Eingangshalle, wie ich sie noch nie gesehen hatte, mit glänzend polierten Treppengeländern aus Walnussholz und einer großen Standuhr. Nur das Rascheln unserer Röcke war zu hören, das Geräusch unserer Schritte auf dem Steinboden. Eine kleine Herde von Frauen, die vor Milch geradezu barsten, mit ihren Kälbchen im Arm. Ein Ort für sanfte, gedämpfte Stimmen, nicht für ein Marktschreierorgan wie meines.

Unsere kleine Prozession marschierte die mit weinrotem Teppich ausgelegte Treppe hinauf und dann in einen Raum mit hoher Decke. Nur ein Rock und ein Säuglingsbündel passten auf einmal durch die Tür, weshalb wir uns wie vornehme Damen auf einem Ball in einer Reihe hintereinanderstellten. Die Frau vor mir hatte braune Haut, und ihr schwarzes Haar kräuselte sich unter der Haube. Eine Mulattin. Ihr Baby war unruhiger als die anderen und weinte, und sie wiegte es unbeholfen im Arm, ungeübt wie wir alle. Ich fragte mich, wie vielen wohl die eigene Mutter zur Seite stand, um ihnen zu zeigen, wie man wickelte, wie man fütterte? An diesem Tag hatte ich schon fünfzigmal an meine Mutter gedacht, öfter als im ganzen letzten Jahr. Früher hatte ich sie im Knarren der Bodendielen gespürt, in der Wärme des Bettes, doch das war schon lange her.

Die Wände waren mit grüner Tapete verkleidet, die Decke mit weißem Stuck verziert. Es brannte kein Feuer im Kamin, doch der Raum war warm und wurde von zahlreichen Lampen erhellt. Goldgerahmte Gemälde schmückten die Wände, ein Kronleuchter hing über uns. Einen so vornehmen Raum hatte ich noch nie gesehen. Er war voller Menschen. Ich hatte gedacht, wir würden unter uns sein, vielleicht noch ein paar Kinderschwestern, welche die Babys wegbrachten, die hierbleiben durften. Doch ein erwartungsvoll lächelndes Gesicht reihte sich an das nächste – hauptsächlich edel gekleidete Frauen, die sich Luft zufächelten und ganz bestimmt nicht an diesem Ort arbeiteten. Sie sahen aus, als wären sie den Gemälden an den Wänden entstiegen, und boten einen ungewohnten Anblick, als sie uns interessiert musterten. Teurer Schmuck blitzte an ihren Hälsen auf, die Reifröcke strahlten in leuchtenden Farben wie Tulpen. Ihr Haar trugen die Frauen hoch aufgetürmt und dick gepudert. Ein halbes Dutzend Männer mit silbernen Gürtelschnallen über den Schmerbäuchen war ebenfalls anwesend. Dagegen sah Abe mit seinem schmutzigbraunen Mantel noch schäbiger aus als sonst. Die Männer gaben sich ernster, und viele beäugten die Mulattin, als stünde sie zum Verkauf. Sie hielten kleine Gläser in ihren behandschuhten Händen, und mir wurde klar, dass dieser Abend für sie eine Feier darstellte.

Ich blutete immer noch. Clara war heute Morgen vor Sonnenaufgang zur Welt gekommen, und mein ganzer Körper fühlte sich wie zerrissen an. Noch keinen ganzen Tag lang war ich ihre Mutter, und doch kannte ich sie schon so gut wie mich selbst: ihren Geruch, das schnelle Galoppieren ihres Herzens, das in meinem Leib geschlagen hatte. Schon bevor man sie rot und schreiend aus mir herauszog, hatte ich gewusst, wie sie sich anfühlen und wie schwer sie in meinem Arm liegen würde. Ich hoffte, man würde sie aufnehmen, und gleichzeitig fürchtete ich es. Ich dachte an Abes von Falten durchzogenes Gesicht, den gesenkten Blick, seine schwieligen Hände, die mir die Tür aufhielten. Er war der einzige männliche Begleiter im Raum. Die meisten anderen waren allein gekommen, manche hatten offensichtlich Freundinnen, Schwestern oder ihre Mütter mitgebracht, die angespannt das Geschehen verfolgten. Abe mied meinen Blick. Auf dem langsamen, traurigen Marsch von unserer armseligen Unterkunft in der Stadt hatte er kaum ein Wort gesprochen, doch seine Anwesenheit war so tröstlich wie eine warme Hand auf meiner Schulter. Als er zu Hause nach seinem Mantel gegriffen und gesagt hatte, wir müssten jetzt gehen, hatte ich vor Erleichterung fast geweint. Ich hatte nicht erwartet, dass er mitkommen würde.

Stille senkte sich über den Raum, als ein Mann vor dem großen Kamin zu sprechen begann. Seine Stimme war kraftvoll und so weich wie die Teppiche unter uns. Ich starrte auf den Kronleuchter, während der Mann uns erklärte, wie die Lotterie ablaufen würde. Eine weiße Kugel bedeutete, dass das Kind aufgenommen wurde, eine schwarze, dass man es abwies. Bei einer roten musste man warten, ob ein Kind mit einer weißen Kugel nach der ärztlichen Untersuchung doch nicht bleiben durfte. Es erforderte meine ganze Kraft, ihm zuzuhören.

„Es gibt zwanzig weiße Kugeln“, sagte der Mann. „Fünf rote und zehn schwarze.“

Ich schob Clara in meinem Arm zurecht. Die Gäste an den Wänden musterten uns nun offener, fragten sich wohl, wer von uns Glück haben und wer vielleicht sein Baby auf der Straße aussetzen und dem Tod überantworten würde. Wer von uns unverheiratet war. Wer eine Hure. Eine Kinderschwester ging von Frau zu Frau, mit einem Stoffbeutel in der Hand, aus dem wir eine Kugel ziehen sollten. Als sie vor mir stand, klopfte mein Herz wild in meiner Brust, und ich sah ihr in die ausdruckslosen Augen, während ich in den Beutel griff. Die Kugeln waren glatt und kühl wie Eier, und ich hielt eine davon fest in der Faust, als könne ich so ihre Farbe erspüren. Die Schwester schüttelte ungeduldig den Beutel, und irgendetwas sagte mir, ich solle die Kugel fallen lassen und eine andere nehmen.

„Wer sind die Leute, die uns zuschauen?“, fragte ich.

„Sie wurden eingeladen“, antwortete die Frau gelangweilt. Ich packte eine andere Kugel, ließ auch diese fallen, und die Schwester schüttelte den Beutel erneut.

„Weshalb?“, fragte ich leise und war mir der vielen Blicke bewusst, die auf mir ruhten. Ich dachte an die Söhne und Töchter der Reichen in ihren Villen in Belgravia und Fitzrovia und Mayfair, die unter warmen Decken lagen, gebürstet und gewaschen, die Bäuchlein voller Milch. Vielleicht würden einige der Zuschauer später dem Kinderzimmer einen Besuch abstatten und einen Kuss auf schlafende Wangen drücken, sentimental geworden angesichts unserer Not, bevor sie heute zu Bett gingen. Eine Frau starrte mich an, als wolle sie mich zwingen, eine bestimmte Farbe zu wählen. Sie war füllig und hielt einen Fächer in der einen, ein kleines Glas in der anderen Hand. Eine blaue Feder steckte in ihrem Haar.

„Das sind unsere Wohltäter“, erklärte die Schwester ungeduldig. Ich merkte, dass ich nun meine Wahl treffen musste, also wog ich eine weitere Kugel in meiner Handfläche. Ich zog sie heraus, und es wurde still im Raum.

Rot. Ich würde mich noch gedulden müssen.

Die Schwester setzte ihre Runde unter den Augen der Wartenden fort, die mit besorgtem Blick zu erkennen versuchten, welche Farben bereits gezogen worden und welche noch übrig waren. Am Eingang hatte man uns gesagt, dass die Babys höchstens zwei Monate alt sein durften und bei guter Gesundheit sein mussten. Doch viele Säuglinge waren kränkliche, ausgehungerte Dinger, deren Mütter mit wenig Erfolg versucht hatten, sie zu stillen. Manche waren mindestens sechs Monate alt und um kleiner auszusehen so fest eingewickelt, dass sie vor Unbehagen weinten. Clara war die Kleinste und sicher auch die Jüngste von allen. Seit unserer Ankunft hier hatte sie ihre Augen nicht geöffnet. Wenn das ihre letzten Momente mit mir waren, würde sie es nicht merken. Ich sehnte mich danach, mit ihr im Bett zu liegen, mich wie eine Katze an sie zu schmiegen, zu schlafen und erst im nächsten Monat wiederzukommen. Ich dachte an Abes stumme Scham, die undurchdringlich in den zwei Zimmern unseres Zuhauses stand und alles wie Kohlenrauch verschmutzte und verfaulen ließ.

Ich dachte daran, sie nach Billingsgate mitzunehmen und sie auf Abes Marktstand zu setzen wie eine winzige Galionsfigur. Eine Meerjungfrau aus den Tiefen des Ozeans, die an Abraham Brights Krabbenstand zur Schau gestellt wurde. Kurz überlegte ich, wie es wäre, sie einfach mitzunehmen, wenn ich unsere Waren auf der Straße feilbot, sie mir vor die Brust zu binden, damit ich die Hände frei hatte, um Krabben aus meinem Hut zu schöpfen.

Ich hatte schon Marktschreierinnen gesehen, die ihre Babys mit sich herumtrugen. Doch was passierte, wenn diese Kinder nicht mehr so klein waren wie ein Laib Brot? Wenn sie größer wurden, mit Fäusten und strampelnden Füßen und hungrigen, leeren Mäulern?

Eine Frau heulte auf. Sie hielt eine schwarze Kugel in ihrer Hand. Ihr Gesicht zeigte abgrundtiefe Verzweiflung. „Ich kann ihn nicht behalten“, weinte sie. „Sie müssen ihn nehmen. Bitte.“ Die Bediensteten beruhigten sie, während wir diskret unsere Blicke abwandten. Ich war schrecklich erschöpft und gähnte so herzhaft, dass mein Gesicht schmerzte. In den letzten zwei Nächten hatte ich kaum geschlafen, seit Clara sich angekündigt hatte. Heute Morgen hatte sich Ned mit dem Baby ans Feuer gesetzt, damit ich mich ausruhen konnte, doch vor lauter Schmerzen hatte ich erneut nicht schlafen können. Jetzt tat mir immer noch alles weh, und morgen früh würde ich arbeiten müssen. Ich konnte Clara heute Abend nicht wieder mit nach Hause nehmen, unmöglich. Aber ich konnte sie auch nicht vor irgendeiner Haustür aussetzen. Sie dem Hunger und den Ratten überlassen. Als junges Mädchen hatte ich einmal ein totes Baby in einem Misthaufen neben der Straße gesehen und danach monatelang davon geträumt.

Es war sehr hell im Raum, und ich war so müde, und plötzlich führte man mich in ein kleines Nebenzimmer und befahl mir, mich hinzusetzen und zu warten. Abe folgte mir und schloss die Tür hinter uns, sperrte das herzzerreißende Schluchzen und das Klirren der Sherrygläser aus. Ich sehnte mich nach einem Becher warmer Milch oder einem Schluck starkem Bier; ich konnte kaum die Augen offen halten.

Eine Kinderschwester erschien wie aus dem Nichts und nahm mir Clara ab, doch ich war noch nicht bereit. Es kam zu früh, zu plötzlich. Sie sagte mir, sie hätten einen Platz für mein Baby. Eine andere Frau hatte einen mindestens sechs Monate alten Säugling mitgebracht. Die Schwester war sehr wütend. Ob die Mutter wirklich glaubte, man könne hier nicht den Unterschied zwischen einem sechs Monate und einem zwei Monate alten Baby erkennen? Ich erinnerte mich an die Frau und ihr Kind und fragte mich, was wohl aus ihnen werden würde. Dann schob ich den Gedanken beiseite. Die Schwester verschwand mit meiner Tochter durch die Tür, und mir wurde schwindelig. Ohne Clara auf dem Arm fühlte ich mich viel zu leicht. Als könnte mich jetzt eine Feder zu Fall bringen.

„Sie ist noch keinen Tag alt!“, rief ich der Frau nach, doch sie war schon verschwunden. Hinter mir verlagerte Abe sein Gewicht auf dem knarzenden Boden.

Auf einmal saß ein Mann vor mir und schrieb mit einer dicken Feder etwas auf ein Blatt Papier. Ich zwang mich, die Augen offen zu halten und zuzuhören, denn er sprach mit mir. „Der Arzt untersucht sie gerade auf Krankheiten.“

Mühsam öffnete ich den Mund. „Sie ist heute Morgen um Viertel nach vier auf die Welt gekommen.“

„Wenn sie nicht bei bester Gesundheit ist, wird ihr die Aufnahme verweigert. Man wird sie auf Geschlechtskrankheiten, Skrofeln, Aussatz und Infektionen untersuchen.“

Ich konnte nichts erwidern.

„Möchten Sie der Akte ein Andenken beilegen?“ Der Sekretär sah mich endlich an. Seine Augen waren dunkel und ernst und bildeten einen seltsamen Gegensatz zu seinen buschigen Brauen, die fast schon komisch aussahen.

Ich hatte tatsächlich etwas vorbereitet, denn ich wusste, dass die Säuglinge hier anhand von Gegenständen identifiziert wurden, welche die Mütter mitbringen konnten. Ich holte es aus der Tasche und legte es auf den glänzenden Tisch zwischen uns. Mein Bruder Ned hatte mir vom Foundling Hospital erzählt – dem Findelhaus, einem Heim für ungewollte Kinder am Stadtrand. Er kannte ein Mädchen, das sein Baby hierher gebracht und ihm ein Stück Stoff aus seinem Kleid mitgegeben hatte. „Und wenn man nichts mitgibt und später zurückkommt und sein Kind zurückholen will?“, hatte ich ihn gefragt. „Bekommt man dann vielleicht das falsche?“ Er hatte gelächelt und gesagt, ja, vielleicht, und die Vorstellung hatte mir Angst eingejagt. Ich malte mir aus, wie man mein Erinnerungsstück einfach auf einen Berg voll weiterer Andenken werfen würde.

Der Mann hielt den Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger und musterte ihn aufmerksam.

„Das ist ein Herz aus Walknochen. Nun, ein halbes Herz. Ihr Vater hat die andere Hälfte.“ Ich errötete stark, meine Ohren glühten. Abe stand immer noch stumm hinter mir; er hatte sich nicht auf den Stuhl neben meinem gesetzt. Bis jetzt hatte er nichts von dem Andenken gewusst. Das Herz hatte die Größe einer Crown-Münze; ich besaß die rechte Hälfte, mit einem glatten und einem gezackten Rand. Ein „B“ war hineingeritzt, darunter ein ungelenkeres „C“. Bess und Clara.

„Was werden Sie damit machen?“, fragte ich.

„Wir legen eine Akte an, für den Fall, dass Sie Ihre Tochter zurückholen wollen. Sie bekommt die Nummer 627. Außerdem wird das Datum eingetragen sowie eine Beschreibung des Erinnerungsstücks.“ Er tauchte die Feder ins Tintenfass und begann zu schreiben.

„Sie notieren doch, dass es ein halbes Herz ist, ja?“, sagte ich und beobachtete, wie Worte aus der Feder flossen, die für mich unverständlich blieben. „Falls jemand ein ganzes Herz abgibt und die beiden vertauscht werden.“

„Ich werde vermerken, dass es sich um ein halbes Herz handelt“, antwortete er nicht unfreundlich. Ich wusste immer noch nicht, wo mein Baby war oder ob ich es noch einmal sehen würde, bevor ich diesen Ort verließ. Ich wagte es nicht, zu fragen.

„Ich werde sie zurückholen, wenn sie älter ist“, verkündete ich. So als ob es schon dadurch wahr würde, dass ich es laut aussprach. Abe schnaubte hinter mir, und die Bodendielen knarzten. Wir hatten über dieses Thema noch nicht gesprochen, aber ich war mir sicher. Ich strich meinen Rock glatt, der mit Schlamm und Regenwasser bespritzt war. Am Waschtag hatte er immer die milchige Zinnfarbe einer Auster, für den restlichen Monat das schmutzige Grau von Kopfsteinpflaster.

Die Schwester erschien mit leeren Armen in der Tür und nickte. „Sie kann aufgenommen werden.“

„Ihr Name ist Clara“, sagte ich, ganz schwach vor Erleichterung.

Ein paar Monate zuvor, als mein Bauch noch sehr klein gewesen war, hatte ich auf einer der vornehmeren Straßen bei St. Paul’s, wo die Stadthäuser in den Himmel ragten und mit den Druckereien und Bücherstuben um Platz kämpften, eine elegante Dame in einem tiefblauen Kleid gesehen, das wie ein Edelstein leuchtete. Ihr Haar war goldblond und glänzte, und in ihrer rundlichen rosafarbenen Hand hielt sie die kleinen Finger eines Kindes mit ähnlich goldenen Locken. Ich sah, wie die Kleine am Kleid ihrer Mutter zupfte. Die Frau blieb stehen und beugte sich hinunter. Es war ihr egal, dass ihre Röcke über den Boden streiften. Sie legte ihr Ohr an die Lippen des kleinen Mädchens, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Wie lustig, Clara“, hatte sie gesagt und wieder nach der Hand ihrer Tochter gegriffen. Sie waren an mir vorbeigegangen, und ich hatte meinen wachsenden Bauch gerieben und beschlossen, das Baby Clara zu nennen, sollte es ein Mädchen werden. Denn dann wäre ich wie diese Frau, ein kleines bisschen zumindest.

Der Mann blieb ungerührt. „Sie wird zu gegebener Zeit auf einen anderen Namen getauft werden.“

Sie würde also nur für mich Clara heißen und für niemanden sonst. Nicht einmal für sich selbst. Stocksteif saß ich da und ballte die Hände immer wieder zu Fäusten.

„Und woher werde ich wissen, wer sie ist, wenn man ihr einen anderen Namen gegeben hat?“

„Jedem Kind wird bei seiner Ankunft eine Bleiplakette umgehängt, auf der die Nummer seiner Akte mit den Angaben zu seiner Herkunft vermerkt ist.“

„627. Das werde ich mir merken.“

Er musterte mich und furchte streng die Brauen. „Wenn sich Ihre Umstände ändern und Sie Ihr Kind zurückholen möchten, müssen Sie die Gebühr für seine Unterbringung entrichten.“

Ich schluckte. „Was heißt das?“

„Die Ausgaben, die dem Heim für die Fürsorge Ihrer Tochter entstanden sind.“

Ich nickte. Ich hatte keine Ahnung, wie hoch die Summe sein würde, traute mich aber nicht zu fragen. Ich wartete. Die Feder bewegte sich kratzend weiter, und irgendwo im Raum tickte geduldig eine Uhr. Die Tinte hatte dieselbe Farbe wie der Abendhimmel, der durch das Fenster hinter dem Mann zu sehen war. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Die Schreibfeder tanzte wie ein fremdartiges, exotisches Wesen übers Papier. Mir fiel die füllige Frau mit der blauen Feder im Haar ein und die Art, wie sie mich angestarrt hatte.

„Die Menschen nebenan“, fragte ich. „Wer sind die?“

Ohne aufzusehen, antwortete der Sekretär: „Die Ehefrauen und Bekannten der Direktoren. Die Lotterieabende bringen Spenden für das Heim ein.“

„Aber müssen sie dabei zusehen, wie die Babys übergeben werden?“ Ich wusste, dass mein Tonfall unangemessen war. Er seufzte.

„Es rührt die Frauen. Und je gerührter sie sind, desto mehr Spenden fließen.“ Er hatte das Ende der Seite erreicht und unterschrieb mit einem ausladenden Schnörkel. Dann lehnte er sich zurück und ließ die Tinte trocknen.

„Was passiert mit ihr, nachdem ich gegangen bin?“

„Alle Neuzugänge werden in Unterkünfte auf dem Land gebracht, wo Ammen sich um sie kümmern. Wenn sie etwa fünf Jahre alt sind, kehren sie in die Stadt zurück und leben dann hier im Findelhaus, bis sie selbst Geld verdienen können.“

Ich schluckte. „Und welche Arbeit werden sie verrichten?“

»Nun, die Mädchen bereiten wir auf Dienstbotentätigkeiten vor und bringen ihnen Stricken, Spinnen und Nähen bei – häusliche Fähigkeiten, welche die Suche nach einer Stelle erleichtern. Die Jungen lernen in den Seilereien, Fischernetze und Seile zu fertigen, um sie für das Leben auf See zu schulen.«

„Und wo auf dem Land wird man Clara unterbringen?“

„Das kommt darauf an, wo Platz für sie ist. Sie könnte ganz in der Nähe landen, in Hackney zum Beispiel, aber auch weit weg in Berkshire. Es ist uns nicht erlaubt, Ihnen zu sagen, wo man sie aufziehen wird.“

„Darf ich mich von ihr verabschieden?“

Der Sekretär faltete das Blatt Papier über dem Walknochenherz zusammen, versiegelte es jedoch nicht. „Ich würde von Sentimentalitäten abraten. Guten Abend, Miss. Für Sie auch, Sir.“

Abe trat neben mich und half mir aufzustehen.

 

Das Foundling Hospital lag am äußersten Rand von London, wo offene Straßen und Felder, die sich weit in die Dunkelheit erstreckten, die idyllischen Plätze und hohen Häuser der Stadt ablösten. Es war nur eine oder zwei Meilen vom Black and White Court entfernt, unserem bescheidenen Wohnblock im Schatten des Fleet-Gefängnisses. Doch es hätten genauso gut zweihundert sein können, denn es war umgeben von zahlreichen Bauernhöfen im Norden sowie breiten Straßen und Stadthäusern im Süden. Die Wohnblöcke und Gassen, an die ich gewöhnt war, wurden von Kohlenrauch erstickt. Doch hier konnte man die Sterne sehen, und der Himmel hüllte alles wie eine samtige Decke in Stille.

Das bleiche Mondlicht beschien die wenigen verbliebenen Kutschen der wohlhabenden Gäste, die zugesehen hatten, wie wir unsere Kinder weggaben. Gesättigt von den Vergnügungen des Abends, waren sie nun auf dem Weg nach Hause.

„Du wirst sicher Hunger haben, Bessie“, sagte Abe, während wir langsam auf die Eingangstore zuliefen. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft sprach er. Als ich nicht antwortete, fuhr er fort: „Bill Farrow hat vielleicht ein paar Fleischpasteten übrig.“

Er stapfte neben mir her, und ich bemerkte die ergebene Rundung seiner Schultern und seine steifen Bewegungen. Die Haare, die unter seiner Kappe hervorragten, waren nicht mehr rostbraun, sondern eisengrau. Wenn er am Kai stand, kniff er mittlerweile die Augen zusammen, und die jüngeren Männer mussten ihm unter den Hunderten Booten auf dem Wasser diejenigen aus Leigh zeigen, welche die Krabben brachten. Seit dreißig Jahren handelte mein Vater auf dem Londoner Fischmarkt mit Krabben. Wie zweihundert andere Krabbenhändler auch verkaufte er sie körbeweise an Straßenhändler und andere Fischverkäufer auf dem Billingsgate-Markt, von fünf Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags, an sechs Tagen die Woche. Jeden Morgen ging ich mit einem Korb zum Siedehaus am Ende der Oyster Row, trug den Inhalt danach in einem Hut auf dem Kopf durch die Straßen und pries meine Ware an. Wir verkauften weder Kabeljau noch Makrelen, Hering, Weißfisch, Sardinen oder Sprotten. Wir verkauften auch keine Rotaugen, Schollen, Flundern oder Aale, keinen Lachs, Blaubarsch, Gründling oder Häsling. Bei uns bekam man Krabben. Hunderte, Tausende pro Tag, ohne Unterlass. Viele andere Tiere waren hübscher anzusehen, angenehmer zu verkaufen: Silberlachs, Winkerkrabben, Steinbutt. Doch wir verdienten unseren Lebensunterhalt mit den hässlichsten aller Meeresfrüchte. Mit ihren blicklosen schwarzen Augen und gekrümmten kleinen Beinchen sahen sie aus, als hätte man sie aus dem Bauch eines riesigen Insekts gerissen. Wir verkauften sie, aßen sie aber nicht. Zu oft schon hatte ich es gerochen, wenn sie verdorben waren, hatte kleine, spinnenartige Beinchen und wie Laich zusammengeklebte Augen von meinem Hut gekratzt. Wie sehr ich mir wünschte, mein Vater wäre ein Händler auf dem Leadenhall Market und ich eine Erdbeerverkäuferin, die wie eine Sommerwiese duftete und an deren Armen Saft statt Salzwasser hinunterlief.

Wir hatten die hohen Eingangstore fast erreicht, als ich das Miauen einer Katze hörte. Mein ganzer Körper fühlte sich leer an und schmerzte, und alles, woran ich noch denken konnte, waren eine Pastete und mein Bett. Ich dachte nicht einmal mehr daran, ob mein Kind vielleicht aufgewacht und niemand da gewesen war, um es zu trösten. Wenn ich darüber nachgrübelte, würde ich einfach zusammenbrechen und nicht wieder aufstehen. Die Katze jammerte erneut.

„Das ist ein Baby“, sagte ich überrascht. Doch wo? Es war dunkel, und das Weinen schien von rechts zu kommen. Niemand war zu sehen bis auf zwei Frauen, die das Gebäude hinter uns verließen. Die Tore vor uns waren geschlossen. Im Torhaus brannte Licht.

Abe blieb stehen und sah mich an. „Das ist ein Baby“, wiederholte ich, als das Weinen von Neuem begann. Bevor Clara in mir herangewachsen und ich sie auf die Welt gebracht hatte, waren mir die Schreie der Säuglinge auf der Straße oder in unserem Haus nie aufgefallen. Jetzt konnte ich jedes noch so leise Maunzen so unmöglich ignorieren, als riefe jemand meinen Namen. Ich verließ den Weg und ging zu der dunklen Mauer, die das Gelände umgab.

„Bess, wohin gehst du?“

Nach ein paar Schritten sah ich es: ein kleines Bündel im Gras, das sich gegen die feuchte Ziegelmauer drückte, als suche es Schutz. Es war wie Clara in Decken gehüllt, und ich sah nur ein winziges, uraltes Gesicht, mit dunkler Haut und feinen schwarzen Härchen an den Schläfen. Ich erinnerte mich an die Mulattin; das war sicher ihr Kind. Sie musste eine schwarze Kugel gezogen haben. Ich nahm das Baby auf den Arm und wiegte es sanft. Meine Milch war noch nicht eingeschossen, doch meine Brüste waren wund, und ich fragte mich, ob das Kind Hunger hatte und ich es stillen sollte. Ich könnte es dem Wärter im Torhaus geben, aber würde er es nehmen? Abe sah mit offenem Mund auf das Bündel in meinen Armen.

„Was soll ich nur tun?“

„Das ist nicht dein Problem, Bessie.“

Tumult erhob sich auf der anderen Seite der Mauer. Menschen rannten laut rufend herum, ein Pferd wieherte. Hier am Rand der Stadt fühlte sich alles dunkler und lauter an, als wären wir in ein fremdes Land am Ende der Welt gereist. Ich war zuvor noch nie auf dem Land gewesen, hatte nicht einmal London verlassen.

Das Kind hatte sich in meinen Armen beruhigt und runzelte schläfrig die winzige Stirn. Abe und ich gingen zu den Toren. Auf der Straße dahinter liefen Menschen zusammen, Männer mit Laternen rannten zu einem Vierspänner und versuchten die schwitzenden, steigenden Pferde zu beruhigen, die einander immer panischer machten. Vor Schock bleiche Gesichter starrten zu Boden, und ich schlüpfte mit dem Baby auf die Straße. Zwei Füße ragten unter den Achsen hervor. Ich erkannte einen schlammbespritzten Rock und elegante braune Hände. Man konnte ein tiefes, kehliges Stöhnen hören, wie von einem verwundeten Tier. Ihre Finger bewegten sich, und instinktiv drehte ich mich weg, um das Baby vor dem Anblick zu schützen.

„Sie war ganz plötzlich da“, sagte der Kutscher. „Wir fuhren nur sehr langsam, und da sprang sie uns in den Weg.“

Ich ging die paar Schritte zum Torhaus, das unverschlossen und verlassen dalag. Der Wärter hielt sich wahrscheinlich am Unglücksort auf. Im Inneren war es warm, ein niedriges Feuer brannte in einem Rost, und eine Kerze flackerte auf einem kleinen Tisch, der zum Abendessen gedeckt war. Ich nahm einen Uniformrock von einem Haken, wickelte das Kind darin ein und legte es auf den Stuhl, in der Hoffnung, der Wärter würde verstehen, wer die Mutter gewesen war, und Mitleid haben.

Hinter uns waren einige Fenster des Findelhauses erleuchtet, die meisten jedoch schwarz. Das Heim beherbergte hundert oder mehr Kinder, die jetzt gerade bestimmt in ihren Betten lagen. Wussten sie, dass ihre Eltern irgendwo hier draußen an sie dachten? Hofften sie, von ihnen geholt zu werden, oder fühlten sie sich wohl in ihren Uniformen, mit ihren warmen Mahlzeiten, den Unterrichtsstunden und Instrumenten? Konnte man jemanden vermissen, den man gar nicht kannte? Meine eigene Tochter befand sich ebenfalls dort, und ihre Finger griffen ins Leere. Mein Herz war in Papier eingeschlagen. Nur für wenige Stunden hatte ich sie gekannt und doch mein ganzes Leben lang. Die Hebamme hatte sie mir heute Morgen erst gegeben, glitschig und blutig, doch die Erde hatte sich weitergedreht, und nun würde nichts mehr so sein wie bisher.

Kapitel zwei

Am nächsten Morgen wurde ich nicht davon geweckt, dass mein Bruder in einen Eimer pinkelte. Sein Bett war leer, und ich beugte mich darüber, um nachzusehen, ob er vielleicht auf den Boden gefallen war, was manchmal vorkam. Doch sein Bett war gemacht, der Boden leer. Er war gar nicht nach Hause gekommen. Ich rollte mich zurück und zuckte zusammen. In meinem Inneren fühlte ich eine tiefe Wunde, mein Fleisch war sicher ganz blau und lila. Im Nebenraum auf den knarzenden Dielen hörte ich Abes Schritte. Draußen herrschte noch Dunkelheit; erst in einigen Stunden würde es hell werden.

Flüssigkeit war über Nacht aus meinen Brüsten ausgetreten, das Nachthemd war nass. Als ob mein Körper weinen würde. Die Hebamme hatte mich darauf vorbereitet und gesagt, es würde bald wieder aufhören. Meine Brüste waren immer das Erste, was anderen Menschen an mir auffiel. Oft auch das Einzige. Die Hebamme hatte mir gesagt, ich solle sie mit Lumpen abbinden, damit die Milch nicht meine Kleidung durchnässte, doch bisher hatte sich nur eine klare, wässrige Flüssigkeit gebildet.

Mir tat alles weh, und die Pumpe im Hof schien unendlich weit entfernt zu sein, doch ich war an der Reihe, Wasser zu holen. Seufzend griff ich nach dem Notdurfteimer. Da hörte ich, wie Ned polternd nach Hause kam. Unsere Zimmer in der Nummer 3 des Black and White Court lagen im obersten Geschoss eines dreistöckigen Gebäudes, und von hier aus konnten wir in den düsteren, gepflasterten Hof hinunterschauen. Hier war ich zur Welt gekommen, hier hatte ich meine ganzen achtzehn Lebensjahre verbracht. Auf dem schiefen Boden hatte ich krabbeln und laufen gelernt, unter der Dachschräge, die knarzte und seufzte wie ein altes Schiff. Über uns gab es nur noch die Vögel, die im Dach nisteten und auf die Kamine und Kirchturmspitzen schissen, welche in den Himmel aufragten. Unsere Mutter hatte die ersten acht Jahre meines Lebens auch hier gewohnt, bevor sie uns verließ. Ich hatte geweint, als Abe das Fenster öffnete, um ihre Seele hinauszulassen. Ich wollte, dass sie blieb, und rannte hinüber, um zu sehen, wie sie in den Himmel aufstieg. Mittlerweile glaubte ich nicht mehr an so etwas. Man holte ihre Leiche ab, und Abe verkaufte ihre Sachen. Er behielt nur ihr Nachthemd, das er mir gab, damit ich es nachts im Arm halten konnte. Irgendwann roch es nicht mehr nach ihr – nach ihrem dichten, dunklen Haar und der milchigen Haut. Ich vermisste sie nicht, denn es war schon zu lange her. Ich hatte erwartet, sie immer weniger zu brauchen, je älter ich wurde, doch als mein Bauch wuchs und die Geburt schließlich begann, wollte ich ihre Hand halten. Gestern Abend hatte ich die Mädchen beneidet, die mit ihren liebevollen Müttern gekommen waren.

Ned stieß die Tür zu unserem gemeinsamen Zimmer auf, sodass sie gegen die Wand prallte, und stolperte über den Notdurfteimer. Meine Pisse verteilte sich auf den Holzdielen.

„Du blöder Trampel!“, rief ich. „Pass doch auf.“

„Verdammt.“ Er bückte sich und hob den Eimer auf, der davongerollt war. In den beiden Zimmern, die Ned, Abe und ich unser Zuhause nannten, gab es keine einzige gerade Wand. Das Dach fiel ab, die Fußböden waren uneben. Ned schwankte nicht, als er den Eimer wieder aufstellte, er war also nicht völlig betrunken. Wenn ich später mit wunden Füßen und schmerzendem Nacken vom Markt zurückkam, würde ich ihn also nicht bleich, stöhnend und nach Erbrochenem stinkend im Bett vorfinden.

Er ließ sich auf sein Bett fallen und begann, seine Jacke auszuziehen. Mein Bruder war drei Jahre älter als ich und hatte blasse Haut, rotes Haar und genug Sommersprossen für uns beide. Das wenige Geld, das er als Straßenkehrer für die feinen Leute verdiente, gab er für Glücksspiel und Gin aus.

„Gehst du heute zur Arbeit?“, fragte ich und wusste die Antwort bereits.

„Gehst du?“, erwiderte er. „Du hast erst gestern ein Kind bekommen. Der alte Mann lässt dich doch heute nicht schuften, oder?“

„Machst du Witze? Glaubst du etwa, ich könnte mich mit einer Kanne Tee ins Bett legen?“

Ich ging nach nebenan. Abe hatte zum Glück bereits Wasser geholt, während ich noch schlief, und setzte gerade den Kessel aufs Feuer. Der Hauptraum war spärlich möbliert, aber heimelig. Abes schmale Liege stand an einer Wand, Mutters Schaukelstuhl vor dem Feuer. Gegenüber gab es einen weiteren Sessel sowie zwei Hocker. Unsere Töpfe und Schüsseln stapelten sich auf Regalbrettern bei dem kleinen Fenster. Als Kind hatte ich Bilder an der Wand befestigt, Drucke von hübschen Bauernmädchen und Gebäuden, die wir kannten, von St. Paul’s und dem Tower of London. Es gab keine Rahmen dafür, also rollten sich die Kanten nach und nach ein. Mit der Zeit verblassten die Bilder. Ich lebte gern unter dem Dach. Wir wohnten hier ruhig und abgeschieden, weit weg von dem Kreischen der Kinder, die unten im Hof spielten.

Ich holte einen nassen Lumpen und wischte den Boden in unserem Zimmer. Der Geruch war widerlich, doch mir wurde nicht mehr schlecht davon. Während ich Clara in mir getragen hatte, brachten mich alle Gerüche auf dem Markt zum Würgen. Vielleicht war das jetzt vorbei.

Nachdem ich fertig war und den Eimer an die Tür gestellt hatte, um ihn später mit nach unten zu nehmen, gab mir Abe einen Becher Dünnbier. Immer noch im Nachthemd setzte ich mich ihm gegenüber. Wir sprachen nicht über die Ereignisse des gestrigen Tages. Ich wusste, dass wir irgendwann darüber reden würden, doch fürs Erste würden diese Dinge zwischen uns stehen.

„Dann haben Sie das Baby also aufgenommen, Bess?“, ertönte Neds Stimme aus dem Schlafzimmer.

„Nein, ich habe es unters Bett gelegt.“

Nach kurzem Schweigen sagte er: „Und du willst uns nicht erzählen, wer der Vater ist?“

Ich warf einen Blick zu Abe, der in seinen Becher starrte und ihn dann in einem Zug austrank.

Ich begann mein Haar hochzustecken. „Sie ist mein Kind“, antwortete ich.

Ned tauchte in Hemdsärmeln in der Tür auf. „Ich weiß, dass sie deins ist, du dumme Gans.“

„Hey“, sagte Abe zu Ned. „Warum ziehst du dich aus? Gehst du nicht zur Arbeit?“

Ned sah ihn mit einem überlegenen Blick an. „Ich fange heute später an.“

„Die Gäule scheißen heute Morgen also nicht?“

„Doch, aber ich muss vorher noch meinen Besen irgendwo hinschieben. Fällt dir da was ein?“

„Ich ziehe mich an“, verkündete ich.

„Du lässt sie arbeiten? Nach dem, was gestern passiert ist?“, fuhr Ned fort. „Bist du ihr Vater oder ihr Herr?“

„Sie scheut sich nicht vor der Arbeit, im Gegensatz zu anderen, die unter diesem Dach leben.“

„Du bist ein verdammter Sklaventreiber. Lass das Mädchen eine Woche ausruhen.“

„Halt die Klappe, Ned“, schimpfte ich.

Aus der Ankündigung

London 1754: Die junge Bess Bright, die in bitterer Armut, im Schlamm und Dreck des Londoner Hafens aufgewachsen ist, findet sich von einem Moment zum anderen in einem Alptraum wieder. Vor sechs Jahren musste sie ihre gerade zur Welt gekommene Tochter Clara ins Waisenhaus geben, außerstande, sie zu ernähren. Jetzt, da sie Clara endlich zu sich holen kann, sagt man Bess, dass ihre Tochter schon längst abgeholt wurde. Aber von wem? Im Kampf um Clara muss Bess die gesellschaftlichen Schranken ihrer Zeit überwinden ... um durch Stärke und Liebe schließlich zu sich selbst zu finden.

Stacey Halls, geboren 1989, wuchs in Rossendale, Lancashire auf. Neben einem Studium in Journalismus schrieb Halls u.a. für den Guardian, Psychologies und The Independent. Ihr erster Roman war in England das meistverkaufte Debüt 2019 und gewann den Betty Trask Award. Schon jetzt wird Stacey Halls als neue Stimme des authentischen historischen Romans gefeiert. „Die Verlorenen“ ist ihr zweiter Roman.