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05.03.2021, Jamal Tuschick

Betäubte Gewerkschaften

Wir wissen es alle. Die Bundesrepublik stand im Herbst Siebenundsiebzig kurz vor dem Staatskollaps. Die alten Krieger im Kanzleramt empfanden gewisse rechtsstaatliche Hemmnisse als sinnlos störend. Hart gingen sie den bremsenden, zur Wahrung der Rechtsordnung sich bestellt wähnenden, linksliberalen Innenminister Werner Maihofer an. Plötzlich herrschte wieder Corpsgeist. Wir gegen die. Die, das war die RAF. 

Maihofer hatte ein philosophisches Verhältnis zum Recht. Es lag ihm am Herzen. 

Im Vorgriff auf eine gründliche Beschäftigung mit Stephan R. Meiers Thriller 44 TAGE - Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war“ präsentiert Tuschicks Textland eine Hommage von Signe Coureur an die sozialdemokratische Glanzzeit im Nachkriegsdeutschland. Die Versprechen des Ausgleichs schienen sich mit einer gelinden Vermögensumverteilung so wie mit der Bildungsreform ihrer Einlösung zu nähern. Eingestrichen werden sollte die Rendite milder Arbeitskämpfe, die von betäubten Gewerkschaften dirigiert wurden. 

Gepanzerte Polizei

Nie zuvor war Deutschland so rot gewesen. Der RAF war das zu wenig. Sie ersetzte das politische Rot. Leichen pflasterten ihren Weg. Doch jeder tote Repräsentant lieferte den Chefs der Sicherheitsapparate eine neue Vorlage zur besseren Bewaffnung und zur Erweiterung der Befugnisse. 

Jeder RAF-Schuss ging nach hinten los. 

Nun nutzt Meier die Hochzeitereignisse des RAF-Terrors im Deutschen Herbst als Spannungslieferanten. 

Stephan R. Meier, 44 TAGE - Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war“, Penguin Verlag, 463 Seiten, 16,-

Rekonvaleszenzabsenz

Willy Brandts Wiederwahl (nach einem konstruktiven Misstrauensvotum) am 19. November 1972 war eine Sternstunde der alten Bundesrepublik.

„Ein Dunst liegt über Dakota,
und über Nevada liegt Rauch
und Qualm über Minnesota.
Am Ende liege ich auch.“

Ror Wolf, „Das nordamerikanische Herumliegen“
*
Brandt, der 1969 knapp Kanzler wurde, erlebt 1972 seinen größten Triumph. Bei einer Wahlbeteiligung von über neunzig Prozent wird er mit 45,8 Prozent der abgegebenen Stimmen (in einer vorgezogenen Wahl) im Amt bestätigt. Doch der von den eigenen Leuten hart angegangene Tribun ist zermürbt. Kurz nach dem Sieg müssen seine Stimmbänder geschält werden.

„So mußte sich Willy Brandt 1972 einer Stimmband-OP unterziehen, weil er im Wahlkampf zu oft gebrüllt hatte.“ Aus der Berliner Zeitung

Herbert Wehner und Helmut Schmidt nutzen die Rekonvaleszenzabsenz, um ihren Chef in den Koalitionsverhandlungen zu hintergehen. Signe Coureur warnt Willy. Signe sichert den Kanzler im Auftrag der CIA. Sie weiß, welche Hinterbänkler:innen auf zu großem Fuß leben und folglich für Zuwendungen empfänglich sind. Die Schwäche eines Menschen durchzieht den Charakter. Das Defizit trägt viele Namen. Der Wunsch nach Anerkennung ist ein Fass ohne Boden. Wer Schmeichler:innen nicht in die Schranken weist, lässt sich auch bestechen. Prassend schlittert der Käufliche über die Strecke seines Niedergangs.

Die Frage lautet: Wer ließ sich bestechen, um Brandts Kanzlerhals beim Misstrauensvotum zu retten? Oppositionsführer Rainer Barzel hatte schon einen Friseurtermin im Kanzleramt vereinbart. Das Votum scheiterte an der Käuflichkeit von Abgeordneten. Im Fall des Parlamentariers Julius Steiner bleibt nichts interessanter, als die Behauptung Brandts, Steiner habe doppelt kassiert. Karl Wienand, 1972 Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, soll im Auftrag der Doppelspitze Brandt/Bahr Steiner mit fünfzigtausend Mark bewogen haben, sich der Stimme zu enthalten.

...

Signe erinnert daran, dass 1972 das Wahlalter von einundzwanzig auf achtzehn Jahre herabgesetzt wurde. Auch das ist ein geschliffener Meilenstein der Nachkriegsgeschichte.