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07.03.2021, Jamal Tuschick

Versager:innen mit Stil

Pernille Krogh, genannt Nille, ist eine Bringerin. Sie beflügelt schiere Eleganz in der Handhabung der Dinge.

© Jamal Texas Tuschick

Pernille Krogh, genannt Nille, ist eine Bringerin. Sie beflügelt schiere Eleganz in der Handhabung der Dinge. Sie glänzt als Galeristin. Ihre Ehe mit Merlin funktioniert so reibungslos wie ein Schweizer Uhrwerk. Merlin verkörpert den Versager mit Stil. Er lebt nach dem Motto: Zwar kann ich nichts, doch bin ich angenehm. 

Wer zahlt, sagt an. Als Nilles Ansager tritt väterlich seit eh und je ihr Onkel Ben Benn auf, bis Bens Tod Nille die Beine weggrätscht. Der Baseler Geldmann verlässt das Spielfeld ohne ein geldwertes Ade für die Nichte. Und Tschüss mit Schaden. Nille kippt bei Helle und Malte aus den Latschen. Alle kennen sich schon immer aus der Perspektive der zweiten Lebenshälfte. Trauer umflort eine von Grund auf verbundene Gemeinschaft. Nille kriecht zu Helle und dessen von Nille einst flamboyant begehrten Mann ins Bett. 

Um Merlin kümmert sich gerade keiner. 

Angehörige müssen informiert werden. Schneller als Facebook zu sein, ist das Gebot der Stunde. Nille hechelt in der Zwischenzeit ihre Ehe durch. Sie ist mit einem Puschel verheiratet, während Helle wenigstens einen halbstarken Verdränger an Land gezogen hat; einen Morgenmenschen, der singend aus dem Bett steigt und sich dick Butter auf den Bagel streicht; Butter aus der Bretagne; die Sonne illuminiert die Salzkristalle im Fett. Die Marmelade stammt von Feldzügen im Umland.

Wollte Nille in Helles & Maltes Bett mehr als Nestwärme? Will sie mehr von Malte als von Helle? 

Begehren als Verbrechen - Noch einmal auf Anfang

Die eine beginnt eine Dissertation, die sie nicht ausführen wird, die andere liebäugelt mit dem Nachtleben. Gemeinsam ziehen Nille & Helle in eine Wohnung. Gemeinsam nähern sie sich einem Dozenten, in den Nille verliebt ist. Der Mann ist kaum älter, verheiratet und Vater. Den Haushalt und die Versorgung des Kindes überlässt der schlappe Überflieger seiner Frau. Nille schmiegt sich als Babysitterin an komplex gefügte Verhältnisse. Das Unheil tarnt sich mit Kleinmädchenstimme. Die Raffinesse wirkt wie die Faschingspointe in einer Schmierenkomödie. 

Auf so was kann doch kein Mensch reinfallen. Und doch!

Die Intrigante etabliert Helle als Sidekick in einem hinterhältigen Arrangement. Sie errichtet ein Beziehungsviereck. Es löst sich im totalen Desaster auf. Der Dozent, seine Frau und das Kind verschwinden von der Hauptstadtbühne und spielen fortan an einem Rand trostlose Rollen. Nille & Helle kriegen das kaum mit. 

Was war denn?

Helle verbringt einen Abend in der Küche. Der elektrische Heizstrahler brennt auf der höchsten Stufe. Es riecht nach Gas und Gärung. Im Omanachthemd glüht Helle vor sich hin. Noch geht sie mit ihrem ganzen Poststrukturalismus davon aus, dass Nille mit Männern besser kann als sie selbst. Jahrzehnte später schickt sie Malte Zigaretten holen, um mit Nille allein sein zu können. Die Freundinnen heizen sich mit Wodka an.