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11.03.2021, Jamal Tuschick

Die Prosa von Clarice Lispector trifft den Leser stets unvorbereitet. Sie bewahrt ihr Geheimnis und hört deshalb nicht auf, überraschend zu sein. Ihre Strudel fesseln den Erfassten. Er verliert sich wie in Labyrinthen.

Eispickel der Zeit

Clarice Lispector erzählt von Frauen, die aus der Banalität eines unerfüllten Lebens herauswollen, ob als Gattinnen von Bigamisten, als Geliebte von Außerirdischen oder als von Gott Geschwängerte. Im Gegenlicht der Extravaganzen tauchen schemenhaft schroff Dolomiten der vernebelten Unmöglichkeiten auf. Sie erfüllen ihre Barrierefunktionen im Kontext einer patriarchalen Niederhaltungstechnologie. Die Protagonistinnen weichen ins Geträumte aus. Sie inszenieren sich in Imaginationen, triften ab und träumen weiter.

Wenn ein neuer Tag das alte Lied singt

Der Mann hat sich den Kräften des Niedergangs längst ergeben. Sein Körper entfremdet sich ihm jeden Tag mehr. Es ist, als sei eine Freundschaft zu Ende. Das Eigenleben der Zehen deutet eine Eiszeit an. 

Heute reden wir zuerst über den „Fiebertraum“. 

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Die Autorin erzählt in der Manier des italienischen Neorealismus von einem Verlierer am Ende seiner Tage. Zwar graut im Handlungsjetzt der Morgen, aber das hat nichts zu sagen. Im Leben des Akteurs herrscht Feierabend. 

„Und die Sonne, rein und grausam, über all das ausgegossen.“

Das ungemachte Bett erzählt von einer schlaflosen Nacht. Lispectors Held fahndet nach einem kleinen Jungen in sich, nach dem verschrumpelten Kind aus jenem Fiebertraum, der den Titel stiftet. Lispector mischt das sonnenkultige Ocker der Aztekenarchaik in die Sepiagrundierung ihrer Geschichte. Sie stellt dem namenlosen Jammerlappen ein Jahrhundert Stille in Aussicht. 

Namenloser Jammerlappen

Dem namenlosen Jammerlappen folgt der Naturbursche Jimmy in „Ich und Jimmy“. Das erzählende Ich erkennt in dem Virilen „das zufriedene Tier“ als besonders schönes Exemplar. Jimmy steht mit allen Elementen seines Seins auf vertrautem Fuß. Die größte Selbstverständlichkeit leitet ihn. Das macht ihn zum Gegenspieler seines Vorgängers. 

Warum sind die einen so easy und gutaussehend und die anderen bloß griesgrämig und maladiös? 

Jimmy sagt einfach, wenn du mich scharf findest, dann zieh dich rasch aus. Denn alles andere sei „lediglich Schaumschlägerei“. Zu ihrer „Unzufriedenheit“ fühlt die Erzählerin nicht schlicht genug für Jimmys zugespitztes Programm. Sie zählt zu den Genießerinnen komplexer Arrangements. Sie „sucht einen Vorwand, um an Jimmy Gefallen zu finden“. 

Toxische Handlungsgegenwart

Doch dann bricht Gesellschaftskritik durch. Schon bei ihrer Tante Emilia konnte die Erzählerin beobachten, „dass sich die Auffassungen der Männer gegen jene der Frauen durchsetzen“. Wir reden hier über eine toxische Handlungsgegenwart lange vor dem feministischen state of the art im Akut des vulnerablen Jetzt. Das flanierende Ich praktiziert mit anderen die Lektionen in Jimmys Schule. Es erhebt sich über das Basale und rockt mit Hegel in den offenen Widerspruch zu ihrem Lehrer. Die narrative Volte ist simpel eingefädelt. Der taffe Jimmy versucht mit Mimimi seine Geliebte auf dem Kurs seiner Bedürfnisse zu halten. Sie hat nichts mehr für ihn übrig außer der Retourkutsche:

„Wir sind halt einfach Tiere“. 

Jimmys Einwände tut sie einfach ab. Sie erkennt nur „zivilisierten Unfug“.

Clarice Lispector © Paulo Gurgel Valente

Heimliches Begehren

Aurélia Nascimento zieht sich falsche Brüste an, wenn sie ausgeht. Obwohl die echten schön sind, „spitz zulaufend“. Das ist die zweite oder dritte Information in „Er hat mich getrunken“. 

Am liebsten trumpft Aurélia gemeinsam mit dem Visagisten Serjoca auf, dessen Attraktivität aus dem Paar einen Magneten macht. Gekonnt kreuzt man im Copacabana Palace auf. Serjocas sexuelle Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf Frauen. Deshalb stört es Serjoca zuerst auch nicht, als Aurélia den Unternehmer Affonso „voller Begehren … entflammt für (das) männliche Gesicht)“ angräbt. 

Es ist erst einmal keine Eifersucht im Spiel. 

Weitgehend verzichtet Aurélia auf eine Abdeckung ihrer Absichten.

Affonso lädt die Feierfreunde ein. Auf dem Weg zu ihm klappert man kurz einen Nachtclub ab. Der Dominanzbolzen bestreitet das Gespräch. Er stört sich nicht an dem Desinteresse für sein Thema, die Metallverarbeitung in all ihren schimmernden, vor allem jedoch Kohle bringenden Facetten. Der Mächtige spürt Aurélias Erregung. Was er noch nicht weiß: auch Serjoca ist scharf auf ihn. 

Das soziale Gefälle macht Aurélia und Serjoca zu Schnorrern an einer perfekten Tafel. Das getrüffelte Huhn, der Champagner … ein Diener, der sein Handwerk beherrscht; das ganze Theater in einer von renommierter Kunst aufgewerteten Umgebung.

Spektakuläre Züge

So weit können vielleicht auch andere den Faden spinnen und eine Geschichte vom verborgenen Begehren erzählen. Keine Formulierung kündigt die Volte ins Geniale an. Lispector setzt in das ausgebaute Tableau einen aufgeräumten Hausherrn, der vorgibt, einen Narren an dem „goldigen“ Serjoca gefressen zu haben. So verbirgt Affonso seine Ratlosigkeit, die ihn allerdings nicht sonderlich kratzt. Ihm doch egal, wie rum so ein Serjoca sein Hütchen trägt.  

Der klandestin Verliebte pendelt zwischen den Haltestellen Schüchternheit und Vorwitz, bis er offensiv wird. Serjoca nimmt der Rivalin vor einem Besuch des Auserwählten „das Gesicht ab“. Der Schminksavonarola „löscht ihre Züge“.

„Da war nur noch Leere, bloßes Fleisch.“

Aurélias „spektakuläre Züge“ verschwinden in einem Depot der Gemeinheit.        

Die Angeschmierte erkennt, dass der Vertraute sie mit allen Mitteln zu vernichten trachtet; um eines erotischen Vorteils willen.

Unter-Ich

Ich bemerke eine düstere Bitterkeit in Lispectors Prosagirlanden mit ihrem Mobilecharakter. Es gibt eine Generalerzählerin, die auch dann noch mehr zu sagen hat als ihre Schergen, wenn jene identisch mit ihrem Unter-Ich sind.   

Postheroische Agonie

Warum gelingt manchen das Leben mühelos, während andere sich vergeblich abmühen? Die Antwort ist einfach. Die, die sich schinden und glauben, immer kämpfen zu müssen, haben nicht verstanden, dass sie sich selbst blockieren. In Wahrheit kämpfen sie gegen sich. Sie müssten loslassen, um mühelos zu werden.  

Eingebetteter Medieninhalt

Wir kennen die Avenida Copacabana als Boulevard der Verheißung. In der akuten Perspektive erschöpft sich der Prospekt in einem Dreiklang der Ansichten. Häuser, Meer und Leute wimmeln zusammen in einem kraftlos-unscharfen Bild.

Im Kontext der Wahrnehmung unter den Vorzeichen des Jetzt stellt sich die Avenida Copacabana auch so dar:

„Die Apartments Av. Nossa Senhora de Copacabana bieten Ihnen Unterkünfte zur Selbstverpflegung und liegen nur hundert Meter von der berühmten Copacabana entfernt … Die U-Bahn-Station Cantagalo ist drei Blocks entfernt … Den Flughafen Santos Dumont erreichen Sie nach zehn Kilometern.“ Quelle

In „Gott vergeben“ färbt Sepia die Magistrale. Wieder erscheint die Erzählerin namenlos. Sie befindet sich in einem Zustand „müheloser Aufmerksamkeit“.

„Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.“

Zärtlich besitzt sie die Dinge mit den Augen. Anders will sie sie gar nicht haben. Sie betont, nicht auf einer tour de propriétaire zu sein. Gleichzeitig fühlt sie sich als „Mutter Gottes“.

Wer kennt das nicht?

Der Planet liegt einem zu Füßen. Man weicht zum Strand hin ab vom Straßenverlauf. Unter den Sohlen ergeben sich Muscheln, um mit einem Wohllaut zu zerbrechen. Der Sand macht sich geschmeidig. Der Strand wird zur Metapher der Privilegien. Man erlebt dies gewiss „ganz ohne Anmaßung und Selbstherrlichkeit“. – Und so stellt sich die Erzählerin auch Gott vor; nämlich als ein Wesen, „dass sich ohne jeden Stolz und jede Kleinlichkeit liebkosen“ lässt.

Die Erzählerin befragt sich. Sie argumentiert gegen sich selbst mit den Argumenten der Psychoanalyse, in der sie so bewandert ist wie du und ich.

Darf man so empfinden?

Steckt man jetzt in einer Hybrisfalle? Hat man sich wüst verirrt?

Die Erzählerin vollzieht an sich die Apotheose, und ich sage, so what, Baby. Vom Mummenschatz zum Nonnentanz … was wissen wir denn? Die Erfüllte mäandert aus der Geläufigkeit. Man fürchtet Gott auch da, wo man ihn liebt; so betet sie einen Allgemeinplatz nach. Bevor sie sich gedanklich selbständig macht:
„Von einer mütterlichen Zärtlichkeit für Ihn“ hat sie noch nie gehört. Nun aber liebt sie Gott wie einen Sohn. Deshalb kennt sie auch seine Schande.
Clarice Lispector erzählt das so. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen: diese Verdrahtung von Gott, Sohn und Schande. Vermutlich verwest in dem delirierenden Ich doch noch sehr viel mehr religiöse Erziehung als in mir. Es gibt da einen Übergang. Da will, so scheint mir, die Erzählerin für Gott (ihren Sohn) den Rock heben. Vielleicht habe ich mich verlesen. Andererseits standen wir den Göttern auch schon mal näher und waren mit ihnen verwandt und stammten heldisch ab von ihnen. Daran erinnere ich in der postheroischen Agonie, die auch eine Aporie ist.
Keiner weiß mehr. 
Das alles interessiert mich weniger als die „Mühelosigkeit“. Ich verwende den Begriff in dem Sinn, den ihm Professor Kernspecht* gegeben hat.

„Davon abgesehen denke ich, dass ein ganz entscheidendes Erlebnis war, als ich sah, wie Joseph Cheng damals einen Herausforderer nach dem anderen (mit Wing Tsun) besiegte. Und dabei elegant aussah! Das war, was ich wollte: mit dem Gegner kämpfen und mit ihm spielen. Mühelos.“ Großmeister K. Kernspecht/Quelle

Saugender Einstieg

Solange man Menschen anziehend findet, geschehen seltsame Dinge. Davon die Rede ist in „Unfreiwillige Fleischwerdung“. Auch diese Miniatur erzwingt mit einem soghaften Einstieg die Aufmerksamkeit der Leserin.

Wer - Von wem - Was - Woraus?   

Die Erzählerin liefert die Informationen auf einem Vorfeld des Geschehens, so als wähne sie sich in der Gesellschaft einer Schar messerscharf ermittelnder Jurist*innen oder Journalist*innen oder Polizist*innen.

Wer - Von wem - Was - Woraus? So geht die Litanei jeder Tatbestandsfeststellung.

Auf einem Flug bittet die Erzählerin Gott, ihr die Verschmelzung mit einer Missionsschwester zu ersparen.

„Ich will nicht diese Missionsschwester sein.“

Doch macht die Intuition keine Pause.

„Ich wusste … (ich) würde … mehrere Tage Missionarin sein.“

„Das ausgesucht höfliche Zartgefühl“ der Nonne ergreift wie ein Krake Besitz von der wehrlos Empfänglichen. Das Programm der anderen geht ihr gegen den Strich. Die Erzählerin weist sich aus als geschäftige Person, befasst und erfüllt mit/von irdischem Kleinkram. In ihrer Person feiert sich die Diesseitigkeit. Das Apollinische ist Trumpf.

Eine Verächterin der Schwermut spricht. Übertriebene Empfindlichkeit erscheint ihr so störend wie mir. Die Nonne aber kam erschöpft auf die Welt, um da das Schauspiel eines zermürbten Kindes aufzuführen. Allem Praktischen begegnet sie mit „Bangigkeit“.

Prätentiös findet die Erzählerin jene „evangelikale Spannung“, die plötzlich in ihr arbeitet.   

Muss ich deutlicher werden? Clarice Lispector beglückt uns mit Genie. Zack schlägt sie eine Seite des Lebens auf und der Rest kommt wie das Katzenmachen.

Die Autorin spielt mit den Metaphern der Inkarnation. An die Stelle der göttlichen Fleischwerdung tritt eine triviale Inkubation. Das prosaische Ich registriert die Symptome.

„Noch im Flugzeug bemerke ich, dass ich mich wie eine heilige Laiin bewege.“

Geduld und Bescheidenheit nehmen drakonisch Quartier in der Erzählerin. Nun ist ihr jedes „kräftige Auftreten“ verboten.

„Ich bin jetzt blass, ohne eine Spur von Lippenstift.“

Indem die wie von Invasionstruppen Eingenommene das Nonnenrepertoire in ihren Registern speichert, desavouiert sie es. Sie kehrt die Schwächen der vorgeblich Makellosen nach außen. Sie verrät aber auch die heimlichen Freuden einer von ihrer Sendung Dauerpenetrierten; die das Leid überwunden zu haben behauptet: auf einer gauklerhaften Friedensmission.

Es geht um die Rummelplatzaspirationen des übergeordneten Standpunkts. Mit den Tentakeln der Nervosität einer konsequent Weltlichen spürt die Erzählerin das hausgemacht Muffige und klappernd Hochstaplerische an der Seligkeit ihrer Nonne auf. Die leichte Brise einer penetranten „Sanftheit“ weht über Maulwurfhügeln moralischer Anmaßung.

Ein Kaugummi verteilender Steward lässt die Nonne erröten. Das umgeleitete Begehren bewirkt eine an Hinfälligkeit grenzende Anfälligkeit. Die Erzählerin erkennt den „geläuterten Fanatismus dieser … Frau“. Die bloße Nähe eines jungen Mannes heizt sie auf.  

Die zwanghaften Anverwandlungen sind nicht nur belastend, sondern auch reizvoll. Die Gegenprobe macht die Erzählerin auf einer anderen Reise. Sie gerät in den Bann einer geruchsexpansiven Sexarbeiterin, die gerade einen Mann hypnotisiert. Die Nachahmung misslingt. Die Anverwandlungsartistin konstatiert einen „völligen Fehlschlag“. „Der Dicke“, den sie in ihr Anziehungsnetz zu spinnen versucht, offenbart sich als totaler Stoffel. Er bleibt mit seinem Interesse bei seiner Zeitung. Er bleibt bei sich. Warum sollte er den Hort seiner Bequemlichkeit verlassen. Vielleicht ist er Kriminalbeamter und versiert in verdeckten Observationen. Bestimmt hat er daheim alles, was er braucht. Da sitzt kein Ausgesetzter, während die Nonne, peinlich getriggert von grandiosen Ich-Ideen, nicht weiß wohin mit den irdischen Anhaftungen.  

Eisiger Kuss

Stammbaumpedanterie

Das Alter hat aus ihr einen neuen Menschen gemacht. Sie kann sich nicht mehr mitteilen. Das sagt sie so. Sie fühlt sich in einer Tombola geschäftsförmiger Beziehungen verwirbelt.

Das ist die Spielanordnung in „Die Abfahrt des Zuges“.

Die Akteurin, gut gekleidet und auch sonst tipptopp und auf Zack, so wie viele Alte, die sich nichts nachsagen lassen wollen, erlebt sich zunächst in der Rolle einer Abreisenden auf dem Bahnhof. Ihre Tochter entlässt sie mit „eisigem Kuss“. Sie gewährt der Mutter das Recht nicht mehr, empfindsam und wählerisch zu sein. Die Verabschiedete fühlt sich wie ein Gepäckstück expediert. 

Manche verlieren im Alter ihre Form. Andere gewinnen ungeahnte Konturen. 

Lispectors mürbe Heldin wähnt sich vom „Feingefühl“ junger Leute im Abteil „überwacht“.

Die Beobachtung ist superb. Es verhält sich doch genau so. Kommt man mit zukunftsfähigen Protagonisten in Kontakt, holt man alles Mögliche aus dem Habitusrucksack, um nicht ganz abgelegt zu wirken. Wie schrecklich ist das. All die milden Tadel und stillen Zurechtweisungen, mit denen die Ausgemusterten bedacht werden. Und dann sollen die parfümierten Greise auch noch froh sein, dass man sich überhaupt abgibt mit ihnen. Es weiß doch jeder, dass das Tünche und Vorspiegelung ist, was man sieht und riecht.

Zum Glück für Maria fahren die effektivsten Krachmacher*innen an anderer Stelle im Zug mit. Sie sucht billige Zuflucht im Gebet; Erlösung zum Discountpreis.

Nichts hilft mehr.

Apperzeptionssperre

Einer Coupénachbarin stellt sie sich mit aller iberischer Umständlichkeit vor ... Maria Rita Alvarenga Chagas Souza Melo. Die Namen gehören zur Stammbaumpedanterie.    

Was nutzt die Herkunft der Dame? Das hatten wir schon. Maria ist „eine x-beliebige alte Frau, die jede Kleinigkeit (erschreckt)“.

„Beim Lachen erwies sie sich als eines dieser alten Mütterchen voller Zähne.“

Mit „leeren Augen“ heuchelt sie Anteilnahme. Um es präziser zu fassen: Maria würde gern Anteil nehmen. Allein, eine Apperzeptionssperre vereitelt das Überlaufen ins Allgemeinen. Maria kommt nicht mehr mit. Das Leben eilt ihr voran und dreht ihr lustig eine lange Nase ins Ungefähre. Es weiß nämlich, dass sich Maria der bösen Botschaft nicht entziehen kann.  

Kunstvolle Trostlosigkeit

Lispector beweist einmal mehr ihr Genie in dieser Geschichte. Die Autorin spendet keinen Trost. Sie verzichtet auf ein Fazit. Alles bleibt in der Schwebe.  

Nebulöser Nebukadnezar

Es geschieht nur einmal. Doch das reicht, um den Lauf der Welt rauchen zu lassen. Ein übergeordnetes Ich, vielmehr eine Instanz als ein Akteur, bemerkt den „Schrei“ eines Hahns zur „Unzeit“. Ob nun im Hahn oder in seinem Schrei: das Medium der Autorin erkennt darin das Prinzip der Welt, nach dem alle Flüsse im Meer münden.

Sümpfe dampfen vorzeitlich. Wir sehen das Mangroven- und Zypressen-Theater mit all seinen Schattenspielen als Kulisse für „die Kehrseite des Guten“. Kobolde mischen sich unter Frauen und Männer „wie erloschene Gottheiten“. Gleichzeitig wird allen Selbstmördern die Messe gelesen.

Größenwahnsinnige Würmer/ Antike Urbanität

Clarice Lispector verknüpft die Entstehungsgeschichte der Menschheit mit der Bauernhistorie der Sesshaftigkeit. Babylon entsteht aufs Neue und ein nebulöser Nebukadnezar drückt ihr seinen Stempel auf. In der antiken Urbanität war sofort alles da, einschließlich der Verkehrsprobleme im Gott lästernden Größenwahn aus Lehm & Gold.   

„Die Menschen schwänzelten am Boden wie dicke, weiche Würmer: nach oben.“

„Glucksend lachende Hunde“ spielen ihre Rollen in „Wo wart ihr in der Nacht“. Die surreale Patina erscheint leicht überzogen. Lispector bedient sich im Baumarkt für Geschichten, in so einem Erzähl-Ikea. Den Phantastischen Realismus gibt es da als Komponentenkleber.

Mich stört der Schnäppchencharakter des Untergrunds und Aufbaus nicht.

„Der Hügel war aus Alteisen.“

Trotzdem zieht es mich weiter zu den psychologischen Feinzeichnungen der Kleinode, ohne erdgeschichtliche Verwerfungen und Gabriel-García-Márquez-Chichi. In „Dona Frozinas Finessen“ taucht die Titelheldin als Nutznießerin einer Hinterbliebenenrente auf. Vierzig Jahre lang hätte ich die kurze Statusmeldung einfach überlesen. Jetzt denke ich, so eine Witwe ist fein raus mit ihren regelmäßigen Bezügen. Der kann keiner ans Zeug flicken. Sie bleibt einfach unter sich und löst Kreuzworträtsel am Küchentisch. Ab und zu schleicht sie durch das Strahlengitter eines segregativen Unmuts zum Fisch-Fritz und seinem Nachbarn, dem Gemüse-Joe, und zieht das Nötigste an Land.

„Dona Frozina ist sehr katholisch und verbringt einen Großteil ihres Lebens in Kirchen.“

Obwohl einst eine famose „Gebärerin“, wurde Dona Frozina als Witwe wieder Jungfrau.

„Also bitte, meine Gute, so eine Sünde! Ich bin als Witwe jungfräulich, liebes Kind.“

Dona Frozina stellt sich selbst das richtige Attest aus und verwaltet ihre Bedürfnisse mit Finesse.

„Dona Frozinas Finessen“ - der Titel verzettelt sich nicht. Ich muss wieder einmal ausholen, um zu erklären, warum mich Lispectors kleine Prosa so anzieht. Die meisten ihrer Akteurinnen sind versprengte, manchmal fast schon geächtete Frauen, die jederzeit auch unglücklicher sein könnten. Doch finden sie, jede für sich, einen Dreh ins Positive. Ich denke gerade an meine vielen Urgroßtanten. Meine Oma sagte im hohen Alter von siebzig Jahren noch Tante zu einem Schock schwäbischer Provinzpietistinnen. Manche überlebten ihre Männer um ein halbes Jahrhundert. Die Männer waren im Krieg geblieben, wie ihre Witwen sagten. Sie waren nicht mehr heimgekehrt. Ich sag jetzt nicht gottlob. Aber es gab diese Tendenz. Allein froh zu sein. Das heißt, allein waren meine Urgroßtanten nicht. Sie waren einander Schwestern, Tanten und Nichten mit einer Entschlossenheit, die ich bei heutigen Feministinnen vermisse.  

Refugiés einer anderen Zeit

Sie lebten in Waldenserkolonien, die Corres, Serres und Pinache heißen. Unsere Vorfahren waren Refugiés einer anderen Zeit gewesen. Alle wohnten im Eigentum und besaßen schmale Streifen eines Maulbronner Weinbergs, der vor langer Zeit aufgeteilt worden war und von einem familienfremden Winzer bewirtschaftet wurde. Ich war oft und gern im Wingert, wo die allerknotigsten und -urigsten Typen ein stadtabgewandt-maulfaules Leben führten. Sie beherrschten Kartentricks, Knotentechniken und jene kleinen Messersachen, die daran erinnerten, dass man durch die Jahrhunderte für seine Sicherheit selbst zu sorgen hatte, zumindest als halbverrückter Knecht, den es in den Nächten von Freitag auf Samstag auf die Landstraße zog. Er frequentierte ein paar Schankgelegenheiten, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr kennt. Stallbudiken. Nicht konzessionierte Küchenkneipen, deren Wirtinnen den sozialen Kosmos der Habenichts beherrschten.

Sie waren mittelos in einer Gegend, in der kein Rechtschaffender zur Miete wohnte.

Die Häuser meiner Urgroßtanten sahen alle gleich aus. Sie waren schmal, dunkel und mineralisch-kalt. Man betrat sie grundsätzlich von hinten, nach einer Durchquerung des Küchengartens. Man kam zuerst in die Küche, dem entscheidenden Raum. Die Häuser moderten. Aber über oder unter dem Schwammgestank lag der Geruch von Kaffee. Echter Bohnenkaffee war ein Fetisch im Kreis der unbemannten Kittelschürzen. Übrigens trugen diese Frauen gern Strümpfe, die bis zu den Schenkeln reichten. Die gute Beinhaftung war ein Thema. Im Weiteren besprach man Eigentumsverhältnisse vor Ort. Dem ungeheuren, meinetwegen auch bigotten Materialismus zum Trotz, bestimmte unverbrüchliche Frauensolidarität den Kurs des Alltags. Meine Urgroßtanten wollten ihre Erwins und Wilhelms nicht zurückhaben. Ich wüsste das nicht, wäre es nicht besprochen worden. Nicht wenige waren ihre Männer lästig gewesen. Ich lernte, ein guter Mann ist einer, der nicht zu lange am Leben bleibt und seine auf hundert Erdenjahre geeichte Witwe gut versorgt zurücklässt. Auf dem Sterbebett sagte sie dann gnädig:

„Ich geh jetzt zu meinem Erwin wahlweise Emil oder Wilhelm.

Kostbare Glut

Ein Mann schürt das Feuer im Kamin. Er erfüllt eine Pflicht, mehr nicht. Im narrativen Gegenlicht erkennt die Beobachterin den überzeitlichen Hüter. Sie sieht eine Spielfigur aus dem Arsenal des verlockenden Anfangs. Ein Blitz spaltet einen Stamm und entzündet ihn. Aktivist*innen des Überlebens nehmen das Feuer dankbar entgegen und transferieren die kostbare Glut sonst wohin.

Jahrtausende später erhält die elementare Szene einen phylogenetischen Widerschein. 

Die Autorin hält sich mit Merkwürdigkeit auf, dass es ihrer Akteurin überhaupt nicht in den Sinn kommt, das Feuer zu versorgen. Das ist nicht ihr Bier*. Vielmehr gliedert sie sich dekorativ und gibt ein schönes Bild von sich selbst ab.

*„Das ist nicht ihre Rolle, dafür hat eine Frau ja ihren Mann.“

Manchmal fühlt sie sich bemüßigt, in der Glut des männlichen Eifers zu stochern. Sie scheucht den Mann auf und treibt ihn an.

„Der Scheit da … brennt noch nicht richtig.“

Die entscheidende Person im Raum wähnt sich in der richtigen Position. Sie „kann haben“.

Auf einer übergeordneten Reflexionsebene, auf der keineswegs die Autorin thront, sondern ein Erzählerinnengespenst (ganz wie das Orang-Utan-Weiblichen in traurigen Tropen regenwälderisch auf einem vom Nebel verhangenen Klettergerüst) abhängt, wird das Kaminfeuer zur Metapher für das richtige Leben in einer konventionellen Ehe nach den Maßstäben vergangener Zeiten.

„Nein, sie meint nicht das Feuer, sie meint das, was sie empfindet.“

Das empfindet sie in einem Kontext, in dem es ihr nicht ratsam erscheint, dem Mann Befehle zu erteilen. Vielmehr lenkt sie ihn mit Schenkeldruck gleichsam.

„Nicht auf ihren Befehl, sie ist ja die Frau eines Mannes und verlöre ihre (Macht), wenn sie ihm Befehle erteilte.“

Lispector vermisst selbst die Strecke vom Knistern der Scheite bis zum Knistern der Atmosphäre, und weiter von der sachten Glut bis zum Auflodern der ehelich erregten Akteurin.

Der schmale Prosastreifen mit dem kolossalen Titel „Ungeschminktes Leben“ wäre heute ganz unmöglich. Niemand erzählt mehr so, also auch kein Mann im Echoraum verlorener Dominanz.

Und doch steckt ein Roman in dem Stück. Der Roman einer aufgegebenen Selbstverständlichkeit. Er handelt von dem unerklärlichen Einverständnis der Frau mit den Machtverhältnissen. Sie scheint die Verhältnisse für natürlich zu halten; das ist der Clou. Sie löckt nicht wider dem Stachel. Stattdessen lockt sie den Gatten mit Gesten der Unterwerfung in die Sphäre ihrer Nahsinne.

Ich kenne das Programm von meiner Oma. Einer ihrer Binsen lautete:

„Und immer lockt das Weib.“

Für das Kind in der privilegierten Enkelrolle klang das nach Bibel und Ewigkeit. Es war Zeuge mancher Umgarnung. Oma ging Opa schmierenkomödiantisch um den Bart. Das weibliche Antichambrieren erschien mir ganz normal in einer Geruchsoffensive aus Haarspray und Kölnisch Wasser. Ich weiß noch gar nicht so lange, dass meine Oma nicht die Bibel zitierte, sondern einen französischen Schinken anbrachte. „… und immer lockt das Weib“ begründete 1956 den Brigitte Bardot-Mythos. Die Elevin reüssierte in ihrem dritten Film gemeinsam mit dem „normannischen Kleiderschrank“ Curd Jürgens. 

„Die 18-jährige Juliette, ein aufreizendes junges Waisenmädchen, wächst bei einem kinderlosen, strengen Ehepaar in Saint Tropez auf. Einige Männer verlieben sich in sie, während sie, nur Augen für Antoine Tardieu hat.“

„Wegen seiner Statur und kühl wirkenden Ausstrahlung erhielt der 1,93 m große Schauspieler von Brigitte Bardot den Spitznamen normannischer Schrank. Die deutsche Presse machte daraus normannischer Kleiderschrank.“ Wikipedia

Postheroische Agonie

Warum gelingt manchen das Leben mühelos, während andere sich vergeblich abmühen? Die Antwort ist einfach. Die, die sich schinden und glauben, immer kämpfen zu müssen, haben nicht verstanden, dass sie sich selbst blockieren. In Wahrheit kämpfen sie gegen sich. Sie müssten loslassen, um mühelos zu werden.  

Eingebetteter Medieninhalt

Wir kennen die Avenida Copacabana als Boulevard der Verheißung. In der akuten Perspektive erschöpft sich der Prospekt in einem Dreiklang der Ansichten. Häuser, Meer und Leute wimmeln zusammen in einem kraftlos-unscharfen Bild.

Im Kontext der Wahrnehmung unter den Vorzeichen des Jetzt stellt sich die Avenida Copacabana auch so dar:

„Die Apartments Av. Nossa Senhora de Copacabana bieten Ihnen Unterkünfte zur Selbstverpflegung und liegen nur hundert Meter von der berühmten Copacabana entfernt … Die U-Bahn-Station Cantagalo ist drei Blocks entfernt … Den Flughafen Santos Dumont erreichen Sie nach zehn Kilometern.“ Quelle

In „Gott vergeben“ färbt Sepia die Magistrale. Wieder erscheint die Erzählerin namenlos. Sie befindet sich in einem Zustand „müheloser Aufmerksamkeit“.

„Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.“

Zärtlich besitzt sie die Dinge mit den Augen. Anders will sie sie gar nicht haben. Sie betont, nicht auf einer tour de propriétaire zu sein. Gleichzeitig fühlt sie sich als „Mutter Gottes“.

Wer kennt das nicht?

Der Planet liegt einem zu Füßen. Man weicht zum Strand hin ab vom Straßenverlauf. Unter den Sohlen ergeben sich Muscheln, um mit einem Wohllaut zu zerbrechen. Der Sand macht sich geschmeidig. Der Strand wird zur Metapher der Privilegien. Man erlebt dies gewiss „ganz ohne Anmaßung und Selbstherrlichkeit“. – Und so stellt sich die Erzählerin auch Gott vor; nämlich als ein Wesen, „dass sich ohne jeden Stolz und jede Kleinlichkeit liebkosen“ lässt.

Die Erzählerin befragt sich. Sie argumentiert gegen sich selbst mit den Argumenten der Psychoanalyse, in der sie so bewandert ist wie du und ich.

Darf man so empfinden?

Steckt man jetzt in einer Hybrisfalle? Hat man sich wüst verirrt?

Die Erzählerin vollzieht an sich die Apotheose, und ich sage, so what, Baby. Vom Mummenschatz zum Nonnentanz … was wissen wir denn? Die Erfüllte mäandert aus der Geläufigkeit. Man fürchtet Gott auch da, wo man ihn liebt; so betet sie einen Allgemeinplatz nach. Bevor sie sich gedanklich selbständig macht:
„Von einer mütterlichen Zärtlichkeit für Ihn“ hat sie noch nie gehört. Nun aber liebt sie Gott wie einen Sohn. Deshalb kennt sie auch seine Schande.
Clarice Lispector erzählt das so. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen: diese Verdrahtung von Gott, Sohn und Schande. Vermutlich verwest in dem delirierenden Ich doch noch sehr viel mehr religiöse Erziehung als in mir. Es gibt da einen Übergang. Da will, so scheint mir, die Erzählerin für Gott (ihren Sohn) den Rock heben. Vielleicht habe ich mich verlesen. Andererseits standen wir den Göttern auch schon mal näher und waren mit ihnen verwandt und stammten heldisch ab von ihnen. Daran erinnere ich in der postheroischen Agonie, die auch eine Aporie ist.
Keiner weiß mehr. 
Das alles interessiert mich weniger als die „Mühelosigkeit“. Ich verwende den Begriff in dem Sinn, den ihm Professor Kernspecht* gegeben hat.

„Davon abgesehen denke ich, dass ein ganz entscheidendes Erlebnis war, als ich sah, wie Joseph Cheng damals einen Herausforderer nach dem anderen (mit Wing Tsun) besiegte. Und dabei elegant aussah! Das war, was ich wollte: mit dem Gegner kämpfen und mit ihm spielen. Mühelos.“ Großmeister K. Kernspecht/Quelle

Saugender Einstieg

Solange man Menschen anziehend findet, geschehen seltsame Dinge. Davon die Rede ist in „Unfreiwillige Fleischwerdung“. Auch diese Miniatur erzwingt mit einem soghaften Einstieg die Aufmerksamkeit der Leserin.

Wer - Von wem - Was - Woraus?   

Die Erzählerin liefert die Informationen auf einem Vorfeld des Geschehens, so als wähne sie sich in der Gesellschaft einer Schar messerscharf ermittelnder Jurist*innen oder Journalist*innen oder Polizist*innen.

Wer - Von wem - Was - Woraus? So geht die Litanei jeder Tatbestandsfeststellung.

Auf einem Flug bittet die Erzählerin Gott, ihr die Verschmelzung mit einer Missionsschwester zu ersparen.

„Ich will nicht diese Missionsschwester sein.“

Doch macht die Intuition keine Pause.

„Ich wusste … (ich) würde … mehrere Tage Missionarin sein.“

„Das ausgesucht höfliche Zartgefühl“ der Nonne ergreift wie ein Krake Besitz von der wehrlos Empfänglichen. Das Programm der anderen geht ihr gegen den Strich. Die Erzählerin weist sich aus als geschäftige Person, befasst und erfüllt mit/von irdischem Kleinkram. In ihrer Person feiert sich die Diesseitigkeit. Das Apollinische ist Trumpf.

Eine Verächterin der Schwermut spricht. Übertriebene Empfindlichkeit erscheint ihr so störend wie mir. Die Nonne aber kam erschöpft auf die Welt, um da das Schauspiel eines zermürbten Kindes aufzuführen. Allem Praktischen begegnet sie mit „Bangigkeit“.

Prätentiös findet die Erzählerin jene „evangelikale Spannung“, die plötzlich in ihr arbeitet.   

Muss ich deutlicher werden? Clarice Lispector beglückt uns mit Genie. Zack schlägt sie eine Seite des Lebens auf und der Rest kommt wie das Katzenmachen.

Die Autorin spielt mit den Metaphern der Inkarnation. An die Stelle der göttlichen Fleischwerdung tritt eine triviale Inkubation. Das prosaische Ich registriert die Symptome.

„Noch im Flugzeug bemerke ich, dass ich mich wie eine heilige Laiin bewege.“

Geduld und Bescheidenheit nehmen drakonisch Quartier in der Erzählerin. Nun ist ihr jedes „kräftige Auftreten“ verboten.

„Ich bin jetzt blass, ohne eine Spur von Lippenstift.“

Indem die wie von Invasionstruppen Eingenommene das Nonnenrepertoire in ihren Registern speichert, desavouiert sie es. Sie kehrt die Schwächen der vorgeblich Makellosen nach außen. Sie verrät aber auch die heimlichen Freuden einer von ihrer Sendung Dauerpenetrierten; die das Leid überwunden zu haben behauptet: auf einer gauklerhaften Friedensmission.

Es geht um die Rummelplatzaspirationen des übergeordneten Standpunkts. Mit den Tentakeln der Nervosität einer konsequent Weltlichen spürt die Erzählerin das hausgemacht Muffige und klappernd Hochstaplerische an der Seligkeit ihrer Nonne auf. Die leichte Brise einer penetranten „Sanftheit“ weht über Maulwurfhügeln moralischer Anmaßung.

Ein Kaugummi verteilender Steward lässt die Nonne erröten. Das umgeleitete Begehren bewirkt eine an Hinfälligkeit grenzende Anfälligkeit. Die Erzählerin erkennt den „geläuterten Fanatismus dieser … Frau“. Die bloße Nähe eines jungen Mannes heizt sie auf.  

Die zwanghaften Anverwandlungen sind nicht nur belastend, sondern auch reizvoll. Die Gegenprobe macht die Erzählerin auf einer anderen Reise. Sie gerät in den Bann einer geruchsexpansiven Sexarbeiterin, die gerade einen Mann hypnotisiert. Die Nachahmung misslingt. Die Anverwandlungsartistin konstatiert einen „völligen Fehlschlag“. „Der Dicke“, den sie in ihr Anziehungsnetz zu spinnen versucht, offenbart sich als totaler Stoffel. Er bleibt mit seinem Interesse bei seiner Zeitung. Er bleibt bei sich. Warum sollte er den Hort seiner Bequemlichkeit verlassen. Vielleicht ist er Kriminalbeamter und versiert in verdeckten Observationen. Bestimmt hat er daheim alles, was er braucht. Da sitzt kein Ausgesetzter, während die Nonne, peinlich getriggert von grandiosen Ich-Ideen, nicht weiß wohin mit den irdischen Anhaftungen.  

Eisiger Kuss

Stammbaumpedanterie

Das Alter hat aus ihr einen neuen Menschen gemacht. Sie kann sich nicht mehr mitteilen. Das sagt sie so. Sie fühlt sich in einer Tombola geschäftsförmiger Beziehungen verwirbelt.

Das ist die Spielanordnung in „Die Abfahrt des Zuges“.

Die Akteurin, gut gekleidet und auch sonst tipptopp und auf Zack, so wie viele Alte, die sich nichts nachsagen lassen wollen, erlebt sich zunächst in der Rolle einer Abreisenden auf dem Bahnhof. Ihre Tochter entlässt sie mit „eisigem Kuss“. Sie gewährt der Mutter das Recht nicht mehr, empfindsam und wählerisch zu sein. Die Verabschiedete fühlt sich wie ein Gepäckstück expediert. 

Manche verlieren im Alter ihre Form. Andere gewinnen ungeahnte Konturen. 

Lispectors mürbe Heldin wähnt sich vom „Feingefühl“ junger Leute im Abteil „überwacht“.

Die Beobachtung ist superb. Es verhält sich doch genau so. Kommt man mit zukunftsfähigen Protagonisten in Kontakt, holt man alles Mögliche aus dem Habitusrucksack, um nicht ganz abgelegt zu wirken. Wie schrecklich ist das. All die milden Tadel und stillen Zurechtweisungen, mit denen die Ausgemusterten bedacht werden. Und dann sollen die parfümierten Greise auch noch froh sein, dass man sich überhaupt abgibt mit ihnen. Es weiß doch jeder, dass das Tünche und Vorspiegelung ist, was man sieht und riecht.

Zum Glück für Maria fahren die effektivsten Krachmacher*innen an anderer Stelle im Zug mit. Sie sucht billige Zuflucht im Gebet; Erlösung zum Discountpreis.

Nichts hilft mehr.

Apperzeptionssperre

Einer Coupénachbarin stellt sie sich mit aller iberischer Umständlichkeit vor ... Maria Rita Alvarenga Chagas Souza Melo. Die Namen gehören zur Stammbaumpedanterie.    

Was nutzt die Herkunft der Dame? Das hatten wir schon. Maria ist „eine x-beliebige alte Frau, die jede Kleinigkeit (erschreckt)“.

„Beim Lachen erwies sie sich als eines dieser alten Mütterchen voller Zähne.“

Mit „leeren Augen“ heuchelt sie Anteilnahme. Um es präziser zu fassen: Maria würde gern Anteil nehmen. Allein, eine Apperzeptionssperre vereitelt das Überlaufen ins Allgemeinen. Maria kommt nicht mehr mit. Das Leben eilt ihr voran und dreht ihr lustig eine lange Nase ins Ungefähre. Es weiß nämlich, dass sich Maria der bösen Botschaft nicht entziehen kann.  

Kunstvolle Trostlosigkeit

Lispector beweist einmal mehr ihr Genie in dieser Geschichte. Die Autorin spendet keinen Trost. Sie verzichtet auf ein Fazit. Alles bleibt in der Schwebe.  

Nebulöser Nebukadnezar

Es geschieht nur einmal. Doch das reicht, um den Lauf der Welt rauchen zu lassen. Ein übergeordnetes Ich, vielmehr eine Instanz als ein Akteur, bemerkt den „Schrei“ eines Hahns zur „Unzeit“. Ob nun im Hahn oder in seinem Schrei: das Medium der Autorin erkennt darin das Prinzip der Welt, nach dem alle Flüsse im Meer münden.

Sümpfe dampfen vorzeitlich. Wir sehen das Mangroven- und Zypressen-Theater mit all seinen Schattenspielen als Kulisse für „die Kehrseite des Guten“. Kobolde mischen sich unter Frauen und Männer „wie erloschene Gottheiten“. Gleichzeitig wird allen Selbstmördern die Messe gelesen.

Größenwahnsinnige Würmer/ Antike Urbanität

Clarice Lispector verknüpft die Entstehungsgeschichte der Menschheit mit der Bauernhistorie der Sesshaftigkeit. Babylon entsteht aufs Neue und ein nebulöser Nebukadnezar drückt ihr seinen Stempel auf. In der antiken Urbanität war sofort alles da, einschließlich der Verkehrsprobleme im Gott lästernden Größenwahn aus Lehm & Gold.   

„Die Menschen schwänzelten am Boden wie dicke, weiche Würmer: nach oben.“

„Glucksend lachende Hunde“ spielen ihre Rollen in „Wo wart ihr in der Nacht“. Die surreale Patina erscheint leicht überzogen. Lispector bedient sich im Baumarkt für Geschichten, in so einem Erzähl-Ikea. Den Phantastischen Realismus gibt es da als Komponentenkleber.

Mich stört der Schnäppchencharakter des Untergrunds und Aufbaus nicht.

„Der Hügel war aus Alteisen.“

Trotzdem zieht es mich weiter zu den psychologischen Feinzeichnungen der Kleinode, ohne erdgeschichtliche Verwerfungen und Gabriel-García-Márquez-Chichi. In „Dona Frozinas Finessen“ taucht die Titelheldin als Nutznießerin einer Hinterbliebenenrente auf. Vierzig Jahre lang hätte ich die kurze Statusmeldung einfach überlesen. Jetzt denke ich, so eine Witwe ist fein raus mit ihren regelmäßigen Bezügen. Der kann keiner ans Zeug flicken. Sie bleibt einfach unter sich und löst Kreuzworträtsel am Küchentisch. Ab und zu schleicht sie durch das Strahlengitter eines segregativen Unmuts zum Fisch-Fritz und seinem Nachbarn, dem Gemüse-Joe, und zieht das Nötigste an Land.

„Dona Frozina ist sehr katholisch und verbringt einen Großteil ihres Lebens in Kirchen.“

Obwohl einst eine famose „Gebärerin“, wurde Dona Frozina als Witwe wieder Jungfrau.

„Also bitte, meine Gute, so eine Sünde! Ich bin als Witwe jungfräulich, liebes Kind.“

Dona Frozina stellt sich selbst das richtige Attest aus und verwaltet ihre Bedürfnisse mit Finesse.

„Dona Frozinas Finessen“ - der Titel verzettelt sich nicht. Ich muss wieder einmal ausholen, um zu erklären, warum mich Lispectors kleine Prosa so anzieht. Die meisten ihrer Akteurinnen sind versprengte, manchmal fast schon geächtete Frauen, die jederzeit auch unglücklicher sein könnten. Doch finden sie, jede für sich, einen Dreh ins Positive. Ich denke gerade an meine vielen Urgroßtanten. Meine Oma sagte im hohen Alter von siebzig Jahren noch Tante zu einem Schock schwäbischer Provinzpietistinnen. Manche überlebten ihre Männer um ein halbes Jahrhundert. Die Männer waren im Krieg geblieben, wie ihre Witwen sagten. Sie waren nicht mehr heimgekehrt. Ich sag jetzt nicht gottlob. Aber es gab diese Tendenz. Allein froh zu sein. Das heißt, allein waren meine Urgroßtanten nicht. Sie waren einander Schwestern, Tanten und Nichten mit einer Entschlossenheit, die ich bei heutigen Feministinnen vermisse.  

Refugiés einer anderen Zeit

Sie lebten in Waldenserkolonien, die Corres, Serres und Pinache heißen. Unsere Vorfahren waren Refugiés einer anderen Zeit gewesen. Alle wohnten im Eigentum und besaßen schmale Streifen eines Maulbronner Weinbergs, der vor langer Zeit aufgeteilt worden war und von einem familienfremden Winzer bewirtschaftet wurde. Ich war oft und gern im Wingert, wo die allerknotigsten und -urigsten Typen ein stadtabgewandt-maulfaules Leben führten. Sie beherrschten Kartentricks, Knotentechniken und jene kleinen Messersachen, die daran erinnerten, dass man durch die Jahrhunderte für seine Sicherheit selbst zu sorgen hatte, zumindest als halbverrückter Knecht, den es in den Nächten von Freitag auf Samstag auf die Landstraße zog. Er frequentierte ein paar Schankgelegenheiten, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr kennt. Stallbudiken. Nicht konzessionierte Küchenkneipen, deren Wirtinnen den sozialen Kosmos der Habenichts beherrschten.

Sie waren mittelos in einer Gegend, in der kein Rechtschaffender zur Miete wohnte.

Die Häuser meiner Urgroßtanten sahen alle gleich aus. Sie waren schmal, dunkel und mineralisch-kalt. Man betrat sie grundsätzlich von hinten, nach einer Durchquerung des Küchengartens. Man kam zuerst in die Küche, dem entscheidenden Raum. Die Häuser moderten. Aber über oder unter dem Schwammgestank lag der Geruch von Kaffee. Echter Bohnenkaffee war ein Fetisch im Kreis der unbemannten Kittelschürzen. Übrigens trugen diese Frauen gern Strümpfe, die bis zu den Schenkeln reichten. Die gute Beinhaftung war ein Thema. Im Weiteren besprach man Eigentumsverhältnisse vor Ort. Dem ungeheuren, meinetwegen auch bigotten Materialismus zum Trotz, bestimmte unverbrüchliche Frauensolidarität den Kurs des Alltags. Meine Urgroßtanten wollten ihre Erwins und Wilhelms nicht zurückhaben. Ich wüsste das nicht, wäre es nicht besprochen worden. Nicht wenige waren ihre Männer lästig gewesen. Ich lernte, ein guter Mann ist einer, der nicht zu lange am Leben bleibt und seine auf hundert Erdenjahre geeichte Witwe gut versorgt zurücklässt. Auf dem Sterbebett sagte sie dann gnädig:

„Ich geh jetzt zu meinem Erwin wahlweise Emil oder Wilhelm.

Kostbare Glut

Ein Mann schürt das Feuer im Kamin. Er erfüllt eine Pflicht, mehr nicht. Im narrativen Gegenlicht erkennt die Beobachterin den überzeitlichen Hüter. Sie sieht eine Spielfigur aus dem Arsenal des verlockenden Anfangs. Ein Blitz spaltet einen Stamm und entzündet ihn. Aktivist*innen des Überlebens nehmen das Feuer dankbar entgegen und transferieren die kostbare Glut sonst wohin.

Jahrtausende später erhält die elementare Szene einen phylogenetischen Widerschein. 

Die Autorin hält sich mit Merkwürdigkeit auf, dass es ihrer Akteurin überhaupt nicht in den Sinn kommt, das Feuer zu versorgen. Das ist nicht ihr Bier*. Vielmehr gliedert sie sich dekorativ und gibt ein schönes Bild von sich selbst ab.

*„Das ist nicht ihre Rolle, dafür hat eine Frau ja ihren Mann.“

Manchmal fühlt sie sich bemüßigt, in der Glut des männlichen Eifers zu stochern. Sie scheucht den Mann auf und treibt ihn an.

„Der Scheit da … brennt noch nicht richtig.“

Die entscheidende Person im Raum wähnt sich in der richtigen Position. Sie „kann haben“.

Auf einer übergeordneten Reflexionsebene, auf der keineswegs die Autorin thront, sondern ein Erzählerinnengespenst (ganz wie das Orang-Utan-Weiblichen in traurigen Tropen regenwälderisch auf einem vom Nebel verhangenen Klettergerüst) abhängt, wird das Kaminfeuer zur Metapher für das richtige Leben in einer konventionellen Ehe nach den Maßstäben vergangener Zeiten.

„Nein, sie meint nicht das Feuer, sie meint das, was sie empfindet.“

Das empfindet sie in einem Kontext, in dem es ihr nicht ratsam erscheint, dem Mann Befehle zu erteilen. Vielmehr lenkt sie ihn mit Schenkeldruck gleichsam.

„Nicht auf ihren Befehl, sie ist ja die Frau eines Mannes und verlöre ihre (Macht), wenn sie ihm Befehle erteilte.“

Lispector vermisst selbst die Strecke vom Knistern der Scheite bis zum Knistern der Atmosphäre, und weiter von der sachten Glut bis zum Auflodern der ehelich erregten Akteurin.

Der schmale Prosastreifen mit dem kolossalen Titel „Ungeschminktes Leben“ wäre heute ganz unmöglich. Niemand erzählt mehr so, also auch kein Mann im Echoraum verlorener Dominanz.

Und doch steckt ein Roman in dem Stück. Der Roman einer aufgegebenen Selbstverständlichkeit. Er handelt von dem unerklärlichen Einverständnis der Frau mit den Machtverhältnissen. Sie scheint die Verhältnisse für natürlich zu halten; das ist der Clou. Sie löckt nicht wider dem Stachel. Stattdessen lockt sie den Gatten mit Gesten der Unterwerfung in die Sphäre ihrer Nahsinne.

Ich kenne das Programm von meiner Oma. Einer ihrer Binsen lautete:

„Und immer lockt das Weib.“

Für das Kind in der privilegierten Enkelrolle klang das nach Bibel und Ewigkeit. Es war Zeuge mancher Umgarnung. Oma ging Opa schmierenkomödiantisch um den Bart. Das weibliche Antichambrieren erschien mir ganz normal in einer Geruchsoffensive aus Haarspray und Kölnisch Wasser. Ich weiß noch gar nicht so lange, dass meine Oma nicht die Bibel zitierte, sondern einen französischen Schinken anbrachte. „… und immer lockt das Weib“ begründete 1956 den Brigitte Bardot-Mythos. Die Elevin reüssierte in ihrem dritten Film gemeinsam mit dem „normannischen Kleiderschrank“ Curd Jürgens. 

„Die 18-jährige Juliette, ein aufreizendes junges Waisenmädchen, wächst bei einem kinderlosen, strengen Ehepaar in Saint Tropez auf. Einige Männer verlieben sich in sie, während sie, nur Augen für Antoine Tardieu hat.“

„Wegen seiner Statur und kühl wirkenden Ausstrahlung erhielt der 1,93 m große Schauspieler von Brigitte Bardot den Spitznamen normannischer Schrank. Die deutsche Presse machte daraus normannischer Kleiderschrank.“ Wikipedia

Durchschlagende Kraft

In „Erklärung“ rückt die Erzählerin so dicht an die Autorin, dass ich mich mit einem akademischen Allgemeinplatz davon abhalten muss, sie auch so ansprechen.

Man darf die Autorin nicht mit dem erzählenden Ich gleichsetzen.

Manchmal ist die Suggestion aber zu stark, um ihr nicht zu erliegen.

Vom Leben abgeschrieben

Zur Spielanordnung

Der Artenova-Verleger und Dichter Álvaro Pacheco* gibt der narrativ durchziehenden Macht das Mandat drei, dem Leben abgeschriebene Geschichten mit ihrem Können aufzumöbeln.

*„Álvaro dos Santos Pacheco (Jaicós, 26 de novembro de 1933) é um servidor público, advogado,empresário, escritor, editor, jornalista e político brasileiro que exerceu o mandato de senador pelo Piauí na qualidade de primeiro suplente de Hugo Napoleão.”

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Die Könnerin haut die Sachen raus. Zack. Zack. Zack. Auch der Kunst liefert Geschwindigkeit Vermögensbeweise. In Stunden ist die Chose verfasst: Miss Algarve, Der Körper, Kreuzweg.

„Alle Geschichten … sind von durchschlagender Kraft.“

So wird eine Selbstverständlichkeit angesprochen. Es folgt ein Aufgalopp der Binsen. Die Autorin beschreibt sich als „ernsthafte Frau“, die jedenfalls „nicht des Geldes wegen (schreibt), sondern aus innerem Antrieb“.

Sie datiert ihre Preisgaben auf einen 12. Mai und nimmt zugleich Zuflucht zu einem Pseudonym, das ihr gleich wieder ausgeredet wird. Sie soll so frei sein, sich mit ihrem richtigen Namen unmöglich zu machen. Alles Weitere erfolgt in Erwartung einer Steinigung.   

Miss Algarve/ Trottoirroutinen

Eine irische Sommersprossenschönheit, so ledig wie von Grund auf und bis in die letzten Winkel virginesk, spielt sich unter die massenhaft Versprengten von Soho. Jeden Tag passiert Ruth aka Miss Algarve Sexarbeiterinnen am Piccadilly Circus, deren Trottoirroutinen ihren üppigsten Widerwillen erregen.  

Ruth führt eine Mansardenexistenz in den privaten Stunden. Beruflich wirkt sie als Schreibkraft „ohne Fehl und Tadel“. Hochmütig und bibelfest bedenkt sie, was ihr die Tage beschweren. Eines Samstagabends besucht sie ein Saturner, der sich Ixtlan nennt. Der Extraterrestrische prahlt mit einer Natternkrone. Für ihn kann sich Ruth einfach ausziehen. Offenbar kennt Ixtlan die Agenda ihrer Geheimwunschliste.

„Es war, als schleuderte ein Krüppel seine Krücke in die Luft.“   

Ruth erlebt Lust und Liebe wie in einem Atemzug.

„Sie war tatsächlich vom Schicksal begünstigt. Sie war die Auserwählte eines Wesens vom Saturn.“

An dieser Stelle öffnet sich die Geschichte. Sie verändert ihre Gestalt. Ein Strenge predigender Formalismus endet als Trost der Einsamen und Armen. Ruth mischt sich frivol unter die Leute. Sie zieht zahlende Liebhaber aus dem Angebot der Straße. Vor allem jedoch freundet sie sich mit einem grobianischen Gestus an.

Ich will die Skizze mit einem Fazit aufgeben. Mein Interesse greift da durch, wo ich mir nicht erklären kann, warum ich weiterlese. Der Außerirdische ist nichts als Klischee und Wunschwahn. Der „stark behaarte Mann“, den Ruth kurz nach ihrer sexuellen Erweckung zur Penetration heranzieht, gibt nichts her außer einer gewöhnlichen Gleichgültigkeit gegenüber Ruths Euphorie, das ihm an den Haaren herbeigezogen erscheint. Ruth schwebt weiterhin vor, mit einem tiefen Ausschnitt zu einer höheren Gehaltsklasse aufzuschließen.

„Der (Chef) wird seine Freude an mir haben, der Bastard.“

Das ist alles sehr gestrig. Seinen größten Reiz zieht das antike Programm aus der projizierten Natürlichkeit. Ruth übersieht die Zeitgebundenheit ihrer Performance. Sie hält sich in ihrem Lauf für gesellschaftlich ungebunden. Sie glaubt, dass Leben selbst äußere sich wohlwollend, da sie nun „ganz Frau“ ist.  

Zeigt mir eine, die sich mit Ruth identifiziert.   

Narrative Aufsicht

Erst wenn die Kleider einer Rolle zerfallen ...

So offen wie furios tritt dieser Bigamist auf. Xavier hat die Macht, sein Milieu für sich einzunehmen. Es braucht dazu keine Sympathisant*innen. Eine überwältigende, manche sagen diabolische Kraft, die den Mann förmlich aufkochen lässt, reicht aus, ihm einen Dispens vom nachbarschaftlichen Sittenkodex zu verschaffen. Der Xavier darf, wovon andere nur träumen können. 

Xavier darf, weil er kann. Daran lässt die Autorin keinen Zweifel.  

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Trio Infernal der Üppigkeit

Auf Anhieb fasziniert die Unbefangenheit, mit der Lispector an die Sache herangeht.

„Jede Nacht war eine dran. An manchen Tagen zweimal pro Nacht. Die übrig blieb, sah dabei zu. Sie waren aufeinander nicht eifersüchtig.“

Lispector problematisiert das Standardrollenprogramm nicht. Solange Xaviers Erregung an seine Hausfrauen Carmem und Beatriz gebunden bleibt, goutiert die narrative Aufsicht das Geschehen. Das Trio Infernal liebt es üppig. Man feiert die Opulenz im Bett und bei Tisch. Gigantische Mahlzeiten wirken so erschöpfend wie das Liebesspiel.

Es ist alles im Überfluss vorhanden Sex, Nahrung ... und doch reicht es Xavier nicht, zwischen seinen ihn liebenden, ja anbetenden Hausfrauen Carmem und Beatriz zu wählen. Vielmehr nutzt er ferner die Gunst einer Sexarbeiterin, deren verdecktes Engagement sich toxisch auswirkt. Das Gift sickert in die Vertrauensblase. 

Xaviers Frauen machen sich gegenseitig zu Zeuginnen einer Liebe ohne Eifersucht. Sie kochen wie im „Großen Fressen“ für ihren „heißblütig-wüsten“ Mann.

Carmem und Beatriz bedienen sich gegenseitig.

Carmem steht auf „und bereitet ein Frühstück … mit löffelweise dicker Sahne, und (bringt) es Beatriz und Xavier ans Bett“. Dann gesellt sich zu den Verwöhnten und gemeinsam bleibt man bis um drei Uhr nachmittags in der Kiste. Die Zubereitung eines späten Mittagessens übernimmt Beatriz kollegial wie stets im Rahmen einer effektiven Liebesgenossenschaft. Zwei mit Maniokmehl, Rosinen und Mandeln gefüllte Hühner kommen auf den Tisch, „alles saftig und schmackhaft“. Die Frauen teilen sich ein Huhn. Mehr muss man doch gar nicht wissen. Carmem und Beatriz wünschen sich Xavier als tumben Prachtgockel auf dem Hof ihrer Bedürfnisse.

Vögeln, fressen, beten … Zum schönen Ausklang gehen die drei in eine Kirche. Lispector vergleicht die Performance mit Ravels Bolero.

Das Leben liebt sie; es scheint einen Narren gefressen zu haben an den drei. Xavier arbeitet sich einen Wolf, um den Laden am Laufen zu halten. Seine Frauen kaufen „Nachthemden, die voller Sex (sind)“. Sie unterhalten sich tatsächlich auch noch nach Jahren des Beisammenseins. Abends köpfen sie Sektflaschen und erzählen sich was.

Erweiterter Intimitätsbegriff

Macht euch klar, was das für Überschüsse voraussetzt; dieses anhaltende Interesse aneinander. Die Rede ist von einem erweiterten Intimitätsbegriff. Entscheidend ist, dass Xaviers Frauen ihrem gemeinsamen Ehebegriff keinen weiteren Rahmen geben als konventionelle Paare.

Ein Vertrag kommt zustande durch Angebot und Annahme

Unsere Aufmerksamkeit verdienen die Paragraphen einer vertraglichen Vereinbarung unter Erwachsenen, die eben etwas anderes vorsieht als das, was die zweiköpfige Zugewinngemeinschaft bourgeoiser Provenienz fokussiert.

Diese überbordende Ordnung wird nun gestört. An dieser Stelle endet die Vorgeschichte. Da der Leser mehr weiß als Xaviers Frauen, ergibt sich in dem Augenblick ein Informationsgleichstand, als „Xavier mit Lippenstift am Hemd von der Arbeit kommt“.

Die Autorin schildert Carmem und Beatriz als Frauen, die sich gegenseitig nicht betrügen können. Betrug setzt eine dritte Person in den Trio-Interaktionen voraus.

Xaviers „Lieblingsnutte“ erfüllt die schlichteste Funktion, mit der sich die Konfliktkonstellationskoordinaten ändern lassen. Nach dem ersten Ausbruch gestattet Beatriz wie eine Streikbrecherin dem Untreuen den Beischlaf.
„Beatriz (überlässt) sich weich und müde (morgens um drei) den Wünschen des Mannes, er hatte etwas Übermenschliches.“

Göttliche Infusion

Lispector erzählt von Frauen, die aus der Banalität eines unerfüllten Lebens herauswollen, ob als Gattinnen von Bigamisten, als Geliebte von Außerirdischen oder als von Gott Geschwängerte. Im Gegenlicht der Extravaganzen tauchen schemenhaft schroff Dolomiten der vernebelten Unmöglichkeiten auf. Sie erfüllen ihre Barrierefunktionen im Kontext einer patriarchalen Niederhaltungstechnologie. Die Protagonistinnen weichen ins Geträumte aus. Sie inszenieren sich in Imaginationen, triften ab und träumen weiter. 

Ihre Träume füllen leere Räume. 

Sie bleibt unberührt in ihrer Ehe, in gegenseitigem Einvernehmen. Maria das Dores lobt ihren Mann Josef, da er vor Zurückhaltung strotzt. Ob er zudem Auswege in der Bequemlichkeit sucht? Ich lese Josef als Repräsentanten des guten Lebens. In „Kreuzweg“ erscheint er als lakonischer Empfänger phantastischer Nachrichten. 

Vor dem skizzierten Hintergrund rechnet sich Marias Schwangerschaft von selbst zu den Wundern. Maria fühlt sich von Gott berührt. Es ist an ihr, „der Welt einen neuen Messias zu schenken“. Er soll Jesus heißen, wie sein Vorgänger, ohne jenem indes auf dem Passionsweg folgen zu müssen. 

Die Fragen aller Fragen lautet: Wie erspare ich meinem Sohn den Kreuzweg? 

Der Erzähleinfall entbehrt vieles und erlaubt wenig. Alles läuft auf Ironie hinaus und weist auf Hysterie hin. 

In Lispectors Erzählkosmos taucht die Figur eines spekulativ ins Spiel gebrachten Bettgenossen an einigen Stellen auf. Einsame Frauen erhalten nächtlichen Besuch, der ihnen die totale Verzückung gestattet. Es ist doch klar, was da abgeht: Maria findet ihren Josef zu banal, um sich in seiner Nicht-Aura als begehrenswert zu erleben. Sie braucht einen Superspreader mit Supersperma … die göttliche Infusion.   

Ihren Jesus bringt sie genregerecht in einem Stall zur Welt.

Da endet der Prosastreifen so wie ein Rasen am Asphalt. Was nicht endet, sind die Variationen außergewöhnlicher Begegnungen, die es Lispectors Heldinnen leicht machen, ihre Erregung zu gestehen.

Narrative Aufsicht

Maria das Dores erkennt sich in anderen Umständen, ohne je im biblischen Sinn erkannt worden zu sein. Dem überraschten Gynäkologen schildert sie den Gatten als geduldig und wenig kräftig.   

Der Arzt spekuliert ins Blaue:

„Womöglich haben Sie mal nachts.“

Maria zeigt sich empört.

„Nein. Nie im Leben.“

Das verheißt mehr als die schiere Indolenz eines mit seinen Couchvergnügungen restlos zufriedenen Josefs. Man kann sich ein Hausmädchen leisten. Das gute Leben verlangt Gleichmaß. Im Slow Motionswing sedierter Seelen ist vieles möglich. Ich rede von parfaitgenialen Synchronisationen, und dabei gönnt sich jeder sein eigenes Fernsehprogramm.

Aus der Ankündigung

»Endlich wird eine der geheimnisvollsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts in all ihren schillernden Facetten wiederentdeckt.« Orhan Pamuk

Idalina sucht einen Weg zwischen Vernunft und Leidenschaft, Luísa ringt um innere Stärke und Tuda um ein Leben ohne Therapeuten. In Kurzprosa von beispielloser Originalität lotet Clarice Lispector die Paradoxien des Daseins und die Grenzen des Sagbaren aus: Wahnsinn wird zu Weisheit, Angst zu Mut, wenn sie das Innerste ihrer nur auf den ersten Blick alltäglichen Figuren – meist Frauen – nach außen kehrt. Poetisch und tiefgründig, gleichen ihre Erzählungen flirrenden Träume von einer geheimnisvollen Welt… International als einer der Höhepunkte brasilianischer Literatur bekannt, ist Lispectors Kurzprosa im deutschsprachigen Raum noch zu entdecken. Der vorliegende Band mit vierzig teils erstmals ins Deutsche übertragenen Geschichten verspricht eine aufregende Begegnung mit der suggestiven Kraft ihrer Sprachkunst.

»Eine wirklich außergewöhnliche Schriftstellerin.« Jonathan Franzen

Aus der Ankündigung: Platz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen (»Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«) begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser. Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.