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13.03.2021, Jamal Tuschick

Von Elena Messner

In der literarischen Arena globaler Reibungen - Richard Schuberths politischer Roman „Bus nach Bingöl“

Ein im österreichischen Exil lebender Kurde, ursprünglich aus dem ostanatolischen Berggebiet stammend, einstiger Arbeiter und Aktivist, der in seiner Jugend im politischen Widerstand war, gefoltert und eingesperrt wurde und nunmehr Politologe und Sozialarbeiter in Wien ist, kehrt nach Jahrzehnten des Exils in sein Heimatdorf in die kurdische Provinz Dersim in Ostanatolien zurück. Das ist die konfliktgeladene Ausgangssituation, in der wir die Hauptfigur Ahmet Arslan in Richard Schuberths prallem Roman kennenlernen, der sich uns als ein metareflexives Monster präsentiert, in dem politische, soziale, kulturelle und psychologische Identitäts- und Erzählmuster auseinandergenommen werden, um – denn nichts anderes ist Narration – neue zu produzieren.

Richard Schuberth, Bus nach Bingöl, Roman, Drava 2020, 280 Seiten, 21 Euro

Ahmet also. Ein kurdischer Österreicher, ein türkischer Kurde, ein kurdischer Türkisch-Österreicher? Ein Mann jedenfalls, der Lebensbilanz ziehen will und glaubt, dafür in die eigene Kindheit, zu Bruder und Mutter, zurückkehren zu müssen. Oder vielmehr – zurückkehren zu können. Schuberth stellt eine Hauptfigur ins Zentrum der Handlung, die von den Widersprüchen ihrer unfreiwillig transkulturellen und ökonomisch harten Lebensrealität, von Selbstzweifeln und zerstörten Hoffnungen geprägt ist. Kein Zufall, dass diese Figur ein Mensch ist, dessen Lebensbilanz eine politische – und äußerst ambivalente – sein wird.

Aber zunächst stehen die Reise und Suche nach der verlorenen Heimat und Familie im Vordergrund. Ein großer Teil des Romans spielt in dem titelgebenden Bus nach Bingöl, was erzähltechnisch Vorteile bringt. Im Inneren dieses Busses herrscht scheinbare Ruhe, das Gefährt ist zugleich in ständiger Bewegung, womit zwei Begriffe benannt wären, die als Grundstruktur des Textes gelten mögen: einerseits wilde Bewegtheit, die ein (Reise-)Abenteuer ermöglicht, und andererseits Stillstand, der Begegnung und Reflexion erlaubt. Das für einen Familienroman und jede gute Road Novel genretypischen Rückkehrermotiv eröffnet somit – rumpelnd und konfliktreich – die Inszenierung der kaum gelingend wollenden Heimkehr nicht nur zur, sondern vielmehr in die Familie.

Darüber hinaus liegt mit „Bus nach Bingöl“ aber vor allem ein politischer Roman vor, der eine Vielfalt von Themen bündelt. Darunter auch eines, das man getrost als Desiderat in der österreichischen Gegenwartsliteratur bezeichnen kann: die politischen und kulturellen Erfahrungen von Kurden und Kurdinnen in der Türkei, im Kontrast zu jenen in Österreich. Die Darstellung des Wiener Umfelds der Hauptfigur lässt sich als eine Hommage an – fast vergessene – politische Bewegungen in Österreich lesen, wobei das Buch als kritischer inter- bzw. transkultureller Roman über die Migrationserfahrungen dieser politischen Gruppe funktioniert: Ahmet schlägt sich nach seiner Flucht aus der Türkei in Wien durch, studiert, und verkehrt in einer liberalen Multikulti-Szene – anderswo ist für ihn wohl auch kein Platz im rassistischen Österreich der 1990er Jahre.  So wird er eine Projektionsfläche für Exotisierung, aber auch für romantische politische Hoffnung der Linksliberalen. „Er war sich des Widerspruchs schmerzlich bewusst, dass er sich zwar geistreich darüber ärgerte, permanent von den solidarischen Bleichgesichtern auf seinen Stamm reduziert zu werden, aber dennoch nicht darauf verzichten konnte, weil ihm diese Rolle so viele Vorteile und kleine soziale Erfolge brachte ...“

Gleichzeitig projiziert Ahmet Arslan selbst politische Hoffnungen auf einen utopischen Ort und romantisiert seine Jugend. Insgesamt gilt: Die sich besonders global gebenden Schuberth’schen Figuren werden schonungslos als provinziell enttarnt. Und zugleich ist die vielfach inszenierte Provinzialität in dem Roman eben gerade – global. So eröffnen etwa die satirische Darstellung eines Bruderzwists und dessen Folgen, die in bester Western-Tradition in einen Showdown am Ende des Romans münden, brisante Themen wie Spionage, Geheimdienste und die Unmöglichkeit der Aufarbeitung politischer Verbrechen in einem System, das selbst in einer Kontinuität mit den verbrecherischen Systemen steht, die es aufzuarbeiten vorgibt. Auch dies ein Phänomen, das als global und universal, aber zugleich als zutiefst provinziell-lokal angesehen werden kann.

„Bus nach Bingöl“ ist jedenfalls ein Buch, das nicht nur Transterritorialität zu erzählen wagt, sondern Aterritorialität imaginiert – und zwar nicht nur über die Darstellung einer zerrissenen Biografie und Psychologie der Hauptfigur, sondern auch in Form der zahlreichen Bewegungslinien und Stopps des Busses, die ins wortwörtliche Nichts führen werden – also: in den mystischen Kern der Projektion der Hauptfigur, in Ahmets Herkunfts-Imaginarium. Der Roman hätte mit Fug und Recht eine Kategorisierung als „postkolonial“ verdient, und zwar im Sinne jenes „postcolonial global“, das Geeta Kapur – nicht die Bollywood-Choreografin, sondern die Kunstkritikerin – als „radical critical art“ bezeichnet.

Während nämlich andere Texte sich gerne in modische Sujetlosigkeit zurückziehen oder eine behauptete, aber nur scheinbare Distanz gegenüber den verhandelten Themen vorgeben, liefert dieser Roman eine gänzlich andere, eben radikalere Art des Schreibens. Hier wird scharf und faktentreu hingeschaut, die zahlreichen Reflexionspassagen gleichen einem positionierenden und gegenpositionierenden Zersägen, einem kompromisslosen, erzählerischen Aufreißen von Wunden. Und zwar auf Handlungs- bzw. Figuren-Ebene ebenso wie hinsichtlich der berstenden Struktur und Stilistik des Romans. Da gibt es Stellen, die man atmosphärisch als grausamen Realismus beschreiben könnte, und dann solche, die wie Inszenierungen märchenhaft wirkender Stoffe wirken; mythisch-poetische Träume treffen auf grotesken Humor, dokumentarisch-essayistische Berichte auf Naturbeschreibungen, und diese wiederum auf selbstreflexive Positionsbestimmungen der Figuren. Aktionspassagen von schonungsloser Konkretheit und aufdeckerischer Direktheit werden durch die figurale Multiperspektivität und stark gesetzte Kontraste flankiert. Auch die Explizität der Gewaltszenen zeugt von der Dringlichkeit des im Roman verhandelten: Unterdrückung, Folter, Rebellion, Flucht, Geheimdiensttätigkeit werden auf eine für die österreichische Literatur ungewöhnliche plastische Art dargestellt. Dabei dient etwa der häufige Einsatz des Grotesken nie der Belustigung, sondern immer der Herstellung von Ambivalenz, genau wie die scharfen Kontraste und die Drastik nicht dem Schockeffekt dienen, sondern der Tiefengrundierung der Figuren und ihrem Handeln, der Verräumlichung und Verzeitlichung des Dargestellten.

Brisant wirkt auch, wie soziale Hierarchien und politische Gegnerschaft als komische Kontraste aufeinander knallen. Panorama wäre sicherlich der falsche Begriff, um dieses miteinander interagierende Figurenpersonal zu analysieren, eine Arena ist es, die hier abgebildet wird. Es gibt keine überblickende, autoritäre Blickrichtung, sondern ein Kreisen von Ideen, einen Sprech-Wettkampf. Erzählungen und Gegenerzählungen stehen nebeneinander, und verlieren sich nicht in Selbstbezüglichkeit, sondern suchen den Bezug zu Anderen – und sei es auch als ständige dialektische Negation der von anderen erzählten Geschichten.

Das ließe sich als die tatsächliche Inszenierung eines „Clash of Civilization“ bezeichnen – aber keineswegs in jenem rassistischen Sinne eines Kulturkampfes, wie ihn Huntigton gemeint hatte, sondern als ein Aufeinanderprallen der „civilisations“ im französischen Sinne, von miteinander konfrontierten Ideengeschichten. Denn hier wird tatsächlich Politik literarisiert. Hier brechen reales Erlebnis und soziale Analyse in die literarische Wirklichkeit ein, oder umgekehrt: die Literatur bricht aus ihrem Korsett der Künstlichkeit und Selbstreferenzialität aus. So entsteht künstlerische und politische Reibung zugleich. Das macht diesen Roman zu einem so spannenden Produkt seiner Zeit. Und zu einem großen Vergnügen.

Elena Messner ist eine slowenisch-österreichische Schriftstellerin und Kultur- und Literaturwissenschaftlerin. Ihr Roman „Nebelmaschine“ erschien kürzlich in der Edition Atelier.

BUS NACH BINGÖL

Nach Jahrzehnten des Exils kehrt der Politologe und Sozialarbeiter Ahmet Arslan in sein Heimatdorf in die kurdische Provinz Dersim in Ostanatolien zurück, um noch einmal seine Mutter zu sehen. In seiner Jugend war er im politischen Widerstand gewesen, war gefoltert und eingesperrt worden. Im Überlandbus nach Osten berührt sich seine Geschichte mit den Geschichten anderer Passagiere. Einer jungen Frau, die in Istanbul abgetrieben hat, eines Rekruten auf seinem Weg zur „Terrorismusbekämpfung“, einer Geschäftsfrau, einer Neureligiösen mit Drogenvergangenheit und eines deutschen Reiseschriftstellers, der sich das Leben nehmen will. Im Laderaum reist in einem Sarg zwischen Koffern auch eine tote Frau mit, die in ihrem Dorf beerdigt werden soll. Reflexionen, innere Monologe, Rückblicke und Gespräche begleiten diese Busreise im Frühling 2008, als sich das AKP-System noch den Anstrich von Demokratie und post-kemalistischem Aufbruch gab. Zurück im Dorf zerbrechen Ahmet Arslans Gewissheiten nicht nur an der Gegenwart, sondern auch an der – verklärten – Vergangenheit. Der lange schwelende Konflikt mit seinem Bruder eskaliert, eine zerstreute Schar verfolgter PKK-Kämpfer und -Kämpferinnen taucht auf, und doch gelingt die beglückende Reise zurück in die Kindheit, ehe sie ein abruptes Ende findet ...Der Roman schließt mit einer Tiergeschichte, der Erzählung über die Liebe zweier Esel. „Kraft einer Einsicht und Menschenkenntnis, wie sie nur die Literatur kennt, ist Richard Schuberth ein politischer Roman gelungen, in welchem er die historischen und soziologischen Wechselfälle und Transformationen eines ganzen Landes sowohl durch seine Protagonisten als auch ein dramatisches Hintergrundszenario meisterhaft und mit stiller Ironie abbildet.“ Ahmet Tulgar

Zum Autor

Richard Schuberth, geb. 1968 in Ybbs a. d. Donau, Autor von Romanen, Essays, Dramen, Aphorismen, Gedichten, Satiren, Polemiken, wissenschaftlichen Texten und einem Musiklexikon, Ex-DJ, Cartoonist, Regisseur und mitunter „Komponist“ seiner Songmelodien. Zuletzt veröffentlichte er den Roman „Chronik einer fröhlichen Verschwörung“ (2015), das Sachbuch „Bevor die Völker wussten, dass sie welche sind“ (2015) und den Essayband „Karl Kraus – 30 und drei Anstiftungen“ (2016). Bei Drava erschienen: Freitag in Sarajevo (2003), Wie Branka sich nach oben putzte (2012), Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses (2013), Rost und Säure (2014), Frontex – Keiner kommt hier lebend rein (2014) und Unruhe vor dem Sturm (2017). BUCHTITEL: BUS NACH BINGÖL, Autor: Richard Schuberth

Das Buch erschien Ende 2020 im DRAVA VERLAG.PRESSEANFRAGEN/ VERANSTALTUNGEN bitte an Barbara Stang PR: office@stang-pr.de / oder: bs@europa-verlag.com // www.stang-pr.de