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14.03.2021, Jamal Tuschick

Der Horizont einer Differenz

Manche Stammesgesellschaften versetzen ihren Nachwuchs im Rahmen eines Initiationsgeschehens in Angst und Schrecken. Maskierte jagen Kinder mit Lanzen in die totale Panik. Sie erzwingen die Erfahrung, Beute zu sein. Die Torturen stellen den Auftakt umfangreicher Belehrungen dar. Am Ende erhalten die Geschulten ihre Zugangsberechtigung zur Jagdgemeinschaft. Die Familien- und Hausstandgründung erfolgt im nächsten Schritt. Romana und June ... © Jamal Texas Tuschick

Sofort sieht man das ganze Bild. Die Republik in bester Verfassung zeigt sich als Korona ihrer Selbst am Macquarie See. Ein Meer von Khaki und Leinen rauscht auf. Die einheimische Bourgeoisie erinnert sich im Kollektiv, warum sie nicht in der Hauptstadt lebt und was sie da abstößt. Man ist Teil einer ästhetischen Kampagne, die so nonchalant wie ausschließend bestimmte Distinktionsmarken absetzt. Im Trubel separieren sich Romana Carpenter und June Sparrow. Die Reihenfolge ergibt sich aus der Geläufigkeit. Die Verlegerin trifft man hier und da, die Philosophin aber nur zu den festlichsten Gelegenheiten, wenn sie sich wieder einmal für einen international nobilitierten Preis bedanken muss. Nun trägt June Onitsuka Tiger Sneaker. Sie memoriert Meilensteine des Streetwear-Booms, der neue Begriffe für Salonfähigkeit geprägt hat und dies zweifellos nur einen Wimpernschlag lang im Morgentau subkultureller Lässigkeit. June beschreibt Romana den historischen Augenblick, in dem Streetwear als Einwand gegen Kommerzfetischismus funktionierte.

Nur um den Horizont einer Differenz aufzureißen. In dem Katalog zur Hannah Arendt Ausstellung im Deutschen Historischen Museum finde ich diese Stelle besonders schön:

„Zu den „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ (B. Vinken) gehört auch das Pelzcape, Macy’s Little Shop, Mink, New York, 1950er Jahre. Auf der Innenseite des Capes findet sich ein maschinengesticktes Monogramm »H A B« für Hannah Arendt Blücher.“

Würde das Cape die Philosophin heute einem aktivistischen Shitstorm ausliefern?

June erwähnt die Vermarktung von Freiheitsversprechen und -erwartungen. Mir ist noch nicht lange klar, dass die bürgerliche Form viel anspruchsvoller auf Freiheit pocht als jede Straßenfegerin, ob aus Plastik oder Leinen.

Zur „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ gehört zweifellos die Handtasche, die, so weist es June an einem strahlenden Augustnachmittag einfallsreich nach, auch für Frauen ein weiblich konnotiertes, seine Dinglichkeit grandios überschreitendes Objekt ist.

June sagt, Kleider, Handtaschen und Träume liegen im selben Fach des Allerpersönlichsten. Das Offensichtliche verbirgt alles Mögliche, zumal das leicht störbare Verhältnis von Stoffen, Schnitten, Farben, Kombinationen und Lust. Nichts Einordnendes verfängt. Gleichzeitig geht es darum, sich mit Straßendemonstrationen von Power auf die einfachste Weise abzusichern. Eine Designerhandtasche macht den Job. Sie klärt, dass Ambivalenzen im Akutkontext nicht zur Debatte stehen. Der formidable Beutel ist ein Beweismittel.